KINDER, TOTAL GLOBAL

Babyspeck und Bonusmeilen

Von Martina Rampas

Sie fliegen, bevor sie laufen können, und teilen ihre Freunde nach Kontinenten ein. Fragt jemand nach ihrer Heimat, sind sie ratlos. "Transnationale Kinder" von Diplomaten, Missionaren oder Geschäftsleuten sind kleine Weltbürger - aber später können sie oft kaum Wurzeln schlagen und dauerhafte Beziehungen knüpfen.

"Moment mal!". Der amerikanische Grenzbeamte sah Anne-Sophie Bolon streng an. "Sie haben einen französischen Pass, der in Indonesien ausgestellt wurde, Sie wurden in Australien geboren und haben ihr US-Visum in Venezuela beantragt. Stimmt das so?". Ihre Erklärung in perfektem amerikanischen Englisch versetzt den Beamten noch mehr in Erstaunen: "Wie lange waren Sie in den USA?". "Ungefähr 18 Minuten", so Boulon, "ich bin zum ersten Mal hier."

Anne-Sophie Boulon hat ihre Kindheit in Australien, Indonesien, Venezuela und Frankreich verbracht - an internationalen, englischsprachigen Schulen. Ein ganz normaler Lebenlauf in einer Gruppe, die weltweit immer mehr Menschen umfasst: transnationale Kinder oder Third Culture Kids (TCK), wie sie in der amerikanischen Forschung genannt werden. Sie haben einen bedeutenden Teil ihrer Kindheit im Ausland verbracht, meist im Schlepptau ihrer Eltern, die für Konzerne oder internationale Organisationen für ein paar Jahre in die Fremde geschickt werden.

Seltsame Seelenverwandtschaft

"Zwischen TCK's gibt es eine Art Seelenverwandschaft, die schwer zu fassen ist", schreibt die Journalistin Boulon in "The International Herald Tribune". "Wenn ich mich mit jemandem auf Anhieb verstehe, erfahre ich hinterher oft, dass diese Person auch im Ausland aufgewachsen ist. Unsere 'dritte Kultur' ist uns näher als die erste Kultur (der Eltern) oder die zweite (des Gastlandes). Dabei ist es erstaunlicherweise egal, ob jemand als Diplomatensohn in Afrika aufgewachsen ist oder als Tochter einer Ingenieursfamilie in Guatemala."

Auf Hello folgt automatisch das Good-bye Tatsächlich prägt so eine internationale Kindheit für das ganze Leben. Meist auf positive Weise, schließlich haben die mehrsprachigen Nomaden in einer globalisierten Welt viele Trümpfe auf ihrer Seite. "Das sind Weltbürger, die andere Kulturen verstehen, akzeptieren und keine Vorurteile haben. Genau das brauchen wir heutzutage am dringendsten", meint Matt Neigh, Direktor von Interaction International, einer Organisation, die sich exklusiv mit transnationalen Kindern wie Erwachsenen befasst. "Sie erleben in 18 Jahren mehr als andere in ihrem ganzen Leben."

Aber nicht bei jedem verläuft das problemlos. Wie Wandervögel treibt es die Rastlosen immer wieder zu neuen Ufern. So hatte die Amerikanerin Peggy, ein ehemaliges Diplomatenkind, binnen 16 Jahren ein rundes Dutzend verschiedener Schulen rund um den Erdball besucht. Auch als Erwachsene ist sie nicht in der Lage, irgendwo Wurzeln zu schlagen oder bei einer Sache zu bleiben. Alle zwei Jahre sagt ihr ein innerer Mechanismus: Die Zeit ist um, ich muss weiter. Dann wechselt sie entweder ihren Job, die Stadt oder den Ehemann. Immer gibt es etwas, das sie stört. Und stets denkt sie: nur noch dieses eine Mal.

Furcht vor festen Bindungen

Beziehungen sind eine andere potentielle Herausforderung für Kosmopolitenkinder, weiß Neigh, der in 47 Ländern TCK-Seminare gegeben hat: "Die erste Regel, die jeder lernt, der international aufwächst, heißt: auf jedes Hello folgt automatisch ein Good-bye. Daher gibt es eine bestimmte Furcht vor Beziehungen. Andererseits entwickeln sie oft besonders intensive Freundschaften."

Priscilla Elsässer kann da nur zustimmen: "Man muss erstmal lernen, dass es sich lohnt, in Beziehungen zu investieren und dass sowas länger halten kann." Die Erzieherin aus Stuttgart ist auf den Philippinen und in Singapur aufgewachsen, bis sie 15 Jahre alt war. Alle vier Jahre verbrachte die Missionarsfamilie ein Jahr in Deutschland. Der Sprung nach Deutschland aus dem Stadtstaat Singapur war wesentlich einfacher als der aus dem Dschungel der Philippinen: "Nach Singapur hatte es immerhin schon die 'Bravo' geschafft. Deshalb wusste ich, was Jugendliche in Deutschland anziehen und welche Filmstars man so kennt."

Kurioserweise ist die Rückkehr in die Heimat oft schwieriger als der Aufbruch in ein Land, das zehn Zeitzonen entfernt liegt. Wenn Wortneuschöpfungen wie "Probierhäschen" für Versuchskaninchen den Gesprächspartner verwirren, hält sich der Heimatschock noch in Grenzen. Anders lag der Fall bei einer Seminarteilnehmerin Neighs, die nach dem High-School-Abschluss nach Deutschland zurückkam und prompt für Irritation in ihrer Heimatstadt sorgte: Bei einem offiziellen Empfang traf sie zum ersten Mal den Bürgermeister und sprach ihn herzlichst mit Du an. Das gepflegte Siezen hatte sie schlicht nicht gelernt.

Überall und nirgends zu Hause

"Es ist normal, ein Fremder in einem fremden Land zu sein", sagt Matt Neigh, "viel schwieriger ist es, ein Fremder in der eigenen Kultur zu sein. Es sieht einem ja niemand an, dass man im Ausland aufgewachsen ist. Man ist ein hidden immigrant, ein unsichtbarer Immigrant."

Priscilla Elsässer möchte andere Missionarskinder beim Eingewöhnen in Deutschland unterstützen und hat deshalb das Netzwerk MK-Care gegründet. Sich in dem Land wieder heimisch zu fühlen, das im Reisepass steht, ist für manche der kosmopolitischen Kinder einfach: Sie fühlen sich überall zuhause. Andere haben das Gefühl, nirgendwo richtig hinzugehören.

Aber eines verbindet sie alle: ein riesiges Reservoir an Geschichten und dramatischen Abenteuern. Elsässer erinnert sich daran, wie sie mit 14 Jahren ihr Testament schrieb: "Wir fuhren in ein Gebiet, in denen es Rebellenaufstände gegeben hatte, und ich war mir sicher, dass wir den nächsten Tag nicht überleben würden." Etwas heiterer ging es bei den häufigen Überschwemmungen zu: "Wir Kinder setzten uns dann in ein Schlauchboot und hangelten uns an der Wäscheleine im Hof hin- und her. Wir hatten einen Riesenspaß."

Auf ihrer Webseite hat die Organisation MK-Care eine hübsche Checkliste, woran man Missionarskinder erkennt - da dürften auch transnationale Kinder von Diplomaten, Geschäftsleuten oder Soldaten nicken.

"Du weißt, dass du ein MK bist, wenn...

1. ...du auf die Frage "Woher kommst du denn?" nicht antworten kannst. 2. ...fast alle Kleider, die du als Kind getragen hast, entweder gebraucht oder gespendet waren. 3. ...du mindestens zwei Sprachen fließend sprichst, aber die Rechtschreibung keiner dieser Sprachen beherrschst. 4. ...du geflogen bist, bevor du laufen konntest. 5. ...du schon längst einen Reisepass, aber keinen Führerschein besitzt. 6. ...du in der Schule gewohnt hast und in den Ferien nach Hause gefahren bist. 7. ...du von "grünen" Weihnachten träumst. 8. ...du dich fragst, ob es sich lohnt, neue Menschen kennen zu lernen, da man sich sowieso nur irgendwann wieder verabschieden muss. 9. ...du erzählst, dass du nach Hause fährst, und von einem Ort redest, an dem du selber noch nie warst - aber deine Familie lebt jetzt dort. 10. ...du über die Sauberkeit der Toiletten auf den deutschen Raststätten nicht aus dem Staunen kommst. 11. ...dich die "ordentlichen" und "geregelten" Staus auf den Autobahnen beeindrucken. 12. ...du es gewohnt bist, Weihnachtspäckchen erst zu Ostern zu bekommen. 13. ...du als Kind von Nutella und Gummibärchen geträumt hast. 14. ...du völlig verunsichert bist, weil du niemals gelernt hast, wen man wann siezt. 15. ...dich überall und nirgendwo zuhause fühlst. 16. ...dein Adressbuch dicker ist als dein Lexikon. 17. ...du Weltmeister im Packen bist. 18. ...du bis zum ersten Schneefall Sandalen trägst. 19. ...du keinen "Uncle Ben's"-Reis isst, weil er nicht klebt. 20. ...du Plastiktüten wäschst und Alufolie faltest, um sie wieder zu gebrauchen. 21. ...du die Zeitzonentabelle neben dem Telefon liegen hast. 22. ...du Chlor schmeckst und an frisches Gemüse denkst."




Die Euro-Kids

Multikulturell, polyglott und flexibe - Juni 2002

Sie sind kleine Österreicher mit griechischer Mutter, Finnen mit schwedischem Familiennamen und deutscher Muttersprache oder ganz einfach deutsche Kinder, die mit ihren Eltern Französisch sprechen. Sie sind Europäer-Kinder in Brüssel und eigentlich die „richtigen" Europäer von morgen: mehrsprachig, multikulturell geprägt und ausgesprochen anpassungsfähig. Aber wo sind sie wirklich zuhause? RENATE KOHL-WACHTER beschreibt, wie sie zwischen den Kulturen leben.

Seit nach den Römischen Verträgen 1957 die ersten europäischen Beamten in Brüssel Posten bezogen haben, gleicht das europäische Biotop einem gigantischen Feldversuch. In der Hauptstadt oder im flämischen Umland leben Zehntausende, die gekommen sind, um für Europa zu arbeiten, nicht um Belgier zu werden - Arbeitsmigranten, nicht Immigranten. Durch Tageszeitung und Fernsehen halten sie sich auf dem Laufenden über ihre Heimat. In die belgische Nachbarschaft sind sie zunächst kaum integriert. Sie haben ihr eigenes Vereinswesen, eigene Schulen, Kirchen, Kneipen, sogar Ärzte. Und die meisten von ihnen haben Kinder, für die eine kulturelle und soziale Mehrgleisigkeit „normal" ist.

Marie-Christine Berger (8) zum Beispiel redet deutsch mit ihrem Vater, der Österreicher ist, schaltet aber um auf Griechisch, wenn sie mit ihrer Mutter spricht. Die Familiensprache ist Englisch - auch Marie-Christines „erste Fremdsprache" an der Europäischen Schule III in Brüssel, wo sie in die deutschsprachige Sektion geht. Für ihren griechisch-orthodoxen Religionsunterricht muss sie Griechisch lesen und schreiben können. Zum Busfahren oder auf dem Pausenhof braucht sie dann noch Französisch. Eine Vielseitigkeit, angesichts derer Bildungspolitiker glänzende Augen bekommen: Die Erziehung zur Mehrsprachigkeit, die in den EU-Mitgliedstaaten auch nach dem Europäischen Jahr der Sprachen 2001 nur holpernd in Gang kommt - für die Europäer-Kinder in Brüssel ist sie Alltag. Vaterland und Muttersprache

Das hat Vor- und Nachteile: Sie wachsen auf mit dem Bewusstsein, dass jeder Mensch fast in jedem Land der Welt Ausländer ist. Was sie dagegen nicht recht kennen, ist die Selbstverständlichkeit, „Inländer" zu sein. „Hier können wir ja alles lesen," staunen sie, wenn sie mit ihren Eltern in deren Heimat fahren. In Brüssel sind sie daran gewöhnt, dass Straßenschilder französische und/oder niederländische Aufschriften tragen. Sie lernen in der Deutschen Schule oder der deutschsprachigen Sektion der Europaschulen die 16 Bundesländer auswendig, von denen sie die meisten nie gesehen haben. Die Brüsseler Gemeinden dagegen, die sie mit dem Schulbus passieren, können sie nicht aufzählen. So werden sie zu Überlebenskünstlern in einem unübersichtlichen Biotop. Aber wo ist ihre „Heimat"?

Pascal Steller (36), Beamter der Europäischen Kommission, weiß das nicht auf Anhieb zu sagen. Er ist bereits Europäer der zweiten Generation, in Deutschland geboren, aber in Varese (Italien) aufgewachsen, wo seine Eltern an der Europaschule unterrichteten. Mit der Mutter, einer Pariserin, sprachen alle französisch. Mit seinem Bruder und dem bayerischen Vater war (hoch-) deutsch die gemeinsame Sprache. „Französisch ist meine Muttersprache, Deutsch meine Vatersprache und Italienisch meine Kindheit," sagt er deshalb.

Als er 14 war, kehrte die Familie nach Deutschland zurück, wo sein Bruder und er bis zum Abitur die Europaschule in Karlsruhe besuchten. Weil er sich in Varese beheimatet fühlte, war der Umzug nach Deutschland für ihn ein Schock. „Aber für Kinder kann jeder Umzug ein Schock sein, auch wenn dabei keine nationale Grenze überschritten wird," relativiert er. Mit der Arbeit für die Kommission kehrte er später in die Welt der Europäer zurück. An Belgien schätzt er, dass das Land zwischen Deutschland und Frankreich gelegen ist. Mit seiner Frau, einer deutschen Ärztin, und den Kindern spricht er zuhause Deutsch, mit der Außenwelt lernen die Kinder überwiegend Französisch sprechen. Nun fällt die Entscheidung nicht ganz leicht, ob die beiden kleinen Mädchen künftig die deutschsprachige oder die frankophone Sektion der Europaschule besuchen sollen. Wie bei ihm selbst halten sich auch bei den Kindern die verschiedenen Einflüsse die Waage und das findet er auch ganz gut so. „Letztlich sind wir wirklich Europäer." "Die Heimat ist zu eng geworden"

Die meisten Diener Europas sind jedoch nicht als kulturelle Grenzgänger aufgewachsen. Wenn sie nach Brüssel kommen, müssen sie in der Regel erstmals alle Phasen der Umgewöhnung an ein Leben im Ausland durchlaufen: Kulturschock, Isolation, allmähliches Überwinden der Sprachbarriere und Heimischwerden in der Fremde. Die Europäer-Kinder sind ihren Eltern bei der Assimilation oft weit voraus.

Daria Kuglitsch (19), Tochter eines österreichischen Diplomaten, kam aus Washington nach Brüssel. „Vor allem Kinder, die häufig umziehen, entwickeln sich zu wahren Anpassungskünstlern“, hat sie festgestellt. Auch sie wirkt selbstsicher und ist in mehreren Sprachen redegewandt. Aber das war nicht immer so. „Wie der Übergang von der Heimat ins Ausland verläuft, hängt auch sehr davon ab, wie man in die neue Schulklasse aufgenommen wird. Vor allem kleidungsmäßig gibt es einen großen Anpassungsdruck. Man hat sich auch über mich lustig gemacht, als ich mit zwölf von Österreich nach Washington zog. Das hat mir wehgetan. Heute finde ich es toll, dass ich anders bin.“ „Anders“ ist sie mittlerweile aber auch in Österreich. „Wenn ich von den Empfängen im Weißen Haus erzähle, bei denen ich meinen Vater begleiten durfte, denken alle, dass ich übergeschnappt bin.“ Zwar fühlt sie sich noch als Österreicherin, aber sie will nach dem bevorstehenden Abitur nicht zurück. „Ich werde meine Heimat immer lieben, aber sie ist für mich zu eng geworden.“ Besonders leicht verläuft für Kinder, die hier geboren werden oder als Kleinkind herkommen, die Integration ins Gastland und ins europäische Umfeld. Zum Beispiel für Philipp Ahrend, der bald neun wird und in die Europäische Schule III in Brüssel geht. Weil seine Eltern als Übersetzer mehrere Fremdsprachen fließend beherrschen, waren seine Voraussetzungen besonders günstig. Französisch lernte er problemlos im Kindergarten, Englisch lernt er seit der ersten Klasse. Die Familie ist im Alltag in Braine l'Alleud gut integriert. Dennoch führen sie ein Leben zwischen den Kulturen und Mentalitäten. Und das manchmal über Jahrzehnte.

FAZ-Korrespondent Michael Stabenow zum Beispiel kam als Kleinkind nach Brüssel, weil sein Vater 1958 zu den ersten Kommissionsbeamten gehörte. Als er 1961 in der Europaschule in Uccle eingeschult wurde, war die heutige Mammut-Einrichtung mit elf Sprachsektionen noch ein überschaubares Biotop mit den Hauptsprachen Französisch und Deutsch. Hier drückten nicht wie heute vorwiegend Kinder europäischer Beamter die Schulbank, sagt Stabenow, sondern viele Kinder „normaler Leute", von Emigranten, Firmenmitarbeitern, Deutschbelgiern und aus gemischten Ehen. Der Vater eines Schulkameraden war Bademeister im „Poseidon“.

Virtuelle Heimat

Dieses bodenständige Umfeld war Stabenows Heimat, bis er nach dem Abitur 1973 nach England ging, dann in Freiburg studierte und dort seine Frau kennen lernte. „Ich bin zwar Deutscher, aber wenn ich nach Deutschland komme, dann ist dort irgendetwas anders. Vor allem die Sprache der jungen Leute wandelt sich so schnell, dass man sich etwas abgehängt fühlt“, so seine Erfahrung. Die Wiedervereinigung hat er nur von hier aus verfolgt. Die Bindungen an Belgien, wo er seit mehr als 20 Jahren wieder lebt, haben sich dagegen weiter verstärkt. Seine Eltern sind im Ruhestand nicht nach Deutschland zurückgezogen. Und seine Kinder gehen in eine flämische Schule in Overijse. Aber obwohl sie in ihrer flämischen Umwelt bestens integriert sind, fühlen sie sich als Deutsche. Auch sie haben sich eine „virtuelle Heimat" geschaffen - zwischen der Nationalität ihrer Eltern und dem Land, in dem sie leben. „Wenn ich versetzt würde, müssten sie mit," sagt Stabenow. „Aber es hat keinen Sinn, sich darüber Gedanken zu machen. Wir sind da zuhause, wo wir leben."

Aber gleich, ob ein Kind auf eine belgische, eine deutsche oder eine europäische Schule geht – die Umwelt zerfällt immer in Teilwirklichkeiten. Und die Euro-Kids bemerken früh, dass sie „anders" sind als die belgischen Nachbarskinder: Sie haben einen anderen Lebensrhythmus, andere Feiertage und Ferientermine. Die Identifikation mit der großen Europäer-Kolonie, für die sie „Normalfälle" sind, hilft ihnen. Aber die besten Freunde wohnen dann eben nicht nebenan, sondern Kilometer entfernt. Die Kommunion findet nicht in der Kirche um die Ecke statt, sondern irgendwo in der Gemeinde der jeweiligen Sprache. Und die Mütter sind Chauffeure zwischen den Welten.

Außerdem ist die Europäer-Kolonie eine instabile Heimat: Sie verändert sich schneller als andere Milieus. Zwar bleiben europäische Beamte über Jahrzehnte in Brüssel. Andere - Lobbyisten, Diplomaten, Journalisten, Mitarbeiter in Länderbüros - ziehen jedoch oft wieder weg. Die Fluktuation ist hoch. Das müssen auch Rückkehrer in die „alte Heimat" feststellen, wenn sie wieder zu Besuch nach Brüssel kommen. Wolfgang Dietz, bis vor zwei Jahren Leiter des Baden-Württemberg-Büros in Brüssel und jetzt Oberbürgermeister in Weil am Rhein, traf dieses Jahr in der Ostermesse der Katholischen Gemeinde deutscher Sprache in Brüssel fast keine alten Bekannten mehr. Die beste Freundin seiner Tochter Melanie (12), die früher die Deutsche Schule in Wezembeek besuchte, war weggezogen. Trotzdem hängt Melanie an Brüssel, sagt sie. Sie vermisst die Großstadt. Und sie versucht, sich vom südbadischen Dialekt nicht anstecken zu lassen. Auch wenn ihre neue Heimat mit dem Wahlspruch wirbt: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch." "Ich werde immer Ausländer sein"

Andere Europäer-Kinder verlassen Brüssel erst nach der Schulzeit, während ihre Eltern hier bleiben. So Irene Nolte (22), die 1997 an der Europäischen Schule in Woluwe Abitur machte und seither in Brighton studiert. Irene ist Deutsche, ohne je in Deutschland gelebt zu haben. Ihr Vater, ein Oberfranke, arbeitet seit 1976 in der Kommission. Ihre Mutter, eine Banater Schwäbin, kam unter abenteuerlichen Umständen aus Rumänien hierher und wurde Belgierin. „Wenn ich mich mit Deutschen unterhalte, benutze ich oft englische oder französische Worte, weil sie mir schneller einfallen. Die Leute finden das seltsam“, erzählt die Politikstudentin. Deshalb freut sie sich, wenn sie Menschen trifft, denen es ebenso geht: „Meine engsten Freunde in Brighton sind eine Belgierin, die in Japan groß geworden ist, ein Engländer-Italiener aus Malta, ein französischer Österreich-Amerikaner und ein Franzose, der den größten Teil seines Lebens in England verbracht hat."

Sie hätte sich gewünscht, dass in der Europa-Schule dem Gastland Belgien mehr Aufmerksamkeit gewidmet würde: „Es sollte viel mehr daran gearbeitet werden, auch die lokale Bevölkerung zu integrieren und nicht nur 'europäische' Kinder zu produzieren," meint sie. Alles in allem sieht sie jedoch die Vorzüge ihrer Europäer-Biographie: „Wir sind Neuzeit-Zigeuner, wie geschaffen für den modernen Arbeitsmarkt. Viele Sprachen zu sprechen, ist ein unendlicher Vorteil im Leben. Das ist mir aber erst richtig aufgefallen, nachdem ich Brüssel verlassen hatte." Jetzt hat Irene, die Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch spricht, ein neues Projekt. Sie will endlich Flämisch lernen. Denn ihr eigentliches Zuhause ist hier in Belgien, sagt sie. Was nicht heißt, dass sie auf Dauer hierher zurückkommt. Sie würde nach dem Studium gerne in Südamerika leben. Und sie weiß: „Egal wo ich in meinem Leben hinziehe, ich werde immer Ausländerin sein."

Marion Schmitz-Reiners