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% Universitaet Bielefeld, Fakultaet fuer Mathematik
% Author: Dierk Philipp Fahr   Date: November 2005
% Web: www.philfahr.dd.vu
% Referat FES Seminar Elite in Berlin  11/2005
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\begin{document}
\title{Whitehead \"uber Kultur und Erziehung  \\ Adventures of Ideas, Freiheit IV-VIII (S. 151-175)}
\author{(Philipp Fahr)}
\date{Vortragsskript, 3. Dezember 2005} 
\maketitle

\subsection*{Einleitung}
In den Kapiteln 4-8 (S. 151-175, suhrkamp-Ausgabe) bespricht Whitehead das Thema Freiheit. 
Ich werde vor allem die folgenden drei Aspekte besprechen:

\begin{enumerate}
\item Welche Bedeutung dem Begriff der \emph{Freiheit} im Altertum und im Mittelalter zukam, und was Whithead heute als entscheidend betrachtet in der Gesellschaft.
\item Wird die Professionalisierung des Berufslebens beschrieben (Whitehead führt den Begriff des \emph{qualifizierten Berufes} ein), und es werden besonders Universitäten und ähnliche Institutionen und deren Funktion betrachtet (im Mittelalter, aber auch heute). Und schließlich
\item auf das ich aber gar nicht so intensiv eingehen werde, geht es um wirtschaftliche Abläufe, um Vertragswesen und Privateigentum, was im Leben bekanntlich Freiheiten erheblich einschränken kann. Außerdem zeigt Whitehead auf wie uns die Vergangenheit prägt, und die Natur unsere Freiheit begrenzt.
\end{enumerate}

Allerdings werde ich auf das Referieren der viele geschichtlichen Hintergründe verzichten. Da ich kein Whitehead-Experte bin, kann ich nicht sagen in wie weit verschiedene Punkte Beispiele, Anwendungen oder Illustrationen seiner allgemeinen Prozeßphilosophie sind.
Am Schluß werde ich dann einige persönliche Gedanken zu Freiheit und Kirche, und Freiheit heute in der konsumorientierten Welt sagen.

\subsection*{1. Erster Abschnitt}

Für Whitehead hat vor allem die Entstehung und Entwicklung verschiedener sozialer Institutionen, den Fortschritt der Menschheit sichergestellt. In der Zeit nach dem Altertum wurden oft Institutionen nur mit der Absicht gegründet die Zwecksetzung ganz bestimmter Gruppen zu verkörpern. Diese kümmern sich nicht unbedingt um das Gemeinwesen. Ein Beispiel sind Interessenvertretungen, Lobbyistengruppen und der gleichen. 
Whitehead sagt, daß das Kennzeichen der modernen Zivilisation die Vielzahl von Institutionen ist, deren Ursprung auf das Auftreten einer bestimmten Idee zurückgeht. Und er sagt, daß überall wo Ideen überhaupt wirksam sind, es auch Freiheit gibt. 
Noch bei den alten Griechen gab es Freiheit ausschließlich für Individuen, nicht für Vereinigungen. Das hat sich im Laufe der Zeit geändert. 

Whitehead vergleicht zu Anfang die Tode Sokrates' und den Tod des Apostel Paulus: Beide waren im gewissen Sinne Märtyrer. Wie wir alle wissen mußte Sokrates den Giftbecher schlucken, weil er wegen \emph{Gottlosigkeit und verderblichen Einflusses auf die Jugend} angeklagt wurde. Er hatte schlicht und ergreifend zu viele Fragen gestellt, die Menschen anregten nachzudenken. Und das wird ja auch heute noch oft nicht gern gesehen in der Gesellschaft. 
Paulus hingegen mußte nicht sterben, weil er Ansichten zu Gott und den Menschen vertrat, die einen Kaiser Nero beunruhigen könnten. Viel eher wurde er, 64 n. Chr. unter Nero durch das Schwert in Rom, hingerichtet, weil er auf den Stationen seiner weiten Reise durch das römische Reich organisierte Gruppen zurückließ. Diese Gruppen dienten aber keinem Zwecke des Staates, was damals die kaiserlichen Beamten beunruhigten.

Allerdings hätte man bedenken sollen, daß eine Gruppe von Denkern noch nicht unbedingt eine politische Kraft ist [S.155 Mitte]. Natürlich, in den Jahrhunderten die folgten ist die christliche Kirche, die man im alten Rom noch versuchte auszurotten (vor allem die Judenchristen), erst richtig mächtig geworden.

\subsection*{Zwang und Freiheit}

Whitehead schreibt [S. 156 unten]: \emph{``Die uneingeschränkte Freiheit wäre die völlige Abwesenheit jedes Zwangs zur Koordination.''}
Ohne Zwang kann laut Whitehead die Gesellschaft kaum in Einklang gebracht werden, denn die Mitglieder sind in ihren Emotionen, Zwecksetzungen und Handlungen zu individuell. Er sagt weiter, daß leider schon die unkontrollierte Abweichung einer Minderheit im Verhalten reicht, um eine Gesellschaftsstruktur aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sein Fazit [S.157 oben]:  \emph{``Man kommt nicht um die Tatsache herum, daß immer ein gewisses Maß von Zwang unumgänglich bleibt, und daß Zwang immer eine Einschränkung von Freiheit ist.''}

Damit die Gesellschaft funktioniert, geht es also darum die geeignete Mischung aus Zwang und Freiheit zu finden, wobei für Whitehead ein gewisser Zwang notwendig ist.

Es ist vielleicht so wie mit Menschen an sich: Man braucht bekanntlich im Leben ein gewisses Maß an Unannehmlichkeiten, um flexibel zu bleiben.

Um die geeignete Mischung zu finden, braucht es Institutionen mit klugen Köpfen, d.h. ausgebildete Mitarbeiter, die durch eine fundierte Ausbildung qualifiziert sind. Whitehead führt den Begriff des \emph{qualifizierten Berufes} ein. Das soll einen Beruf bezeichnen, in dem die Betätigung einer theoretischen Analyse und Zwecksetzung unterworfen ist, und durch die Resultate dieser Analyse die Betätigung modifiziert wird. Die praktische Ausübung des Berufs und die theoretische Durchdringen lassen sich nicht trennen, denn der Zweck kann ja nur ein realisierbarer sein in der Praxis. Allgemeiner Zweck des Arztbesuches z.B. ist das Heilen von Krankheiten, aber es gibt oft viele verschiedene Art und Weisen, wie das zu bewerkstelligen ist.
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Für Whitehead ist das Gegenteil eines qualifizierten Berufes das \textbf{Handwerk}. Sprich eine Betätigung, die auf Brauchtum beruht, und dessen Ausübung nur modifiziert wird nach dem Trial \& Error-Prinzip. Das Handwerk war natürlich die beherrschende Profession antiker Zivilisationen, und in der damaligen Gesellschaft ging es um die Koordination von Handwerksgruppen. Das Leben heute gruppiert sich allerdings vor allem um fachlich qualifizierte Berufe. Natürlich, die Grenzen verlaufen auch hier manchmal fließend. Und um wohl nicht arrogant zu wirken schreibt Whitehead auf S. 159 Mitte: \emph{``Es stimmt auch nicht, daß jemand umso höher einzustufen wäre, je größer der Anteil der abstrakten Geistesarbeit an seinen Tätigkeiten ist. Im Gegenteil, es sieht ganz so aus, als ob ein kräftiger Schuß von Handwerkertum die besseren Köpfe hervorbrächte.''}

Und das ist dann schon für Whithead typisch, denn ich glaube er selber wollte so leben: Mit beiden Füßen wohl auf dem Boden geerdet bleiben, und dennoch im höchsten Maße der abstrakten Gedankenwelt frönen.
\newline 

Zurück zu sozialen Institutionen und Berufsorganisationen: Es sind nämlich nun diese selbständigen Organisationen, die Freiheiten und Kontrollrechte für sich beanspruchen. Heutzutage gibt es eine Vielzahl von Institutionen, die Handlungsvollmachten haben, ohne dem Staat unmittelbar Rechenschaft zu schulden. Das war z.B. im alten Ägypten noch anders, wo nur der Pharao alleine entschied. Ein Vorteil der heutigen Vielfalt ist, daß ein System der Checks \&Balances besteht zwischen ihnen.
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Im Altertum gabe es kaum solche Institutionen. Aber schon im Mittelalter waren autonome Organisationen in Form von Zünften besonders ausgeprägt. 
Was bedeutete damals \emph{Freiheit}? Damals waren große teile der Bevölkerung Skalven oder Leibeigene, sprich Eigentum der herrschenden Oberschicht. Freiheit bedeutete Unabhängigekit von einem Herren. Aber eben auch die Konzession an eine bestimmte Gruppe, sich innerhalb eines bestimmten Betätigungsbereichs selbständig zu organisieren.

Die größte sogenannte ``Freiheit'' war natürlich die katholische Kirche, die während des Mittelalters unangefochten herrschte. Sie machte selbst dem Staat (der damals noch sehr schwach war) Konkurrenz, weil sie auch über die Grenzen hinweg herrschte, als quasi universelle Freiheit. Man konnte sie also nicht mehr mit anderen Gruppen, Zünften oder auch Universitäten als Organisation vergleichen, da sie zu groß war. Dazu muß natürlich gesagt werden, daß wer in einen katholischen Orden eintritt ein Gelöbnis auf Armut, Keuschheit und Gehorsamkeit ablegt -- so ziemlich das Gegenteil von Freiheit, wie wir es heute verstehen würden. Dazu mehr am Ende.


\subsection*{2. Zweiter Abschnitt - Universitäten}

Wenn wir hier von Universitäten sprechen, muß man natürlich ein Wort dazu sagen, was Whitehead in Cambridge selber erlebt hat. Diese Universität wurde im Jahr 1209 durch einen Auszug von Dozenten und Studenten aus Oxford gegründet. Die Lehrgemeinschaft in Oxford war damals zerstritten, aber vor allem auch die Einwohner Oxfords und Mitglieder der Universität, so daß es immer wieder zu Lynchmorden kam.

Cambridge, wie auch Oxford, ist aber keine Universität im klassischen Sinne, sondern besteht aus verschiedenen kleinen Gruppierungen, den Colleges (in Cambridge sind es 31, in Oxford noch mehr). Das sind autonome Organisationen und Institutionen, die sich mal mehr, mal weniger untereinander koordinieren. 
Jedes College hat z.B. seine eigene Kapelle mit eigenem Seelsorger und Chor.
In Cambridge wurde das erste College, Peterhouse, 1284 gegründet, und von der Struktur und der Verwaltung der Uni hat sich seit dem Mittelalter nicht wirklich was verändert. Auch heute verwalten sich die Colleges alle selbst, und von außen kann nicht viel reingeredet werden. Man ist primär Mitglied eines Colleges, und dadurch Mitglied der Universität. Wie wenig die Struktur der Universität beiträgt zeigt, wer der Kanzler der Universität ist, nämlich Prinz Philip. Der kommt einmal im Jahr vorbei, um nach dem rechten zu schauen, und gibt nur hier und da mal eine Leitlinie vor.
Natürlich wird heute betont, daß der Erhalt des College-Systems absolut notwendig sei, um den Konkurrenzgedanken, in jeglicher Hinsicht zu bewahren: Man konkurriert innerhalb von Cambridge mit internen Rankings gegen die anderen Colleges, dann innerhalb Englands mit Rankings, um die besten und reichsten Köpfen des Landes, und dann gibt es noch die spezielle Konkurrenz zu Oxford mit dem jährlichen Höhepunkt des ``Boat Races'', einem auf der Themse seit 1829 ausgetragenem Ruder-Achterrennen der beiden Universitätsmannschaften. 
Übrigens wurden Frauen erst 1980 an Colleges zugelassen.
Mag sein, daß all das auch ein weiterer Grund für Whitehead war, gen London zu flüchten. Auslöser waren da aber vor allem die Unstimmigkeiten unter den Professoren am Trinity College, und vielleicht der Einfluß seiner Londoner Frau.
Daß Cambridge aber ein Ort von ungerecht verteilten Privilegien ist, damals wohl noch mehr als heute, war Whitehead sicher auch klar. Es ist zwar dort heute nicht so schlimm, wie etwa in Russland, wo man für das Diplom einfach nur genug Geld dem chronisch unterbezahlten Professoren hinlegen muß. Aber z.B. wurde erst kürzlich in Cambridge ernsthaft diskutiert, ob Kinder von Lehrpersonal automatisch ein Recht auf einen Platz an einem College haben, wie es etwa für Absolventen des Elite-Internats Eaton am King's College in Cambridge garantiert ist. 
Privilegien sind mit Chancengleichheit nie vereinbar. Whitehead wollte mehr dazu beitragen, daß die Grenze zwischen priviligierter Elite und der Arbeiterklasse verschwindet, und zwar durch Ausbildung. Auch das bleibt ein frommer Wunsch.
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Whitehead bemerkt, daß die wissenschaftlichen Institutionen der Form nach zwar nationalstaatlich gebunden sind, aber erkennt schon in diesem Buch des Jahres 1933, daß das reale Problem in dieser Welt ist, das sie auf eine brüderliche Gemeinsamkeit angewiesen sind, da es bereits zu einer uneingeschränkten Ausbreitung der Ideen und der internationalen Verteilung des Eigentums gekommen ist. Er kritisiert heftig die Lehre vom souveränen Staat, die immer schon dafür mißbraucht wurde, Zölle \& Steuern zu erheben und die Kassen der Händler zu füllen. Unter diesem Gesichtspunkt ist es interessant, wie gerade heutzutage wieder, vor allem in den letzten Jahren, die Nationalstaaten auf ihr Souverän pochen. Selbst innerhalb Europas gibt es da eine Entwicklung, die in der gescheiterten EU-Verfassung seinen ersten traurigen Höhepunkt gefunden hat. 

Jedenfalls unterstreicht Whitehead, daß die Wissenschaft universal sei, und vor allem deswegen auch im 18. und 19. Jahrhundert triumphieren konnte. Wissenschaftliche Institutionen bildeten immer schon informell so etwas wie ein übernationales Bündnis. Im übrigen merkt Whitehead an, daß damals wissenschaftlichen Theorien oft völlig falsch waren. In einem Beispiel macht er sich ein wenig über die ärztliche Betreuung am Sterbebett von Karl II. von England lustig, der mit unsinnigen und nutzlosen Heilmethoden nur so gequält wurde, obwohl es schon früher bessere Medizinische Techniken in der Geschichte der Menschheit gab.
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Für Whitehead besteht vielleicht eine der wichtigsten Funktionen von Universitäten darin, Maßstäben von Kompetenzen und professioneller Praxis zu setzen. Wobei nicht einfach Meinungen zensiert werden, sondern Wissen \& Fähigkeiten beurteilt werden. So erhält die Gesellschaft objektive Information über das Gewicht einer bestimmten Person, die dann - je nachdem wie qualifiziert sie ist - einen Bereich der \emph{Handlungsfreiheit} erhält. Alles Getane kann dann fachlich überprüft werden, und das Individuum hat eine Freiheit unabhängig von der Organisation. 
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Die Aufgabe des Staates ist, die Tätigkeiten verschiedener Institutionen zu beurteilen: 
\begin{enumerate}
\item ob sie neue Talente in einem hinreichenden Maße fördert, und 
\item ob ihr Niveau dem vergleichbarer Institutionen in anderen Ländern entspricht. 
\end{enumerate}
Innerhalb der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplinen jedoch, ist die Autorität des Staates stark begrenzt. Die Macht des Staates ist für Whitehead aber von entscheidender Bedeutung, denn ohne die Anwesenheit von Macht gäbe es keine Zivilisation.
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Whitehead betrachtet schließlich noch den Lehrberuf. Er schreibt auf S. 165 Mitte, daß man Jugendliche Schüler und Studenten nicht einfach irgendwelchen willkürlichen Meinungen ihrer Lehrer ausliefern kann, und bezeichnet die Freiheit der Lehre in diesem Sinne als Unfug. Die Kompetenz eines Lehrers kann nur von dem Urteil des Sachkenners abhängen. 

Wenn man sich allerdings - gerade heutzutage - vor allem auch in Deutschland die Lehrerausbildung anschaut, und was dabei am Ende rauskommt, muß man große Zweifel haben, ob das in der Praxis derzeit gut läuft\ldots Es scheint viel eher so, daß die schwächeren Studenten der einzelnen Disziplinen die zukünftigen Lehrer werden, die sich dann um die Ausbildung des Nachwuchses an den Schulen kümmern.

Ich persönlich meine, daß Whitehead eher davon überzeugt war, daß vor allem die leistungsstarken Köpfe sich um das Unterrichten kümmern sollten. Er selber hat das nach seinem Weggang von Cambridge nach London auch getan. Und vielleicht würde er heute die Meinung vertreten, es bräuchte in der Lehre, vor allem an Schulen, nicht mehr, sondern viel weniger Pädagogik und mehr Inhalt.

\subsection*{3. Letzter Abschnitt}

Im letzten Teil des Abschnittes geht es, vor allem wirtschaftliche Abläufe, um Vertragswesen und Privateigentum. Natürlich muß unterstrichen werden, daß gerade heute die zwischenmenschlichen Beziehungen leider eine immer stärkere ökonomische Komponente haben. Whitehead kritisiert die Begriffe ``Privateigentum'', das zu einer juristischen Fiktion geworden ist, und das Wort ``Person'', daß nicht mehr nur unbedingt ein Individuum bezeichnet, sondern immer häufiger eine fiktive Rechtsperson in Form von Aktiengesellschaft und GmbHs ist. Diese seien logisch unsterblich und können nur durch freiwillige Selbstauflösung oder den Bankrott verschwinden. Und so herrscht eigentlich immer noch der ``Wille des Stärkeren'', trotz vieler juristischer Prozeduren um die Verhältnisse in unserer Gesellschaft zu ordnen.
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Für Whitehead ist bekanntlich der Mensch in seiner Existenz untrennbar mit seiner Umwelt verbunden. Und natürlich beinflußt die menschliche Existenz die Umwelt, und diese Einflüsse werden dann auch in die Zukunft übertragen. Auch gibt es kein Entkommen aus dem Hergebrachten, aus der übernommenen Vergangenheit, die in jedem Ereignis steckt (siehe auch Blockseminar Whitehead, September 2003, Universität Bielefeld). Wichtig dabei ist, daß zwar die Vergangenheit immer da ist, die sich auch nicht umgehen läßt, aber sie kann das gegenwärtige Ereignis nie vollständig bestimmen [S. 168 Mitte]. Das gegenwärtige Ereignis behält immer die Freiheit eigene Akzente zu setzen.

Whitehead überträgt das nun für die moderne Gesellschaft: In jeder vertraglichen Bindung unter Menschen geht das Herkömmliche und Übliche immer mit ein. Und dennoch gibt es in den Verhaltensformen immer einen freien Raum für spontane Übereinkünfte.

\subsection*{Freiheit}

Zum Begriff der \emph{Freiheit} schreibt Whitehead erst einmal, daß das Wort Freiheit durch die Art der literarischen Behandlung ziemlich blaß und inhaltslos geworden ist. Vor allem, weil wir Menschen den Begriff der Freiheit zu sehr verengen würden auf \emph{Gedankenfreiheit}, \emph{Pressefreiheit} oder auf die \emph{Freiheit der Religionsausübung}. Für Whitehead dagegen, geht es viel mehr darum, die Grenzen, denen wir durch die physische Natur unterworfen sind, aufzuzeigen. Er nennt es auf S. 172 Mitte, das \emph{Gefängnis, in dem die Menschen leiden.} Dazu gehören: Geburt, Tod, Hitze und Kälte, Hunger, Trennung und Krankheit. All das würde die Seele bedrücken. 

Erstaunlich ist, daß Whitehead überhaupt nicht explizit auf Grenzen wie Anlage, materielle und soziale Umwelt, aber auch sittliche Verpflichtungen gegenüber Familie und Gemeinschaft eingeht, die die Freheit ebenso stark begrenzen. Vielleicht aber auch deswegen, weil diese Bindungen überhaupt erst die Möglichkeit echter Selbstbestimmung schaffen.

Für ihn besteht das \emph{Wesen der Freiheit in der Realisierbarkeit unserer Zwecksetzungen.} [S. 172 Mitte]. Und er benennt die Handlungsfreiheit als primäres menschliches Bedürfnis. 
Aber die Handlungsfreiheit ist durch Zwänge und Koordination begrenzt.

Er beschreibt auch, wie wichtig es sei, daß die fundamentalen Bedürfnisse der Menschen befriedigt sind (also z.B. kein Hunger mehr Leiden zu müssen, keine Angst vor Überfällen zu haben, etc\ldots), denn sonst würden Ängste das Denken beherrschen. In späteren Kapiteln unterstreicht er noch einmal, den Zwang der Natur, daß wir eben Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf bräuchten.
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Worum geht es Whitehead nun in modernen Staaten mit ihren verschiedensten Charaktertypen? Freiheit bedeutet hier vor allem, daß jeder die Möglichkeit hat seine Zielsetzung im Leben so zu koordinieren, daß sie mit den allgemeinen Zwecken des Gemeinwesens nicht in Konflikt geraten. Für Whitehead besteht einer dieser allgemein Zwecke darin, daß jede dieser unterschiedlich koordinierten Gruppen einen Beitrag zum komplexen Muster des Gemeinschaftslebens leisten sollte.
Die Freiheit des einen hört da bekanntlich auf wo die des anderen beginnt. Das will koordiniert werden. 

Auch hier schreibt er in späteren Abschnitten, wie wichtig es ist, daß die Personen eine Kommunikationsweise pflegen, die von vernünftigen Überreden, sprich Überzeugen, geprägt ist, so wie man es idealerweise an Universitäten zwischen Gelehrten vorfinden sollte. Daß die Welt auch heute nicht so ist, zeigt wie naiv dieser Wunsch Whiteheads ist. Die Kommunikation heute ist leider immer seltener voller Freude am Neuen, voller Neugier, und Erwartung, oft degeneriert zu minimalem Informationsaustausch.

Es wurde schon betont, daß ohne die Anwesenheit von Macht es keine Zivilisation gäbe, und hier würde Whitehead argumentieren, daß Macht durch Überzeugung überflüssig werden sollte.
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Zum Schluß meines Teils schreibt Whitehead, daß sich Freiheit und Zwang ver\-söhn\-lich gegenüber stehen können, wenn der Zwang durch Wahrheit entstand, die man durch Einsicht im Leben erkannt hat. Sprich, wenn man nur versteht, dann führt das dazu, daß wir uns freiwillig der Einsicht und deren Zwängen unterstellen. Eine Definition von Freiheit ist bekanntlich auch ``in Ketten tanzen zu können''. 

Aber derjenige ist wirklich frei, für dessen Handlungen die Ursache allein in ihm selbst liegen. Und als einziges Mittel gegen Unfreiheit steht also die Vernunft, die aber auf Illusion und Irrtümer hereinfallen kann, und der freie Wille. Daß der Wille nicht immer frei ist, sondern auch der Illusion unterliegt, frei zu sein, in Wirklichkeit aber nur Ausdruck des Triebes ist, war Whitehead auch bekannt. Marcuse sagt im 'Eindimensionalen Menschen', dass wir uns heute alle frei wähnen wie noch nie, konkret aber so unfrei sind wie noch niemals zuvor. 
Wenn \emph{Freiheit} im Altertum bedeutete in erster Linie \emph{nicht Sklave} zu sein, stellt Marcuse dem heutzutage entgegen: ``Die freie Wahl der Herren schafft die Herren oder die Sklaven nicht ab.'' und kritisiert im damit die moderne Gesellschaft, die dem industriellen Konsumrausch verfallen ist und damit künstliche Bedürfnisse des Menschen zeugte. Man sollte lieber wieder mehr Freude am Leben haben, seinen Trieben mehr freien Lauf geben, aber vermeiden, daß der Mensch selbstzerstörerisch wird, sprich dem Alkohol oder der Depression verfällt. Vom Lebens- und Zerstörertrieb in uns, geht es darum den Zerstörertrieb in Kontrolle zu halten.

\subsection*{Persönliche Meinung}

Für mich bleibt am Ende zu sagen: Mag sein, daß wir uns heute nicht nur frei fühlen, sondern vielleicht auch freier sind, aber wir Menschen sind dann (wie es Goethe schon wußte) gleichzeitig zu dumm um etwas Gescheites damit anzufangen. ('Sägen am Ast auf dem wir sitzen'\ldots)
Der Grundsatz aller christlichen Theologie ist ähnlich:
\begin{enumerate}
\item Gott hat uns Freiheit gegeben,
\item wir benutzen diese Freiheit aber auch um das ``Schlechte'' zu tun, denn wir sind schlecht, oder wenigstens dumm, 
\item können wir aber nicht gescheit sein, denn sonst wären wir ja Götter und keine Menschen. Also bleibt Gott gut.
\end{enumerate}
Wären die Menschen Tiere geblieben, wären sie dumm und gut, und natürlich unfrei. Nun sind sie aber Menschen und frei und schlecht. Sie sind eben aus dem ``Paradies'' rausgeflogen, der bekannte ``Sündenfall''.

Das Ziel des Christentums kann also nur sein, dass der Mensch das Denken und die Freiheit Gott und der Kirche überlässt, dann ist jeder Mensch glücklich und beruhigt, und die Macht der Mächtigen ist nicht in Frage gestellt. Echte Freiheit birgt viele gefahren, aber die Kirche vergisst, dass Dummheit noch viel gefährlicher ist. Das ist wie mit der Bildung: Die mag zwar teuer sein, und mit Studiengebühren immer teurer werden, aber dumm zu bleiben zahlt sich am Ende gewiss am allerwenigsten aus.

Als guter Christ müsste man sich ja eigentlich umbringen, denn das Leben auf Erden ist nur ein Tränental, der Tod die Erlösung auf die man hofft. Ausserdem ist man extrem unfrei gefangen im eigenen Körper, und nur im Himmel ist die Seele und der Geist frei.
\newline

Vielen Menschen macht Freiheit leider Angst, die sich dann wieder im Schoße von Religion retten, und die Geschichte der Menschheit fängt wieder von neuem an, bei den alten Griechen, wo man begann mit Philosophie und Vernunft die Priester und Könige zum Teufel zu jagen.
Da ist mir persönlich die Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit noch am liebsten, und da wir hier in Bielefeld sind, sollte man noch anmerken, dass für Luhmann die individuelle Freiheit sowieso eine Illusion ist.
\end{document} 

