Hans-Georg Carstens![]() * 17. August 1945 † 28. Januar 2012 |
Im Alter von 66 Jahren ist am 28. Januar unser langjähriger Kollege Professor Dr. Hans-Georg Carstens nach kurzer schwerer Krankheit verstorben.
Hans-Georg Carstens hat nach seinem Abitur 1965 in Essen und dem Grundwehrdienst ab 1967 in Münster Mathematik und Philosophie studiert und 1972 dort mit der Arbeit „Über die Kompliziertheit numerischer Modelle“ bei Prof. Rödding promoviert. Nach seiner Promotion wechselte Hans-Georg Carstens an die TU Hannover, wo er sich 1976 mit Arbeiten zur Komplexitäts- und Graphentheorie habilitierte. In seiner Habilitationsschrift ist es ihm gelungen zu zeigen, dass es keinen primitiv-rekursiven Algorithmus gibt, der abzählbare rekursive planare Graphen mit 4 Farben färbt. Da zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt war, ob das 4-Farbenproblem lösbar ist, stellte diese Arbeit einen großen Fortschritt dar, da sie deutlich machte, dass „die Untersuchungsmethoden für das 4-Farbenproblem für endliche planare Graphen, übertragen auf den unendlichen Fall, sehr kompliziert sein müssen“ (Walter Deuber in einem Gutachten über Carstens).
1977 kam Hans-Georg Carstens dann als Dozent für Mathematik zusammen mit Walter Deuber nach Bielefeld und wurde 1983 zum Professor ernannt. Seine Forschungsgebiete waren weiterhin die Rekursions- und Komplexitätstheorie, die Graphentheorie sowie die Modelltheorie. Ausgehend von seiner Habilitationsschrift beschäftigte er sich schon sehr früh mit der Frage, unter welchen Bedingungen Färbungen von Untergraphen auf den gesamten Graphen fortgesetzt werden können; wobei er die topologischen Eigenschaften der Graphen stark berücksichtigte. Erst Jahre später wurden derartige Fragestellungen prominent aufgegriffen und sie hatten einen prägenden Einfluss auf die topologische Graphentheorie. Hans-Georg Carstens hatte einen von der mathematischen Logik geprägten Zugang zur Graphentheorie. Die Universalität der von ihm studierten und entwickelten Methoden spiegelt sich z.B. auch in den in jüngster Zeit erzielten Ergebnissen zu „online-Algorithmen“ zur Färbung von Graphen und zur „Spiel-chromatischen Zahl“ von Graphen wider.
Neben seinen wissenschaftlichen Leistungen hat Hans-Georg Carstens die Entwicklung der Fakultät für Mathematik und zeitweise auch der Universität in besonderer und maßgeblicher Weise beeinflusst. Die Liste der Verdienste ist dabei so lang, dass an dieser Stelle nur einige Dinge stellvertretend genannt werden können:
Neben zahlreichen Mitgliedschaften in Fakultäts- und Universitätskommissionen war Hans-Georg Carstens drei Mal Prodekan und die letzten vier Jahre vor seiner Pensionierung 2010 Dekan der Fakultät.
Gerade auch die Übernahme des Dekanats zu einer kritischen Zeit macht deutlich, wie wir Hans-Georg Carstens über all die Jahre erlebt haben, nämlich als jemanden, der stets zur Stelle war, wenn sich eine Notlage ergab, und dann stets bereit war, für die Fakultät wichtige, zumeist zudem zeitraubende Aufgaben zu übernehmen. Insbesondere hat er die Erstakkreditierung der Bachelor- und Masterstudiengänge im Bereich Mathematik maßgeblich – wenn nicht nahezu allein – vorangetrieben. Durch sein vorausschauendes Wirken sind der Fakultät für Mathematik viele Fehlentwicklungen und Übertreibungen im Bologna-Prozess erspart geblieben.
Schon vor seinem Dekanat war er mit seiner freundlichen, verbindlichen und ausgleichenden Art stets in der Lage, zwischen verschiedenen Parteien zu vermitteln und Konflikte aus der Welt zu räumen. Wir verdanken ihm eine zukunftsweisende und flexible Ausrichtung der Fakultät in Forschung und Lehre.
Aus der Geschichte der Fakultät ist weiterhin noch an sein außerordentliches Engagement für den ersten Sonderforschungsbereich 343 (=73) ,,Diskrete Strukturen in der Mathematik'' zu erinnern, den er als „Chefredakteur“ für Finanzanträge und Berichte vom Vorantrag bis zum Abschlussbericht 1987 bis 2001 begleitet hat. Er hat sich hier bereits früh als exzellenter Wissenschaftsmanager bewiesen.
Sein herausragendes Wissen in administrativen und juristischen Angelegenheiten und die Tatsache, dass er als eines der Urgesteine der Fakultät so etwas wie das Gedächtnis der Fakultät gewesen ist, haben ihn zu einem außerordentlich geschätzten Ratgeber für alle Fakultätsmitglieder gemacht.
An der Strukturentwicklung der Universität war Hans-Georg Carstens ebenfalls in besonderer Weise beteiligt. So hat er die Etablierung des Nebenfachs Informatik in den frühen Achtzigern vorangetrieben und den Aufbau der Technischen Fakultät Anfang der Neunziger als Mitglied in der Gründungskommission und der Berufungskommission für Praktische Informatik begleitet.
Mit seinen Arbeitsschwerpunkten in der Komplexitätstheorie und Logik wäre es für ihn in den siebziger und achtziger Jahren wohl auch gut möglich gewesen, auf eine Professur in der theoretischen Informatik zu wechseln, doch ist er seiner großen Leidenschaft, der Mathematik, insbesondere der Logik und Graphentheorie treu geblieben.
Diese Leidenschaft hat er mit großem Engagement auch seinen Studierenden weitergegeben. Er war ein außerordentlich beliebter Hochschullehrer, wie die folgenden Zahlen eindrucksvoll dokumentieren: Er betreute ca. 50 Diplomarbeiten und nach Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge bis zu 50 Abschlussarbeiten pro Semester. Bis zuletzt betreute er seine Doktorandinnen und Doktoranden. Etliche seiner Schüler sind heute als Hochschullehrer der Wissenschaft verbunden geblieben.
Auch außerhalb der Universität war Hans-Georg Carstens als engagierter und verantwortungsbewusster Mensch bekannt. Neben seinem kommunalpolitischen Engagement ist hier vor allem sein Wirken in der Deutschen Vereinigung für Mathematische Logik und für Grundlagenforschung der Exakten Wissenschaften (DVMLG) zu nennen, deren Vorstand er von 1986 bis 1992 angehörte und deren Vorsitz er 1990 bis 1992 innehatte.
Die Fakultät und die Universität verlieren mit Hans-Georg Carstens einen leidenschaftlichen Mathematiker, einen herausragenden Lehrer, einen exzellenten Wissenschaftsmanager, eine ausgeglichene und ausgleichende Persönlichkeit, die immer die Sache wichtiger genommen hat als die eigene Person. Wir verlieren mit ihm einen kompetenten und umsichtigen Berater und Helfer in kritischen Situationen, den wir sehr vermissen werden.
Prof. Dr. Michael Röckner, Dekan
Dr. Guido Elsner