









                            ***** Franz Kafka *****
                           ****** Das Schloß ******
===============================================================================
                          **** Das erste Kapitel ****
Es war spät abends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg
war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der
schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der
Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die
scheinbare Leere empor.
Dann ging er, ein Nachtlager suchen; im Wirtshaus war man noch wach, der Wirt
hatte zwar kein Zimmer zu vermieten, aber er wollte, von dem späten Gast
äußerst überrascht und verwirrt, K. in der Wirtsstube auf einem Strohsack
schlafen lassen. K. war damit einverstanden. Einige Bauern waren noch beim
Bier, aber er wollte sich mit niemandem unterhalten, holte selbst den Strohsack
vom Dachboden und legte sich in der Nähe des Ofens hin. Warm war es, die Bauern
waren still, ein wenig prüfte er sie noch mit den müden Augen, dann schlief er
ein.
Aber kurze Zeit darauf wurde er schon geweckt. Ein junger Mann, städtisch
angezogen, mit schauspielerhaftem Gesicht, die Augen schmal, die Augenbrauen
stark, stand mit dem Wirt neben ihm. Die Bauern waren auch noch da, einige
hatten ihre Sessel herumgedreht, um besser zu sehen und zu hören. Der junge
Mensch entschuldigte sich sehr höflich, K. geweckt zu haben, stellte sich als
Sohn des Schloßkastellans vor und sagte dann: »Dieses Dorf ist Besitz des
Schlosses, wer hier wohnt oder übernachtet, wohnt oder übernachtet
gewissermaßen im Schloß. Niemand darf das ohne gräfliche Erlaubnis. Sie aber
haben eine solche Erlaubnis nicht oder haben sie wenigstens nicht vorgezeigt.«
K. hatte sich halb aufgerichtet, hatte die Haare zurechtgestrichen, blickte die
Leute von unten her an und sagte: »In welches Dorf habe ich mich verirrt? Ist
denn hier ein Schloß?«
»Allerdings«, sagte der junge Mann langsam, während hier und dort einer den
Kopf über K. schüttelte, »das Schloß des Herrn Grafen Westwest.«
»Und man muß die Erlaubnis zum Übernachten haben?« fragte K., als wolle er sich
davon überzeugen, ob er die früheren Mitteilungen nicht vielleicht geträumt
hätte.
»Die Erlaubnis muß man haben«, war die Antwort, und es lag darin ein großer
Spott für K., als der junge Mann mit ausgestrecktem Arm den Wirt und die Gäste
fragte: »Oder muß man etwa die Erlaubnis nicht haben?«
»Dann werde ich mir also die Erlaubnis holen müssen«, sagte K. gähnend und
schob die Decke von sich, als wolle er aufstehen.
»Ja von wem denn?« fragte der junge Mann.
»Vom Herrn Grafen«, sagte K., »es wird nichts anderes übrigbleiben.«
»Jetzt um Mitternacht die Erlaubnis vom Herrn Grafen holen?« rief der junge
Mann und trat einen Schritt zurück.
»Ist das nicht möglich?« fragte K. gleichmütig. »Warum haben Sie mich also
geweckt?«
Nun geriet aber der junge Mann außer sich. »Landstreichermanieren!« rief er.
»Ich verlange Respekt vor der gräflichen Behörde! Ich habe Sie deshalb geweckt,
um Ihnen mitzuteilen, daß Sie sofort das gräfliche Gebiet verlassen müssen.«
»Genug der Komödie«, sagte K. auffallend leise, legte sich nieder und zog die
Decke über sich. »Sie gehen, junger Mann, ein wenig zu weit, und ich werde
morgen noch auf Ihr Benehmen zurückkommen. Der Wirt und die Herren dort sind
Zeugen, soweit ich überhaupt Zeugen brauche. Sonst aber lassen Sie es sich
gesagt sein, daß ich der Landvermesser bin, den der Graf hat kommen lassen.
Meine Gehilfen mit den Apparaten kommen morgen im Wagen nach. Ich wollte mir
den Marsch durch den Schnee nicht entgehen lassen, bin aber leider einigemal
vom Weg abgeirrt und deshalb erst so spät angekommen. Daß es jetzt zu spät war,
im Schloß mich zu melden, wußte ich schon aus eigenem, noch vor Ihrer
Belehrung. Deshalb habe ich mich auch mit diesem Nachtlager hier begnügt, das
zu stören Sie die - gelinde gesagt - Unhöflichkeit hatten. Damit sind meine
Erklärungen beendet. Gute Nacht, meine Herren.« Und K. drehte sich zum Ofen
hin.
»Landvermesser?« hörte er noch hinter seinem Rücken zögernd fragen, dann war
allgemeine Stille. Aber der junge Mann faßte sich bald und sagte zum Wirt in
einem Ton, der genug gedämpft war, um als Rücksichtnahme auf K.s Schlaf zu
gelten, und laut genug, um ihm verständlich zu sein: »Ich werde telefonisch
anfragen.« Wie, auch ein Telefon war in diesem Dorfwirtshaus? Man war
vorzüglich eingerichtet. Im einzelnen überraschte es K., im ganzen hatte er es
freilich erwartet. Es zeigte sich, daß das Telefon fast über seinem Kopf
angebracht war, in seiner Verschlafenheit hatte er es übersehen. Wenn nun der
junge Mann telefonieren mußte, dann konnte er beim besten Willen K.s Schlaf
nicht schonen, es handelte sich nur darum, ob K. ihn telefonieren lassen
sollte, er beschloß, es zuzulassen. Dann hatte es aber freilich auch keinen
Sinn, den Schlafenden zu spielen, und er kehrte deshalb in die Rückenlage
zurück. Er sah die Bauern scheu zusammenrücken und sich besprechen, die Ankunft
eines Landvermessers war nichts Geringes. Die Tür der Küche hatte sich
geöffnet, türfüllend stand dort die mächtige Gestalt der Wirtin, auf den
Fußspitzen näherte sich ihr der Wirt, um ihr zu berichten. Und nun begann das
Telefongespräch. Der Kastellan schlief, aber ein Unterkastellan, einer der
Unterkastellane, ein Herr Fritz, war da. Der junge Mann, der sich als Schwarzer
vorstellte, erzählte, wie er K. gefunden, einen Mann in den Dreißigern, recht
zerlumpt, auf einem Strohsack ruhig schlafend, mit einem winzigen Rucksack als
Kopfkissen, einen Knotenstock in Reichweite. Nun sei er ihm natürlich
verdächtig gewesen, und da der Wirt offenbar seine Pflicht vernachlässigt
hatte, sei es seine, Schwarzers, Pflicht gewesen, der Sache auf den Grund zu
gehen. Das Gewecktwerden, das Verhör, die pflichtgemäße Androhung der
Verweisung aus der Grafschaft habe K. sehr ungnädig aufgenommen, wie es sich
schließlich gezeigt habe, vielleicht mit Recht, denn er behaupte, ein vom Herrn
Grafen bestellter Landvermesser zu sein. Natürlich sei es zumindest formale
Pflicht, die Behauptung nachzuprüfen, und Schwarzer bitte deshalb Herrn Fritz,
sich in der Zentralkanzlei zu erkundigen, ob ein Landvermesser dieser Art
wirklich erwartet werde, und die Antwort gleich zu telefonieren.
Dann war es still, Fritz erkundigte sich drüben, und hier wartete man auf die
Antwort. K. blieb wie bisher, drehte sich nicht einmal um, schien gar nicht
neugierig, sah vor sich hin. Die Erzählung Schwarzers in ihrer Mischung von
Bosheit und Vorsicht gab ihm eine Vorstellung von der gewissermaßen
diplomatischen Bildung, über die im Schloß selbst kleine Leute wie Schwarzer
leicht verfügten. Und auch an Fleiß ließen sie es dort nicht fehlen; die
Zentralkanzlei hatte Nachtdienst. Und gab offenbar sehr schnell Antwort, denn
schon klingelte Fritz. Dieser Bericht schien allerdings sehr kurz, denn sofort
warf Schwarzer wütend den Hörer hin. »Ich habe es ja gesagt!« schrie er. »Keine
Spur von Landvermesser, ein gemeiner, lügnerischer Landstreicher,
wahrscheinlich aber Ärgeres.« Einen Augenblick dachte K., alle, Schwarzer,
Bauern, Wirt und Wirtin, würden sich auf ihn stürzen. Um wenigstens dem ersten
Ansturm auszuweichen, verkroch er sich ganz unter die Decke. Da läutete das
Telefon nochmals, und, wie es K. schien, besonders stark. Er steckte langsam
den Kopf wieder hervor. Obwohl es unwahrscheinlich war, daß es wieder K.
betraf, stockten alle, und Schwarzer kehrte zum Apparat zurück. Er hörte dort
eine längere Erklärung ab und sagte dann leise: »Ein Irrtum also? Das ist mir
recht unangenehm. Der Bürochef selbst hat telefoniert? Sonderbar, sonderbar.
Wie soll ich es dem Herrn Landvermesser erklären?«
K. horchte auf. Das Schloß hatte ihn also zum Landvermesser ernannt. Das war
einerseits ungünstig für ihn, denn es zeigte, daß man im Schloß alles Nötige
über ihn wußte, die Kräfteverhältnisse abgewogen hatte und den Kampf lächelnd
aufnahm. Es war aber andererseits auch günstig, denn es bewies, seiner Meinung
nach, daß man ihn unterschätzte und daß er mehr Freiheit haben würde, als er
hätte von vornherein hoffen dürfen. Und wenn man glaubte, durch diese geistig
gewiß überlegene Anerkennung seiner Landvermesserschaft ihn dauernd in
Schrecken halten zu können, so täuschte man sich; es überschauerte ihn leicht,
das war aber alles.
Dem sich schüchtern nähernden Schwarzer winkte K. ab; ins Zimmer des Wirtes zu
übersiedeln, wozu man ihn drängte, weigerte er sich, nahm nur vom Wirt einen
Schlaftrunk an, von der Wirtin ein Waschbecken mit Seife und Handtuch und mußte
gar nicht erst verlangen, daß der Saal geleert wurde, denn alles drängte mit
abgewendeten Gesichtern hinaus, um nicht etwa morgen von ihm erkannt zu werden.
Die Lampe wurde ausgelöscht, und er hatte endlich Ruhe. Er schlief tief, kaum
ein-, zweimal von vorüberhuschenden Ratten flüchtig gestört, bis zum Morgen.
Nach dem Frühstück, das, wie überhaupt K.s ganze Verpflegung, nach Angabe des
Wirts vom Schloß bezahlt werden sollte, wollte er gleich ins Dorf gehen. Aber
da der Wirt, mit dem er bisher in Erinnerung an sein gestriges Benehmen nur das
Notwendigste gesprochen hatte, mit stummer Bitte sich immerfort um ihn
herumdrehte, erbarmte er sich seiner und ließ ihn für ein Weilchen bei sich
niedersetzen.
»Ich kenne den Grafen noch nicht«, sagte K., »er soll gute Arbeit gut bezahlen,
ist das wahr? Wenn man, wie ich, so weit von Frau und Kind reist, dann will man
auch etwas heimbringen.«
»In dieser Hinsicht muß sich der Herr keine Sorge machen, über schlechte
Bezahlung hört man keine Klage.« - »Nun«, sagte K., »ich gehöre ja nicht zu den
Schüchternen und kann auch einem Grafen meine Meinung sagen, aber in Frieden
mit den Herren fertig zu werden ist natürlich weit besser.«
Der Wirt saß K. gegenüber am Rand der Fensterbank, bequemer wagte er sich nicht
zu setzen, und sah K. die ganze Zeit über mit großen, braunen, ängstlichen
Augen an. Zuerst hatte er sich an K. herangedrängt, und nun schien es, als
wolle er am liebsten weglaufen. Fürchtete er, über den Grafen ausgefragt zu
werden? Fürchtete er die Unzuverlässigkeit des »Herrn«, für den er K. hielt? K.
mußte ihn ablenken. Er blickte auf die Uhr und sagte: »Nun werden bald meine
Gehilfen kommen, wirst du sie hier unterbringen können?«
»Gewiß, Herr«, sagte er, »werden sie aber nicht mit dir im Schlosse wohnen?«
Verzichtete er so leicht und gern auf die Gäste und auf K. besonders, den er
unbedingt ins Schloß verwies?
»Das ist noch nicht sicher«, sagte K., »erst muß ich erfahren, was für eine
Arbeit man für mich hat. Sollte ich zum Beispiel hier unten arbeiten, dann wird
es auch vernünftiger sein, hier unten zu wohnen. Auch fürchte ich, daß mir das
Leben oben im Schlosse nicht zusagen würde. Ich will immer frei sein.«
»Du kennst das Schloß nicht«, sagte der Wirt leise.
»Freilich«, sagte K., »man soll nicht verfrüht urteilen. Vorläufig weiß ich ja
vom Schloß nichts weiter, als daß man es dort versteht, sich den richtigen
Landvermesser auszusuchen. Vielleicht gibt es dort noch andere Vorzüge.« Und er
stand auf, um den unruhig seine Lippen beißenden Wirt von sich zu befreien.
Leicht war das Vertrauen dieses Mannes nicht zu gewinnen.
Im Fortgehen fiel K. an der Wand ein dunkles Porträt in einem dunklen Rahmen
auf. Schon von seinem Lager aus hatte er es bemerkt, hatte aber in der
Entfernung die Einzelheiten nicht unterschieden und geglaubt, das eigentliche
Bild sei aus dem Rahmen fortgenommen und nur ein schwarzer Rückendeckel sei zu
sehen. Aber es war doch ein Bild, wie sich jetzt zeigte, das Brustbild eines
etwa fünfzigjährigen Mannes. Den Kopf hielt er so tief auf die Brust gesenkt,
daß man kaum etwas von den Augen sah, entscheidend für die Senkung schien die
hohe, lastende Stirn und die starke, hinabgekrümmte Nase. Der Vollbart, infolge
der Kopfhaltung am Kinn eingedrückt, stand weiter unten ab. Die linke Hand lag
gespreizt in den vollen Haaren, konnte aber den Kopf nicht mehr heben. »Wer ist
das?« fragte K. »Der Graf?« K. stand vor dem Bild und blickte sich gar nicht
nach dem Wirt um. »Nein«, sagte der Wirt, »der Kastellan.« - »Einen schönen
Kastellan haben sie im Schloß, das ist wahr«, sagte K., »schade, daß er einen
so mißratenen Sohn hat.« - »Nein«, sagte der Wirt, zog K. ein wenig zu sich
herunter und flüsterte ihm ins Ohr: »Schwarzer hat gestern übertrieben, sein
Vater ist nur ein Unterkastellan und sogar einer der letzten.« In diesem
Augenblick kam der Wirt K. wie ein Kind vor. »Der Lump!« sagte K. lachend, aber
der Wirt lachte nicht mit, sondern sagte: »Auch sein Vater ist mächtig.« -
»Geh!« sagte K. »Du hältst jeden für mächtig. Mich etwa auch?« - »Dich«, sagte
er schüchtern, aber ernsthaft, »halte ich nicht für mächtig.« - »Du verstehst
also doch recht gut zu beobachten«, sagte K., »mächtig bin ich nämlich, im
Vertrauen gesagt, wirklich nicht. Und habe infolgedessen vor den Mächtigen
wahrscheinlich nicht weniger Respekt als du, nur bin ich nicht so aufrichtig
wie du und will es nicht immer eingestehen.« Und K. klopfte dem Wirt, um ihn zu
trösten und sich geneigter zu machen, leicht auf die Wange. Nun lächelte er
doch ein wenig. Er war wirklich ein Junge mit seinem weichen, fast bartlosen
Gesicht. Wie war er zu seiner breiten, ältlichen Frau gekommen, die man nebenan
hinter einem Guckfenster, weit die Ellenbogen vom Leib, in der Küche hantieren
sah? K. wollte aber jetzt nicht mehr weiter in ihn dringen, das endlich
bewirkte Lächeln nicht verjagen. Er gab ihm also nur noch einen Wink, ihm die
Tür zu öffnen, und trat in den schönen Wintermorgen hinaus.
Nun sah er oben das Schloß deutlich umrissen in der klaren Luft und noch
verdeutlicht durch den alle Formen nachbildenden, in dünner Schicht überall
liegenden Schnee. Übrigens schien oben auf dem Berg viel weniger Schnee zu sein
als hier im Dorf, wo sich K. nicht weniger mühsam vorwärts brachte als gestern
auf der Landstraße. Hier reichte der Schnee bis zu den Fenstern der Hütten und
lastete gleich wieder auf dem niedrigen Dach, aber oben auf dem Berg ragte
alles frei und leicht empor, wenigstens schien es so von hier aus.
Im ganzen entsprach das Schloß, wie es sich hier von der Ferne zeigte, K.s
Erwartungen. Es war weder eine alte Ritterburg noch ein neuer Prunkbau, sondern
eine ausgedehnte Anlage, die aus wenigen zweistöckigen, aber aus vielen eng
aneinander stehenden niedrigen Bauten bestand; hätte man nicht gewußt, daß es
ein Schloß sei, hätte man es für ein Städtchen halten können. Nur einen Turm
sah K., ob er zu einem Wohngebäude oder einer Kirche gehörte, war nicht zu
erkennen. Schwärme von Krähen umkreisten ihn.
===============================================================================
                                [Nächste_Seite]










Die Augen auf das Schloß gerichtet, ging K. weiter, nichts sonst kümmerte ihn.
Aber im Näherkommen enttäuschte ihn das Schloß, es war doch nur ein recht
elendes Städtchen, aus Dorfhäusern zusammengetragen, ausgezeichnet nur dadurch,
daß vielleicht alles aus Stein gebaut war; aber der Anstrich war längst
abgefallen, und der Stein schien abzubröckeln. Flüchtig erinnerte sich K. an
sein Heimatstädtchen; es stand diesem angeblichen Schlosse kaum nach. Wäre es
K. nur auf die Besichtigung angekommen, dann wäre es schade um die lange
Wanderschaft gewesen und er hätte vernünftiger gehandelt, wieder einmal die
alte Heimat zu besuchen, wo er schon so lange nicht gewesen war. Und er
verglich in Gedanken den Kirchturm der Heimat mit dem Turm dort oben. Jener
Turm, bestimmt, ohne Zögern geradewegs nach oben sich verjüngend, breitdachig,
abschließend mit roten Ziegeln, ein irdisches Gebäude - was können wir anderes
bauen? - aber mit höherem Ziel als die niedrige Häusermenge und mit klarerem
Ausdruck, als ihn der trübe Werktag hat. Der Turm hier oben - es war der einzig
sichtbare -, der Turm eines Wohnhauses, wie es sich jetzt zeigte, vielleicht
des Hauptschlosses, war ein einförmiger Rundbau, zum Teil gnädig von Efeu
verdeckt, mit kleinen Fenstern, die jetzt in der Sonne aufstrahlten - etwas
Irrsinniges hatte das -, und einem söllerartigen Abschluß, dessen Mauerzinnen
unsicher, unregelmäßig, brüchig, wie von ängstlicher oder nachlässiger
Kinderhand gezeichnet, sich in den blauen Himmel zackten. Es war, wie wenn ein
trübseliger Hausbewohner, der gerechterweise im entlegensten Zimmer des Hauses
sich hätte eingesperrt halten sollen, das Dach durchbrochen und sich erhoben
hätte, um sich der Welt zu zeigen.
Wieder stand K. still, als hätte er im Stillestehen mehr Kraft des Urteils.
Aber er wurde gestört. Hinter der Dorfkirche, bei der er stehengeblieben war -
es war eigentlich nur eine Kapelle, scheunenartig erweitert, um die Gemeinde
aufnehmen zu können -, war die Schule. Ein niedriges, langes Gebäude,
merkwürdig den Charakter des Provisorischen und des sehr Alten vereinigend, lag
es hinter einem umgitterten Garten, der jetzt ein Schneefeld war. Eben kamen
die Kinder mit dem Lehrer heraus. In einem dichten Haufen umgaben sie den
Lehrer, aller Augen blickten auf ihn, unaufhörlich schwatzten sie von allen
Seiten, K. verstand ihr schnelles Sprechen gar nicht. Der Lehrer, ein junger,
kleiner, schmalschulteriger Mensch, aber ohne daß es lächerlich wurde, sehr
aufrecht, hatte K. schon von der Ferne ins Auge gefaßt, allerdings war außer
seiner Gruppe K. der einzige Mensch weit und breit. K., als Fremder, grüßte
zuerst, gar einen so befehlshaberischen kleinen Mann. »Guten Tag, Herr Lehrer«,
sagte er. Mit einem Schlag verstummten die Kinder, diese plötzliche Stille als
Vorbereitung für seine Worte mochte wohl dem Lehrer gefallen. »Ihr sehet das
Schloß an?« fragte er sanftmütiger, als K. erwartet hatte, aber in einem Tone,
als billige er nicht das, was K. tue. »Ja«, sagte K., »ich bin hier fremd, erst
seit gestern abend im Ort.« - »Das Schloß gefällt Euch nicht?« fragte der
Lehrer schnell. »Wie?« fragte K. zurück, ein wenig verblüfft, und wiederholte
in milderer Form die Frage: »Ob mir das Schloß gefällt? Warum nehmt Ihr an, daß
es mir nicht gefällt?« - »Keinem Fremden gefällt es«, sagte der Lehrer. Um hier
nichts Unwillkommenes zu sagen, wendete K. das Gespräch und fragte: »Sie kennen
wohl den Grafen?« - »Nein«, sagte der Lehrer und wollte sich abwenden. K. gab
aber nicht nach und fragte nochmals: »Wie? Sie kennen den Grafen nicht?« - »Wie
sollte ich ihn kennen?« sagte der Lehrer leise und fügte laut auf französisch
hinzu: »Nehmen Sie Rücksicht auf die Anwesenheit unschuldiger Kinder.« K. holte
daraus das Recht zu fragen: »Könnte ich Sie, Herr Lehrer, einmal besuchen? Ich
bleibe längere Zeit hier und fühle mich schon jetzt ein wenig verlassen; zu den
Bauern gehöre ich nicht und ins Schloß wohl auch nicht.« - »Zwischen den Bauern
und dem Schloß ist kein großer Unterschied«, sagte der Lehrer. »Mag sein«,
sagte K., »das ändert an meiner Lage nichts. Könnte ich Sie einmal besuchen?« -
»Ich wohne in der Schwanengasse beim Fleischhauer.« Das war nun zwar mehr eine
Adressenangabe als eine Einladung, dennoch sagte K.: »Gut, ich werde kommen.«
Der Lehrer nickte und zog mit den gleich wieder losschreienden Kinderhaufen
weiter. Sie verschwanden bald in einem jäh abfallenden Gäßchen.
K. aber war zerstreut, durch das Gespräch verärgert. Zum erstenmal seit seinem
Kommen fühlte er wirkliche Müdigkeit. Der weite Weg hierher schien ihn
ursprünglich gar nicht angegriffen zu haben, wie war er durch die Tage
gewandert, ruhig, Schritt für Schritt! - Jetzt aber zeigten sich doch die
Folgen der übergroßen Anstrengung, zur Unzeit freilich. Es zog ihn
unwiderstehlich hin, neue Bekanntschaften zu suchen, aber jede neue
Bekanntschaft verstärkte die Müdigkeit. Wenn er sich in seinem heutigen Zustand
zwang, seinen Spaziergang wenigstens bis zum Eingang des Schlosses auszudehnen,
war übergenug getan.
So ging er wieder vorwärts, aber es war ein langer Weg. Die Straße nämlich, die
Hauptstraße des Dorfes, führte nicht zum Schloßberg, sie führte nur nahe heran,
dann aber, wie absichtlich, bog sie ab, und wenn sie sich auch vom Schloß nicht
entfernte, so kam sie ihm doch auch nicht näher. Immer erwartete K., daß nun
endlich die Straße zum Schloß einlenken müsse und nur, weil er es erwartete,
ging er weiter; offenbar infolge seiner Müdigkeit zögerte er, die Straße zu
verlassen, auch staunte er über die Länge des Dorfes, das kein Ende nahm, immer
wieder die kleinen Häuschen und vereisten Fensterscheiben und Schnee und
Menschenleere - endlich riß er sich los von dieser festhaltenden Straße, ein
schmales Gäßchen nahm ihn auf, noch tieferer Schnee, das Herausziehen der
einsinkenden Füße war eine schwere Arbeit, Schweiß brach ihm aus, plötzlich
stand er still und konnte nicht mehr weiter.
Nun, er war ja nicht verlassen, rechts und links standen Bauernhütten. Er
machte einen Schneeball und warf ihn gegen ein Fenster. Gleich öffnete sich die
Türe - die erste sich öffnende Türe während des ganzen Dorfweges - und ein
alter Bauer, in brauner Pelzjoppe, den Kopf seitwärts geneigt, freundlich und
schwach, stand dort. »Darf ich ein wenig zu Euch kommen?« sagte K., »ich bin
sehr müde.« Er hörte gar nicht, was der Alte sagte, dankbar nahm er es an, daß
ihm ein Brett entgegengeschoben wurde, das ihn gleich aus dem Schnee rettete,
und mit ein paar Schritten stand er in der Stube.
Eine große Stube im Dämmerlicht. Der von draußen Kommende sah zuerst gar
nichts. K. taumelte gegen einen Waschtrog, eine Frauenhand hielt ihn zurück.
Aus einer Ecke kam viel Kindergeschrei. Aus einer anderen Ecke wälzte sich
Rauch und machte aus dem Halblicht Finsternis. K. stand wie in Wolken. »Er ist
ja betrunken«, sagte jemand. »Wer seid Ihr?« rief eine herrische Stimme und
wohl zu dem Alten gewendet: »Warum hast du ihn hereingelassen? Kann man alles
hereinlassen, was auf den Gassen herumschleicht?« - »Ich bin der gräfliche
Landvermessen«, sagte K. und suchte sich so vor den noch immer Unsichtbaren zu
verantworten. »Ach, es ist der Landvermesser«, sagte eine weibliche Stimme, und
nun folgte eine vollkommene Stille. »Ihr kennt mich?« fragte K. »Gewiß«, sagte
noch kurz die gleiche Stimme. Daß man K. kannte, schien ihn nicht zu empfehlen.
Endlich verflüchtigte sich ein wenig der Rauch, und K. konnte sich langsam
zurechtfinden. Es schien ein allgemeiner Waschtag zu sein. In der Nähe der Türe
wurde Wäsche gewaschen. Der Rauch war aber aus der anderen Ecke gekommen, wo in
einem Holzschaff, so groß, wie K. noch nie eines gesehen hatte - es hatte etwa
den Umfang von zwei Betten -, in dampfendem Wasser zwei Männer badeten. Aber
noch überraschender, ohne daß man genau wußte, worin das Überraschende bestand,
war die rechte Ecke. Aus einer großen Lücke, der einzigen in der
Stubenrückwand, kam dort, wohl vom Hof her, bleiches Schneelicht und gab dem
Kleid einer Frau, die tief in der Ecke in einem hohen Lehnstuhl müde fast lag,
einen Schein wie von Seide. Sie trug einen Säugling an der Brust. Um sie herum
spielten ein paar Kinder, Bauernkinder, wie zu sehen war, sie aber schien nicht
zu ihnen zu gehören, freilich, Krankheit und Müdigkeit macht auch Bauern fein.
»Setzt Euch!« sagte der eine der Männer, ein Vollbärtiger, überdies mit einem
Schnauzbart, unter dem er den Mund schnaufend immer offenhielt, zeigte, komisch
anzusehen, mit der Hand über den Rand des Kübels auf eine Truhe hin und
bespritzte dabei K. mit warmem Wasser das ganze Gesicht. Auf der Truhe saß
schon, vor sich hin dämmernd, der Alte, der K. eingelassen hatte. K. war
dankbar, sich endlich setzen zu dürfen. Nun kümmerte sich niemand mehr um ihn.
Die Frau beim Waschtrog, blond, in jugendlicher Fülle, sang leise bei der
Arbeit, die Männer im Bad stampften und drehten sich, die Kinder wollten sich
ihnen nähern, wurden aber durch mächtige Wasserspritzer, die auch K. nicht
verschonten, immer wieder zurückgetrieben, die Frau im Lehnstuhl lag wie
leblos, nicht einmal auf das Kind an ihrer Brust blickte sie hinab, sondern
unbestimmt in die Höhe.
K. hatte sie wohl lange angesehen, dieses sich nicht verändernde schöne,
traurige Bild, dann aber mußte er eingeschlafen sein, denn als er, von einer
lauten Stimme gerufen, aufschreckte, lag sein Kopf an der Schulter des Alten
neben ihm. Die Männer hatten ihr Bad beendet, in dem sich jetzt die Kinder, von
der blonden Frau beaufsichtigt, herumtrieben, und standen angezogen vor K. Es
zeigte sich, daß der schreierische Vollbärtige der Geringere von den zweien
war. Der andere nämlich, nicht größer als der Vollbärtige und mit viel
geringerem Bart, war ein stiller, langsam denkender Mann von breiter Gestalt,
auch das Gesicht breit, den Kopf hielt er gesenkt. »Herr Landvermesser«, sagte
er, »hier könnt Ihr nicht bleiben. Verzeiht die Unhöflichkeit.« - »Ich wollte
auch nicht bleiben«, sagte K., »nur ein wenig mich ausruhen. Das ist geschehen,
und nun gehe ich.« - »Ihr wundert Euch wahrscheinlich über die geringe
Gastfreundlichkeit«, sagte der Mann, »aber Gastfreundlichkeit ist bei uns nicht
Sitte, wir brauchen keine Gäste.« Ein wenig erfrischt vom Schlaf, ein wenig
hellhöriger als früher, freute sich K. über die offenen Worte. Er bewegte sich
freier, stützte seinen Stock einmal hier, einmal dort auf, näherte sich der
Frau im Lehnstuhl, war übrigens auch der körperlich Größte im Zimmer.
»Gewiß«, sagte K., »wozu brauchtet ihr Gäste. Aber hier und da braucht man doch
einen, zum Beispiel mich, den Landvermesser.« - »Das weiß ich nicht«, sagte der
Mann langsam, »hat man Euch gerufen, so braucht man Euch wahrscheinlich, das
ist wohl eine Ausnahme, wir aber, wir kleinen Leute, halten uns an die Regel,
das könnt Ihr uns nicht verdenken.« - »Nein, nein«, sagte K., »ich habe Euch
nur zu danken, Euch und allen hier.« Und unerwartet für jedermann kehrte sich
K. förmlich in einem Sprunge um und stand vor der Frau. Aus müden, blauen Augen
blickte sie K. an, ein seidenes, durchsichtiges Kopftuch reichte ihr bis in die
Mitte der Stirn hinab, der Säugling schlief an ihrer Brust. »Wer bist du?«
fragte K. Wegwerfend - es war undeutlich, ob die Verächtlichkeit K. oder ihrer
eigenen Antwort galt - sagte sie: »Ein Mädchen aus dem Schloß.«
Das alles hatte nur einen Augenblick gedauert, schon hatte K. rechts und links
einen der Männer und wurde, als gäbe es kein anderes Verständigungsmittel,
schweigend, aber mit aller Kraft zur Tür gezogen. Der Alte freute sich über
irgend etwas dabei und klatschte in die Hände. Auch die Wäscherin lachte bei
den plötzlich wie toll lärmenden Kindern.
K. aber stand bald auf der Gasse, die Männer beaufsichtigten ihn von der
Schwelle aus. Es fiel wieder Schnee; trotzdem schien es ein wenig heller zu
sein. Der Vollbärtige rief ungeduldig: »Wohin wollt Ihr gehen? Hier führt es
zum Schloß, hier zum Dorf.« Ihm antwortete K. nicht, aber zu dem anderen, der
ihm trotz seiner Überlegenheit der Umgänglichere schien, sagte er: »Wer seid
Ihr? Wem habe ich für den Aufenthalt zu danken?« - »Ich bin der Gerbermeister
Lasemann«, war die Antwort, »zu danken habt Ihr aber niemandem.« - »Gut«, sagte
K., »vielleicht werden wir noch zusammenkommen.« - »Ich glaube nicht«, sagte
der Mann. In diesem Augenblick rief der Vollbärtige mit erhobener Hand: »Guten
Tag, Artur, guten Tag, Jeremias!« K. wandte sich um, es zeigten sich in diesem
Dorf also doch noch Menschen auf der Gasse! Aus der Richtung vom Schlosse her
kamen zwei junge Männer von mittlerer Größe, beide sehr schlank, in engen
Kleidern, auch im Gesicht einander sehr ähnlich. Die Gesichtsfarbe war ein
dunkles Braun, von dem ein Spitzbart in seiner besonderen Schwärze dennoch
abstach. Sie gingen bei diesen Straßenverhältnissen erstaunlich schnell, warfen
im Takt die schlanken Beine. »Was habt ihr?« rief der Vollbärtige. Man konnte
sich nur rufend mit ihnen verständigen, so schnell gingen sie und hielten nicht
ein. »Geschäfte!« riefen sie lachend zurück. »Wo?« - »Im Wirtshaus.« - »Dorthin
gehe auch ich!« schrie K. auf einmal mehr als alle anderen, er hatte großes
Verlangen, von den zweien mitgenommen zu werden; ihre Bekanntschaft schien ihm
zwar nicht sehr ergiebig, aber gute, aufmunternde Wegbegleiter waren sie
offenbar. Sie hörten K.s Worte, nickten jedoch nur und waren schon vorüber.
K. stand noch immer im Schnee, hatte wenig Lust, den Fuß aus dem Schnee zu
heben, um ihn ein Stückchen weiter in die Tiefe zu senken; der Gerbermeister
und sein Genosse, zufrieden damit, K. endgültig hinausgeschafft zu haben,
schoben sich langsam, immer nach K. zurückblickend, durch die nur wenig
geöffnete Tür ins Haus, und K. war mit dem ihn einhüllenden Schnee allein.
»Gelegenheit zu einer kleinen Verzweiflung«, fiel ihm ein, »wenn ich nur
zufällig, nicht absichtlich hier stünde.«
Da öffnete sich in der Hütte linker Hand ein winziges Fenster; geschlossen
hatte es tiefblau ausgesehen, vielleicht im Widerschein des Schnees, und war so
winzig, daß, als es jetzt geöffnet war, nicht das ganze Gesicht des
Hinausschauenden zu sehen war, sondern nur die Augen, alte, braune Augen. »Dort
steht er«, hörte K. eine zittrige Frauenstimme sagen. »Es ist der
Landvermesser«, sagte eine Männerstimme. Dann trat der Mann zum Fenster und
fragte nicht unfreundlich, aber doch so, als sei ihm daran gelegen, daß auf der
Straße vor seinem Haus alles in Ordnung sei: »Auf wen wartet Ihr?« - »Auf einen
Schlitten, der mich mitnimmt«, sagte K. »Hier kommt kein Schlitten«, sagte der
Mann, »hier ist kein Verkehr.« »Es ist doch die Straße, die zum Schloß führt«,
wendete K. ein. »Trotzdem, trotzdem«, sagte der Mann mit einer gewissen
Unerbittlichkeit, »hier ist kein Verkehr.« Dann schwiegen beide. Aber der Mann
überlegte offenbar etwas, denn das Fenster, aus dem Rauch strömte, hielt er
noch immer offen. »Ein schlechter Weg«, sagte K., um ihm nachzuhelfen.
Er aber sagte nur: »Ja freilich.«
Nach einem Weilchen sagte er aber doch: »Wenn Ihr wollt, fahre ich Euch mit
meinem Schlitten.« - »Tut das, bitte«, sagte K. erfreut, »wieviel verlangt Ihr
dafür?« - »Nichts«, sagte der Mann. K. wunderte sich sehr. »Ihr seid doch der
Landvermesser«, sagte der Mann erklärend, »und gehört zum Schloß. Wohin wollt
Ihr denn fahren?« - »Ins Schloß«, sagte K. schnell. »Dann fahre ich nicht«,
sagte der Mann sofort. »Ich gehöre doch zum Schloß«, sagte K., des Mannes
eigene Worte wiederholend. »Mag sein«, sagte der Mann abweisend. »Dann fahrt
mich also zum Wirtshaus«, sagte K. »Gut«, sagte der Mann, »ich komme gleich mit
dem Schlitten.« Das Ganze machte nicht den Eindruck besonderer Freundlichkeit,
sondern eher den einer Art sehr eigensüchtigen, ängstlichen, fast pedantischen
Bestrebens, K. von dem Platz vor dem Hause wegzuschaffen. Das Hoftor öffnete
sich, und ein kleiner Schlitten für leichte Lasten, ganz flach, ohne
irgendwelchen Sitz, von einem schwachen Pferdchen gezogen, kam hervor, dahinter
der Mann, gebückt, schwach, hinkend, mit magerem, rotem, verschnupftem Gesicht,
das besonders klein erschien durch einen fest um den Kopf gewickelten
Wollschal. Der Mann war sichtlich krank und nur, um K. wegbefördern zu können,
war er doch hervorgekommen. K. erwähnte etwas Derartiges, aber der Mann winkte
ab. Nur daß er der Fuhrmann Gerstäcker war, erfuhr K., und daß er diesen
unbequemen Schlitten genommen habe, weil er gerade bereitstand und das
Hervorziehen eines anderen zuviel Zeit gebraucht hätte. »Setzt Euch«, sagte er
und zeigte mit der Peitsche hinten auf den Schlitten. »Ich werde mich neben
Euch setzen«, sagte K. »Ich werde gehen«, sagte Gerstäcker. »Warum denn?«
fragte K. »Ich werde gehen«, wiederholte Gerstäcker und bekam einen
Hustenanfall, der ihn so schüttelte, daß er die Beine in den Schnee stemmen und
mit den Händen den Schlittenrand halten mußte. K. sagte nichts weiter, setzte
sich hinten auf den Schlitten, der Husten beruhigte sich langsam und sie
fuhren.
Das Schloß dort oben, merkwürdig dunkel schon, das K. heute noch zu erreichen
gehofft hatte, entfernte sich wieder. Als sollte ihm aber doch noch zum
vorläufigen Abschied ein Zeichen gegeben werden, erklang dort ein Glockenton,
fröhlich beschwingt eine Glocke, die wenigstens einen Augenblick lang das Herz
erbeben ließ, so, als drohe ihm - denn auch schmerzlich war der Klang - die
Erfüllung dessen, wonach es sich unsicher sehnte. Aber bald verstummte diese
große Glocke und wurde von einem schwachen, eintönigen Glöckchen abgelöst,
vielleicht noch oben, vielleicht aber schon im Dorfe. Dieses Geklingel paßte
freilich besser zu der langsamen Fahrt und dem jämmerlichen, aber
unerbittlichen Fuhrmann.
»Du«, rief K. plötzlich - sie waren schon in der Nähe der Kirche, der Weg ins
Wirtshaus nicht mehr weit, K. durfte schon etwas wagen -, »ich wundere mich
sehr, daß du auf deine eigene Verantwortung mich herumzufahren wagst, darfst du
denn das?« Gerstäcker kümmerte sich nicht darum und schritt ruhig weiter neben
dem Pferdchen. »He!« rief K., ballte etwas Schnee vom Schlitten zusammen und
traf Gerstäcker damit voll ins Ohr. Nun blieb dieser stehen und drehte sich um;
als ihn K. aber nun so nahe bei sich sah - der Schlitten hatte sich noch ein
wenig weitergeschoben -, diese gebückte, gewissermaßen mißhandelte Gestalt, das
rote müde, schmale Gesicht mit irgendwie verschiedenen Wangen, die eine flach,
die andere eingefallen, den offenen, aufhorchenden Mund, in dem nur ein paar
vereinzelte Zähne waren, mußte er das, was er früher aus Bosheit gesagt hatte,
jetzt aus Mitleid wiederholen, ob Gerstäcker nicht dafür, daß er K.
transportierte, gestraft werden könne. »Was willst du?« fragte Gerstäcker
verständnislos, erwartete aber auch keine weitere Erklärung, rief dem Pferdchen
zu, und sie fuhren wieder.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                         **** Das zweite Kapitel ****
Als sie - K. erkannte es an einer Wegbiegung - fast beim Wirtshaus waren, war
es zu seinem Erstaunen schon völlig finster. War er so lange fort gewesen? Doch
nur ein, zwei Stunden etwa nach seiner Berechnung, und am Morgen war er
fortgegangen, und kein Essenbedürfnis hatte er gehabt, und bis vor kurzem war
gleichmäßige Tageshelle gewesen, erst jetzt die Finsternis. »Kurze Tage, kurze
Tage!« sagte er zu sich, glitt vom Schlitten und ging dem Wirtshaus zu.
Oben auf der kleinen Vortreppe des Hauses stand, ihm sehr willkommen, der Wirt
und leuchtete mit erhobener Laterne ihm entgegen. Flüchtig an den Fuhrmann sich
erinnernd, blieb K. stehen, irgendwo hustete es im Dunkeln, das war er. Nun, er
würde ihn ja nächstens wiedersehen. Erst als er oben beim Wirt war, der demütig
grüßte, bemerkte er zu beiden Seiten der Tür je einen Mann. Er nahm die Laterne
aus der Hand des Wirts und beleuchtete die zwei; es waren die Männer, die er
schon getroffen hatte und die Artur und Jeremias angerufen worden waren. Sie
salutierten jetzt. In Erinnerung an seine Militärzeit, an diese glücklichen
Zeiten, lachte er. »Wer seid ihr?« fragte er und sah vom einen zum anderen.
»Euere Gehilfen«, antworteten sie. »Es sind die Gehilfen«, bestätigte leise der
Wirt. »Wie?« fragte K. »Ihr seid meine alten Gehilfen, die ich nachkommen ließ,
die ich erwarte?« Sie bejahten es. »Das ist gut«, sagte K. nach einem Weilchen,
»es ist gut, daß ihr gekommen seid.« - »Übrigens«, sagte K. nach einem weiteren
Weilchen, »ihr habt euch sehr verspätet, ihr seid sehr nachlässig.« »Es war ein
weiter Weg«, sagte der eine. »Ein weiter Weg«, wiederholte K., »aber ich habe
euch getroffen, wie ihr vom Schlosse kamt.« - »Ja« sagten sie, ohne weitere
Erklärung. »Wo habt ihr die Apparate?« fragte K. »Wir haben keine«, sagten sie.
»Die Apparate, die ich euch anvertraut habe«, sagte K. »Wir haben keine«,
wiederholten sie. »Ach, seid ihr Leute!« sagte K., »versteht ihr etwas von
Landvermessung?« - »Nein«, sagten sie. »Wenn ihr aber meine alten Gehilfen
seid, müßt ihr doch das verstehen«, sagte K. und schob sie vor sich ins Haus.
Sie saßen dann zu dritt ziemlich schweigsam in der Wirtsstube beim Bier, an
einem kleinen Tischchen, K. in der Mitte, rechts und links die Gehilfen. Sonst
war nur ein Tisch mit Bauern besetzt, ähnlich wie am Abend vorher. »Es ist
schwer mit euch«, sagte K. und verglich wie schon öfters ihre Gesichter, »wie
soll ich euch denn unterscheiden? Ihr unterscheidet euch nur durch die Namen,
sonst seid ihr einander ähnlich wie« - er stockte, unwillkürlich fuhr er dann
fort -, »sonst seid ihr einander ja ähnlich wie Schlangen.« Sie lächelten. »Man
unterscheidet uns sonst gut«, sagten sie zur Rechtfertigung. »Ich glaube es«,
sagte K., »ich war ja selbst Zeuge dessen, aber ich sehe nur mit meinen Augen,
und mit denen kann ich euch nicht unterscheiden. Ich werde euch deshalb wie
einen einzigen Mann behandeln und beide Artur nennen, so heißt doch einer von
euch. Du etwa?« - fragte K. den einen. »Nein«, sagte dieser, »ich heiße
Jeremias.« - »Es ist ja gleichgültig«, sagte K., »ich werde euch beide Artur
nennen. Schicke ich Artur irgendwohin, so geht ihr beide, gebe ich Artur eine
Arbeit, so macht ihr sie beide, das hat zwar für mich einen großen Nachteil,
daß ich euch nicht für eine gesonderte Arbeit verwenden kann, aber dafür den
Vorteil, daß ihr für alles, was ich euch auftrage, gemeinsam ungeteilt die
Verantwortung tragt. Wie ihr untereinander die Arbeit aufteilt, ist mir
gleichgültig, nur ausreden dürft ihr euch nicht aufeinander, ihr seid für mich
ein einziger Mann.« Sie überlegten das und sagten: »Das wäre uns recht
unangenehm.« - »Wie denn nicht«, sagte K., »natürlich muß euch das unangenehm
sein, aber es bleibt so.« Schon ein Weilchen lang hatte K. einen der Bauern den
Tisch umschleichen sehen, endlich entschloß er sich, ging auf einen Gehilfen zu
und wollte ihm etwas zuflüstern. »Verzeiht«, sagte K., schlug mit der Hand auf
den Tisch und stand auf, »dies sind meine Gehilfen, und wir haben jetzt eine
Besprechung. Niemand hat das Recht, uns zu stören.« - »O bitte, o bitte«, sagte
der Bauer ängstlich und ging rücklings zu seiner Gesellschaft zurück. »Dieses
müßt ihr vor allem beachten«, sagte K. dann wieder sitzend. »Ihr dürft mit
niemandem ohne meine Erlaubnis sprechen. Ich bin hier ein Fremder, und wenn ihr
meine alten Gehilfen seid, dann seid auch ihr Fremde. Wir drei Fremden müssen
deshalb zusammenhalten, reicht mir daraufhin eure Hände.« Allzu bereitwillig
streckten sie sie K. entgegen. »Laßt euch die Pratzen«, sagte er, »mein Befehl
aber gilt. Ich werde jetzt schlafen gehen und auch euch rate ich, das zu tun.
Heute haben wir einen Arbeitstag versäumt, morgen muß die Arbeit sehr
frühzeitig beginnen. Ihr müßt einen Schlitten zur Fahrt ins Schloß verschaffen
und um sechs Uhr hier vor dem Haus mit ihm bereitstehen.« - »Gut«, sagte der
eine. Der andere aber fuhr dazwischen: »Du sagst: Gut, und weißt doch, daß es
unmöglich ist.« - »Ruhe«, sagte K., »ihr wollt wohl anfangen, euch voneinander
zu unterscheiden.« Doch nun sagte auch schon der erste: »Er hat recht, es ist
unmöglich, ohne Erlaubnis darf kein Fremder ins Schloß.« - »Wo muß man um die
Erlaubnis ansuchen?« - »Ich weiß nicht, vielleicht beim Kastellan.« »Dann
werden wir dort telefonisch ansuchen, telefoniert sofort an den Kastellan,
beide!« Sie liefen zum Apparat, erlangten die Verbindung - wie sie sich dort
drängten! Im Äußerlichen waren sie lächerlich folgsam - und fragten, ob K. mit
ihnen morgen ins Schloß kommen dürfe. Das »Nein!« der Antwort hörte K. bis zu
seinem Tisch. Die Antwort war aber noch ausführlicher, sie lautete: »Weder
morgen noch ein andermal.« - »Ich werde selbst telefonieren«, sagte K. und
stand auf. Während K. und seine Gehilfen bisher, abgesehen von dem Zwischenfall
des einen Bauern, wenig beachtet worden waren, erregte seine letzte Bemerkung
allgemeine Aufmerksamkeit. Alle erhoben sich mit K., und obwohl sie der Wirt
zurückzudrängen suchte, gruppierten sie sich beim Apparat in engem Halbkreis um
ihn. Es überwog bei ihnen die Meinung, daß K. gar keine Antwort bekommen werde.
K. mußte sie bitten, ruhig zu sein, er verlange nicht, ihre Meinungen zu hören.
Aus der Hörmuschel kam ein Summen, wie K. es sonst beim Telefonieren nie gehört
hatte. Es war, wie wenn sich aus dem Summen zahlloser kindlicher Stimmen - aber
auch dieses Summen war keines, sondern war Gesang fernster, allerfernster
Stimmen -, wie wenn sich aus diesem Summen in einer geradezu unmöglichen Weise
eine einzige hohe, aber starke Stimme bilde, die an das Ohr schlug, so, wie
wenn sie fordere, tiefer einzudringen als nur in das armselige Gehör. K.
horchte, ohne zu telefonieren, den linken Arm hatte er auf das Telefonpult
gestützt und horchte so.
Er wußte nicht wie lange; so lange, bis ihn der Wirt am Rock zupfte, ein Bote
sei für ihn gekommen. »Weg!« schrie K. unbeherrscht vielleicht in das Telefon
hinein, denn nun meldete sich jemand. Es entwickelte sich folgendes Gespräch:
»Hier Oswald, wer dort?« rief es, eine strenge, hochmütige Stimme, mit einem
kleinen Sprachfehler, wie es K. schien, den sie über sich selbst hinaus durch
eine weitere Zugabe von Strenge auszugleichen versuchte. K. zögerte, sich zu
nennen, dem Telefon gegenüber war er wehrlos, der andere konnte ihn
niederdonnern, die Hörmuschel weglegen, und K. hatte sich einen vielleicht
nicht unwichtigen Weg versperrt. K.s Zögern machte den Mann ungeduldig. »Wer
dort?« wiederholte er und fügte hinzu: »Es wäre mir sehr lieb, wenn dortseits
nicht soviel telefoniert würde, erst vor einem Augenblick ist telefoniert
worden.« K. ging auf diese Bemerkung nicht ein und meldete mit einem
plötzlichen Entschluß: »Hier der Gehilfe des Herrn Landvermessers.« »Welcher
Gehilfe? Welcher Herr? Welcher Landvermesser?« K. fiel das gestrige
Telefongespräch ein. »Fragen Sie Fritz«, sagte er kurz. Es half, zu seinem
eigenen Erstaunen. Aber mehr noch als darüber, daß es half, staunte er über die
Einheitlichkeit des Dienstes dort. Die Antwort war: »Ich weiß schon. Der ewige
Landvermesser. Ja, ja. Was weiter? Welcher Gehilfe?« »Josef«, sagte K. Ein
wenig störte ihn hinter seinem Rücken das Murmeln der Bauern; offenbar waren
sie nicht damit einverstanden, daß er sich nicht richtig meldete. K. hatte aber
keine Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen, denn das Gespräch nahm ihn sehr in
Anspruch. »Josef?« fragte es zurück. »Die Gehilfen heißen« - eine kleine Pause,
offenbar verlangte er die Namen jemandem anderen ab - »Artur und Jeremias.«
»Das sind die neuen Gehilfen«, sagte K. »Nein, das sind die alten.« - »Es sind
die neuen, ich aber bin der alte, der dem Herrn Landvermesser heute nachkam.« -
»Nein!« schrie es nun. »Wer bin ich also?« fragte K., ruhig wie bisher. Und
nach einer Pause sagte die gleiche Stimme mit dem gleichen Sprachfehler und war
doch wie eine andere tiefere, achtungswertere Stimme: »Du bist der alte
Gehilfe.«
K. horchte dem Stimmklang nach und überhörte dabei fast die Frage: »Was willst
du?« Am liebsten hätte er den Hörer schon weggelegt. Von diesem Gespräch
erwartete er nichts mehr. Nur gezwungen fragte er noch schnell.- »Wann darf
mein Herr ins Schloß kommen?« - »Niemals«, war die Antwort. »Gut«, sagte K. und
hing den Hörer an.
Die Bauern hinter ihm waren schon ganz nahe an ihn herangerückt. Die Gehilfen
waren, mit vielen Seitenblicken nach ihm, damit beschäftigt, die Bauern von ihm
abzuhalten. Es schien aber nur Komödie zu sein, auch gaben die Bauern, von dem
Ergebnis des Gesprächs befriedigt, langsam nach. Da wurde ihre Gruppe von
hinten mit raschem Schritt von einem Mann geteilt, der sich vor K. verneigte
und ihm einen Brief übergab. K. behielt den Brief in der Hand und sah den Mann
an, der ihm im Augenblick wichtiger schien. Es bestand eine große Ähnlichkeit
zwischen ihm und den Gehilfen, er war so schlank wie sie, ebenso knapp
gekleidet, auch so gelenkig und flink wie sie, aber doch ganz anders. Hätte K.
doch lieber ihn als Gehilfen gehabt! Ein wenig erinnerte er ihn an die Frau mit
dem Säugling, die er beim Gerbermeister gesehen hatte. Er war fast weiß
gekleidet, das Kleid war wohl nicht aus Seide, es war ein Winterkleid wie alle
anderen, aber die Zartheit und Feierlichkeit eines Seidenkleides hatte es. Sein
Gesicht war hell und offen, die Augen übergroß. Sein Lächeln war ungemein
aufmunternd; er fuhr mit der Hand über sein Gesicht, so, als wolle er dieses
Lächeln verscheuchen, doch gelang ihm das nicht. »Wer bist du?« fragte K.
»Barnabas heiße ich«, sagte er. »Ein Bote bin ich.« Männlich und doch sanft
öffneten und schlossen sich seine Lippen beim Reden. »Gefällt es dir hier?«
fragte K. und zeigte auf die Bauern, für die er noch immer nicht an Interesse
verloren hatte und die er mit ihren förmlich gequälten Gesichtern - der Schädel
sah aus, als sei er oben platt geschlagen worden, und die Gesichtszüge hatten
sich im Schmerz des Geschlagenwerdens gebildet -, ihren wulstigen Lippen, ihren
offenen Mündern zusahen, aber doch auch wieder nicht zusahen, denn manchmal
irrte ihr Blick ab und blieb, ehe er zurückkehrte, an irgendeinem
gleichgültigen Gegenstande haften, und dann zeigte K. auch auf die Gehilfen,
die einander umfaßt hielten, Wange an Wange lehnten und lächelten, man wußte
nicht, ob demütig oder spöttisch, er zeigte ihm diese alle, so, als stellte er
ein ihm durch besondere Umstände aufgezwungenes Gefolge vor und erwartete -
darin lag Vertraulichkeit, auf die kam es K. an -, daß Barnabas ständig
unterscheiden werde zwischen ihm und ihnen. Aber Barnabas nahm - in aller
Unschuld freilich, das war zu erkennen - die Frage gar nicht auf, ließ sie über
sich ergehen, wie ein wohlerzogener Diener ein für ihn nur scheinbar bestimmtes
Wort des Herrn, blickte nur im Sinne der Frage umher, begrüßte durch Handwinken
Bekannte unter den Bauern und tauschte mit den Gehilfen ein paar Worte aus, das
alles frei und selbständig, ohne sich mit ihnen zu vermischen. K. kehrte -
abgewiesen, aber nicht beschämt - zu dem Brief in seiner Hand zurück und
öffnete ihn. Sein Wortlaut war: »Sehr geehrter Herr! Sie sind, wie Sie wissen,
in die herrschaftlichen Dienste aufgenommen. Ihr nächster Vorgesetzter ist der
Gemeindevorsteher des Dorfes, der Ihnen auch alles Nähere über Ihre Arbeit und
die Lohnbedingungen mitteilen wird und dem Sie auch Rechenschaft schuldig sein
werden. Trotzdem werde aber auch ich Sie nicht aus den Augen verlieren.
Barnabas, der Überbringer dieses Briefes, wird von Zeit zu Zeit bei Ihnen
nachfragen, um Ihre Wünsche zu erfahren und mir mitzuteilen. Sie werden mich
immer bereit finden, Ihnen, soweit es möglich ist, gefällig zu sein. Es liegt
mir daran, zufriedene Arbeiter zu haben.« Die Unterschrift war nicht leserlich,
beigedruckt aber war ihr: Der Vorstand der X. Kanzlei. »Warte!« sagte K. zu dem
sich verbeugenden Barnabas, dann rief er den Wirt, daß er ihm ein Zimmer zeige,
er wollte mit dem Brief eine Zeitlang allein sein. Dabei erinnerte er sich
daran, daß Barnabas bei aller Zuneigung, die er für ihn hatte, doch nichts
anderes als ein Bote war, und ließ ihm Bier geben. Er gab acht, wie er es
annehmen würde, er nahm es offenbar sehr gern an und trank sogleich. Dann ging
K. mit dem Wirt. In dem Häuschen hatte man für K. nichts als ein kleines
Dachzimmer bereitstellen können, und selbst das hatte Schwierigkeiten gemacht,
denn man hatte zwei Mägde, die bisher dort geschlafen hatten, anderswo
unterbringen müssen. Eigentlich hatte man nichts anderes getan, als die Mägde
weggeschafft, das Zimmer war sonst wohl unverändert, keine Bettwäsche zu dem
einzigen Bett, nur ein paar Polster und eine Pferdedecke in dem Zustand, wie
alles nach der letzten Nacht zurückgeblieben war. An der Wand ein paar
Heiligenbilder und Fotografien von Soldaten. Nicht einmal gelüftet war worden,
offenbar hoffte man, der neue Gast werde nicht lange bleiben, und tat nichts
dazu, ihn zu halten. K. war aber mit allem einverstanden, wickelte sich in die
Decke, setzte sich an den Tisch und begann bei einer Kerze, den Brief nochmals
zu lesen.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










Er war nicht einheitlich, es gab Stellen, wo mit ihm wie mit einem Freien
gesprochen wurde, dessen eigenen Willen man anerkennt, so war die Überschrift,
so war die Stelle, die seine Wünsche betraf. Es gab aber wieder Stellen, wo er
offen oder versteckt als ein kleiner, vom Sitz jenes Vorstandes kaum
bemerkbarer Arbeiter behandelt wurde, der Vorstand mußte sich anstrengen, »ihn
nicht aus den Augen zu verlieren«, sein Vorgesetzter war nur der Dorfvorsteher,
dem er sogar Rechenschaft schuldig war, sein einziger Kollege war vielleicht
der Dorfpolizist. Das waren zweifellos Widersprüche, sie waren so sichtbar, daß
sie beabsichtigt sein mußten. Den einer solchen Behörde gegenüber wahnwitzigen
Gedanken, daß hier Unentschlossenheit mitgewirkt habe, streifte K. kaum.
Vielmehr sah er darin eine ihm offen dargebotene Wahl, es war ihm überlassen,
was er aus den Anordnungen des Briefes machen wollte, ob er Dorfarbeiter mit
einer immerhin auszeichnenden, aber nur scheinbaren Verbindung mit dem Schloß
sein wolle oder aber scheinbarer Dorfarbeiter, der in Wirklichkeit sein ganzes
Arbeitsverhältnis von den Nachrichten des Barnabas bestimmen ließ. K. zögerte
nicht zu wählen, hätte auch ohne die Erfahrungen, die er schon gemacht hatte,
nicht gezögert. Nur als Dorfarbeiter, möglichst weit den Herren vom Schloß
entrückt, war er imstande, etwas im Schloß zu erreichen, diese Leute im Dorfe,
die noch so mißtrauisch gegen ihn waren, würden zu sprechen anfangen, wenn er,
wo nicht ihr Freund, so doch ihr Mitbürger geworden war, und war er einmal
ununterscheidbar von Gerstäcker oder Lasemann - und sehr schnell mußte das
geschehen, davon hing alles ab -, dann erschlossen sich ihm gewiß mit einem
Schlag alle Wege, die ihm, wenn es nur auf die Herren oben und ihre Gnade
angekommen wäre, für immer nicht nur versperrt, sondern unsichtbar geblieben
wären. Freilich, eine Gefahr bestand, und sie war in dem Brief genug betont,
mit einer gewissen Freude war sie dargestellt, als sei sie unentrinnbar. Es war
das Arbeitersein. Dienst, Vorgesetzter, Arbeit, Lohnbestimmungen, Rechenschaft,
Arbeiter, davon wimmelte der Brief, und selbst, wenn anderes, Persönlicheres
gesagt war, war es von jenem Gesichtspunkt aus gesagt. Wollte K. Arbeiter
werden, so konnte er es werden, aber dann in allem furchtbaren Ernst, ohne
jeden Ausblick anderswohin. K. wußte, daß nicht mit wirklichem Zwang gedroht
war, den fürchtete er nicht und hier am wenigsten, aber die Gewalt der
entmutigenden Umgebung, der Gewöhnung an Enttäuschungen, die Gewalt der
unmerklichen Einflüsse jedes Augenblicks, die fürchtete er allerdings, aber mit
dieser Gefahr mußte er den Kampf wagen. Der Brief verschwieg ja auch nicht, daß
K., wenn es zu Kämpfen kommen sollte, die Verwegenheit gehabt hatte, zu
beginnen; es war mit Feinheit gesagt, und nur ein unruhiges Gewissen - ein
unruhiges, kein schlechtes - konnte es merken, es waren die drei Worte »wie Sie
wissen« hinsichtlich seiner Aufnahme in den Dienst. K. hatte sich gemeldet, und
seither wußte er, wie sich der Brief ausdrückte, daß er aufgenommen war.
K. nahm ein Bild von der Wand und hing den Brief an den Nagel; in diesem Zimmer
würde er wohnen, hier sollte der Brief hängen.
Dann stieg er in die Wirtsstube hinunter. Barnabas saß mit den Gehilfen bei
einem Tischchen. »Ach, da bist du«, sagte K. ohne Anlaß, nur weil er froh war,
Barnabas zu sehen. Er sprang gleich auf. Kaum war K. eingetreten, erhoben sich
die Bauern, um sich ihm zu nähern, es war schon ihre Gewohnheit geworden, ihm
immer nachzulaufen. »Was wollt ihr denn immerfort von mir?« rief K. Sie nahmen
es nicht übel und drehten sich langsam zu ihren Plätzen zurück. Einer sagte im
Abgehen zur Erklärung, leichthin, mit einem undeutbaren Lächeln, das einige
andere aufnahmen: »Man hört immer etwas Neues«, und er leckte sich die Lippen,
als sei das Neue eine Speise. K. sagte nichts Versöhnliches, es war gut, wenn
sie ein wenig Respekt vor ihm bekamen, aber kaum saß er bei Barnabas, spürte er
schon den Atem eines Bauern im Nacken; er kam, wie er sagte, das Salzfaß zu
holen, aber K. stampfte vor Ärger auf, der Bauer lief denn auch ohne Salzfaß
weg. Es war wirklich leicht, K. beizukommen, man mußte zum Beispiel nur die
Bauern gegen ihn hetzen, ihre hartnäckige Teilnahme schien ihm böser als die
Verschlossenheit der anderen, und außerdem war es auch Verschlossenheit, denn
hätte K. sich zu ihrem Tisch gesetzt, wären sie gewiß dort nicht
sitzengeblieben. Nur die Gegenwart des Barnabas hielt ihn ab, Lärm zu machen.
Aber er drehte sich doch noch drohend nach ihnen um, auch sie waren ihm
zugekehrt. Wie er sie aber so dasitzen sah, jeden auf seinem Platz, ohne sich
miteinander zu besprechen, ohne sichtbare Verbindung untereinander, nur dadurch
miteinander verbunden, daß sie alle auf ihn starrten, schien es ihm, als sei es
gar nicht Bosheit, was sie ihn verfolgen ließ; vielleicht wollten sie wirklich
etwas von ihm und konnten es nur nicht sagen, und war es nicht das, dann war es
vielleicht nur Kindlichkeit, die hier zu Hause zu sein schien; war nicht auch
der Wirt kindlich, der ein Glas Bier, das er irgendeinem Gast bringen sollte,
mit beiden Händen hielt, stillstand, nach K. sah und einen Zuruf der Wirtin
überhörte, die sich aus dem Küchenfensterchen vorgebeugt hatte?
Ruhiger wandte sich K. an Barnabas, die Gehilfen hätte er gern entfernt, fand
aber keinen Vorwand. Übrigens blickten sie still auf ihr Bier. »Den Brief«,
begann K., »habe ich gelesen. Kennst du den Inhalt?« - »Nein«, sagte Barnabas,
sein Blick schien mehr zu sagen als seine Worte. Vielleicht täuschte sich K.
hier im Guten, wie bei den Bauern im Bösen, als das Wohltuende seiner Gegenwart
blieb. »Es ist auch von dir in dem Brief die Rede, du sollst nämlich hie und da
Nachrichten zwischen mir und dem Vorstand vermitteln, deshalb hatte ich
gedacht, daß du den Inhalt kennst.« - »Ich bekam«, sagte Barnabas, »nur den
Auftrag, den Brief zu übergeben, zu warten, bis er gelesen ist und, wenn es dir
nötig scheint, eine mündliche oder schriftliche Antwort zurückzubringen.« -
»Gut«, sagte K., »es bedarf keines Schreibens, richte dem Herrn Vorstand - wie
heißt er denn? Ich konnte die Unterschrift nicht lesen.« »Klamm«, sagte
Barnabas. »Richte also Herrn Klamm meinen Dank für die Aufnahme aus wie auch
für seine besondere Freundlichkeit, die ich als einer, der sich hier noch gar
nicht bewährt hat, zu schätzen weiß. Ich werde mich vollständig nach seinen
Absichten verhalten. Besondere Wünsche habe ich heute nicht.« Barnabas, der
genau aufgemerkt hatte, bat, den Auftrag vor K. wiederholen zu dürfen. K.
erlaubte es, Barnabas wiederholte alles wortgetreu. Dann stand er auf, um sich
zu verabschieden.
Die ganze Zeit über hatte K. sein Gesicht geprüft, nun tat er es zum
letztenmal. Barnabas war etwa so groß wie K., trotzdem schien sein Blick sich
zu K. zu senken, aber fast demütig geschah das, es war unmöglich, daß dieser
Mann jemanden beschämte. Freilich, er war nur ein Bote, kannte nicht den Inhalt
der Briefe, die er auszutragen hatte, aber auch sein Blick, sein Lächeln, sein
Gang schien eine Botschaft zu sein, mochte er auch von dieser nichts wissen.
Und K. reichte ihm die Hand, was ihn offenbar überraschte, denn er hatte sich
nur verneigen wollen.
Gleich, als er gegangen war - vor dem Öffnen der Türe hatte er noch ein wenig
mit der Schulter an der Tür gelehnt und mit einem Blick, der keinem einzelnen
mehr galt, die Stube umfaßt -, sagte K. zu den Gehilfen: »Ich hole aus dem
Zimmer meine Aufzeichnungen, dann besprechen wir die nächste Arbeit.« Sie
wollten mitgehen. »Bleibt!« sagte K. Sie wollten noch immer mitgehen. Noch
strenger mußte K. den Befehl wiederholen. Im Flur war Barnabas nicht mehr. Aber
er war doch eben jetzt weggegangen.
Doch auch vor dem Haus - neuer Schnee fiel - sah K. ihn nicht. Er rief:
»Barnabas!« Keine Antwort. Sollte er noch im Haus sein? Es schien keine andere
Möglichkeit zu geben. Trotzdem schrie K. noch aus aller Kraft den Namen. Der
Name donnerte durch die Nacht. Und aus der Ferne kam nun doch eine schwache
Antwort. So weit war also Barnabas schon. K. rief ihn zurück und ging ihm
gleichzeitig entgegen; wo sie einander trafen, waren sie vom Wirtshaus nicht
mehr zu sehen.
»Barnabas«, sagte K. und konnte ein Zittern seiner Stimme nicht bezwingen, »ich
wollte dir noch etwas sagen. Ich merke dabei, daß es doch recht schlecht
eingerichtet ist, daß ich nur auf dein zufälliges Kommen angewiesen bin, wenn
ich etwas aus dem Schloß brauche. Wenn ich dich jetzt nicht zufällig noch
erreicht hätte - wie du fliegst, ich dachte du wärest noch im Haus -, wer weiß,
wie lange ich auf dein nächstes Erscheinen hätte warten müssen.« »Du kannst
ja«, sagte Barnabas, »den Vorstand bitten, daß ich immer zu bestimmten, von dir
angegebenen Zeiten komme.« - »Auch das würde nicht genügen«, sagte K.,
»vielleicht will ich ein Jahr lang gar nichts sagen lassen, aber gerade eine
Viertelstunde nach deinem Weggehen etwas Unaufschiebbares.« - »Soll ich also«,
sagte Barnabas, »dem Vorstand melden, daß zwischen ihm und dir eine andere
Verbindung hergestellt werden soll als durch mich?« - »Nein, nein«, sagte K.,
»ganz und gar nicht, ich erwähnte diese Sache nur nebenbei, diesmal habe ich
dich ja noch glücklich erreicht.« - »Wollen wir«, sagte Barnabas, »ins
Wirtshaus zurückgehen, damit du mir dort den neuen Auftrag geben kannst?« Schon
hatte er einen Schritt weiter zum Haus hin gemacht. »Barnabas«, sagte K., »es
ist nicht nötig, ich gehe ein Stückchen Wegs mit dir.« - »Warum willst du nicht
ins Wirtshaus gehen?« fragte Barnabas. »Die Leute stören mich dort«, sagte K.,
»die Zudringlichkeit der Bauern hast du selbst gesehen.« - »Wir können in dein
Zimmer gehen«, sagte Barnabas. »Es ist das Zimmer der Mägde«, sagte K.,
»schmutzig und dumpf; um dort nicht bleiben zu müssen, wollte ich ein wenig mit
dir gehen; du mußt nur«, fügte K. hinzu, um sein Zögern endgültig zu
überwinden, »mich in dich einhängen lassen, denn du gehst sicherer.« Und K.
hing sich an seinen Arm. Es war ganz finster, sein Gesicht sah K. gar nicht,
seine Gestalt undeutlich, den Arm hatte er, schon ein Weilchen vorher, zu
ertasten gesucht.
Barnabas gab nach, sie entfernten sich vom Wirtshaus. Freilich fühlte K., daß
er trotz größter Anstrengung gleichen Schritt mit Barnabas zu halten nicht
imstande war, seine freie Bewegung hinderte, und daß unter gewöhnlichen
Umständen schon an dieser Nebensächlichkeit alles scheitern müsse, gar in
Seitengassen wie jener, wo K. am Vormittag im Schnee versunken war und aus der
er nur von Barnabas getragen herauskommen konnte. Doch hielt er solche
Besorgnisse jetzt von sich fern, auch tröstete es ihn, daß Barnabas schwieg;
wenn sie schweigend gingen, dann konnte doch auch für Barnabas nur das
Weitergehen selbst den Zweck ihres Beisammenseins bilden.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










Sie gingen, aber K. wußte nicht, wohin; nichts konnte er erkennen. Nicht
einmal, ob sie schon an der Kirche vorübergekommen waren, wußte er. Durch die
Mühe, welche ihm das bloße Gehen verursachte, geschah es, daß er seine Gedanken
nicht beherrschen konnte. Statt auf das Ziel gerichtet zu bleiben, verwirrten
sie sich. Immer wieder tauchte die Heimat auf, und Erinnerungen an sie
erfüllten ihn. Auch dort stand auf dem Hauptplatz eine Kirche, zum Teil war sie
von einem alten Friedhof und dieser von einer hohen Mauer umgeben. Nur sehr
wenige Jungen hatten diese Mauer erklettert, auch K. war es noch nicht
gelungen. Nicht Neugier trieb sie dazu, der Friedhof hatte vor ihnen kein
Geheimnis mehr. Durch seine kleine Gittertür waren sie schon oft
hineingekommen, nur die glatte, hohe Mauer wollten sie bezwingen. An einem
Vormittag - der stille, leere Platz war von Licht überflutet, wann hatte K. ihn
je früher oder später so gesehen? - gelang es ihm überraschend leicht; an einer
Stelle, wo er schon oft abgewiesen worden war, erkletterte er, eine kleine
Fahne zwischen den Zähnen, die Mauer im ersten Anlauf. Noch rieselte Gerölle
unter ihm ab, schon war er oben. Er rammte die Fahne ein, der Wind spannte das
Tuch, er blickte hinunter und in die Runde, auch über die Schulter hinweg, auf
die in der Erde versinkenden Kreuze; niemand war jetzt und hier größer als er.
Zufällig kam dann der Lehrer vorüber, trieb K. mit einem ärgerlichen Blick
hinab. Beim Absprung verletzte sich K. am Knie, nur mit Mühe kam er nach Hause,
aber auf der Mauer war er doch gewesen. Das Gefühl dieses Sieges schien ihm
damals für ein langes Leben einen Halt zu geben, was nicht ganz töricht gewesen
war, denn jetzt, nach vielen Jahren in der Schneenacht am Arm des Barnabas, kam
es ihm zu Hilfe.
Er hing sich fester ein, fast zog ihn Barnabas, das Schweigen wurde nicht
unterbrochen. Von dem Weg wußte K. nur, daß sie, nach dem Zustand der Straße zu
schließen, noch in keine Seitengasse eingebogen waren. Er gelobte sich, durch
keine Schwierigkeit des Weges oder gar durch die Sorge um den Rückweg sich vom
Weitergehen abhalten zu lassen. Um schließlich weitergeschleift werden zu
können, würde seine Kraft wohl noch ausreichen. Und konnte denn der Weg
unendlich sein? Bei Tag war das Schloß wie ein leichtes Ziel vor ihm gelegen,
und der Bote kannte gewiß den kürzesten Weg.
Da blieb Barnabas stehen. Wo waren sie? Ging es nicht mehr weiter? Würde
Barnabas K. verabschieden? Es würde ihm nicht gelingen. K. hielt Barnabas' Arm
fest, daß es ihn fast selbst schmerzte. Oder sollte das Unglaubliche geschehen
sein, und sie waren schon im Schloß oder vor seinen Toren? Aber sie waren ja,
soweit K. wußte, gar nicht gestiegen. Oder hatte ihn Barnabas einen so
unmerklich ansteigenden Weg geführt? »Wo sind wir?« fragte K. leise, mehr sich
als ihn. »Zu Hause«, sagte Barnabas ebenso. »Zu Hause?« - »Jetzt aber gib acht,
Herr, daß du nicht ausgleitest. Der Weg geht abwärts.« - »Abwärts?« - »Es sind
nur ein paar Schritte«, fügte er hinzu, und schon klopfte er an eine Tür.
Ein Mädchen öffnete; sie standen an der Schwelle einer großen Stube fast im
Finstern, denn nur über einem Tisch links im Hintergrunde hing eine winzige
Öllampe. »Wer kommt mit dir, Barnabas?« fragte das Mädchen. »Der
Landvermesser«, sagte er. »Der Landvermesser«, wiederholte das Mädchen lauter
zum Tisch hin. Daraufhin erhoben sich dort zwei alte Leute, Mann und Frau, und
noch ein Mädchen. Man begrüßte K. Barnabas stellte ihm alle vor, es waren seine
Eltern und seine Schwestern Olga und Amalia. K. sah sie kaum an, man nahm ihm
den nassen Rock ab, um ihn beim Ofen zu trocknen. K. ließ es geschehen.
Also nicht sie waren zu Hause, nur Barnabas war zu Hause. Aber warum waren sie
hier? K. nahm Barnabas zur Seite und fragte: »Warum bist du nach Hause
gegangen? Oder wohnt ihr schon im Bereich des Schlosses?« - »Im Bereich des
Schlosses?« wiederholte Barnabas, als verstehe er K. nicht. »Barnabas«, sagte
K., »du wolltest doch aus dem Wirtshaus ins Schloß gehen.« - »Nein, Herr«,
sagte Barnabas, »Ich wollte nach Hause gehen; ich gehe erst früh ins Schloß,
ich schlafe niemals dort.« - »So«, sagte K., »du wolltest nicht ins Schloß
gehen, nur hierher.« - Matter schien ihm sein Lächeln, unscheinbarer er selbst.
- »Warum hast du mir das nicht gesagt?« - »Du hast mich nicht gefragt, Herr«,
sagte Barnabas, »du wolltest mir nur noch einen Auftrag geben, aber weder in
der Wirtsstube noch in deinem Zimmer, da dachte ich, du könntest mir den
Auftrag ungestört hier bei meinen Eltern geben. Sie werden sich alle gleich
entfernen, wenn du es befiehlst; auch könntest du, wenn es dir bei uns besser
gefällt, hier übernachten. Habe ich nicht recht getan?« K. konnte nicht
antworten. Ein Mißverständnis war es also gewesen, ein gemeines, niedriges
Mißverständnis, und K. hatte sich ihm ganz hingegeben. Hatte sich bezaubern
lassen von des Barnabas enger, seidenglänzender Jacke, die dieser jetzt
aufknöpfte und unter der ein grobes, grauschmutziges, viel geflicktes Hemd
erschien über der mächtigen, kantigen Brust eines Knechtes. Und alles ringsum
entsprach dem nicht nur, überbot es noch, der alte, gichtische Vater, der mehr
mit Hilfe der tastenden Hände als der sich langsam schiebenden, steifen Beine
vorwärts kam, die Mutter mit auf der Brust gefalteten Händen, die wegen ihrer
Fülle auch nur die winzigsten Schritte machen konnte. Beide, Vater und Mutter,
gingen schon, seitdem K. eingetreten war, aus ihrer Ecke auf ihn zu und hatten
ihn noch lange nicht erreicht. Die Schwestern, Blondinen, einander und dem
Barnabas ähnlich, aber mit härteren Zügen als Barnabas, große, starke Mägde,
umstanden die Ankömmlinge und erwarteten von K. irgendein Begrüßungswort. Er
konnte aber nichts sagen; er hatte geglaubt, hier im Dorf habe jeder für ihn
Bedeutung, und es war wohl auch so, nur gerade diese Leute hier bekümmerten ihn
gar nicht. Wäre er imstande gewesen, allein den Weg ins Wirtshaus zu
bewältigen, er wäre gleich fortgegangen. Die Möglichkeit, früh mit Barnabas ins
Schloß zu gehen, lockte ihn gar nicht. Jetzt in der Nacht, unbeachtet, hätte er
ins Schloß dringen wollen, von Barnabas geführt, aber von jenem Barnabas, wie
er ihm bisher erschienen war, einem Mann, der ihm näher war als alle, die er
bisher hier gesehen hatte, und von dem er gleichzeitig geglaubt hatte, daß er
weit über seinen sichtbaren Rang hinaus eng mit dem Schloß verbunden war. Mit
dem Sohn dieser Familie aber, zu der er völlig gehörte und mit der er schon
beim Tisch saß, mit einem Mann, der bezeichnenderweise nicht einmal im Schloß
schlafen durfte, an seinem Arm am hellen Tag ins Schloß zu gehen, war
unmöglich, war ein lächerlich hoffnungsloser Versuch.
K. setzte sich auf eine Fensterbank, entschlossen, dort auch die Nacht zu
verbringen und keinen Dienst sonst von der Familie in Anspruch zu nehmen. Die
Leute aus dem Dorf, die ihn wegschickten oder die vor ihm Angst hatten,
schienen ihm ungefährlicher, denn sie verwiesen ihn im Grund auf ihn selbst,
halfen ihm, seine Kräfte gesammelt zu halten; solche scheinbare Helfer aber,
die ihn, statt ins Schloß, dank einer kleinen Maskerade, in ihre Familien
führten, lenkten ihn ab, ob sie nun wollten oder nicht, arbeiteten an der
Zerstörung seiner Kräfte. Einen einladenden Zuruf vom Familientisch beachtete
er gar nicht, mit gesenktem Kopf blieb er auf seiner Bank.
Da stand Olga auf, die sanftere der Schwestern, auch eine Spur mädchenhafter
Verlegenheit zeigte sie, kam zu K. und bat ihn, zum Tisch zu kommen. Brot und
Speck sei dort vorbereitet, Bier werde sie noch holen. »Von wo?« fragte K. »Aus
dem Wirtshaus«, sagte sie. Das war K. sehr willkommen. Er bat sie, kein Bier zu
holen, aber ihn ins Wirtshaus zu begleiten, er habe dort noch wichtige Arbeiten
liegen. Es stellte sich nun aber heraus, daß sie nicht so weit, nicht in sein
Wirtshaus gehen wollte, sondern in ein anderes, viel näheres, den Herrenhof.
Trotzdem bat K., sie begleiten zu dürfen, vielleicht, so dachte er, findet sich
dort eine Schlafgelegenheit; wie sie auch sein mochte, er hätte sie dem besten
Bett hier im Hause vorgezogen. Olga antwortete nicht gleich, blickte sich nach
dem Tisch um. Dort war der Bruder aufgestanden, nickte bereitwillig und sagte:
»Wenn der Herr es wünscht.« Fast hätte K. diese Zustimmung dazu bewegen können,
seine Bitte zurückzuziehen, nur Wertlosem konnte jener zustimmen. Aber als nun
die Frage besprochen wurde, ob man K. in das Wirtshaus einlassen werde, und
alle daran zweifelten, bestand er doch dringend darauf, mitzugehen, ohne sich
aber die Mühe zu nehmen, einen verständlichen Grund für seine Bitte zu
erfinden; diese Familie mußte ihn hinnehmen, wie er war, er hatte gewissermaßen
kein Schamgefühl vor ihr. Darin beirrte ihn nur Amalia ein wenig mit ihrem
ernsten, geraden, unrührbaren, vielleicht auch etwas stumpfen Blick.
Auf dem kurzen Weg ins Wirtshaus - K. hatte sich in Olga eingehängt und wurde
von ihr, er konnte sich nicht anders helfen, fast so gezogen wie früher von
ihrem Bruder - erfuhr er, daß dieses Wirtshaus eigentlich nur für Herren aus
dem Schloß bestimmt sei, die dort, wenn sie etwas im Dorf zu tun hätten, äßen
und sogar manchmal übernachteten. Olga sprach mit K. leise und wie vertraut, es
war angenehm, mit ihr zu gehen, fast so wie mit dem Bruder. K. wehrte sich
gegen das Wohlgefühl, aber es bestand.
Das Wirtshaus war äußerlich sehr ähnlich dem Wirtshaus, in dem K. wohnte. Es
gab im Dorf wohl überhaupt keine großen äußeren Unterschiede, aber kleine
Unterschiede waren doch gleich zu merken, die Vortreppe hatte ein Geländer,
eine schöne Laterne war über der Tür befestigt. Als sie eintraten, flatterte
ein Tuch über ihren Köpfen, es war eine Fahne mit den gräflichen Farben. Im
Flur begegnete ihnen gleich, offenbar auf einem beaufsichtigenden Rundgang
befindlich, der Wirt; mit kleinen Augen, prüfend oder schläfrig, sah er K. im
Vorübergehen an und sagte: »Der Herr Landvermesser darf nur bis in den
Ausschank gehen.« »Gewiß«, sagte Olga, die sich K.s gleich annahm, »er
begleitet mich nur.« K. aber, undankbar, machte sich von Olga los und nahm den
Wirt beiseite. Olga wartete unterdessen geduldig am Ende des Flurs. »Ich möchte
hier gerne übernachten«, sagte K. »Das ist leider unmöglich«, sagte der Wirt.
»Sie scheinen es noch nicht zu wissen. Das Haus ist ausschließlich für die
Herren vom Schloß bestimmt.« - »Das mag Vorschrift sein«, sagte K., »aber mich
irgendwo in einem Winkel schlafen zu lassen ist gewiß möglich.« - »Ich würde
Ihnen außerordentlich gern entgegenkommen«, sagte der Wirt, »aber auch
abgesehen von der Strenge der Vorschrift, über die Sie nach Art eines Fremden
sprechen, ist es auch deshalb undurchführbar, weil die Herren äußerst
empfindlich sind; ich bin überzeugt, daß sie unfähig sind, wenigstens
unvorbereitet, den Anblick eines Fremden zu ertragen; wenn ich Sie also hier
übernachten ließe und Sie durch einen Zufall - und die Zufälle sind immer auf
seiten der Herren - entdeckt würden, wäre nicht nur ich verloren, sondern auch
Sie selbst. Es klingt lächerlich, aber es ist wahr.« Dieser hohe, fest
zugeknöpfte Herr, der, die eine Hand gegen die Wand gestemmt, die andere in die
Hüfte, die Beine gekreuzt, ein wenig zu K. herabgeneigt, vertraulich zu ihm
sprach, schien kaum mehr zum Dorf zu gehören, wenn auch noch sein dunkles Kleid
nur bäuerisch festlich aussah. »Ich glaube Ihnen vollkommen«, sagte K., »und
auch die Bedeutung der Vorschrift unterschätze ich gar nicht, wenn ich mich
auch ungeschickt ausgedrückt habe. Nur auf eines will ich Sie noch aufmerksam
machen; ich habe im Schloß wertvolle Verbindungen und werde noch wertvollere
bekommen, sie sichern Sie gegen jede Gefahr, die durch mein Übernachten hier
entstehen könnte, und bürgen Ihnen dafür, daß ich imstande bin, für eine kleine
Gefälligkeit vollwertig zu danken.« - »Ich weiß«, sagte der Wirt und
wiederholte nochmals: »Das weiß ich.« Nun hätte K. sein Verlangen nachdrücklich
stellen können, aber gerade diese Antwort des Wirtes zerstreute ihn, deshalb
fragte er nur: »Übernachten heute viele Herren vom Schloß hier?« - »In dieser
Hinsicht ist es heute vorteilhaft«, sagte der Wirt gewissermaßen lockend. »Es
ist nur ein Herr geblieben.« Noch immer konnte K. nicht drängen, hoffte nun
auch schon, fast aufgenommen zu sein; so fragte er nur noch nach dem Namen des
Herrn. »Klamm«, sagte der Wirt nebenbei, während er sich nach seiner Frau
umdrehte, welche in sonderbar abgenutzten, veralteten, mit Rüschen und Falten
überladenen, aber feinen städtischen Kleidern herangerauscht kam. Sie wollte
den Wirt holen, der Herr Vorstand habe irgendeinen Wunsch. Ehe der Wirt aber
ging, wandte er sich noch an K., als habe nicht mehr er selbst, sondern K.
wegen des Übernachtens zu entscheiden. K. konnte aber nichts sagen, besonders
der Umstand, daß gerade sein Vorgesetzter hier war, verblüffte ihn. Ohne daß er
es sich selbst ganz erklären konnte, fühlte er sich Klamm gegenüber nicht so
frei wie sonst gegenüber dem Schloß; von ihm hier ertappt zu werden, wäre für
K. zwar kein Schrecken im Sinne des Wirtes, aber doch eine peinliche
Unzukömmlichkeit gewesen, so etwa, als würde er jemandem, dem er zu Dankbarkeit
verpflichtet war, leichtsinnig einen Schmerz bereiten; dabei bedrückte es ihn
schwer, zu sehen, daß sich in solcher Bedenklichkeit offenbar schon die
gefürchteten Folgen des Untergeordnetseins, des Arbeiterseins, zeigten und daß
er nicht einmal hier, wo sie deutlich auftraten, imstande war, sie
niederzukämpfen. So stand er, zerbiß sich die Lippen und sagte nichts. Noch
einmal, ehe der Wirt in einer Tür verschwand, sah er zu K. zurück. Dieser sah
ihm nach und ging nicht von der Stelle, bis Olga kam und ihn fortzog. »Was
wolltest du vom Wirt?« fragte Olga. »Ich wollte hier übernachten«, sagte K. »Du
wirst doch bei uns übernachten«, sagte Olga verwundert. »Ja, gewiß«, sagte K.
und überließ ihr die Deutung der Worte.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                         **** Das dritte Kapitel ****
Im Ausschank, einem großen, in der Mitte völlig leeren Zimmer, saßen an den
Wänden bei Fässern und auf ihnen einige Bauern, die aber anders aussahen als
die Leute in K.s Wirtshaus. Sie waren reinlicher und einheitlicher in
graugelblichen, groben Stoff gekleidet, die Jacken waren gebauscht, die Hosen
anliegend. Es waren kleine, auf den ersten Blick einander sehr ähnliche Männer
mit flachen, knochigen und doch rundwangigen Gesichtern. Alle waren ruhig und
bewegten sich kaum, nur mit den Blicken verfolgten sie die Eintretenden, aber
langsam und gleichgültig. Trotzdem übten sie, weil es so viele waren und weil
es so still war, eine gewisse Wirkung auf K. aus. Er nahm wieder Olgas Arm, um
damit den Leuten sein Hiersein zu erklären. In einer Ecke erhob sich ein Mann,
ein Bekannter Olgas, und wollte auf sie zugehen, aber K. drehte sie mit dem
eingehängten Arm in eine andere Richtung. Niemand außer ihr konnte es bemerken,
sie duldete es mit einem lächelnden Seitenblick.
Das Bier wurde von einem jungen Mädchen ausgeschenkt, das Frieda hieß. Ein
unscheinbares, kleines, blondes Mädchen mit traurigen Augen und mageren Wangen,
das aber durch ihren Blick überraschte, einen Blick von besonderer
Überlegenheit. Als dieser Blick auf K. fiel, schien es ihm, daß dieser Blick
schon K. betreffende Dinge erledigt hatte, von deren Vorhandensein er selbst
noch gar nicht wußte, von deren Vorhandensein aber der Blick ihn überzeugte. K.
hörte nicht auf, Frieda von der Seite anzusehen, auch als sie schon mit Olga
sprach. Freundinnen schienen Olga und Frieda nicht zu sein, sie wechselten nur
wenige kalte Worte. K. wollte nachhelfen und fragte deshalb unvermittelt:
»Kennen Sie Herrn Klamm?« Olga lachte auf. »Warum lachst du?« fragte K.
ärgerlich. »Ich lache doch nicht«, sagte sie, lachte aber weiter. »Olga ist
noch ein recht kindisches Mädchen«, sagte K. und beugte sich weit über den
Schreibtisch, um nochmals Friedas Blick fest auf sich zu ziehen. Sie aber hielt
ihn gesenkt und sagte leise: »Wollen Sie Herrn Klamm sehen?« K. bat darum. Sie
zeigte auf eine Tür, gleich links neben sich. »Hier ist ein kleines Guckloch,
hier können Sie durchsehen.« - »Und die Leute hier?« fragte K. Sie warf die
Unterlippe auf und zog K. mit einer ungemein weichen Hand zur Tür. Durch das
kleine Guckloch, das offenbar zu Beobachtungszwecken gebohrt worden war,
übersah er fast das gesamte Nebenzimmer.
An einem Schreibtisch in der Mitte des Zimmers, in einem bequemen
Rundlehnstuhl, saß, grell von einer vor ihm niederhängenden Glühlampe
beleuchtet, Herr Klamm. Ein mittelgroßer, dicker, schwerfälliger Herr. Das
Gesicht war noch glatt, aber die Wangen senkten sich doch schon mit dem Gewicht
des Alters ein wenig hinab. Der schwarze Schnurrbart war lang ausgezogen. Ein
schief aufgesetzter, spiegelnder Zwicker verdeckte die Augen. Wäre Herr Klamm
völlig beim Tisch gesessen, hätte K. nur sein Profil gesehen; da ihm aber Klamm
stark zugedreht war, sah er ihm voll ins Gesicht. Den linken Ellbogen hatte
Klamm auf dem Tisch liegen, die rechte Hand, in der er eine Virginia hielt,
ruhte auf dem Knie. Auf dem Tisch stand ein Bierglas; da die Randleiste des
Tisches hoch war, konnte K. nicht genau sehen, ob dort irgendwelche Schriften
lagen, es schien ihm aber, als wäre er leer. Der Sicherheit halber bat er
Frieda, durch das Loch zu schauen und ihm darüber Auskunft zu geben. Da sie
aber vor kurzem im Zimmer gewesen war, konnte sie K. ohne weiteres bestätigen,
daß dort keine Schriften lagen. K. fragte Frieda, ob er schon weggehen müsse,
sie aber sagte, er könne hindurchschauen, solange er Lust habe. K. war jetzt
mit Frieda allein, Olga hatte, wie er flüchtig feststellte, doch den Weg zu
ihrem Bekannten gefunden, saß hoch auf einem Faß und strampelte mit den Füßen.
»Frieda«, sagte K. flüsternd, »kennen Sie Herrn Klamm sehr gut?« - »Ach ja«,
sagte sie. »Sehr gut.« Sie lehnte neben K. und ordnete spielerisch, wie K.
jetzt erst auffiel, ihre leichte, ausgeschnittene, cremefarbige Bluse, die wie
fremd auf ihrem armen Körper lag. Dann sagte sie: »Erinnern Sie sich nicht an
Olgas Lachen?« - »Ja, die Unartige«, sagte K. »Nun«, sagte sie versöhnlich, »es
war Grund zum Lachen. Sie fragten, ob ich Klamm kenne, und ich bin doch« - hier
richtete sie sich unwillkürlich ein wenig auf, und wieder ging ihr sieghafter,
mit dem, was gesprochen wurde, gar nicht zusammenhängender Blick über K. hin -
, »ich bin doch seine Geliebte.« - »Klamms Geliebte«, sagte K. Sie nickte.
»Dann sind Sie«, sagte K. lächelnd, um nicht allzuviel Ernst zwischen ihnen
aufkommen zu lassen, »für mich eine respektable Person.« - »Nicht nur für Sie«,
sagte Frieda freundlich, aber ohne sein Lächeln aufzunehmen. K. hatte ein
Mittel gegen ihren Hochmut und wandte es an; er fragte: »Waren Sie schon im
Schloß?« Es verfing aber nicht, denn sie antwortete: »Nein, aber ist es nicht
genug, daß ich hier im Ausschank bin?« Ihr Ehrgeiz war offenbar toll, und
gerade an K., so schien es, wollte sie ihn sättigen. »Freilich«, sagte K.,
»hier im Ausschank, Sie verstehen ja die Arbeit des Wirtes.« - »So ist es«,
sagte sie, »und begonnen habe ich als Stallmagd im Wirtshaus ›Zur Brücke‹.« -
»Mit diesen zarten Händen?« sagte K. halb fragend, und wußte selbst nicht, ob
er nur schmeichelte oder auch wirklich von ihr bezwungen war. Ihre Hände
allerdings waren klein und zart; aber man hätte sie auch schwach und
nichtssagend nennen können. »Darauf hat damals niemand geachtet«, sagte sie,
»und selbst jetzt -« K. sah sie fragend an. Sie schüttelte den Kopf und wollte
nicht weiterreden. »Sie haben natürlich«, sagte K., »Ihre Geheimnisse, und Sie
werden über sie nicht mit jemandem reden, den Sie eine halbe Stunde lang kennen
und der noch keine Gelegenheit hatte, Ihnen zu erzählen, wie es sich eigentlich
mit ihm verhält.« Das war nun aber, wie sich zeigte, eine unpassende Bemerkung,
es war, als hätte er Frieda aus einem ihm günstigen Schlummer geweckt. Sie nahm
aus der Ledertasche, die sie am Gürtel hängen hatte, ein Hölzchen, verstopfte
damit das Guckloch, sagte zu K., sichtbar sich bezwingend, um ihn von der
Änderung ihrer Gesinnung nichts merken zu lassen: »Was Sie betrifft, so weiß
ich doch alles, Sie sind der Landvermesser«, fügte dann hinzu: »Nun muß ich
aber an die Arbeit«, und ging an ihren Platz hinter dem Ausschanktisch, während
sich von den Leuten hier und da einer erhob, um sein leeres Glas von ihr füllen
zu lassen. K. wollte noch einmal unauffällig mit ihr sprechen, nahm deshalb von
einem Ständer ein leeres Glas und ging zu ihr. »Nur eines noch, Fräulein
Frieda«, sagte er, »es ist außerordentlich und eine auserlesene Kraft ist dazu
nötig, sich von einer Stallmagd zum Ausschankmädchen vorzuarbeiten, ist damit
aber für einen solchen Menschen das endgültige Ziel erreicht? Unsinnige Frage.
Aus Ihren Augen, lachen Sie mich nicht aus, Fräulein Frieda, spricht nicht so
sehr der vergangene, als der zukünftige Kampf. Aber die Widerstände der Welt
sind groß, sie werden größer mit den größeren Zielen, und es ist keine Schande,
sich die Hilfe selbst eines kleinen, einflußlosen, aber ebenso kämpfenden
Mannes zu sichern. Vielleicht könnten wir einmal in Ruhe miteinander sprechen,
nicht von so vielen Augen angestarrt.« - »Ich weiß nicht, was Sie wollen«,
sagte sie, und in ihrem Ton schienen diesmal gegen ihren Willen nicht die Siege
ihres Lebens, sondern die unendlichen Enttäuschungen mitzuklingen. »Wollen Sie
mich vielleicht von Klamm abziehen? Du lieber Himmel!« und sie schlug die Hände
zusammen. »Sie haben mich durchschaut«, sagte K., wie ermüdet von soviel
Mißtrauen, »gerade das war meine geheimste Absicht. Sie sollten Klamm verlassen
und meine Geliebte werden. Und nun kann ich ja gehen. Olga!« rief K. »Wir gehen
nach Hause.« Folgsam glitt Olga vom Faß, kam aber nicht gleich von den sie
umringenden Freunden los. Da sagte Frieda leise, drohend K. anblickend: »Wann
kann ich mit Ihnen sprechen?« - »Kann ich hier übernachten?« fragte K. »Ja«,
sagte Frieda. »Kann ich gleich hierbleiben?« - »Gehen Sie mit Olga fort, damit
ich die Leute hier wegschaffen kann. In einem Weilchen können Sie dann kommen.«
- »Gut«, sagte K. und wartete ungeduldig auf Olga. Aber die Bauern ließen sie
nicht, sie hatten einen Tanz erfunden, dessen Mittelpunkt Olga war, im Reigen
tanzten sie herum, und immer bei einem gemeinsamen Schrei trat einer zu Olga,
faßte sie mit einer Hand fest um die Hüften und wirbelte sie einige Male herum,
der Reigen wurde immer schneller, die Schreie, hungrig, röchelnd, wurden
allmählich fast ein einziger. Olga, die früher den Kreis hatte lachend
durchbrechen wollen, taumelte nur noch mit aufgelöstem Haar von einem zum
anderen. »Solche Leute schickt man mir her«, sagte Frieda und biß im Zorn an
ihren dünnen Lippen. »Wer ist es?« fragte K. »Klamms Dienerschaft«, sagte
Frieda. »Immer wieder bringt er dieses Volk mit, dessen Gegenwart mich
zerrüttet. Ich weiß kaum, was ich heute mit Ihnen, Herr Landvermesser,
gesprochen habe; war es etwas Böses, verzeihen Sie es, die Gegenwart dieser
Leute ist schuld daran, sie sind das Verächtlichste und Widerlichste, was ich
kenne, und ihnen muß ich das Bier in die Gläser füllen. Wie oft habe ich Klamm
schon gebeten, sie zu Hause zu lassen; muß ich die Dienerschaft anderer Herren
schon ertragen, er könnte doch Rücksicht auf mich nehmen, aber alles Bitten ist
umsonst, eine Stunde vor seiner Ankunft stürmen sie immer schon herein, wie das
Vieh in den Stall. Aber nun sollen sie wirklich in den Stall, in den sie
gehören. Wären Sie nicht da, würde ich die Tür hier aufreißen, und Klamm selbst
müßte sie hinaustreiben.« - »Hört er sie denn nicht?« fragte K. »Nein«, sagte
Frieda. »Er schläft.« - »Wie!« rief K. »Er schläft? Als ich ins Zimmer gesehen
habe, war er doch noch wach und saß beim Tisch.« »So sitzt er noch immer«,
sagte Frieda, »auch als Sie ihn gesehen haben, hat er schon geschlafen. Hätte
ich Sie denn sonst hineinsehen lassen? Das war seine Schlafstellung, die Herren
schlafen sehr viel, das kann man kaum verstehen. Übrigens, wenn er nicht so
viel schliefe, wie könnte er diese Leute ertragen? Nun werde ich sie aber
selbst hinaustreiben müssen.« Sie nahm eine Peitsche aus der Ecke und sprang
mit einem einzigen hohen, nicht ganz sicheren Sprung, so wie etwa ein Lämmchen
springt, auf die Tanzenden zu. Zuerst wandten sie sich gegen sie, als sei eine
neue Tänzerin angekommen, und tatsächlich sah es einen Augenblick lang so aus,
als wolle Frieda die Peitsche fallen lassen, aber dann hob sie sie wieder. »Im
Namen Klamms«, rief sie, »in den Stall! Alle in den Stall!« Nun sahen sie, daß
es ernst war; in einer für K. unverständlichen Angst begannen sie, in den
Hintergrund zu drängen, unter dem Stoß der ersten ging dort eine Tür auf,
Nachtluft wehte herein, alle verschwanden mit Frieda, die sie offenbar über den
Hof in den Stall trieb.
In der nun plötzlich eingetretenen Stille aber hörte K. Schritte vom Flur. Um
sich irgendwie zu sichern, sprang er hinter das Ausschankpult, unter welchem
die einzige Möglichkeit sich zu verstecken war. Zwar war ihm der Aufenthalt im
Ausschank nicht verboten, aber da er hier übernachten wollte, mußte er
vermeiden, jetzt noch gesehen zu werden. Deshalb glitt er, als die Tür wirklich
geöffnet wurde, unter den Tisch. Dort entdeckt zu werden war freilich auch
nicht ungefährlich, immerhin war dann die Ausrede nicht unglaubwürdig, daß er
sich vor den wildgewordenen Bauern versteckt habe. Es war der Wirt. »Frieda!«
rief er und ging einige Male im Zimmer auf und ab.
Glücklicherweise kam Frieda bald und erwähnte K. nicht, klagte nur über die
Bauern und ging, in dem Bestreben K. zu suchen, hinter das Pult. Dort konnte K.
ihren Fuß berühren und fühlte sich von jetzt an sicher. Da Frieda K. nicht
erwähnte, mußte es der Wirt schließlich tun. »Und wo ist der Landvermesser?«
fragte er. Er war wohl überhaupt ein höflicher, durch den dauernden und
verhältnismäßig freien Verkehr mit weit Höhergestellten fein erzogener Mann,
aber mit Frieda sprach er in einer besonders achtungsvollen Art, das fiel vor
allem deshalb auf, weil er trotzdem im Gespräch nicht aufhörte, Arbeitgeber
gegenüber einer Angestellten zu sein, gegenüber einer recht kecken Angestellten
überdies. »Den Landvermesser habe ich ganz vergessen«, sagte Frieda und setzte
K. ihren kleinen Fuß auf die Brust. »Er ist wohl schon längst fortgegangen.«-
»Ich habe ihn aber nicht gesehen,« sagte der Wirt, »und war fast die ganze Zeit
über im Flur.« - »Hier ist er aber nicht«, sagte Frieda kühl. »Vielleicht hat
er sich versteckt«, sagte der Wirt, »nach dem Eindruck, den ich von ihm hatte,
ist ihm manches zuzutrauen.« - »Diese Kühnheit wird er doch wohl nicht haben,«
sagte Frieda und drückte stärker ihren Fuß auf K. Etwas Fröhliches, Freies war
in ihrem Wesen, was K. früher gar nicht bemerkt hatte, und es nahm ganz
unwahrscheinlich überhand, als sie plötzlich lachend mit den Worten:
»Vielleicht ist er hier unten versteckt«, sich zu K. hinabbeugte, ihn flüchtig
küßte und wieder aufsprang und betrübt sagte: »Nein, er ist nicht hier.« Aber
auch der Wirt gab Anlaß zum Erstaunen, als er nun sagte- »Es ist mir sehr
unangenehm, daß ich nicht mit Bestimmtheit weiß, ob er fortgegangen ist. Es
handelt sich nicht nur um Herrn Klamm, es handelt sich um die Vorschrift. Die
Vorschrift gilt aber für Sie, Fräulein Frieda, so wie für mich. Für den
Ausschank haften Sie, das übrige Haus werde ich noch durchsuchen. Gute Nacht!
Angenehme Ruhe!« Er konnte das Zimmer noch gar nicht verlassen haben, schon
hatte Frieda das elektrische Licht ausgedreht und war bei K. unter dem Pult.
»Mein Liebling! Mein süßer Liebling!« flüsterte sie, aber rührte K. gar nicht
an, wie ohnmächtig vor Liebe lag sie auf dem Rücken und breitete die Arme aus,
die Zeit war wohl unendlich vor ihrer glücklichen Liebe, sie seufzte mehr als
sang irgendein kleines Lied. Dann schrak sie auf, da K. still in Gedanken
blieb, und fing an, wie ein Kind ihn zu zerren: »Komm, hier unten erstickt man
ja!« Sie umfaßten einander, der kleine Körper brannte in K.s Händen, sie
rollten in einer Besinnungslosigkeit, aus der sich K. fortwährend, aber
vergeblich, zu retten suchte, ein paar Schritte weit, schlugen dumpf an Klamms
Tür und lagen dann in den kleinen Pfützen Biers und dem sonstigen Unrat, von
dem der Boden bedeckt war. Dort vergingen Stunden, Stunden gemeinsamen Atems,
gemeinsamen Herzschlags, Stunden, in denen K. immerfort das Gefühl hatte, er
verirre sich oder er sei so weit in der Fremde, wie vor ihm noch kein Mensch,
einer Fremde, in der selbst die Luft keinen Bestandteil der Heimatluft habe, in
der man vor Fremdheit ersticken müsse und in deren unsinnigen Verlockungen man
doch nichts tun könne als weiter gehen, weiter sich verirren. Und so war es
wenigstens zunächst für ihn kein Schrecken, sondern ein tröstliches Aufdämmern,
als aus Klamms Zimmer mit tiefer, befehlend-gleichgültiger Stimme nach Frieda
gerufen wurde. »Frieda«, sagte K. in Friedas Ohr und gab so den Ruf weiter. In
einem förmlich eingeborenen Gehorsam wollte Frieda aufspringen, aber dann
besann sie sich, wo sie war, streckte sich, lachte still und sagte: »Ich werde
doch nicht etwa gehen, niemals werde ich zu ihm gehen«. K. wollte
dagegensprechen, wollte sie drängen, zu Klamm zu gehen, begann die Reste ihrer
Bluse zusammenzusuchen, aber er konnte nichts sagen, allzu glücklich war er,
Frieda in seinen Händen zu halten, allzu ängstlich-glücklich auch, denn es
schien ihm, wenn Frieda ihn verlasse, verlasse ihn alles, was er habe. Und als
sei Frieda gestärkt durch K.s Zustimmung, ballte sie die Faust, klopfte mit ihr
an die Tür und rief: »Ich bin beim Landvermesser! Ich bin beim Landvermesser!«
Nun wurde Klamm allerdings still. Aber K. erhob sich, kniete neben Frieda und
blickte sich im trüben Vormorgenlicht um. Was war geschehen? Wo waren seine
Hoffnungen? Was konnte er nun von Frieda erwarten, da alles verraten war? Statt
vorsichtigst, entsprechend der Größe des Feindes und des Zieles,
vorwärtszugehen, hatte er sich hier eine Nacht lang in den Bierpfützen gewälzt,
deren Geruch jetzt betäubend war. »Was hast du getan?« sagte er vor sich hin.
»Wir beide sind verloren.« - »Nein,« sagte Frieda, »nur ich bin verloren, doch
ich habe dich gewonnen. Sei ruhig. Sieh aber, wie die zwei lachen.« - »Wer?«
fragte K. und wandte sich um. Auf dem Pult saßen seine beiden Gehilfen, ein
wenig übernächtig, aber fröhlich; es war die Fröhlichkeit, welche treue
Pflichterfüllung gibt. »Was wollt ihr hier?« schrie K., als seien sie an allem
schuld. Er suchte ringsherum die Peitsche, die Frieda abends gehabt hatte. »Wir
mußten dich doch suchen«, sagten die Gehilfen, »da du nicht herunter zu uns in
die Wirtsstube kamst; wir suchten dich dann bei Barnabas und fanden dich
endlich hier. Hier sitzen wir die ganze Nacht. Leicht ist ja der Dienst nicht.«
- »Ich brauche euch bei Tag, nicht in der Nacht«, sagte K., »fort mit euch.« -
»Jetzt ist es ja Tag«, sagten sie und rührten sich nicht. Es war wirklich Tag,
die Hoftüre wurde geöffnet, die Bauern mit Olga, die K. ganz vergessen hatte,
strömten herein. Olga war lebendig wie am Abend, so übel auch ihre Kleider und
Haare zugerichtet waren, schon in der Tür suchten ihre Augen K. »Warum bist du
nicht mit mir nach Hause gegangen?« sagte sie, fast unter Tränen. »Wegen eines
solchen Frauenzimmers!« sagte sie dann und wiederholte das einige Male. Frieda,
die für einen Augenblick verschwunden war, kam mit einem kleinen Wäschebündel
zurück. Olga trat traurig beiseite. »Nun können wir gehen«, sagte Frieda; es
war selbstverständlich, daß sie das Wirtshaus »Zur Brücke« meinte, in das sie
gehen sollten. K. mit Frieda, hinter ihnen die Gehilfen, das war der Zug. Die
Bauern zeigten viel Verachtung für Frieda, es war selbstverständlich, weil sie
sie bisher streng beherrscht hatte; einer nahm sogar einen Stock und tat so,
als wolle er sie nicht fortlassen, ehe sie über den Stock springe; aber ihr
Blick genügte, um ihn zu vertreiben. Draußen im Schnee atmete K. ein wenig auf.
Das Glück, im Freien zu sein, war so groß, daß es diesmal die Schwierigkeit des
Wegs erträglich machte; wäre K. allein gewesen, wäre er noch besser gegangen.
Im Wirtshaus ging er gleich in sein Zimmer und legte sich aufs Bett, Frieda
machte sich daneben auf dem Boden ein Lager zurecht. Die Gehilfen waren mit
eingedrungen, wurden vertrieben, kamen dann aber durchs Fenster wieder herein.
K. war zu müde, um sie nochmals zu vertreiben. Die Wirtin kam eigens herauf, um
Frieda zu begrüßen, wurde von Frieda »Mütterchen« genannt; es gab eine
unverständlich herzliche Begrüßung mit Küssen und langem Aneinanderdrücken.
Ruhe war in dem Zimmerchen überhaupt wenig, öfters kamen auch die Mägde in
ihren Männerstiefeln hereingepoltert, um irgend etwas zu bringen oder zu holen.
Brauchten sie etwas aus dem mit verschiedenen Dingen vollgestopften Bett, zogen
sie es rücksichtslos unter K. hervor. Frieda begrüßten sie als ihresgleichen.
Trotz dieser Unruhe blieb doch K. im Bett, den ganzen Tag und die ganze Nacht.
Kleine Handreichungen besorgte ihm Frieda. Als er am nächsten Morgen sehr
erfrischt endlich aufstand, war es schon der vierte Tag seines Aufenthalts im
Dorf.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                         **** Das vierte Kapitel ****
Er hätte gern mit Frieda vertraulich gesprochen, aber die Gehilfen, mit denen
übrigens Frieda hie und da auch scherzte und lachte, hinderten ihn daran durch
ihre bloße, aufdringliche Gegenwart. Anspruchsvoll waren sie allerdings nicht,
sie hatten sich in einer Ecke auf dem Boden auf zwei alten Frauenröcken
eingerichtet. Es war, wie sie mit Frieda besprachen, ihr Ehrgeiz, den Herrn
Landvermesser nicht zu stören und möglichst wenig Raum zu brauchen, sie machten
in dieser Hinsicht, immer freilich unter Lispeln und Kichern, verschiedene
Versuche, verschränkten Arme und Beine, kauerten sich gemeinsam zusammen, in
der Dämmerung sah man in ihrer Ecke nur ein großes Knäuel. Trotzdem aber wußte
man leider aus den Erfahrungen bei Tageslicht, daß es sehr aufmerksame
Beobachter waren, immer zu K. herüberstarrten, sei es auch, daß sie in
scheinbar kindlichem Spiel etwa ihre Hände als Fernrohre verwendeten und
ähnlichen Unsinn trieben oder auch nur herüberblinzelten und hauptsächlich mit
der Pflege ihrer Bärte beschäftigt schienen, an denen ihnen sehr viel gelegen
war und die sie unzähligemal der Länge und Fülle nach miteinander verglichen
und von Frieda beurteilen ließen.
Oft sah K. von seinem Bett aus dem Treiben der drei in völliger
Gleichgültigkeit zu.
Als er sich nun kräftig genug fühlte, das Bett zu verlassen, eilten alle
herbei, ihn zu bedienen. So kräftig, sich gegen ihre Dienste wehren zu können,
war er noch nicht, er merkte, daß er dadurch in eine gewisse Abhängigkeit von
ihnen geriet, die schlechte Folgen haben konnte, aber er mußte es geschehen
lassen. Es war auch gar nicht sehr unangenehm, bei Tisch den guten Kaffee zu
trinken, den Frieda geholt hatte, sich am Ofen zu wärmen, den Frieda geheizt
hatte, die Gehilfen in ihrem Eifer und Ungeschick die Treppen hinab- und
herauflaufen zu lassen, um Waschwasser, Seife, Kamm und Spiegel zu bringen und
schließlich, weil K. einen leisen, dahin deutbaren Wunsch ausgesprochen hatte,
auch ein Gläschen Rum.
Inmitten dieses Befehlens und Bedientwerdens sagte K., mehr aus behaglicher
Laune als in der Hoffnung auf einen Erfolg: »Geht nun weg, ihr zwei, ich
brauche vorläufig nichts mehr und will allein mit Fräulein Frieda sprechen.«
Und als er nicht gerade Widerstand auf ihren Gesichtern sah, sagte er noch, um
sie zu entschädigen: »Wir drei gehen dann zum Gemeindevorsteher, wartet unten
in der Stube auf mich.« Merkwürdigerweise folgten sie, nur daß sie vor dem
Weggehen noch sagten: »Wir könnten auch hier warten.« Und K. antwortete: »Ich
weiß es, aber ich will es nicht.«
Ärgerlich aber und in gewissem Sinne doch auch willkommen war es K., als
Frieda, die sich gleich nach dem Weggehen der Gehilfen auf seinen Schoß setzte,
sagte: »Was hast du, Liebling, gegen die Gehilfen? Vor ihnen müssen wir keine
Geheimnisse haben. Sie sind treu.« - »Ach, treu«, sagte K., »sie lauern mir
fortwährend auf, es ist sinnlos, aber abscheulich.« - »Ich glaube dich zu
verstehen«, sagte sie und hing sich an seinen Hals und wollte noch etwas sagen,
konnte aber nicht weitersprechen; und weil der Sessel gleich neben dem Bette
stand, schwankten sie hinüber und fielen hin. Dort lagen sie, aber nicht so
hingegeben wie damals in der Nacht. Sie suchte etwas, und er suchte etwas,
wütend, Grimassen schneidend, sich mit dem Kopf einbohrend in der Brust des
anderen, suchten sie, und ihre Umarmungen und ihre sich aufwerfenden Körper
machten sie nicht vergessen, sondern erinnerten sie an die Pflicht, zu suchen;
wie Hunde verzweifelt im Boden scharren, so scharrten sie an ihren Körpern; und
hilflos, enttäuscht, um noch letztes Glück zu holen, fuhren manchmal ihre
Zungen breit über des anderen Gesicht. Erst die Müdigkeit ließ sie still und
einander dankbar werden. Die Mägde kamen dann auch herauf. »Sieh, wie die hier
liegen«, sagte eine und warf aus Mitleid ein Tuch über sie.
Als sich später K. aus dem Tuch freimachte und umhersah, waren - das wunderte
ihn nicht - die Gehilfen wieder in ihrer Ecke, ermahnten, mit dem Finger auf K.
zeigend, einer den anderen zum Ernst und salutierten; aber außerdem saß dicht
beim Bett die Wirtin und strickte an einem Strumpf, eine kleine Arbeit, welche
wenig paßte zu ihrer riesigen, das Zimmer fast verdunkelnden Gestalt. »Ich
warte schon lange«, sagte sie und hob ihr breites, von vielen Altersfalten
durchzogenes, aber in seiner großen Masse doch noch glattes, vielleicht einmal
schönes Gesicht. Die Worte klangen wie ein Vorwurf, ein unpassender, denn K.
hatte ja nicht verlangt, daß sie komme. Er bestätigte daher nur durch
Kopfnicken ihre Worte und setzte sich aufrecht. Auch Frieda stand auf, verließ
aber K. und lehnte sich an den Sessel der Wirtin. »Könnte nicht, Frau Wirtin«,
sagte K. zerstreut, »das, was Sie mir sagen wollen, aufgeschoben werden, bis
ich vom Gemeindevorsteher zurückkomme. Ich habe eine wichtige Besprechung
dort.« »Diese ist wichtiger, glauben Sie mir, Herr Landvermesser«, sagte die
Wirtin, »dort handelt es sich wahrscheinlich nur um eine Arbeit, hier aber
handelt es sich um einen Menschen, um Frieda, meine liebe Magd.« - »Ach so«,
sagte K., »dann freilich; nur weiß ich nicht, warum man diese Angelegenheit
nicht uns beiden überläßt.« - »Aus Liebe, aus Sorge«, sagte die Wirtin und zog
Friedas Kopf, die stehend nur bis zur Schulter der sitzenden Wirtin reichte, an
sich. »Da Frieda zu Ihnen ein solches Vertrauen hat«, sagte K., »kann auch ich
nicht anders. Und da Frieda erst vor kurzem meine Gehilfen treu genannt hat, so
sind wir ja Freunde unter uns. Dann kann ich Ihnen also, Frau Wirtin, sagen,
daß ich es für das beste halten würde, wenn Frieda und ich heiraten, und zwar
sehr bald. Leider, leider werde ich Frieda dadurch nicht ersetzen können, was
sie durch mich verloren hat, die Stellung im Herrenhof und die Freundschaft
Klamms.« Frieda hob ihr Gesicht, ihre Augen waren voll Tränen, nichts von
Sieghaftigkeit war in ihnen. »Warum ich? Warum bin ich gerade dazu ausersehen?«
- »Wie?« fragten K. und die Wirtin gleichzeitig. »Sie ist verwirrt, das arme
Kind«, sagte die Wirtin, »verwirrt vom Zusammentreffen zu vielen Glücks und
Unglücks.« Und wie zur Bestätigung dieser Worte stürzte sich Frieda jetzt auf
K., küßte ihn wild, als sei niemand sonst im Zimmer, und fiel dann weinend,
immer noch ihn umarmend, vor ihm in die Knie. Während K. mit beiden Händen
Friedas Haar streichelte, fragte er die Wirtin: »Sie scheinen mir recht zu
geben?« »Sie sind ein Ehrenmann«, sagte die Wirtin, auch sie hatte Tränen in
der Stimme, sah ein wenig verfallen aus und atmete schwer; trotzdem fand sie
noch die Kraft, zu sagen: »Es werden jetzt nur gewisse Sicherungen zu bedenken
sein, die Sie Frieda geben müssen, denn wie groß auch nun meine Achtung vor
Ihnen ist, so sind Sie doch ein Fremder, können sich auf niemanden berufen,
Ihre häuslichen Verhältnisse sind hier unbekannt. Sicherungen sind also nötig,
das werden Sie einsehen, lieber Herr Landvermesser, haben Sie doch selbst
hervorgehoben, wieviel Frieda durch die Verbindung mit Ihnen immerhin auch
verliert.« - »Gewiß, Sicherungen, natürlich«, sagte K., »die werden am besten
wohl vor dem Notar gegeben werden, aber auch andere gräfliche Behörden werden
sich ja vielleicht noch einmischen. Übrigens habe auch ich noch vor der
Hochzeit unbedingt etwas zu erledigen. Ich muß mit Klamm sprechen.« - »Das ist
unmöglich«, sagte Frieda, erhob sich ein wenig und drückte sich an K., »was für
ein Gedanke!« - »Es muß sein«, sagte K. »Wenn es mir unmöglich ist, es zu
erwirken, mußt du es tun.« - »Ich kann nicht, K., ich kann nicht«, sagte
Frieda, »niemals wird Klamm mit dir reden. Wie kannst du nur glauben, daß Klamm
mit dir reden wird!« - »Und mit dir würde er reden?« fragte K. »Auch nicht«,
sagte Frieda, »nicht mit dir, nicht mit mir, es sind bare Unmöglichkeiten.« Sie
wandte sich an die Wirtin mit ausgebreiteten Armen: »Sehen Sie nur, Frau
Wirtin, was er verlangt.« »Sie sind eigentümlich, Herr Landvermesser«, sagte
die Wirtin und war erschreckend, wie sie jetzt aufrechter dasaß, die Beine
auseinandergestellt, die mächtigen Knie vorgetrieben durch den dünnen Rock.
»Sie verlangen Unmögliches.« - »Warum ist es unmöglich?« fragte K. »Das werde
ich Ihnen erklären«, sagte die Wirtin in einem Ton, als sei diese Erklärung
nicht etwa eine letzte Gefälligkeit, sondern schon die erste Strafe, die sie
austeilte, »das werde ich Ihnen gern erklären. Ich gehöre zwar nicht zum Schloß
und bin nur eine Frau und bin nur eine Wirtin, hier in einem Wirtshaus letzten
Ranges - es ist nicht letzten Ranges, aber nicht weit davon -, und so könnte es
sein, daß Sie meiner Erklärung nicht viel Bedeutung beilegen, aber ich habe in
meinem Leben die Augen offen gehabt und bin mit vielen Leuten zusammengekommen
und habe die ganze Last der Wirtschaft allein getragen, denn mein Mann ist zwar
ein guter Junge, aber ein Gastwirt ist er nicht, und was Verantwortlichkeit
ist, wird er nie begreifen. Sie zum Beispiel verdanken es doch nur seiner
Nachlässigkeit - ich war an dem Abend schon müde zum Zusammenbrechen -, daß Sie
hier im Dorf sind, daß Sie hier auf dem Bett in Frieden und Behagen sitzen.« -
»Wie?« fragte K., aus einer gewissen Zerstreutheit aufwachend, aufgeregt mehr
von der Neugierde als von Ärger. »Nur seiner Nachlässigkeit verdanken Sie es!«
rief die Wirtin nochmals, mit gegen K. ausgestrecktem Zeigefinger. Frieda
suchte sie zu beschwichtigen. »Was willst du«, sagte die Wirtin mit rascher
Wendung des ganzen Leibes. »Der Herr Landvermesser hat mich gefragt, und ich
muß ihm antworten. Wie soll er es denn sonst verstehen, was uns
selbstverständlich ist, daß Herr Klamm niemals mit ihm sprechen wird, was sage
ich ›wird‹, niemals mit ihm sprechen kann. Hören Sie, Herr Landvermesser! Herr
Klamm ist ein Herr aus dem Schloß, das bedeutet schon an und für sich, ganz
abgesehen von Klamms sonstiger Stellung, einen sehr hohen Rang. Was sind nun
aber Sie, um dessen Heiratseinwilligung wir uns hier so demütig bewerben! Sie
sind nicht aus dem Schloß, Sie sind nicht aus dem Dorfe, Sie sind nichts.
Leider aber sind Sie doch etwas, ein Fremder, einer, der überzählig und überall
im Weg ist, einer, wegen dessen man immerfort Scherereien hat, wegen dessen man
die Mägde ausquartieren muß, einer, dessen Absichten unbekannt sind, einer, der
unsere liebste kleine Frieda verführt hat und dem man sie leider zur Frau geben
muß. Wegen alles dessen mache ich Ihnen ja im Grunde keine Vorwürfe. Sie sind,
was Sie sind; ich habe in meinem Leben schon zuviel gesehen, als daß ich nicht
noch diesen Anblick ertragen sollte. Nun aber stellen Sie sich vor, was Sie
eigentlich verlangen. Ein Mann wie Klamm soll mit Ihnen sprechen! Mit Schmerz
habe ich gehört, daß Frieda Sie hat durchs Guckloch schauen lassen, schon als
sie das tat, war sie von Ihnen verführt. Sagen Sie doch, wie haben Sie
überhaupt Klamms Anblick ertragen? Sie müssen nicht antworten, ich weiß es, Sie
haben ihn sehr gut ertragen. Sie sind ja gar nicht imstande, Klamm wirklich zu
sehen, das ist nicht Überhebung meinerseits, denn ich selbst bin es auch nicht
imstande. Klamm soll mit Ihnen sprechen, aber er spricht doch nicht einmal mit
Leuten aus dem Dorf, noch niemals hat er selbst mit jemandem aus dem Dorf
gesprochen. Es war ja die große Auszeichnung Friedas, eine Auszeichnung, die
mein Stolz sein wird bis an mein Ende, daß er wenigstens Friedas Namen zu rufen
pflegte und daß sie zu ihm sprechen konnte nach Belieben und die Erlaubnis des
Gucklochs bekam, gesprochen aber hat er auch mit ihr nicht. Und daß er Frieda
manchmal rief, muß gar nicht die Bedeutung haben, die man dem gerne zusprechen
möchte, er rief einfach den Namen ›Frieda‹ - wer kennt seine Absichten? -, daß
Frieda natürlich eilends kam, war ihre Sache, und daß sie ohne Widerspruch zu
ihm gelassen wurde, war Klamms Güte, aber daß er sie geradezu gerufen hätte,
kann man nicht behaupten. Freilich, nun ist auch das, was war, für immer dahin.
Vielleicht wird Klamm noch den Namen ›Frieda‹ rufen, das ist möglich, aber
zugelassen wird sie zu ihm gewiß nicht mehr, ein Mädchen, das sich mit Ihnen
abgegeben hat. Und nur eines, nur eines kann ich nicht verstehen mit meinem
armen Kopf, daß ein Mädchen, von dem man sagte, es sei Klamms Geliebte - ich
halte das übrigens für eine sehr übertriebene Bezeichnung -, sich von Ihnen
auch nur berühren ließ.«
»Gewiß, das ist merkwürdig«, sagte K., und nahm Frieda, die sich, wenn auch mit
gesenktem Kopf, gleich fügte, zu sich auf den Schoß, »es beweist aber, glaube
ich, daß sich auch sonst nicht alles genauso verhält, wie Sie glauben. So haben
Sie zum Beispiel gewiß recht, wenn Sie sagen, daß ich vor Klamm ein Nichts bin;
und wenn ich jetzt auch verlange, mit Klamm zu sprechen, und nicht einmal durch
Ihre Erklärungen davon abgebracht bin, so ist damit noch nicht gesagt, daß ich
imstande bin, den Anblick Klamms ohne dazwischenstehende Tür auch nur zu
ertragen, und ob ich nicht schon bei seinem Erscheinen aus dem Zimmer renne.
Aber eine solche, wenn auch berechtigte Befürchtung ist für mich noch kein
Grund, die Sache nicht doch zu wagen. Gelingt es mir aber, ihm standzuhalten,
dann ist es gar nicht nötig, daß er mit mir spricht, es genügt mir, wenn ich
den Eindruck sehe, den meine Worte auf ihn machen, und machen sie keinen oder
hört er sie gar nicht, habe ich doch den Gewinn, frei vor einem Mächtigen
gesprochen zu haben. Sie aber, Frau Wirtin, mit Ihrer großen Lebens- und
Menschenkenntnis, und Frieda, die noch gestern Klamms Geliebte war - ich sehe
keinen Grund, von diesem Wort abzugehen -, können mir gewiß leicht die
Gelegenheit verschaffen, mit Klamm zu sprechen; ist es auf keine andere Weise
möglich, dann eben im Herrenhof, vielleicht ist er auch heute noch dort.«
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










»Es ist unmöglich«, sagte die Wirtin, »und ich sehe, daß Ihnen die Fähigkeit
fehlt, es zu begreifen. Aber sagen Sie doch, worüber wollen Sie denn mit Klamm
sprechen?« - »Über Frieda natürlich«, sagte K.
»Über Frieda?« fragte die Wirtin verständnislos und wandte sich an Frieda.
»Hörst du, Frieda, über dich will er, er, mit Klamm, mit Klamm sprechen.«
»Ach«, sagte K., »Sie sind, Frau Wirtin, eine so kluge, achtungeinflößende
Frau, und doch erschreckt Sie jede Kleinigkeit. Nun also, ich will über Frieda
mit ihm sprechen, das ist doch nicht so sehr ungeheuerlich als vielmehr
selbstverständlich. Denn Sie irren gewiß auch, wenn Sie glauben, daß Frieda von
dem Augenblick an, wo ich auftrat, für Klamm bedeutungslos geworden ist. Sie
unterschätzen ihn, wenn Sie das glauben. Ich fühle gut, daß es anmaßend von mir
ist, Sie in dieser Hinsicht belehren zu wollen, aber ich muß es doch tun. Durch
mich kann in Klamms Beziehung zu Frieda nichts geändert worden sein. Entweder
bestand keine wesentliche Beziehung - das sagen eigentlich diejenigen, welche
Frieda den Ehrennamen Geliebte nehmen -, nun, dann besteht sie auch heute
nicht; oder aber sie bestand, wie könnte sie dann durch mich, wie Sie richtig
sagten, ein Nichts in Klamms Augen, wie könnte sie dann durch mich gestört
sein. Solche Dinge glaubt man im ersten Augenblick des Schreckens, aber schon
die kleinste Überlegung muß das richtigstellen. Lassen wir übrigens doch Frieda
ihre Meinung hierzu sagen.«
Mit in die Ferne schweifendem Blick, die Wange an K.s Brust, sagte Frieda: »Es
ist gewiß so, wie Mütterchen sagt: Klamm will nichts mehr von mir wissen. Aber
freilich nicht deshalb, weil du, Liebling, kamst, nichts Derartiges hätte ihn
erschüttern können. Wohl aber, glaube ich, ist es sein Werk, daß wir uns dort
unter dem Pult zusammengefunden haben; gesegnet, nicht verflucht sei die
Stunde.« - »Wenn es so ist«, sagte K. langsam, denn süß waren Friedas Worte, er
schloß ein paar Sekunden lang die Augen, um sich von den Worten durchdringen zu
lassen, »wenn es so ist, ist noch weniger Grund, sich vor einer Aussprache mit
Klamm zu fürchten.«
»Wahrhaftig«, sagte die Wirtin und sah K. von hoch herab an, »Sie erinnern mich
manchmal an meinen Mann, so trotzig und kindlich wie er sind Sie auch. Sie sind
ein paar Tage im Ort, und schon wollen Sie alles besser kennen als die
Eingeborenen, besser als ich alte Frau und als Frieda, die im Herrenhof so viel
gesehen und gehört hat. Ich leugne nicht, daß es möglich ist, einmal auch etwas
ganz gegen die Vorschriften und gegen das Althergebrachte zu erreichen; ich
habe etwas Derartiges nicht erlebt, aber es gibt angeblich Beispiele dafür, mag
sein; aber dann geschieht es gewiß nicht auf die Weise, wie Sie es tun, indem
man immerfort ›Nein, nein‹ sagt und nur auf seinen Kopf schwört und die
wohlmeinendsten Ratschläge überhört. Glauben Sie denn, meine Sorge gilt Ihnen?
Habe ich mich um Sie gekümmert, solange Sie allein waren? Obwohl es gut gewesen
wäre und manches sich hätte vermeiden lassen. Das einzige, was ich damals
meinem Mann über Sie sagte, war: Halte dich von ihm fern., Das hätte auch heute
noch für mich gegolten, wenn nicht Frieda jetzt in Ihr Schicksal mit
hineingezogen worden wäre. Ihr verdanken Sie - ob es Ihnen gefällt oder nicht -
meine Sorgfalt, ja sogar meine Beachtung. Und Sie dürfen mich nicht einfach
abweisen, weil Sie mir, der einzigen, die über der kleinen Frieda mit
mütterlicher Sorge wacht, streng verantwortlich sind. Möglich, daß Frieda recht
hat und alles, was geschehen ist, der Wille Klamms ist; aber von Klamm weiß ich
jetzt nichts; ich werde niemals mit ihm sprechen, er ist mir gänzlich
unerreichbar; Sie aber sitzen hier, halten meine Frieda und werden - warum soll
ich es verschweigen? - von mir gehalten. Ja, von mir gehalten, denn versuchen
Sie es, junger Mann, wenn ich Sie auch aus dem Hause weise, irgendwo im Dorf
ein Unterkommen zu finden, und sei es in einer Hundehütte.«
»Danke«, sagte K., »das sind offene Worte, und ich glaube Ihnen vollkommen. So
unsicher ist also meine Stellung und damit zusammenhängend auch die Stellung
Friedas.«
»Nein!« rief die Wirtin wütend dazwischen. »Friedas Stellung hat in dieser
Hinsicht gar nichts mit Ihrer zu tun. Frieda gehört zu meinem Haus, und niemand
hat das Recht, ihre Stellung hier eine unsichere zu nennen.«
»Gut, gut«, sagte K., »ich gebe Ihnen auch darin recht, besonders da Frieda aus
mir unbekannten Gründen zuviel Angst vor Ihnen zu haben scheint, um sich
einzumischen. Bleiben wir also vorläufig nur bei mir. Meine Stellung ist höchst
unsicher, das leugnen Sie nicht, sondern strengen sich vielmehr an, es zu
beweisen. Wie bei allem, was Sie sagen, ist auch dieses nur zum größten Teil
richtig, aber nicht ganz. So weiß ich zum Beispiel von einem recht guten
Nachtlager, das mir freisteht.«
»Wo denn? Wo denn?« riefen Frieda und die Wirtin, so gleichzeitig und so
begierig, als hätten sie die gleichen Beweggründe für ihre Frage. - »Bei
Barnabas«, sagte K.
»Die Lumpen!« rief die Wirtin. »Die abgefeimten Lumpen! Bei Barnabas! Hört
ihr -« und sie wandte sich nach der Ecke, die Gehilfen aber waren schon längst
hervorgekommen und standen Arm in Arm hinter der Wirtin, die jetzt, als brauche
sie einen Halt, die Hand des einen ergriff, »hört ihr, wo sich der Herr
herumtreibt, in der Familie des Barnabas! Freilich, dort bekommt er ein
Nachtlager, ach, hätte er es doch lieber dort gehabt als im Herrenhof. Aber wo
wart denn ihr?«
»Frau Wirtin«, sagte K., noch ehe die Gehilfen antworteten, »es sind meine
Gehilfen, Sie aber behandeln sie so, wie wenn es Ihre Gehilfen, aber meine
Wächter wären. In allem anderen bin ich bereit, höflichst über Ihre Meinungen
zumindest zu diskutieren, hinsichtlich meiner Gehilfen aber nicht, denn hier
liegt die Sache doch zu klar! Ich bitte Sie daher, mit meinen Gehilfen nicht zu
sprechen, und wenn meine Bitte nicht genügen sollte, verbiete ich meinen
Gehilfen, Ihnen zu antworten.«
»Ich darf also nicht mit euch sprechen«, sagte die Wirtin, und alle drei
lachten, die Wirtin spöttisch, aber viel sanfter, als K. es erwartet hatte, die
Gehilfen in ihrer gewöhnlichen, viel und nichts bedeutenden, jede Verantwortung
ablehnenden Art.
»Werde nur nicht böse«, sagte Frieda, »du mußt unsere Aufregung richtig
verstehen. Wenn man will, verdanken wir es nur Barnabas, daß wir jetzt einander
gehören. Als ich dich zum erstenmal im Ausschank sah - du kamst herein,
eingehängt in Olga -, wußte ich zwar schon einiges über dich, aber im ganzen
warst du mir doch völlig gleichgültig. Nun, nicht nur du warst mir
gleichgültig, fast alles, fast alles war mir gleichgültig. Ich war ja auch
damals mit vielem unzufrieden, und manches ärgerte mich, aber was war das für
eine Unzufriedenheit und was für ein Ärger! Es beleidigte mich zum Beispiel
einer der Gäste im Ausschank, sie waren ja immer hinter mir her - du hast die
Burschen dort gesehen, es kamen aber noch viel ärgere, Klamms Dienerschaft war
nicht die ärgste -, also einer beleidigte mich, was bedeutete mir das? Es war
mir, als sei es vor vielen Jahren geschehen oder als sei es gar nicht mir
geschehen oder als hätte ich es nur erzählen hören oder als hätte ich selbst es
schon vergessen. Aber ich kann es nicht beschreiben, ich kann es mir nicht
einmal mehr vorstellen, so hat sich alles geändert, seitdem Klamm mich
verlassen hat.«
Und Frieda brach ihre Erzählung ab, traurig senkte sie den Kopf, die Hände
hielt sie gefaltet im Schoß.
»Sehen Sie«, rief die Wirtin, und sie tat es so, als spreche sie nicht selbst,
sondern leihe nur Frieda ihre Stimme, sie rückte auch näher und saß nun knapp
neben Frieda, »sehen Sie nun, Herr Landvermesser, die Folgen Ihrer Taten, und
auch Ihre Gehilfen, mit denen ich ja nicht sprechen darf, mögen zu ihrer
Belehrung zusehen! Sie haben Frieda aus dem glücklichsten Zustand gerissen, der
ihr je beschieden war, und es ist Ihnen vor allem deshalb gelungen, weil Frieda
mit ihrem kindlich übertriebenen Mitleid es nicht ertragen konnte, daß Sie an
Olgas Arm hingen und so der Barnabasschen Familie ausgeliefert schienen. Sie
hat Sie gerettet und sich dabei geopfert. Und nun, da es geschehen ist und
Frieda alles, was sie hatte, eingetauscht hat für das Glück, auf Ihrem Knie zu
sitzen, nun kommen Sie und spielen es als Ihren großen Trumpf aus, daß Sie
einmal die Möglichkeit hatten, bei Barnabas übernachten zu dürfen. Damit wollen
Sie wohl beweisen, daß Sie von mir unabhängig sind. Gewiß, wenn Sie wirklich
bei Barnabas übernachtet hätten, wären Sie so unabhängig von mir, daß Sie im
Nu, aber allerschleunigst, mein Haus verlassen müßten.«
»Ich kenne die Sünden der Barnabasschen Familie nicht«, sagte K., während er
Frieda, die wie leblos war, vorsichtig aufhob, langsam auf das Bett setzte und
selbst aufstand, »vielleicht haben Sie darin recht, aber ganz gewiß hatte ich
recht, als ich Sie ersucht habe, unsere Angelegenheiten, Friedas und meine, uns
beiden allein zu überlassen. Sie erwähnten damals etwas von Liebe und Sorge,
davon habe ich dann aber weiter nicht viel gemerkt, desto mehr aber von Haß und
Hohn und Hausverweisung. Sollten Sie es darauf angelegt haben, Frieda von mir
oder mich von Frieda abzubringen, so war es ja recht geschickt gemacht; aber es
wird Ihnen doch, glaube ich, nicht gelingen, und wenn es Ihnen gelingen sollte,
so werden Sie es - erlauben Sie auch mir einmal eine dunkle Drohung - bitter
bereuen. Was die Wohnung betrifft, die Sie mir gewähren - Sie können damit nur
dieses abscheuliche Loch meinen -, so ist es durchaus nicht gewiß, daß Sie es
aus eigenem Willen tun, vielmehr scheint darüber eine Weisung der gräflichen
Behörde vorzuliegen. Ich werde nun dort melden, daß mir hier gekündigt worden
ist, und wenn man mir dann eine andere Wohnung zuweist, werden Sie wohl befreit
aufatmen, ich aber noch tiefer. Und nun gehe ich in dieser und in anderen
Angelegenheiten zum Gemeindevorstand; bitte, nehmen Sie sich wenigstens Friedas
an, die Sie mit Ihren sozusagen mütterlichen Reden übel genug zugerichtet
haben.«
Dann wandte er sich an die Gehilfen. »Kommt!« sagte er, nahm den Klammschen
Brief vom Haken und wollte gehen. Die Wirtin hatte ihm schweigend zugesehen,
erst als er die Hand schon auf der Türklinke hatte, sagte sie: »Herr
Landvermesser, noch etwas gebe ich Ihnen mit auf den Weg, denn welche Reden Sie
auch führen mögen und wie Sie mich auch beleidigen wollen, mich alte Frau, so
sind Sie doch Friedas künftiger Mann. Nur deshalb sage ich es Ihnen, daß Sie
hinsichtlich der hiesigen Verhältnisse entsetzlich unwissend sind, der Kopf
schwirrt einem, wenn man Ihnen zuhört, und wenn man das, was Sie sagen und
meinen, in Gedanken mit der wirklichen Lage vergleicht. Zu verbessern ist diese
Unwissenheit nicht mit einem Male und vielleicht gar nicht; aber vieles kann
besser werden, wenn Sie mir nur ein wenig glauben und sich diese Unwissenheit
immer vor Augen halten. Sie werden dann zum Beispiel sofort gerechter gegen
mich werden und zu ahnen beginnen, was für einen Schrecken ich durchgemacht
habe - und die Folgen des Schreckens halten noch an -, als ich erkannt habe,
daß meine liebste Kleine gewissermaßen den Adler verlassen hat, um sich der
Blindschleiche zu verbinden, aber das wirkliche Verhältnis ist ja noch viel
schlimmer, und ich muß es immerfort zu vergessen suchen, sonst könnte ich kein
ruhiges Wort mit Ihnen sprechen. Ach, nun sind Sie wieder böse. Nein, gehen Sie
noch nicht, nur diese Bitte hören Sie noch an: Wohin Sie auch kommen, bleiben
Sie sich dessen bewußt, daß Sie hier der Unwissendste sind, und seien Sie
vorsichtig; hier bei uns, wo Friedas Gegenwart Sie vor Schaden schützt, mögen
Sie sich dann das Herz freischwätzen, hier können Sie uns dann zum Beispiel
zeigen, wie Sie mit Klamm zu sprechen beabsichtigen; nur in Wirklichkeit, nur
in Wirklichkeit, bitte, bitte, tun Sie's nicht!«
Sie stand auf, ein wenig schwankend vor Aufregung, ging zu K., faßte seine Hand
und sah ihn bittend an. »Frau Wirtin«, sagte K., »ich verstehe nicht, warum Sie
wegen einer solchen Sache sich dazu erniedrigen, mich zu bitten. Wenn es, wie
Sie sagen, für mich unmöglich ist, mit Klamm zu sprechen, so werde ich es eben
nicht erreichen, ob man mich bittet oder nicht. Wenn es aber doch möglich sein
sollte, warum soll ich es dann nicht tun, besonders da dann mit dem Wegfall
Ihres Haupteinwandes auch Ihre weiteren Befürchtungen sehr fraglich werden.
Freilich, unwissend bin ich, die Wahrheit bleibt jedenfalls bestehen, und das
ist sehr traurig für mich; aber es hat doch auch den Vorteil, daß der
Unwissende mehr wagt, und deshalb will ich die Unwissenheit und ihre gewiß
schlimmen Folgen gerne noch ein Weilchen tragen, solange die Kräfte reichen.
Diese Folgen aber treffen doch im wesentlichen nur mich, und deshalb vor allem
verstehe ich nicht, warum Sie bitten. Für Frieda werden Sie doch gewiß immer
sorgen, und verschwinde ich gänzlich aus Friedas Gesichtskreis, kann es doch in
Ihrem Sinn nur ein Glück bedeuten. Was fürchten Sie also? Sie fürchten doch
nicht etwa - dem Unwissenden scheint alles möglich«, hier öffnete K. schon die
Tür -, »Sie fürchten doch nicht etwa für Klamm?« Die Wirtin sah ihm schweigend
nach, wie er die Treppe hinabeilte und die Gehilfen ihm folgten.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                         **** Das fünfte Kapitel ****
Die Besprechung mit dem Vorsteher machte K. fast zu seiner eigenen Verwunderung
wenig Sorgen. Er suchte es sich dadurch zu erklären, daß nach seinen bisherigen
Erfahrungen der amtliche Verkehr mit den gräflichen Behörden für ihn sehr
einfach gewesen war. Das lag einerseits daran, daß hinsichtlich der Behandlung
seiner Angelegenheit offenbar ein für allemal ein bestimmter, äußerlich ihm
sehr günstiger Grundsatz ausgegeben worden war, und andererseits lag es an der
bewunderungswürdigen Einheitlichkeit des Dienstes, die man besonders dort, wo
sie scheinbar nicht vorhanden war, als eine besonders vollkommene ahnte. K.
war, wenn er manchmal nur an diese Dinge dachte, nicht weit davon entfernt
seine Lage zufriedenstellend zu finden, obwohl er sich immer nach solchen
Anfällen des Behagens schnell sagte, daß gerade darin die Gefahr lag.
Der direkte Verkehr mit den Behörden war ja nicht allzu schwer, denn die
Behörden hatten, so gut sie auch organisiert sein mochten, immer nur im Namen
entlegener, unsichtbarer Herren entlegene, unsichtbare Dinge zu verteidigen,
während K. für etwas lebendigst Nahes kämpfte, für sich selbst; überdies,
zumindest in der allerersten Zeit, aus eigenem Willen, denn er war der
Angreifer; und nicht nur er kämpfte für sich, sondern offenbar noch andere
Kräfte, die er nicht kannte, aber an die er nach den Maßnahmen der Behörden
glauben konnte. Dadurch nun aber, daß die Behörden K. von vornherein in
unwesentlichen Dingen - um mehr hatte es sich bisher nicht gehandelt - weit
entgegenkamen, nahmen sie ihm die Möglichkeit kleiner, leichter Siege und mit
dieser Möglichkeit auch die zugehörige Genugtuung und die aus ihr sich
ergebende, gut begründete Sicherheit für weitere größere Kämpfe. Statt dessen
ließen sie K., allerdings nur innerhalb des Dorfes, überall durchgleiten, wo er
wollte, verwöhnten und schwächten ihn dadurch, schalteten hier überhaupt jeden
Kampf aus und verlegten ihn dafür in das außeramtliche, völlig
unübersichtliche, trübe, fremdartige Leben. Auf diese Weise konnte es, wenn er
nicht immer auf der Hut war, wohl geschehen, daß er eines Tages trotz aller
Liebenswürdigkeit der Behörden und trotz der vollständigen Erfüllung aller so
übertrieben leichten amtlichen Verpflichtungen, getäuscht durch die ihm
erwiesene scheinbare Gunst, sein sonstiges Leben so unvorsichtig führte, daß er
hier zusammenbrach und die Behörde, noch immer sanft und freundlich gleichsam
gegen ihren Willen, aber im Namen irgendeiner ihm unbekannten öffentlichen
Ordnung kommen mußte, um ihn aus dem Weg zu räumen. Und was war es eigentlich
hier, jenes sonstige Leben? Nirgends noch hatte K. Amt und Leben so verflochten
gesehen wie hier, so verflochten, daß es manchmal scheinen konnte, Amt und
Leben hätten ihre Plätze gewechselt. Was bedeutete zum Beispiel die bis jetzt
nur formelle Macht, welche Klamm über K.s Dienst ausübte, verglichen mit der
Macht, die Klamm in K.s Schlafkammer in aller Wirklichkeit hatte. So kam es,
daß hier ein etwas leichtsinnigeres Verfahren, eine gewisse Entspannung, nur
direkt gegenüber den Behörden am Platze war, während sonst aber immer große
Vorsicht nötig war, ein Herumblicken nach allen Seiten, vor jedem Schritt.
Seine Auffassung der hiesigen Behörden fand K. zunächst beim Vorsteher sehr
bestätigt. Der Vorsteher, ein freundlicher, dicker, glattrasierter Mann, war
krank, hatte einen schweren Gichtanfall und empfing K. im Bett. »Das ist also
unser Herr Landvermesser«, sagte er, wollte sich zur Begrüßung aufrichten,
konnte es aber nicht zustande bringen und warf sich, entschuldigend auf die
Beine zeigend, wieder zurück in die Kissen. Eine stille, im Dämmerlicht des
kleinfenstrigen, durch Vorhänge noch verdunkelten Zimmers fast schattenhafte
Frau brachte K. einen Sessel und stellte ihn zum Bett. »Setzen Sie sich, setzen
Sie sich, Herr Landvermesser«, sagte der Vorsteher, »und sagen Sie mir Ihre
Wünsche.« K. las den Brief Klamms vor und knüpfte einige Bemerkungen daran.
Wieder hatte er das Gefühl der außerordentlichen Leichtigkeit des Verkehrs mit
den Behörden. Sie trugen förmlich jede Last, alles konnte man ihnen auferlegen,
und selbst blieb man unberührt und frei. Als fühle das in seiner Art auch der
Vorsteher, drehte er sich unbehaglich im Bett. Schließlich sagte er: »Ich habe,
Herr Landvermesser, wie Sie ja gemerkt haben, von der ganzen Sache gewußt. Daß
ich selbst noch nichts veranlaßt habe, hat seinen Grund erstens in meiner
Krankheit und dann darin, daß Sie so lange nicht kamen, ich dachte schon, Sie
seien von der Sache abgekommen. Nun aber, da Sie so freundlich sind, selbst
mich aufzusuchen, muß ich Ihnen freilich die volle, unangenehme Wahrheit sagen.
Sie sind als Landvermesser aufgenommen, wie Sie sagen; aber leider, wir
brauchen keinen Landvermesser. Es wäre nicht die geringste Arbeit für ihn da.
Die Grenzen unserer kleinen Wirtschaften sind abgesteckt, alles ist ordentlich
eingetragen. Besitzwechsel kommt kaum vor, und kleine Grenzstreitigkeiten
regeln wir selbst. Was soll uns also ein Landvermesser?« K. war, ohne daß er
allerdings früher darüber nachgedacht hätte, im Innersten davon überzeugt, eine
ähnliche Mitteilung erwartet zu haben. Eben deshalb konnte er gleich sagen:
»Das überrascht mich sehr. Das wirft alle meine Berechnungen über den Haufen.
Ich kann nur hoffen, daß ein Mißverständnis vorliegt.« - »Leider nicht,« sagte
der Vorsteher, »es ist so, wie ich sage.« - »Aber wie ist das möglich!« rief K.
»Ich habe doch diese endlose Reise nicht gemacht, um jetzt wieder
zurückgeschickt zu werden!« - »Das ist eine andere Frage«, sagte der Vorsteher,
»die ich nicht zu entscheiden habe aber wie jenes Mißverständnis möglich war,
das kann ich Ihnen allerdings erklären. In einer so großen Behörde wie der
gräflichen kann es einmal vorkommen, daß eine Abteilung dieses angeordnet, die
andere jenes, keine weiß von der anderen, die übergeordnete Kontrolle ist zwar
äußerst genau, kommt aber ihrer Natur nach zu spät, und so kann immerhin eine
kleine Verwirrung entstehen. Immer sind es freilich nur winzigste Kleinigkeiten
wie zum Beispiel Ihr Fall. In großen Dingen ist mir noch kein Fehler bekannt
geworden, aber die Kleinigkeiten sind oft auch peinlich genug. Was nun Ihren
Fall betrifft, so will ich Ihnen, ohne Amtsgeheimnisse zu machen - dazu bin ich
nicht genug Beamter, ich bin Bauer und dabei bleibt es -, den Hergang offen
erzählen. Vor langer Zeit, ich war damals erst einige Monate Vorsteher, kam ein
Erlaß, ich weiß nicht mehr von welcher Abteilung, in welchem in der den Herren
dort eigentümlichen kategorischen Art mitgeteilt war, daß ein Landvermesser
berufen werden solle, und der Gemeinde aufgetragen war, alle für seine Arbeiten
notwendigen Pläne und Aufzeichnungen bereitzuhalten. Dieser Erlaß kann
natürlich nicht Sie betroffen haben, denn das war vor vielen Jahren, und ich
hätte mich nicht daran erinnert, wenn ich nicht jetzt krank wäre und im Bett
über die lächerlichsten Dinge nachzudenken Zeit genug hätte.« - »Mizzi«, sagte
er, plötzlich seinen Bericht unterbrechend, zu der Frau, die noch immer in
unverständlicher Tätigkeit durch das Zimmer huschte, »bitte, sieh dort im
Schrank nach, vielleicht findest du den Erlaß.« - »Er ist nämlich«, sagte er
erklärend zu K., »aus meiner ersten Zeit, damals habe ich noch alles
aufgehoben.« Die Frau öffnete gleich den Schrank, K. und der Vorsteher sahen
zu. Der Schrank war mit Papieren vollgestopft. Beim Öffnen rollten zwei große
Aktenbündel heraus, welche rund gebunden waren, so wie man Brennholz zu binden
pflegt, die Frau sprang erschrocken zur Seite. »Unten dürfte es sein, unten«,
sagte der Vorsteher, vom Bett aus dirigierend. Folgsam warf die Frau, mit
beiden Armen die Akten zusammenfassend, alles aus dem Schrank, um zu den
unteren Papieren zu gelangen. Die Papiere bedeckten schon das halbe Zimmer.
»Viel Arbeit ist geleistet worden«, sagte der Vorsteher nickend, »und das ist
nur ein kleiner Teil. Die Hauptmasse habe ich in der Scheune aufbewahrt, und
der größte Teil ist allerdings verlorengegangen. Wer kann das alles
zusammenhalten! In der Scheune ist aber noch sehr viel.« - »Wirst du den Erlaß
finden können?« wandte er sich dann wieder zu seiner Frau. »Du mußt einen Akt
suchen, auf dem das Wort ›Landvermesser‹ blau unterstrichen ist.« - »Es ist zu
dunkel hier«, sagte die Frau, »ich werde eine Kerze holen«, und sie ging über
die Papiere hinweg aus dem Zimmer. »Meine Frau ist mir eine große Stütze«,
sagte der Vorsteher, »in dieser schweren Amtsarbeit, die doch nur nebenbei
geleistet werden muß. Ich habe zwar für die schriftlichen Arbeiten noch eine
Hilfskraft, den Lehrer, aber es ist trotzdem unmöglich, fertig zu werden, es
bleibt immer viel Unerledigtes zurück, das ist dort in jenem Kasten gesammelt«,
und er zeigte auf einen anderen Schrank. »Und gar, wenn ich jetzt krank bin,
nimmt es überhand«, sagte er und legte sich müde, aber doch auch stolz zurück.
»Könnte ich nicht«, sagte K., als die Frau mit der Kerze zurückgekommen war und
vor dem Kasten kniend den Erlaß suchte, »Ihrer Frau beim Suchen helfen?« Der
Vorsteher schüttelte lächelnd den Kopf: »Wie ich schon sagte, ich habe keine
Amtsgeheimnisse vor Ihnen; aber Sie selbst in den Akten suchen zu lassen, so
weit kann ich denn doch nicht gehen.« Es wurde jetzt still im Zimmer, nur das
Rascheln der Papiere war zu hören, der Vorsteher schlummerte vielleicht sogar
ein wenig. Ein leises Klopfen an der Tür ließ K. sich umdrehen. Es waren
natürlich die Gehilfen. Immerhin waren sie schon ein wenig erzogen, stürmten
nicht gleich ins Zimmer, sondern flüsterten zunächst durch die ein wenig
geöffnete Tür: »Es ist uns zu kalt draußen.« - »Wer ist es?« fragte der
Vorsteher aufschreckend. »Es sind nur meine Gehilfen« sagte K., »ich weiß
nicht, wo ich sie auf mich warten lassen soll, draußen ist es zu kalt, und hier
sind sie lästig.« - »Mich stören sie nicht«, sagte der Vorsteher freundlich.
»Lassen Sie sie hereinkommen. Übrigens kenne ich sie ja. Alte Bekannte.« - »Mir
aber sind sie lästig«, sagte K. offen, ließ den Blick von den Gehilfen zum
Vorsteher und wieder zurück zu den Gehilfen wandern und fand aller drei Lächeln
ununterscheidbar gleich. »Wenn ihr aber nun schon hier seid«, sagte er dann
versuchsweise, »so bleibt und helft dort der Frau Vorsteher einen Akt zu
suchen, auf dem das Wort ›Landvermesser‹ blau unterstrichen ist.« Der Vorsteher
erhob keinen Widerspruch. Was K. nicht durfte, die Gehilfen durften es, sie
warfen sich auch gleich auf die Papiere, aber sie wühlten mehr in den Haufen,
als daß sie suchten, und während einer eine Schrift buchstabierte, riß sie ihm
der andere immer aus der Hand. Die Frau dagegen kniete vor dem leeren Kasten,
sie schien gar nicht mehr zu suchen, jedenfalls stand die Kerze sehr weit von
ihr. »Die Gehilfen«, sagte der Vorsteher mit einem selbstzufriedenen Lächeln,
so als gehe alles auf seine Anordnungen zurück, aber niemand sei imstande, das
auch nur zu vermuten, »sie sind Ihnen also lästig, aber es sind doch Ihre
eigenen Gehilfen.« - »Nein«, sagte K. kühl, »sie sind mir erst hier
zugelaufen.« - »Wie denn, zugelaufen«, sagte der Vorsteher, »zugeteilt worden,
meinen Sie wohl.« - »Nun denn, zugeteilt worden«, sagte K. »Sie könnten aber
ebensogut herabgeschneit sein, so bedenkenlos war diese Zuteilung.« -
»Bedenkenlos geschieht hier nichts«, sagte der Vorsteher, vergaß sogar den
Fußschmerz und setzte sich aufrecht. »Nichts«, sagte K., »und wie verhält es
sich mit meiner Berufung?« - »Auch Ihre Berufung war wohl erwogen«, sagte der
Vorsteher, »nur Nebenumstände haben verwirrend eingegriffen, ich werde es Ihnen
an Hand der Akten nachweisen.« - »Die Akten werden ja nicht gefunden werden«,
sagte K. »Nicht gefunden?« rief der Vorsteher. »Mizzi, bitte, such ein wenig
schneller! Ich kann Ihnen jedoch zunächst die Geschichte auch ohne Akten
erzählen. Jenen Erlaß, von dem ich schon sprach, beantworteten wir dankend
damit, daß wir keinen Landvermesser brauchen. Diese Antwort scheint aber nicht
an die ursprüngliche Abteilung, ich will sie A nennen, zurückgelangt zu sein,
sondern irrtümlicherweise an eine andere Abteilung B. Die Abteilung A blieb
also ohne Antwort, aber leider bekam auch B nicht unsere ganze Antwort; sei es,
daß der Akteninhalt bei uns zurückgeblieben war, sei es, daß er auf dem Weg
verlorengegangen ist - in der Abteilung selbst gewiß nicht, dafür will ich
bürgen -, jedenfalls kam auch in der Abteilung B nur ein Aktenumschlag an, auf
dem nichts weiter vermerkt war, als daß der einliegende, leider in Wirklichkeit
aber fehlende Akt von der Berufung eines Landvermessers handle. Die Abteilung A
wartete inzwischen auf unsere Antwort, sie hatte zwar Vermerke über die
Angelegenheit, aber wie das begreiflicherweise öfters geschieht und bei der
Präzision aller Erledigungen geschehen darf, verließ sich der Referent darauf,
daß wir antworten würden und daß er dann entweder den Landvermesser berufen
oder nach Bedürfnis weiter über die Sache mit uns korrespondieren würde.
Infolgedessen vernachlässigte er die Vormerke, und das Ganze geriet bei ihm in
Vergessenheit. In der Abteilung B kam aber der Aktenumschlag an einen wegen
seiner Gewissenhaftigkeit berühmten Referenten, Sordini heißt er, ein
Italiener; es ist selbst mir einem Eingeweihten, unbegreiflich, warum ein Mann
von seinen Fähigkeiten in der fast untergeordneten Stellung gelassen wird.
Dieser Sordini schickte uns natürlich den leeren Aktenumschlag zur Ergänzung
zurück. Nun waren aber seit jenem ersten Schreiben der Abteilung A schon viele
Monate, wenn nicht Jahre vergangen; begreiflicherweise, denn wenn, wie es die
Regel ist, ein Akt den richtigen Weg geht, gelangt er an seine Abteilung
spätestens in einem Tag und wird am gleichen Tag noch erledigt; wenn er aber
einmal den Weg verfehlt - und er muß bei der Vorzüglichkeit der Organisation
den falschen Weg förmlich mit Eifer suchen, sonst findet er ihn nicht -, dann,
dann dauert es freilich sehr lange. Als wir daher Sordinis Note bekamen,
konnten wir uns an die Angelegenheit nur noch ganz unbestimmt erinnern, wir
waren damals nur zwei für die Arbeit, Mizzi und ich, der Lehrer war mir damals
noch nicht zugeteilt, Kopien bewahrten wir nur in den wichtigsten
Angelegenheiten auf, kurz, wir konnten nur sehr unbestimmt antworten, daß wir
von einer solchen Berufung nichts wüßten und daß nach einem Landvermesser bei
uns kein Bedarf sei.«
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










»Aber«, unterbrach sich hier der Vorsteher, als sei er im Eifer des Erzählens
zu weit gegangen oder als sei es wenigstens möglich, daß er zu weit gegangen
sei, »langweilt Sie die Geschichte nicht?«
»Nein«, sagte K. »Sie unterhält mich.«
Darauf der Vorsteher: »Ich erzähle es Ihnen nicht zur Unterhaltung.«
»Es unterhält mich nur dadurch«, sagte K., »daß ich einen Einblick in das
lächerliche Gewirre bekomme, welches unter Umständen über die Existenz eines
Menschen entscheidet.«
»Sie haben noch keinen Einblick bekommen«, sagte ernst der Vorsteher, »und ich
kann Ihnen weiter erzählen. Von unserer Antwort war natürlich ein Sordini nicht
befriedigt. Ich bewundere den Mann, obwohl er für mich eine Qual ist. Er
mißtraut nämlich jedem, auch wenn er zum Beispiel irgend jemanden bei
unzähligen Gelegenheiten als den vertrauenswürdigsten Menschen kennengelernt
hat, mißtraut er ihm bei der nächsten Gelegenheit, wie wenn er ihn gar nicht
kennte oder richtiger, wie wenn er ihn als Lumpen kennte. Ich halte das für
richtig, ein Beamter muß so vorgehen; leider kann ich diesen Grundsatz meiner
Natur nach nicht befolgen, Sie sehen ja, wie ich Ihnen, einem Fremden, alles
offen vorlege, ich kann eben nicht anders. Sordini dagegen faßte unserer
Antwort gegenüber sofort Mißtrauen. Es entwickelte sich nun eine große
Korrespondenz. Sordini fragte, warum es mir plötzlich eingefallen sei, daß kein
Landvermesser berufen werden solle; ich antwortete mit Hilfe von Mizzis
ausgezeichnetem Gedächtnis, daß doch die erste Anregung von Amts wegen
ausgegangen sei (daß es sich um eine andere Abteilung handelte, hatten wir
natürlich schon längst vergessen); Sordini dagegen: warum ich diese amtliche
Zuschrift erst jetzt erwähne; ich wiederum: weil ich mich erst jetzt an sie
erinnert habe; Sordini: das sei sehr merkwürdig; ich: das sei gar nicht
merkwürdig bei einer so lange sich hinziehenden Angelegenheit; Sordini: es sei
doch merkwürdig, denn die Zuschrift, an die ich mich erinnert habe, existiere
nicht; ich: natürlich existiere sie nicht, weil der ganze Akt verlorengegangen
sei; Sordini: es müßte aber doch ein Vermerk hinsichtlich jener ersten
Zuschrift bestehen, der aber bestehe nicht. Da stockte ich, denn daß in
Sordinis Abteilung ein Fehler unterlaufen sei, wagte ich weder zu behaupten
noch zu glauben. Sie machen vielleicht, Herr Landvermesser, Sordini in Gedanken
den Vorwurf, daß ihn die Rücksicht auf meine Behauptung wenigstens dazu hätte
bewegen sollen, sich bei anderen Abteilungen nach der Sache zu erkundigen.
Gerade das aber wäre unrichtig gewesen, ich will nicht, daß an diesem Manne
auch nur in Ihren Gedanken ein Makel bleibt. Es ist ein Arbeitsgrundsatz der
Behörde, daß mit Fehlermöglichkeiten überhaupt nicht gerechnet wird. Dieser
Grundsatz ist berechtigt durch die vorzügliche Organisation des Ganzen, und er
ist notwendig, wenn äußerste Schnelligkeit der Erledigung erreicht werden soll.
Sordini durfte sich also bei anderen Abteilungen gar nicht erkundigen, übrigens
hätten ihm diese Abteilungen gar nicht geantwortet, weil sie gleich gemerkt
hätten, daß es sich um Ausforschung einer Fehlermöglichkeit handle.«
»Erlauben Sie, Herr Vorsteher, daß ich Sie mit einer Frage unterbreche«, sagte
K., »erwähnten Sie nicht früher einmal eine Kontrollbehörde? Die Wirtschaft ist
ja nach Ihrer Darstellung eine derartige, daß einem bei der Vorstellung, die
Kontrolle könnte ausbleiben, übel wird.«
»Sie sind sehr streng«, sagte der Vorsteher. »Aber vertausendfachen Sie Ihre
Strenge, und sie wird noch immer nichts sein, verglichen mit der Strenge,
welche die Behörde gegen sich selbst anwendet. Nur ein völlig Fremder kann Ihre
Frage stellen. Ob es Kontrollbehörden gibt? Es gibt nur Kontrollbehörden.
Freilich, sie sind nicht dazu bestimmt, Fehler im groben Wortsinn
herauszufinden, denn Fehler kommen ja nicht vor, und selbst, wenn einmal ein
Fehler vorkommt, wie in Ihrem Fall, wer darf denn endgültig sagen, daß es ein
Fehler ist.«
»Das wäre etwas völlig Neues!« rief K.
»Mir ist es etwas sehr Altes«, sagte der Vorsteher. »Ich bin nicht viel anders
als Sie selbst davon überzeugt, daß ein Fehler vorgekommen ist, und Sordini ist
infolge der Verzweiflung darüber schwer erkrankt, und die ersten Kontrollämter,
denen wir die Aufdeckung der Fehlerquelle verdanken, erkennen hier auch den
Fehler. Aber wer darf behaupten, daß die zweiten Kontrollämter ebenso urteilen
und auch die dritten und weiterhin die anderen?«
»Mag sein«, sagte K., »in solche Überlegungen will ich mich doch lieber nicht
einmischen, auch höre ich ja zum erstenmal von diesen Kontrollämtern und kann
sie natürlich noch nicht verstehen. Nur glaube ich, daß hier zweierlei
unterschieden werden müsse: nämlich erstens das, was innerhalb der Ämter
vorgeht und was dann wieder amtlich so oder so aufgefaßt werden kann, und
zweitens meine wirkliche Person, ich, der ich außerhalb der Ämter stehe und dem
von den Ämtern eine Beeinträchtigung droht, die so unsinnig wäre, daß ich noch
immer an den Ernst der Gefahr nicht glauben kann. Für das erstere gilt
wahrscheinlich das, was Sie, Herr Vorsteher, mit so verblüffender,
außerordentlicher Sachkenntnis erzählen, nur möchte ich aber dann auch ein Wort
über mich hören.«
»Ich komme auch dazu«, sagte der Vorsteher, »doch könnten Sie es nicht
verstehen, wenn ich nicht noch einiges vorausschickte. Schon daß ich jetzt die
Kontrollämter erwähnte, war verfrüht. Ich kehre also zu den Unstimmigkeiten mit
Sordini zurück. Wie erwähnt, ließ meine Abwehr allmählich nach. Wenn aber
Sordini auch nur den geringsten Vorteil gegenüber irgend jemandem in Händen
hat, hat er schon gesiegt, denn nun erhöht sich noch seine Aufmerksamkeit,
Energie, Geistesgegenwart; und er ist für den Angegriffenen ein schrecklicher,
für die Feinde des Angegriffenen ein herrlicher Anblick. Nur weil ich in
anderen Fällen auch dieses letztere erlebt habe, kann ich so von ihm erzählen,
wie ich es tue. Übrigens ist es mir noch nie gelungen, ihn mit Augen zu sehen,
er kann nicht herunterkommen, er ist zu sehr mit Arbeit überhäuft, sein Zimmer
ist mir so geschildert worden, daß alle Wände mit Säulen von großen,
aufeinandergestapelten Aktenbündeln verdeckt sind, es sind dies nur Akten, die
Sordini gerade in Arbeit hat, und da immerfort den Bündeln Akten entnommen und
eingefügt werden und alles in großer Eile geschieht, stürzen diese Säulen
immerfort zusammen, und gerade dieses fortwährende, kurz aufeinanderfolgende
Krachen ist für Sordinis Arbeitszimmer bezeichnend geworden. Nun ja, Sordini
ist ein Arbeiter, und dem kleinsten Fall widmet er die gleiche Sorgfalt wie dem
größten.«
»Sie nennen, Herr Vorsteher«, sagte K., »meinen Fall immer einen der kleinsten,
und doch hat er viele Beamte sehr beschäftigt, und wenn er vielleicht auch
anfangs sehr klein war, so ist er doch durch den Eifer von Beamten von Herrn
Sordinis Art zu einem großen Fall geworden. Leider, und sehr gegen meinen
Willen, denn mein Ehrgeiz geht nicht dahin, große, mich betreffende Aktensäulen
entstehen und zusammenkrachen zu lassen, sondern als kleiner Landvermesser bei
einem kleinen Zeichentisch ruhig zu arbeiten.
»Nein«, sagte der Vorsteher, »es ist kein großer Fall. In dieser Hinsicht haben
Sie keinen Grund zur Klage, es ist einer der kleinsten Fälle unter den kleinen.
Der Umfang der Arbeit bestimmt nicht den Rang des Falles, Sie sind noch weit
entfernt vom Verständnis für die Behörde, wenn Sie das glauben. Aber selbst
wenn es auf den Umfang der Arbeit ankäme, wäre Ihr Fall einer der geringsten,
die gewöhnlichen Fälle, also jene ohne sogenannte Fehler, geben noch viel mehr
und freilich auch viel ergiebigere Arbeit. Übrigens wissen Sie ja noch gar
nichts von der eigentlichen Arbeit, die Ihr Fall verursachte, von der will ich
ja erst erzählen. Zunächst ließ mich nun Sordini aus dem Spiel, aber seine
Beamten kamen, täglich fanden protokollarische Verhöre angesehener
Gemeindemitglieder im Herrenhof statt. Die meisten hielten zu mir, nur einige
wurden stutzig; die Frage der Landvermessung geht einem Bauern nahe, sie
witterten irgendwelche geheime Verabredungen und Ungerechtigkeiten, fanden
überdies einen Führer, und Sordini mußte aus ihren Angaben die Überzeugung
gewinnen, daß, wenn ich die Frage im Gemeinderat vorgebracht hätte, nicht alle
gegen die Berufung eines Landvermessers gewesen wären. So wurde eine
Selbstverständlichkeit - daß nämlich kein Landvermesser nötig ist - immerhin
zumindest fragwürdig gemacht. Besonders zeichnete sich hierbei ein gewisser
Brunswick aus - Sie kennen ihn wohl nicht -, er ist vielleicht nicht schlecht,
aber dumm und phantastisch, er ist ein Schwager von Lasemann.«
»Vom Gerbermeister?« fragte K. und beschrieb den Vollbärtigen, den er bei
Lasemann gesehen hatte.
»Ja, das ist er«, sagte der Vorsteher.
»Ich kenne auch seine Frau«, sagte K., ein wenig aufs Geratewohl.
»Das ist möglich«, sagte der Vorsteher und verstummte.
»Sie ist schön«, sagte K., »aber ein wenig bleich und kränklich. Sie stammt
wohl aus dem Schloß?« Das war halb fragend gesagt.
Der Vorsteher sah auf die Uhr, goß Medizin auf einen Löffel und schluckte sie
hastig.
»Sie kennen im Schloß wohl nur die Büroeinrichtungen?« fragte K. grob.
»Ja«, sagte der Vorsteher mit einem ironischen und doch dankbaren Lächeln. »Sie
sind auch das Wichtigste. Und was Brunswick betrifft: Wenn wir ihn aus der
Gemeinde ausschließen könnten, wären wir fast alle glücklich und Lasemann nicht
am wenigsten. Aber damals gewann Brunswick einigen Einfluß, ein Redner ist er
zwar nicht, aber ein Schreier, und auch das genügt manchen. Und so kam es, daß
ich gezwungen wurde, die Sache dem Gemeinderate vorzulegen, übrigens zunächst
Brunswicks einziger Erfolg, denn natürlich wollte der Gemeinderat mit großer
Mehrheit von einem Landvermesser nichts wissen. Auch das ist nun schon
jahrelang her, aber die ganze Zeit über ist die Sache nicht zur Ruhe gekommen,
zum Teil durch die Gewissenhaftigkeit Sordinis, der die Beweggründe sowohl der
Majorität als auch der Opposition durch die sorgfältigsten Erhebungen zu
erforschen suchte, zum Teil durch die Dummheit und den Ehrgeiz Brunswicks, der
verschiedene persönliche Verbindungen mit den Behörden hat, die er mit immer
neuen Erfindungen seiner Phantasie in Bewegung brachte. Sordini allerdings ließ
sich von Brunswick nicht täuschen, wie könnte Brunswick Sordini täuschen? -
Aber eben um sich nicht täuschen zu lassen, waren neue Erhebungen nötig, und
noch ehe sie beendigt waren, hatte Brunswick schon wieder etwas Neues
ausgedacht, sehr beweglich ist er ja, es gehört das zu seiner Dummheit. Und nun
komme ich auf eine besondere Eigenschaft unseres behördlichen Apparates zu
sprechen. Entsprechend seiner Präzision ist er auch äußerst empfindlich. Wenn
eine Angelegenheit sehr lange erwogen worden ist, kann es, auch ohne daß die
Erwägungen schon beendet wären, geschehen, daß plötzlich blitzartig an einer
unvorhersehbaren und auch später nicht mehr auffindbaren Stelle eine Erledigung
hervorkommt, welche die Angelegenheit, wenn auch meistens sehr richtig, so doch
immerhin willkürlich abschließt. Es ist, als hätte der behördliche Apparat die
Spannung, die jahrelange Aufreizung durch die gleiche, vielleicht an sich
geringfügige Angelegenheit nicht mehr ertragen und aus sich selbst heraus, ohne
Mithilfe der Beamten, die Entscheidung getroffen. Natürlich ist kein Wunder
geschehen, und gewiß hat irgendein Beamter die Erledigung geschrieben oder eine
ungeschriebene Entscheidung getroffen, jedenfalls aber kann, wenigstens von uns
aus, von hier aus, ja selbst vom Amt aus nicht festgestellt werden, welcher
Beamte in diesem Fall entschieden hat, und aus welchen Gründen. Erst die
Kontrollämter stellen das viel später fest; wir aber erfahren es nicht mehr, es
würde übrigens dann auch kaum jemanden noch interessieren. Nun sind, wie
gesagt, gerade diese Entscheidungen meistens vortrefflich, störend ist an ihnen
nur, daß man, wie es gewöhnlich die Sache mit sich bringt, von diesen
Entscheidungen zu spät erfährt und daher inzwischen über längst entschiedene
Angelegenheiten noch immer leidenschaftlich berät. Ich weiß nicht, ob in Ihrem
Fall eine solche Entscheidung ergangen ist - manches spricht dafür, manches
dagegen -; wenn es aber geschehen wäre, so wäre die Berufung an Sie geschickt
worden, und Sie hätten die große Reise hierher gemacht, viel Zeit wäre dabei
vergangen, und inzwischen hätte noch immer Sordini hier in der gleichen Sache
bis zur Erschöpfung gearbeitet, Brunswick intrigiert, und ich wäre von beiden
gequält worden. Diese Möglichkeit deute ich nur an, bestimmt aber weiß ich
folgendes: Ein Kontrollamt entdeckte inzwischen, daß aus der Abteilung A vor
vielen Jahren an die Gemeinde eine Anfrage wegen eines Landvermessers ergangen
sei, ohne daß bisher eine Antwort gekommen wäre. Man fragte neuerlich bei mir
an, und nun war freilich die ganze Sache aufgeklärt, die Abteilung A begnügte
sich mit meiner Antwort, daß kein Landvermesser nötig sei, und Sordini mußte
erkennen, daß er in diesem Falle nicht zuständig gewesen war und, freilich
schuldlos, so viele unnütze, nervenzerstörende Arbeit geleistet hatte. Wenn
nicht neue Arbeit von allen Seiten sich herangedrängt hätte wie immer und wenn
nicht Ihr Fall doch nur ein sehr kleiner Fall gewesen wäre - man kann fast
sagen, der kleinste unter den kleinen -, so hätten wir wohl alle aufgeatmet,
ich glaube, sogar Sordini selbst. Nur Brunswick grollte, aber das war nur
lächerlich. Und nun stellen Sie sich, Herr Landvermesser, meine Enttäuschung
vor, als jetzt, nach glücklicher Beendigung der ganzen Angelegenheit - und auch
seither ist schon wieder viel Zeit verflossen -, plötzlich Sie auftreten und es
den Anschein bekommt, als sollte die Sache wieder von vorn beginnen. Daß ich
fest entschlossen bin, dies, soweit es an mir liegt, auf keinen Fall
zuzulassen, das werden Sie wohl verstehen?«
»Gewiß«, sagte K., »noch besser aber verstehe ich, daß hier ein entsetzlicher
Mißbrauch mit mir, vielleicht sogar mit den Gesetzen getrieben wird. Ich werde
mich für meine Person dagegen zu wehren wissen.«
»Wie wollen Sie das tun?« fragte der Vorsteher.
»Das kann ich nicht verraten«, sagte K.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










»Ich will mich nicht aufdrängen«, sagte der Vorsteher, »nur gebe ich Ihnen zu
bedenken, daß Sie in mir - ich will nicht sagen, einen Freund, denn wir sind ja
völlig Fremde - aber gewissermaßen einen Geschäftsfreund haben. Nur daß Sie als
Landvermesser aufgenommen werden, lasse ich nicht zu; sonst aber können Sie
sich immer mit Vertrauen an mich wenden, freilich in den Grenzen meiner Macht,
die nicht groß ist.«
»Sie sprechen immer davon«, sagte K., »daß ich als Landvermesser aufgenommen
werden soll, aber ich bin doch schon aufgenommen. Hier ist Klamms Brief.«
»Klamms Brief«, sagte der Vorsteher. »Er ist wertvoll und ehrwürdig durch
Klamms Unterschrift, die echt zu sein scheint, sonst aber - doch ich wage es
nicht, mich allein dazu zu äußern. - Mizzi!« rief er, und dann: »Aber was macht
ihr denn?«
Die so lange unbeachteten Gehilfen und Mizzi hatten offenbar den gesuchten Akt
nicht gefunden, hatten dann alles wieder in den Schrank sperren wollen, aber es
war ihnen wegen der ungeordneten Überfülle der Akten nicht gelungen. Da waren
wohl die Gehilfen auf den Gedanken gekommen, den sie jetzt ausführten. Sie
hatten den Schrank auf den Boden gelegt, alle Akten hineingestopft, hatten sich
dann mit Mizzi auf die Schranktüre gesetzt und suchten jetzt so, sie langsam
niederzudrücken.
»Der Akt ist also nicht gefunden«, sagte der Vorsteher. »Schade, aber die
Geschichte kennen Sie ja schon, eigentlich brauchen wir den Akt nicht mehr,
übrigens wird er gewiß noch gefunden werden, er ist wahrscheinlich beim Lehrer,
bei dem noch sehr viele Akten sind. Aber komm nun mit deiner Kerze her, Mizzi,
und lies mir diesen Brief«
Mizzi kam und sah nun noch grauer und unscheinbarer aus, als sie auf dem
Bettrand saß und sich an den starken, lebenerfüllten Mann drückte, der sie
umfaßt hielt. Nur ihr kleines Gesicht fiel jetzt im Kerzenlicht auf, mit
klaren, strengen, nur durch den Verfall des Alters gemilderten Linien. Kaum
hatte sie in den Brief geblickt, faltete sie leicht die Hände. »Von Klamm«,
sagte sie. Sie lasen dann gemeinsam den Brief, flüsterten ein wenig
miteinander, und schließlich, während die Gehilfen gerade »Hurra!« riefen, denn
sie hatten endlich die Schranktür zugedrückt, und Mizzi sah still dankbar zu
ihnen hin, sagte der Vorsteher:
»Mizzi ist völlig meiner Meinung, und nun kann ich es wohl auszusprechen wagen.
Dieser Brief ist überhaupt keine amtliche Zuschrift, sondern ein Privatbrief.
Das ist schon an der Überschrift: ›Sehr geehrter Herr!‹ deutlich erkennbar.
Außerdem ist darin mit keinem Worte gesagt, daß Sie als Landvermesser
aufgenommen sind, es ist vielmehr nur im allgemeinen von herrschaftlichen
Diensten die Rede, und auch das ist nicht bindend ausgesprochen, sondern Sie
sind nur aufgenommen ›wie Sie wissen‹, das heißt, die Beweislast dafür, daß Sie
aufgenommen sind, ist Ihnen auferlegt. Endlich werden Sie in amtlicher Hinsicht
ausschließlich an mich, den Vorsteher, als Ihren nächsten Vorgesetzten
verwiesen, der Ihnen alles Nähere mitteilen soll, was ja zum größten Teil schon
geschehen ist. Für einen, der amtliche Zuschriften zu lesen versteht und
infolgedessen nichtamtliche Briefe noch besser liest, ist das alles
überdeutlich. Daß Sie, ein Fremder, das nicht erkennen, wundert mich nicht. Im
ganzen bedeutet der Brief nichts anderes, als daß Klamm persönlich sich um Sie
zu kümmern beabsichtigt für den Fall, daß Sie in herrschaftliche Dienste
aufgenommen werden.«
»Sie deuten, Herr Vorsteher«, sagte K., »den Brief so gut, daß schließlich
nichts anderes übrigbleibt als die Unterschrift auf einem leeren Blatt Papier.
Merken Sie nicht, wie Sie damit Klamms Namen, den Sie zu achten vorgeben,
herabwürdigen?«
»Das ist ein Mißverständnis«, sagte der Vorsteher. »Ich verkenne die Bedeutung
des Briefes nicht, ich setze ihn durch meine Auslegung nicht herab, im
Gegenteil. Ein Privatbrief Klamms hat natürlich viel mehr Bedeutung als eine
amtliche Zuschrift; nur gerade die Bedeutung, die Sie ihm beilegen, hat er
nicht.«
»Kennen Sie Schwarzer?« fragte K.
»Nein«, sagte der Vorsteher, »du vielleicht, Mizzi? Auch nicht. Nein, wir
kennen ihn nicht.«
»Das ist merkwürdig«, sagte K., »er ist der Sohn eines Unterkastellans.«
»Lieber Herr Landvermesser«, sagte der Vorsteher, »wie soll ich denn alle Söhne
aller Unterkastellane kennen?«
»Gut«, sagte K., »dann müssen Sie mir also glauben, daß er es ist. Mit diesem
Schwarzer hatte ich noch am Tage meiner Ankunft einen ärgerlichen Auftritt. Er
erkundigte sich dann telefonisch bei dem Unterkastellan namens Fritz und bekam
die Auskunft, daß ich als Landvermesser aufgenommen sei. Wie erklären Sie sich
das, Herr Vorsteher?«
»Sehr einfach,« sagte der Vorsteher. »Sie sind eben noch niemals mit unseren
Behörden in Berührung gekommen. Alle diese Berührungen sind nur scheinbar, Sie
aber halten sie infolge Ihrer Unkenntnis der Verhältnisse für wirklich. Und was
das Telefon betrifft: Sehen Sie, bei mir, der ich wohl wahrlich genug mit den
Behörden zu tun habe, gibt es kein Telefon. In Wirtsstuben und dergleichen, da
mag es gute Dienste leisten, so etwa wie ein Musikautomat, mehr ist es auch
nicht. Haben Sie schon einmal hier telefoniert, ja? Nun also, dann werden Sie
mich vielleicht verstehen. Im Schloß funktioniert das Telefon offenbar
ausgezeichnet; wie man mir erzählt hat, wird dort ununterbrochen telefoniert,
was natürlich das Arbeiten sehr beschleunigt. Dieses ununterbrochene
Telefonieren hören wir in den hiesigen Telefonen als Rauschen und Gesang, das
haben Sie gewiß auch gehört. Nun ist aber dieses Rauschen und dieser Gesang das
einzig Richtige und Vertrauenswerte, was uns die hiesigen Telefone übermitteln,
alles andere ist trügerisch. Es gibt keine bestimmte telefonische Verbindung
mit dem Schloß, keine Zentralstelle, welche unsere Anrufe weiterleitet; wenn
man von hier aus im Schloß anruft, läutet es dort bei allen Apparaten der
untersten Abteilungen oder vielmehr, es würde bei allen läuten, wenn nicht, wie
ich bestimmt weiß, bei fast allen dieses Läutewerk abgestellt wäre. Hier und da
aber hat ein übermüdeter Beamter das Bedürfnis, sich ein wenig zu zerstreuen,
besonders am Abend oder bei Nacht, und schaltet das Läutewerk ein; dann
bekommen wir Antwort, allerdings eine Antwort, die nichts ist als Scherz. Es
ist das ja auch sehr verständlich. Wer darf denn Anspruch erheben, wegen seiner
privaten kleinen Sorgen mitten in die wichtigsten und immer rasend vor sich
gehenden Arbeiten hineinzuläuten? Ich begreife auch nicht, wie selbst ein
Fremder glauben kann, daß, wenn er zum Beispiel Sordini anruft, es auch
wirklich Sordini ist, der ihm antwortet. Vielmehr ist es wahrscheinlich ein
kleiner Registrator einer ganz anderen Abteilung. Dagegen kann es allerdings in
auserlesener Stunde geschehen, daß, wenn man den kleinen Registrator anruft,
Sordini selbst die Antwort gibt. Dann freilich ist es besser, man läuft vom
Telefon weg, ehe der erste Laut zu hören ist.«
»So habe ich das allerdings nicht angesehen«, sagte K., »diese Einzelheiten
konnte ich nicht wissen; viel Vertrauen hatte ich zu diesen telefonischen
Gesprächen nicht und war mir immer bewußt, daß nur das wirkliche Bedeutung hat,
was man geradezu im Schloß erfährt oder erreicht.«
»Nein«, sagte der Vorsteher, an einem Wort sich festhaltend, »wirkliche
Bedeutung kommt diesen telefonischen Antworten durchaus zu, wie denn nicht? Wie
sollte eine Auskunft, die ein Beamter aus dem Schloß gibt, bedeutungslos sein?
Ich sagte es schon gelegentlich des Klammschen Briefes; alle diese Äußerungen
haben keine amtliche Bedeutung; wenn Sie ihnen amtliche Bedeutung zuschreiben,
gehen Sie in die Irre; dagegen ist ihre private Bedeutung in freundschaftlichem
oder feindseligem Sinne sehr groß, meist größer, als eine amtliche Bedeutung
jemals sein könnte.«
»Gut«, sagte K., »angenommen, daß sich alles so verhält, dann hätte ich also
eine Menge guter Freunde im Schloß; genau besehen, war schon damals vor vielen
Jahren der Einfall jener Abteilung, man könnte einmal einen Landvermesser
kommen lassen, ein Freundschaftsakt mir gegenüber, und in der Folgezeit reihte
sich dann einer an den anderen, bis ich dann, allerdings zu bösem Ende,
hergelockt wurde und man mir mit dem Hinauswurf droht.«
»Es ist eine gewisse Wahrheit in Ihrer Auffassung«, sagte der Vorsteher, »Sie
haben darin recht, daß man die Äußerungen des Schlosses nicht wortwörtlich
hinnehmen darf. Aber Vorsicht ist doch überall nötig, nicht nur hier, und desto
nötiger, je wichtiger die Äußerung ist, um die es sich handelt. Was Sie dann
aber vom Herlocken sagten, ist mir unbegreiflich. Wären Sie meinen Ausführungen
besser gefolgt, dann müßten Sie doch wissen, daß die Frage Ihrer
Hierherberufung viel zu schwierig ist, als daß wir sie hier im Laufe einer
kleinen Unterhaltung beantworten könnten.«
»So bleibt dann das Ergebnis«, sagte K., »daß alles sehr unklar und unlösbar
ist, bis auf den Hinauswurf.«
»Wer wollte wagen, Sie hinauszuwerfen, Herr Landvermesser?« sagte der Vorsteher
»Eben die Unklarheit der Vorfragen verbürgt Ihnen die höflichste Behandlung,
nur sind Sie dem Anschein nach zu empfindlich. Niemand hält Sie hier zurück,
aber das ist doch kein Hinauswurf.«
»Oh, Herr Vorsteher«, sagte K., »nun sind wieder Sie es, der manches allzu klar
sieht. Ich werde Ihnen einiges davon aufzählen, was mich hier zurückhält: die
Opfer, die ich brachte, um von zu Hause fortzukommen, die lange, schwere Reise,
die begründeten Hoffnungen, die ich mir wegen der Aufnahme hier machte, meine
vollständige Vermögenslosigkeit, die Unmöglichkeit, jetzt wieder eine andere
entsprechende Arbeit zu Hause zu finden, und endlich, nicht zum wenigsten,
meine Braut, die eine Hiesige ist.«
»Ach, Frieda«, sagte der Vorsteher ohne jede Überraschung. »Ich weiß. Aber
Frieda würde Ihnen überallhin folgen. Was freilich das übrige betrifft, so sind
hier allerdings gewisse Erwägungen nötig, und ich werde darüber im Schloß
berichten. Sollte eine Entscheidung kommen oder sollte es vorher nötig werden,
Sie noch einmal zu verhören, werde ich Sie holen lassen. Sind Sie damit
einverstanden?«
»Nein, gar nicht«, sagte K., »ich will keine Gnadengeschenke vom Schloß,
sondern mein Recht.«
»Mizzi«, sagte der Vorsteher zu seiner Frau, die noch immer an ihn gedrückt
dasaß und traumverloren mit Klamms Brief spielte, aus dem sie ein Schiffchen
geformt hatte, erschrocken nahm es ihr K. jetzt fort. »Mizzi, das Bein fängt
mich wieder sehr zu schmerzen an, wir werden den Umschlag erneuern müssen.«
K. erhob sich. »Dann werde ich mich also empfehlen«, sagte er.
»Ja«, sagte Mizzi, die schon eine Salbe zurechtmachte, »es zieht auch zu
stark.« K. wandte sich um; die Gehilfen hatten, in ihrem immer unpassenden
Diensteifer, gleich auf K.s Bemerkung hin beide Türflügel geöffnet. K. konnte,
um das Krankenzimmer vor der mächtig eindringenden Kälte zu bewahren, nur
flüchtig vor dem Vorsteher sich verbeugen. Dann lief er, die Gehilfen mit sich
reißend, aus dem Zimmer und schloß schnell die Tür.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                         **** Das sechste Kapitel ****
Vor dem Wirtshaus erwartete ihn der Wirt. Ohne gefragt zu werden, hätte er
nicht zu sprechen gewagt, deshalb fragte ihn K., was er wolle. »Hast du schon
eine neue Wohnung?« fragte der Wirt, zu Boden sehend. »Du fragst im Auftrage
deiner Frau«, sagte K., »du bist wohl sehr abhängig von ihr?« - »Nein«, sagte
der Wirt, »ich frage nicht in ihrem Auftrag. Aber sie ist sehr aufgeregt und
unglücklich deinetwegen, kann nicht arbeiten, liegt im Bett und seufzt und
klagt fortwährend.« - »Soll ich zu ihr gehen?« fragte K. »Ich bitte dich
darum«, sagte der Wirt, »ich wollte dich schon vom Vorsteher holen, horchte
dort an der Tür, aber ihr wart im Gespräch, ich wollte nicht stören, auch hatte
ich Sorge wegen meiner Frau, lief wieder zurück, sie ließ mich aber nicht zu
sich, so blieb mir nichts übrig, als auf dich zu warten.« - »Dann komm also
schnell«, sagte K., »ich werde sie bald beruhigen.« - »Wenn es nur gelingen
wollte«, sagte der Wirt.
Sie gingen durch die lichte Küche, wo drei oder vier Mägde, jede weit von der
anderen, bei ihrer zufälligen Arbeit im Anblick K.s förmlich erstarrten. Schon
in der Küche hörte man das Seufzen der Wirtin. Sie lag in einem durch eine
leichte Bretterwand von der Küche abgetrennten, fensterlosen Verschlag. Er
hatte nur Raum für ein großes Ehebett und einen Schrank. Das Bett war so
aufgestellt, daß man von ihm aus die ganze Küche übersehen und die Arbeit
beaufsichtigen konnte. Dagegen war von der Küche aus im Verschlag kaum etwas zu
sehen. Dort war es ganz finster, nur das weiß-rote Bettzeug schimmerte ein
wenig hervor. Erst wenn man eingetreten war und die Augen sich eingewöhnt
hatten, unterschied man Einzelheiten.
»Endlich kommen Sie«, sagte die Wirtin schwach. Sie lag auf dem Rücken
ausgestreckt, der Atem machte ihr offenbar Beschwerden, sie hatte das Federbett
zurückgeworfen. Sie sah im Bett viel jünger aus als in den Kleidern, aber ein
Nachthäubchen aus zartem Spitzengewebe, das sie trug, obwohl es zu klein war
und auf ihrer Frisur schwankte, machte die Verfallenheit des Gesichtes
mitleiderregend. »Wie hätte ich kommen sollen?« sagte K. sanft. »Sie haben mich
doch nicht rufen lassen.« - »Sie hätten mich nicht so lange warten lassen
sollen«, sagte die Wirtin mit dem Eigensinn des Kranken. »Setzen Sie sich«,
sagte sie und zeigte auf den Bettrand, »ihr anderen geht aber fort!« Außer den
Gehilfen hatten sich inzwischen auch die Mägde eingedrängt. »Ich will auch
fortgehen, Gardena«, sagte der Wirt. K. hörte zum erstenmal den Namen der Frau.
»Natürlich«, sagte sie langsam und, als sei sie mit anderen Gedanken
beschäftigt, fügte sie zerstreut hinzu: »Warum solltest denn gerade du
bleiben?« Aber als sich alle in die Küche zurückgezogen hatten - auch die
Gehilfen folgten diesmal gleich, allerdings waren sie hinter einer Magd her -
, war Gardena doch aufmerksam genug, um zu erkennen, daß man aus der Küche
alles hören konnte, was hier gesprochen wurde, denn der Verschlag hatte keine
Tür, und so befahl sie allen, auch die Küche zu verlassen. Es geschah sofort.
»Bitte«, sagte dann Gardena, »Herr Landvermesser, gleich vorn im Schrank hängt
ein Umhängetuch, reichen Sie es mir, ich will mich damit zudecken, ich ertrage
das Federbett nicht, ich atme so schwer.« Und als ihr K. das Tuch gebracht
hatte, sagte sie: »Sehen Sie, das ist ein schönes Tuch, nicht wahr?« K. schien
es ein gewöhnliches Wolltuch zu sein, er befühlte es nur aus Gefälligkeit noch
einmal, sagte aber nichts. »Ja, es ist ein schönes Tuch«, sagte Gardena und
hüllte sich ein. Sie lag nun friedlich da; alles Leid schien von ihr genommen
zu sein, ja sogar ihre vom Liegen in Unordnung gebrachten Haare fielen ihr ein,
sie setzte sich für ein Weilchen auf und verbesserte die Frisur ein wenig rings
um das Häubchen. Sie hatte reiches Haar.
K. wurde ungeduldig und sagte: »Sie ließen mich, Frau Wirtin, fragen, ob ich
schon eine andere Wohnung habe.« - »Ich ließ Sie fragen?« sagte die Wirtin.
»Nein, das ist ein Irrtum.« - »Ihr Mann hat mich eben jetzt danach gefragt.« -
»Das glaube ich«, sagte die Wirtin, »ich bin mit ihm geschlagen. Als ich Sie
nicht hier haben wollte, hat er Sie hier gehalten, jetzt, da ich glücklich bin,
daß Sie hier wohnen, treibt er Sie fort. So ähnlich macht er es immer« »Sie
haben also«, sagte K., »Ihre Meinung über mich so sehr geändert? In ein, zwei
Stunden?« - »Ich habe meine Meinung nicht geändert«, sagte die Wirtin, wieder
schwächer, »reichen Sie mir Ihre Hand. So. Und nun versprechen Sie mir, völlig
aufrichtig zu sein, auch ich will es Ihnen gegenüber sein.« - »Gut«, sagte K.,
»wer wird aber anfangen?« - »Ich«, sagte die Wirtin. Es machte nicht den
Eindruck, als wolle sie K. damit entgegenkommen, sondern als sei sie begierig,
als erste zu reden.
Sie zog eine Fotografie unter dem Polster hervor und reichte sie K. »Sehen Sie
dieses Bild an«, sagte sie bittend. Um es besser zu sehen, machte K. einen
Schritt in die Küche, aber auch dort war es nicht leicht, etwas auf dem Bild zu
erkennen, denn dieses war vom Alter ausgebleicht, vielfach gebrochen, zerdrückt
und fleckig. »Es ist in keinem sehr guten Zustand«, sagte K. »Leider, leider«,
sagte die Wirtin, »wenn man es durch Jahre immer bei sich herumträgt, wird es
so. Aber wenn Sie es genau ansehen, werden Sie doch alles erkennen, ganz gewiß.
Ich kann Ihnen übrigens helfen, sagen Sie mir, was Sie sehen, es freut mich
sehr, von dem Bild zu hören. Was also? « - »Einen jungen Mann«, sagte K.
»Richtig«, sagte die Wirtin, »und was macht er?« - »Er liegt, glaube ich, auf
einem Brett, streckt sich und gähnt.« Die Wirtin lachte. »Das ist ganz falsch«,
sagte sie. »Aber hier ist doch das Brett, und hier liegt er«, beharrte K. auf
seinem Standpunkt. »Sehen Sie doch genauer hin«, sagte die Wirtin ärgerlich,
»liegt er wirklich?« - »Nein«, sagte nun K., »er liegt nicht, er schwebt und,
nun sehe ich es, es ist gar kein Brett, sondern wahrscheinlich eine Schnur, und
der junge Mann macht einen Hochsprung.« - »Nun also«, sagte die Wirtin erfreut,
»er springt, so üben die amtlichen Boten. Ich habe ja gewußt, daß Sie es
erkennen werden. Sehen Sie auch sein Gesicht?« - »Vom Gesicht sehe ich nur sehr
wenig«, sagte K., »er strengt sich offenbar sehr an, der Mund ist offen, die
Augen zusammengekniffen, und das Haar flattert.« - »Sehr gut«, sagte die Wirtin
anerkennend. »Mehr kann einer, der ihn nicht persönlich gesehen hat, nicht
erkennen. Aber es war ein schöner Junge; ich habe ihn nur einmal flüchtig
gesehen und werde ihn nie vergessen.« - »Wer war es denn?« fragte K. »Es war«,
sagte die Wirtin, »der Bote, durch den Klamm mich zum ersten Male zu sich
berief.«
K. konnte nicht genau zuhören, er wurde durch Klirren von Glas abgelenkt. Er
fand gleich die Ursache der Störung. Die Gehilfen standen draußen im Hof,
hüpften im Schnee von einem Fuß auf den anderen. Sie taten, als wären sie
glücklich, K. wiederzusehen; vor Glück zeigten sie ihn einander und tippten
dabei immerfort an das Küchenfenster. Auf eine drohende Bewegung K.s ließen sie
sofort davon ab, suchten einander zurückzudrängen, aber einer entwischte gleich
dem anderen, und schon waren sie wieder beim Fenster. K. eilte in den
Verschlag, wo ihn die Gehilfen von außen nicht sehen konnten und er sie nicht
sehen mußte. Aber das leise, wie bittende Klirren der Fensterscheibe verfolgte
ihn auch dort noch lange.
»Wieder einmal die Gehilfen«, sagte er der Wirtin zu seiner Entschuldigung und
zeigte hinaus. Sie aber achtete nicht auf ihn, das Bild hatte sie ihm
fortgenommen, angesehen, geglättet und wieder unter das Polster geschoben. Ihre
Bewegungen waren langsamer geworden, aber nicht vor Müdigkeit, sondern unter
der Last der Erinnerung. Sie hatte K. erzählen wollen und hatte ihn vergessen
über der Erzählung. Sie spielte mit den Fransen ihres Tuches. Erst nach einem
Weilchen blickte sie auf, fuhr sich mit der Hand über die Augen und sagte:
»Auch dieses Tuch ist von Klamm. Und auch das Häubchen. Das Bild, das Tuch und
das Häubchen, das sind drei Andenken, die ich an ihn habe. Ich bin nicht jung
wie Frieda, ich bin nicht so ehrgeizig wie sie, auch nicht so zartfühlend, sie
ist sehr zartfühlend; kurz, ich weiß mich in das Leben zu schicken, aber das
muß ich eingestehen, ohne die drei Dinge hätte ich es hier nicht so lange
ausgehalten, ja, ich hätte es wahrscheinlich keinen Tag hier ausgehalten. Diese
drei Andenken scheinen Ihnen vielleicht gering, aber sehen Sie: Frieda, die so
lange mit Klamm verkehrt hat, besitzt gar kein Andenken, ich habe sie gefragt,
sie ist zu schwärmerisch und auch zu ungenügsam; ich dagegen, die nur dreimal
bei Klamm war - später ließ er mich nicht mehr rufen, ich weiß nicht, warum -
, habe doch wie in Vorahnung der Kürze meiner Zeit diese Andenken mitgebracht.
Freilich, man muß sich darum kümmern, Klamm selbst gibt nichts, aber wenn man
dort etwas Passendes liegen sieht, kann man es sich ausbitten.«
K. fühlte sich unbehaglich gegenüber diesen Geschichten, sosehr sie ihn auch
betrafen.
»Wie lange ist denn das alles her?« fragte er seufzend.
»Über zwanzig Jahre«, sagte die Wirtin. »Weit über zwanzig Jahre.«
»So lange hält man Klamm die Treue«, sagte K. »Sind Sie sich aber, Frau Wirtin,
dessen auch bewußt, daß Sie mir mit solchen Geständnissen, wenn ich an meine
zukünftige Ehe denke, schwere Sorgen machen?«
Die Wirtin fand es ungebührlich, daß sich K. mit seinen Angelegenheiten hier
einmischen wollte, und sah ihn erzürnt von der Seite an.
»Nicht so böse, Frau Wirtin«, sagte K. »Ich sagte ja kein Wort gegen Klamm,
aber ich bin doch durch die Macht der Ereignisse in gewisse Beziehungen zu
Klamm getreten; das kann der größte Verehrer Klamms nicht leugnen. Nun also.
Infolgedessen muß ich bei Klamms Erwähnung immer auch an mich denken, das ist
nicht zu ändern. Übrigens, Frau Wirtin« - hier faßte K. ihre zögernde Hand -
, »denken Sie daran, wie schlecht unsere letzte Unterhaltung ausgefallen ist
und daß wir diesmal in Frieden auseinandergehen wollen.«
»Sie haben recht«, sagte die Wirtin und beugte den Kopf, »aber schonen Sie
mich. Ich bin nicht empfindlicher als andere, im Gegenteil, jeder hat
empfindliche Stellen, ich habe nur diese eine.«
»Leider ist es gleichzeitig auch die meine«, sagte K., »ich aber werde mich
gewiß beherrschen; nun aber erklären Sie mir, Frau Wirtin, wie soll ich in der
Ehe diese entsetzliche Treue gegenüber Klamm ertragen, vorausgesetzt, daß auch
Frieda Ihnen darin ähnlich ist?«
»Entsetzliche Treue?« wiederholte die Wirtin grollend. »Ist es denn Treue? Treu
bin ich meinem Mann, aber Klamm? Klamm hat mich einmal zu seiner Geliebten
gemacht, kann ich diesen Rang jemals verlieren? Und wie Sie es bei Frieda
ertragen sollen? Ach, Herr Landvermesser, wer sind Sie denn, der so zu fragen
wagt?«
»Frau Wirtin«, sagte K. warnend.
»Ich weiß«, sagte die Wirtin, sich fügend, »aber mein Mann hat solche Fragen
nicht gestellt. Ich weiß nicht, wer unglücklich zu nennen ist, ich damals oder
Frieda jetzt. Frieda, die mutwillig Klamm verließ, oder ich, die er nicht mehr
hat rufen lassen. Vielleicht ist es doch Frieda, wenn sie es auch noch nicht in
vollem Umfang zu wissen scheint. Aber meine Gedanken beherrschte doch mein
Unglück damals ausschließlicher, denn immerfort mußte ich mich fragen und höre
im Grunde auch heute noch nicht auf, so zu fragen: Warum ist das geschehen?
Dreimal hat dich Klamm rufen lassen und zum viertenmal nicht mehr und niemals
mehr zum viertenmal! Was beschäftigte mich damals mehr? Worüber konnte ich denn
sonst mit meinem Mann sprechen, den ich damals kurz nachher heiratete? Bei Tag
hatten wir keine Zeit, wir hatten dieses Wirtshaus in einem elenden Zustand
übernommen und mußten es in die Höhe zu bringen suchen, aber in der Nacht?
Jahrelang drehten sich unsere nächtlichen Gespräche nur um Klamm und die Gründe
seiner Sinnesänderung. Und wenn mein Mann bei diesen Unterhaltungen einschlief,
weckte ich ihn, und wir sprachen weiter.«
»Nun werde ich«, sagte K., »wenn Sie erlauben, eine sehr grobe Frage stellen.«
Die Wirtin schwieg.
»Ich darf also nicht fragen«, sagte K., »auch das genügt mir.«
»Freilich«, sagte die Wirtin, »auch das genügt Ihnen, und das besonders. Sie
mißdeuten alles, auch das Schweigen. Sie können eben nicht anders. Ich erlaube
Ihnen zu fragen.«
»Wenn ich alles mißdeute«, sagte K., »mißdeute ich vielleicht auch meine Frage,
vielleicht ist sie gar nicht so grob. Ich wollte nur wissen, wie Sie Ihren Mann
kennengelernt haben und wie dieses Wirtshaus in Ihren Besitz gekommen ist?«
Die Wirtin runzelte die Stirn, sagte aber gleichmütig: »Das ist eine sehr
einfache Geschichte. Mein Vater war Schmied, und Hans, mein jetziger Mann, der
Pferdeknecht bei einem Großbauern war, kam öfters zu meinem Vater. Es war
damals nach der letzten Zusammenkunft mit Klamm, ich war sehr unglücklich und
hätte es eigentlich nicht sein dürfen, denn alles war ja korrekt vor sich
gegangen, und daß ich nicht mehr zu Klamm durfte, war eben Klamms Entscheidung,
war also korrekt; nur die Gründe waren dunkel, in denen durfte ich nicht
forschen, aber unglücklich hätte ich nicht sein dürfen. Nun, ich war es doch
und konnte nicht arbeiten und saß in unserem Vorgärtchen, den ganzen Tag. Dort
sah mich Hans, setzte sich manchmal zu mir, ich klagte ihm nicht, aber er
wußte, worum es ging, und weil er ein guter Junge ist, kam es vor, daß er mit
mir weinte. Und als der damalige Gastwirt, dem die Frau gestorben war und der
deshalb das Gewerbe aufgeben mußte - auch war er schon ein alter Mann -, einmal
an unserem Gärtchen vorüberkam und uns dort sitzen sah, blieb er stehen und bot
uns kurzerhand das Wirtshaus zur Pacht an, wollte, weil er Vertrauen zu uns
habe, kein Geld im voraus und setzte die Pacht sehr billig an. Dem Vater wollte
ich nicht zur Last fallen, alles andere war mir gleichgültig, und so reichte
ich in Gedanken an das Wirtshaus und an die neue, vielleicht ein wenig
Vergessen bringende Arbeit Hans die Hand. Das ist die Geschichte.«
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










Es war ein Weilchen still, dann sagte K.: »Die Handlungsweise des Gastwirts war
schön, aber unvorsichtig, oder hatte er besondere Gründe für sein Vertrauen zu
Ihnen beiden?«
»Er kannte Hans gut«, sagte die Wirtin, »er war Hansens Onkel.«
»Dann freilich«, sagte K. »Hansens Familie war also offenbar viel an der
Verbindung mit Ihnen gelegen?«
»Vielleicht«, sagte die Wirtin, »ich weiß es nicht, ich kümmerte mich nie
darum.«
»Es muß doch aber so gewesen sein«, sagte K., »wenn die Familie bereit war,
solche Opfer zu bringen und das Wirtshaus einfach, ohne Sicherung, in Ihre
Hände zu geben.«
»Es war nicht unvorsichtig, wie sich später gezeigt hat«, sagte die Wirtin.
»Ich warf mich in die Arbeit, stark war ich, des Schmiedes Tochter, ich
brauchte nicht Magd, nicht Knecht; ich war überall, in der Wirtsstube, in der
Küche, im Stall, im Hof, ich kochte so gut, daß ich sogar dem Herrenhof Gäste
abjagte. Sie waren zu Mittag noch nicht in der Wirtsstube, Sie kennen nicht
unsere Mittagsgäste, damals waren noch mehr, seitdem haben sich schon viele
verlaufen. Und das Ereignis war, daß wir nicht nur die Pacht richtig zahlen
konnten, sondern nach einigen Jahren das Ganze kauften und es heute fast
schuldenfrei ist. Das weitere Ergebnis freilich war, daß ich mich dabei
zerstörte, herzkrank wurde und nun eine alte Frau geworden bin. Sie glauben
vielleicht, daß ich viel älter als Hans bin, aber in Wirklichkeit ist er nur
zwei oder drei Jahre jünger und wird allerdings niemals altern, denn bei seiner
Arbeit - Pfeiferauchen, den Gästen zuhören, dann die Pfeife ausklopfen und
manchmal ein Bier holen -, bei dieser Arbeit altert man nicht.«
»Ihre Leistungen sind bewundernswert«, sagte K., »daran ist kein Zweifel, aber
wir sprachen von den Zeiten vor Ihrer Heirat, und damals wäre es doch
merkwürdig gewesen, wenn Hansens Familie unter Geldopfern oder zumindest mit
Übernahme eines so großen Risikos, wie es die Hingabe des Wirtshauses war, zur
Heirat gedrängt und hierbei keine andere Hoffnung gehabt hätte als Ihre
Arbeitskraft, die man ja noch gar nicht kannte, und Hansens Arbeitskraft, deren
Nichtvorhandensein man doch schon erfahren haben mußte.
»Nun ja«, sagte die Wirtin müde, »ich weiß ja, worauf Sie zielen und wie fehl
Sie dabei gehen. Von Klamm war in allen diesen Dingen keine Spur. Warum hätte
er für mich sorgen sollen oder richtiger: wie hätte er überhaupt für mich
sorgen können? Er wußte ja nichts mehr von mir. Daß er mich nicht mehr hatte
rufen lassen, war ein Zeichen, daß er mich vergessen hatte. Wen er nicht mehr
rufen läßt, vergißt er völlig. Ich wollte davon vor Frieda nicht reden. Es ist
aber nicht nur Vergessen, es ist mehr als das. Den, welchen man vergessen hat,
kann man ja wieder kennenlernen. Bei Klamm ist das nicht möglich. Wen er nicht
mehr rufen läßt, den hat er nicht nur für die Vergangenheit völlig vergessen,
sondern förmlich auch für alle Zukunft. Wenn ich mir viel Mühe gebe, kann ich
mich ja hineindenken in Ihre Gedanken, in Ihre hier sinnlosen, in der Fremde,
aus der Sie kommen, vielleicht gültigen Gedanken. Möglicherweise versteigen Sie
sich bis zu der Tollheit, zu glauben, Klamm hätte mir gerade meinen Hans
deshalb zum Manne gegeben, damit ich nicht viel Hindernis habe, zu ihm zu
kommen, wenn er mich in Zukunft einmal riefe. Nun, weiter kann auch Tollheit
nicht gehen. Wo wäre der Mann, der mich hindern könnte, zu Klamm zu laufen,
wenn mir Klamm ein Zeichen gibt? Unsinn, völliger Unsinn; man verwirrt sich
selbst, wenn man mit diesem Unsinn spielt.«
»Nein«, sagte K, »verwirren wollen wir uns nicht, ich war mit meinen Gedanken
noch lange nicht so weit, wie Sie annehmen, wenn auch, um die Wahrheit zu
sagen, auf dem Wege dorthin. Vorläufig wunderte mich aber nur, daß die
Verwandtschaft so viel von der Heirat erhoffte und daß diese Hoffnungen sich
tatsächlich auch erfüllten, allerdings durch den Einsatz Ihres Herzens, Ihrer
Gesundheit. Der Gedanke an einen Zusammenhang dieser Tatsachen mit Klamm
drängte sich mir dabei allerdings auf, aber nicht oder noch nicht in der
Grobheit, mit der Sie es darstellten, offenbar nur zu dem Zweck, um mich wieder
einmal anfahren zu können, weil Ihnen das Freude macht. Mögen Sie die Freude
haben! Mein Gedanke aber war der: Zunächst ist Klamm offenbar die Veranlassung
der Heirat. Ohne Klamm wären Sie nicht unglücklich gewesen, nicht untätig im
Vorgärtchen gesessen, ohne Klamm hätte Sie Hans dort nicht gesehen, ohne Ihre
Traurigkeit hätte der schüchterne Hans Sie nie anzusprechen gewagt, ohne Klamm
hätten Sie sich nie mit Hans in Tränen gefunden, ohne Klamm hätte der alte,
gute Onkel-Gastwirt niemals Hans und Sie dort friedlich beisammen gesehen, ohne
Klamm wären Sie nicht gleichgültig gegen das Leben gewesen, hätten also Hans
nicht geheiratet. Nun, in dem allen ist doch schon genug Klamm, sollte ich
meinen. Es geht aber noch weiter. Hätten Sie nicht Vergessen gesucht, hätten
Sie gewiß nicht so rücksichtslos gegen sich selbst gearbeitet und die
Wirtschaft nicht so hoch gebracht. Also auch hier Klamm. Aber Klamm ist auch
noch, abgesehen davon, die Ursache Ihrer Krankheit, denn Ihr Herz war schon vor
Ihrer Heirat von der unglücklichen Leidenschaft erschöpft. Bleibt nur noch die
Frage, was Hansens Verwandte so sehr an der Heirat lockte. Sie selbst erwähnten
einmal, daß Klamms Geliebte zu sein eine unverlierbare Rangerhöhung bedeutet;
nun, so mag sie also dies gelockt haben. Außerdem aber glaube ich, die
Hoffnung, daß der gute Stern, der Sie zu Klamm geführt hat - vorausgesetzt, daß
es ein guter Stern war, aber Sie behaupten es -, zu Ihnen gehöre, also bei
Ihnen bleiben müsse und Sie nicht etwa so schnell und plötzlich verlassen
werde, wie Klamm es getan hat.«
»Meinen Sie das alles im Ernst?« fragte die Wirtin.
»Im Ernst«, sagte K. schnell, »nur glaube ich, daß Hansens Verwandtschaft mit
ihren Hoffnungen weder ganz recht noch ganz unrecht hatte, und ich glaube auch
den Fehler zu erkennen, den sie gemacht haben. Äußerlich scheint ja alles
gelungen, Hans ist gut versorgt, hat eine stattliche Frau, steht in Ehren, die
Wirtschaft ist schuldenfrei. Aber eigentlich ist doch nicht alles gelungen, er
wäre mit einem einfachen Mädchen, dessen erste große Liebe er gewesen wäre,
gewiß viel glücklicher geworden; wenn er, wie Sie es ihm vorwerfen, manchmal in
der Wirtsstube wie verloren dasteht, so deshalb, weil er sich wirklich wie
verloren fühlt - ohne darüber unglücklich zu sein, gewiß, soweit kenne ich ihn
schon -, aber ebenso gewiß ist es, daß dieser hübsche, verständige Junge mit
einer anderen Frau glücklicher, womit ich gleichzeitig meinte, selbständiger,
fleißiger, männlicher geworden wäre. Und Sie selbst sind doch gewiß nicht
glücklich und, wie Sie sagten, ohne die drei Andenken wollten Sie gar nicht
weiterleben, und herzkrank sind Sie auch. Also hatte die Verwandtschaft mit
ihren Hoffnungen unrecht? Ich glaube nicht. Der Segen war über Ihnen, aber man
verstand nicht, ihn herunterzuholen.«
»Was hat man denn versäumt?« fragte die Wirtin. Sie lag nun ausgestreckt auf
dem Rücken und blickte zur Decke empor.
»Klamm zu fragen«, sagte K.
»So wären wir also wieder bei Ihnen«, sagte die Wirtin.
»Oder bei Ihnen«, sagte K. »Unsere Angelegenheiten grenzen aneinander.«
»Was wollen Sie also von Klamm?« fragte die Wirtin. Sie hatte sich aufrecht
gesetzt, die Kissen auf geschüttelt, um sitzend sich anlehnen zu können, und
sah K. voll in die Augen. »Ich habe Ihnen meinen Fall, aus dem Sie einiges
hätten lernen können, offen erzählt. Sagen Sie mir nun ebenso offen, was Sie
Klamm fragen wollen. Nur mit Mühe habe ich Frieda überredet, in ihr Zimmer
hinaufzugehen und dort zu bleiben; ich fürchtete, Sie würden in ihrer
Anwesenheit nicht genug offen sprechen.«
»Ich habe nichts zu verbergen«, sagte K. »Zunächst aber will ich Sie auf etwas
aufmerksam machen. Klamm vergißt gleich, sagten Sie. Das kommt mir nun erstens
sehr unwahrscheinlich vor, zweitens aber ist es unbeweisbar, offenbar nichts
anderes als eine Legende, ausgedacht vom Mädchenverstand derjenigen, welche bei
Klamm gerade in Gnade waren. Ich wundere mich, daß Sie einer so platten
Erfindung glauben.«
»Es ist keine Legende«, sagte die Wirtin, »es ist vielmehr der allgemeinen
Erfahrung entnommen.«
»Also auch durch eine Erfindung zu widerlegen«, sagte K. »Dann gibt es aber
auch noch einen Unterschied zwischen Ihrem und Friedas Fall. Daß Klamm Frieda
nicht mehr gerufen hätte, ist gewissermaßen gar nicht vorgekommen, vielmehr hat
er sie gerufen, aber sie hat nicht gefolgt. Es ist sogar möglich, daß er noch
immer auf sie wartet.«
Die Wirtin schwieg und ließ nur ihren Blick beobachtend an K. auf und ab gehen.
Dann sagte sie: »Ich will allem, was Sie zu sagen haben, ruhig zuhören. Reden
Sie lieber offen, als daß Sie mich schonen. Nur eine Bitte habe ich. Gebrauchen
Sie nicht Klamms Namen. Nennen Sie ihn ›Er‹ oder sonstwie, aber nicht beim
Namen.«
»Gern«, sagte K., »aber was ich von ihm will, ist schwer zu sagen. Zunächst
will ich ihn in der Nähe sehen, dann will ich seine Stimme hören, dann will ich
von ihm wissen, wie er sich zu unserer Heirat verhält. Worum ich ihn dann
vielleicht noch bitten werde, hängt vom Verlauf der Unterredung ab. Es kann
manches zur Sprache kommen, aber das wichtigste ist doch für mich, daß ich ihm
gegenüberstehe. Ich habe nämlich noch mit keinem wirklichen Beamten unmittelbar
gesprochen. Es scheint das schwerer zu erreichen zu sein, als ich glaubte. Nun
aber habe ich die Pflicht, mit ihm als einem Privatmann zu sprechen, und dieses
ist meiner Meinung nach viel leichter durchzusetzen. Als Beamten kann ich ihn
nur in seinem vielleicht unzugänglichen Büro sprechen, im Schloß oder, was
schon fraglich ist, im Herrenhof. Als Privatmann aber überall, im Haus, auf der
Straße, wo es mir nur gelingt, ihm zu begegnen. Daß ich dann nebenbei auch den
Beamten mir gegenüber haben werde, werde ich gern hinnehmen, aber es ist nicht
mein erstes Ziel.«
»Gut«, sagte die Wirtin und drückte ihr Gesicht in die Kissen, als sage sie
etwas Schamloses. »Wenn ich durch meine Verbindungen es erreiche, daß Ihre
Bitte um eine Unterredung zu Klamm geleitet wird, versprechen Sie mir, bis zum
Herabkommen der Antwort nichts auf eigene Faust zu unternehmen?«
»Das kann ich nicht versprechen«, sagte K., »so gerne ich Ihre Bitte oder Ihre
Laune erfüllen wollte. Die Sache drängt nämlich, besonders nach dem ungünstigen
Ergebnis meiner Besprechung mit dem Vorsteher.«
»Dieser Einwand entfällt«, sagte die Wirtin, »der Vorsteher ist eine ganz
belanglose Person. Haben Sie denn das nicht bemerkt? Er könnte keinen Tag in
seiner Stellung bleiben, wenn nicht seine Frau wäre, die alles führt.«
»Mizzi?« fragte K. Die Wirtin nickte. »Sie war dabei«, sagte K.
»Hat sie sich geäußert?« fragte die Wirtin.
»Nein«, sagte K., »ich hatte aber auch nicht den Eindruck, daß sie das könnte.«
»Nun ja«, sagte die Wirtin, »so irrig sehen Sie hier alles an. Jedenfalls: Was
der Vorsteher über Sie verfügt hat, hat keine Bedeutung, und mit der Frau werde
ich gelegentlich reden. Und wenn ich Ihnen nun noch verspreche, daß die Antwort
Klamms spätestens in einer Woche kommen wird, haben Sie wohl keinen Grund mehr,
mir nicht nachzugeben.«
»Das alles ist nicht entscheidend«, sagte K. »Mein Entschluß steht fest und ich
würde ihn auch auszuführen versuchen, wenn eine ablehnende Antwort käme. Wenn
ich aber diese Absicht von vornherein habe, kann ich doch nicht vorher um die
Unterredung bitten lassen. Was ohne die Bitte vielleicht ein kühner, aber doch
gutgläubiger Versuch bleibt, wäre nach einer ablehnenden Antwort offene
Widersetzlichkeit. Das wäre freilich viel schlimmer.«
»Schlimmer?« sagte die Wirtin. »Widersetzlichkeit ist es auf jeden Fall. Und
nun tun Sie nach Ihrem Willen. Reichen Sie mir den Rock.«
Ohne Rücksicht auf K. zog sie sich den Rock an und eilte in die Küche. Schon
seit längerer Zeit hörte man Unruhe von der Wirtsstube her. An das Guckfenster
war geklopft worden. Die Gehilfen hatten es einmal aufgestoßen und
hereingerufen, daß sie Hunger hätten. Auch andere Gesichter waren dann dort
erschienen. Sogar einen leisen, aber mehrstimmigen Gesang hörte man.
Freilich, K.s Gespräch mit der Wirtin hatte das Kochen des Mittagessens sehr
verzögert, es war noch nicht fertig, aber die Gäste waren versammelt. Immerhin
hatte niemand gewagt, gegen das Verbot der Wirtin die Küche zu betreten. Nun
aber, da die Beobachter am Guckfenster meldeten, die Wirtin komme schon, liefen
die Mägde gleich in die Küche, und als K. die Wirtsstube betrat, strömte die
erstaunlich zahlreiche Gesellschaft, mehr als zwanzig Leute, Männer und Frauen,
provinzmäßig, aber nicht bäuerisch angezogen, vom Guckfenster, wo sie
versammelt gewesen waren, zu den Tischen, um sich Plätze zu sichern. Nur an
einem kleinen Tisch in einem Winkel saß schon ein Ehepaar mit einigen Kindern;
der Mann, ein freundlicher, blauäugiger Herr mit zerrauftem, grauem Haar und
Bart, stand zu den Kindern hinabgebeugt und gab mit einem Messer den Takt zu
ihrem Gesang, den er immerfort zu dämpfen bemüht war; vielleicht wollte er sie
durch den Gesang den Hunger vergessen machen. Die Wirtin entschuldigte sich vor
der Gesellschaft mit einigen gleichgültig hingesprochenen Worten, niemand
machte ihr Vorwürfe. Sie sah sich nach dem Wirt um, der sich aber vor der
Schwierigkeit der Lage wohl schon längst geflüchtet hatte. Dann ging sie
langsam in die Küche; für K., der zu Frieda in sein Zimmer eilte, hatte sie
keinen Blick mehr.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                        **** Das siebente Kapitel ****
Oben traf K. den Lehrer. Das Zimmer war erfreulicherweise kaum
wiederzuerkennen, so fleißig war Frieda gewesen. Es war gut gelüftet worden,
der Ofen reichlich geheizt, der Fußboden gewaschen, das Bett geordnet, die
Sachen der Mägde, dieser hassenswerte Unrat, einschließlich ihrer Bilder, waren
verschwunden, der Tisch, der einem früher, wohin man sich auch wendete, mit
seiner schmutzüberkrusteten Platte förmlich nachgestarrt hatte, war mit einer
weißen, gestrickten Decke überzogen. Nun konnte man schon Gäste empfangen; daß
K.s kleiner Wäschevorrat, den Frieda offenbar früh gewaschen hatte, beim Ofen
zum Trocknen ausgehängt war, störte wenig. Der Lehrer und Frieda waren bei
Tisch gesessen, sie erhoben sich bei K.s Eintritt. Frieda begrüßte K. mit einem
Kuß, der Lehrer verbeugte sich ein wenig. K., zerstreut und noch in der Unruhe
des Gesprächs mit der Wirtin, begann, sich zu entschuldigen, daß er den Lehrer
bisher noch nicht hatte besuchen können; es war so, als nehme er an, der Lehrer
hätte, ungeduldig wegen K.s Ausbleiben, nun selbst den Besuch gemacht. Der
Lehrer aber, in seiner gemessenen Art, schien sich nun erst selbst langsam zu
erinnern, daß einmal zwischen ihm und K. eine Art Besuch verabredet worden war.
»Sie sind ja, Herr Landvermesser«, sagte er langsam, »der Fremde, mit dem ich
vor ein paar Tagen auf dem Kirchplatz gesprochen habe.« - »Ja«, sagte K. kurz;
was er damals in seiner Verlassenheit geduldet hatte, mußte er hier, in seinem
Zimmer, sich nicht gefallen lassen. Er wandte sich an Frieda und beriet sich
mit ihr wegen eines wichtigen Besuches, den er sofort zu machen habe und bei
dem er möglichst gut angezogen sein müsse. Frieda rief sofort, ohne K. weiter
auszufragen, die Gehilfen, die gerade mit der Untersuchung der neuen Tischdecke
beschäftigt waren, und befahl ihnen, K.s Kleider und Stiefel, die er gleich
auszuziehen begann, unten im Hof sorgfältig zu putzen. Sie selbst nahm ein Hemd
von der Schnur und lief in die Küche hinunter, um es zu bügeln.
Jetzt war K. mit dem Lehrer, der wieder still beim Tisch saß, allein; er ließ
ihn noch ein wenig warten, zog sich das Hemd aus und begann, sich beim
Waschbecken zu waschen. Erst jetzt, den Rücken dem Lehrer zugekehrt, fragte er
ihn nach dem Grund seines Kommens. »Ich komme im Auftrag des Herrn
Gemeindevorstehers«, sagte er. K. war bereit, den Auftrag zu hören. Da aber K.s
Worte in dem Wasserschwall schwer verständlich waren, mußte der Lehrer näher
kommen und lehnte sich neben K. an die Wand. K. entschuldigte sein Waschen und
seine Unruhe mit der Dringlichkeit des beabsichtigten Besuches. Der Lehrer ging
darüber hinweg und sagte: »Sie waren unhöflich gegenüber dem Herrn
Gemeindevorsteher, diesem alten, verdienten, vielerfahrenen, ehrwürdigen Mann.«
- »Daß ich unhöflich gewesen wäre, weiß ich nicht«, sagte K., während er sich
abtrocknete, »daß ich aber an anderes zu denken hatte als an ein feines
Benehmen, ist richtig, denn es handelte sich um meine Existenz, die bedroht ist
durch eine schmachvolle amtliche Wirtschaft, deren Einzelheiten ich Ihnen nicht
darlegen muß, da Sie selbst ein tätiges Glied dieser Behörde sind. Hat sich der
Gemeindevorsteher über mich beklagt?« - »Wem gegenüber hätte er sich beklagen
sollen?« sagte der Lehrer. »Und selbst, wenn er jemanden hätte, würde er sich
denn jemals beklagen? Ich habe nur ein kleines Protokoll nach seinem Diktat
über Ihre Besprechung aufgesetzt und daraus über die Güte des Herrn Vorstehers
und über die Art Ihrer Antworten genug erfahren.«
Während K. seinen Kamm suchte, den Frieda irgendwo eingeordnet haben mußte,
sagte er: »Wie? Ein Protokoll? In meiner Abwesenheit nachträglich aufgesetzt
von jemandem, der gar nicht bei der Besprechung war? Das ist nicht übel. Und
warum denn ein Protokoll? War es denn eine amtliche Handlung?« - »Nein«, sagte
der Lehrer, »eine halbamtliche, auch das Protokoll ist nur halbamtlich; es
wurde nur gemacht, weil bei uns in allem strenge Ordnung sein muß. Jedenfalls
liegt es nun vor und dient nicht zu Ihrer Ehre.« K., der den Kamm, der ins Bett
geglitten war, endlich gefunden hatte, sagte ruhiger: »Mag es vorliegen. Sind
Sie gekommen, mir das zu melden?« - »Nein«, sagte der Lehrer, »aber ich bin
kein Automat und mußte Ihnen meine Meinung sagen. Mein Auftrag dagegen ist ein
weiterer Beweis der Güte des Herrn Vorstehers; ich betone, daß mir diese Güte
unbegreiflich ist und daß ich nur unter dem Zwang meiner Stellung und in
Verehrung des Herrn Vorstehers den Auftrag ausführe.« K., gewaschen und
gekämmt, saß nun in Erwartung des Hemdes und der Kleider bei Tisch; er war
wenig neugierig auf das, was der Lehrer ihm brachte; auch war er beeinflußt von
der geringen Meinung, welche die Wirtin vom Vorsteher hatte. »Es ist wohl schon
Mittag vorüber?« fragte er in Gedanken an den Weg, den er vorhatte, dann
verbesserte er sich und sagte: »Sie wollten mir etwas vom Vorsteher
ausrichten.« - »Nun ja«, sagte der Lehrer mit einem Achselzucken, als schüttle
er jede eigene Verantwortung von sich ab. »Der Herr Vorsteher befürchtet, daß
Sie, wenn die Entscheidung Ihrer Angelegenheit zu lange ausbleibt, etwas
Unbedachtes auf eigene Faust tun werden. Ich für meinen Teil weiß nicht, warum
er das befürchtet; meine Ansicht ist, daß Sie doch am besten tun mögen, was Sie
wollen. Wir sind nicht Ihre Schutzengel und haben keine Verpflichtung, Ihnen
auf allen Ihren Wegen nachzulaufen. Nun gut. Der Herr Vorsteher ist anderer
Meinung. Die Entscheidung selbst, welche Sache der gräflichen Behörden ist,
kann er freilich nicht beschleunigen. Wohl aber will er in seinem Wirkungskreis
eine vorläufige, wahrhaftig generöse Entscheidung treffen, es liegt nur an
Ihnen, sie anzunehmen: Er bietet Ihnen vorläufig die Stelle eines Schuldieners
an.« Darauf, was ihm angeboten wurde, achtete K. zunächst kaum, aber die
Tatsache, daß ihm etwas angeboten wurde, schien ihm nicht bedeutungslos. Es
deutete daraufhin daß er nach Ansicht des Vorstehers imstande war, um sich zu
wehren, Dinge auszuführen, vor denen sich zu schützen für die Gemeinde selbst
gewisse Aufwendungen rechtfertigte. Und wie wichtig man die Sache nahm! Der
Lehrer, der hier schon eine Zeitlang gewartet und vorher noch das Protokoll
aufgesetzt hatte, mußte ja vom Vorsteher geradezu hergejagt worden sein. Als
der Lehrer sah, daß er nun doch K. nachdenklich gemacht hatte, fuhr er fort:
»Ich machte meine Einwendungen. Ich wies darauf hin, daß bisher kein
Schuldiener nötig gewesen sei; die Frau des Kirchendieners räumt von Zeit zu
Zeit auf, und Fräulein Gisa, die Lehrerin, beaufsichtigt es. Ich habe Plage
genug mit den Kindern, ich will mich nicht auch noch mit einem Schuldiener
ärgern. Der Herr Vorsteher entgegnete, daß es aber doch sehr schmutzig in der
Schule sei. Ich erwiderte, der Wahrheit gemäß, daß es nicht sehr arg sei. Und,
fügte ich hinzu, wird es dann besser werden, wenn wir den Mann als Schuldiener
nehmen? Ganz gewiß nicht. Abgesehen davon, daß er von solchen Arbeiten nichts
versteht, hat doch das Schulhaus nur zwei große Lehrzimmer ohne Nebenräume, der
Schuldiener muß also mit seiner Familie in einem der Lehrzimmer wohnen,
schlafen, vielleicht gar kochen, das kann natürlich die Reinlichkeit nicht
vergrößern. Aber der Herr Vorsteher verwies darauf, daß diese Stelle für Sie
eine Rettung in der Not sei und daß Sie daher sich mit allen Kräften bemühen
werden, sie gut auszufüllen; ferner meinte der Herr Vorsteher, gewinnen wir mit
Ihnen auch noch die Kräfte Ihrer Frau und Ihrer Gehilfen, so daß nicht nur die
Schule, sondern auch der Schulgarten in musterhafter Ordnung wird gehalten
werden können. Das alles widerlegte ich mit Leichtigkeit. Schließlich konnte
der Herr Vorsteher gar nichts mehr zu Ihren Gunsten vorbringen, lachte und
sagte nur, Sie seien doch Landvermesser und würden daher die Beete im
Schulgarten besonders schön gerade ziehen können. Nun, gegen Späße gibt es
keine Einwände, und so ging ich mit dem Auftrag zu Ihnen.« »Sie machen sich
unnütze Sorgen, Herr Lehrer«, sagte K. »Es fällt mir nicht ein, die Stelle
anzunehmen.« - »Vorzüglich«, sagte der Lehrer, »vorzüglich, ganz ohne Vorbehalt
lehnen Sie ab«, und er nahm den Hut, verbeugte sich und ging.
Gleich darauf kam Frieda mit verstörtem Gesicht herauf, das Hemd brachte sie
ungebügelt, Fragen beantwortete sie nicht; um sie zu zerstreuen, erzählte ihr
K. von dem Lehrer und dem Angebot; kaum hörte sie es, warf sie das Hemd auf das
Bett und lief wieder fort. Sie kam bald zurück, aber mit dem Lehrer, der
verdrießlich aussah und gar nicht grüßte. Frieda bat ihn um ein wenig Geduld -
offenbar hatte sie das auf dem Weg hierher schon einige Male getan -, zog dann
K. durch eine Seitentür, von der er gar nicht gewußt hatte, auf den
benachbarten Dachboden und erzählte dort schließlich aufgeregt außer Atem, was
ihr geschehen war. Die Wirtin, empört darüber, daß sie sich vor K. zu
Geständnissen und, was noch ärger war, zur Nachgiebigkeit hinsichtlich einer
Unterredung Klamms mit K. erniedrigt und nichts damit erreicht hatte als, wie
sie sagte, kalte und überdies unaufrichtige Abweisung, sei entschlossen, K.
nicht mehr in ihrem Hause zu dulden; habe er Verbindungen mit dem Schloß, so
möge er sie nur schnell ausnutzen, denn noch heute, noch jetzt müsse er das
Haus verlassen, und nur auf direkten behördlichen Befehl und Zwang werde sie
ihn wieder aufnehmen; doch hoffe sie, daß es nicht dazu kommen werde, denn auch
sie habe Verbindungen mit dem Schloß und werde sie geltend zu machen verstehen.
Übrigens sei er ja in das Wirtshaus nur infolge der Nachlässigkeit des Wirtes
gekommen und sei auch sonst gar nicht in Not, denn noch heute morgen habe er
sich eines für ihn bereitstehenden Nachtlagers gerühmt. Frieda natürlich solle
bleiben; wenn Frieda mit K. ausziehen sollte, werde sie, die Wirtin, tief
unglücklich sein, schon unten in der Küche sei sie bei dem bloßen Gedanken
weinend neben dem Herd zusammengesunken, die arme, herzleidende Frau! Aber wie
könnte sie anders handeln, jetzt, da es sich, in ihrer Vorstellung wenigstens
geradezu um die Ehre von Klamms Andenken handle! So stehe es also mit der
Wirtin. Frieda freilich werde ihm, K., folgen, wohin er wolle, in Schnee und
Eis, darüber sei natürlich kein weiteres Wort zu verlieren, aber sehr schlimm
sei doch ihrer beider Lage jedenfalls, darum habe sie das Angebot des
Vorstehers mit großer Freude begrüßt, sei es auch eine für K. nicht passende
Stelle, so sei sie doch, das werde ausdrücklich betont, eine nur vorläufige,
man gewinne Zeit und werde leicht andere Möglichkeiten finden, selbst wenn die
endgültige Entscheidung ungünstig ausfallen sollte. »Im Notfall «, rief
schließlich Frieda, schon an K.s Hals, »wandern wir aus, was hält uns hier im
Dorf? Vorläufig aber, nicht wahr, Liebster, nehmen wir das Angebot an. Ich habe
den Lehrer zurückgebracht, du sagst ihm »Angenommen« nichts weiter, und wir
übersiedeln in die Schule."
»Das ist schlimm«, sagte K., ohne es aber ganz ernsthaft zu meinen, denn die
Wohnung kümmerte ihn wenig, auch fror er sehr in seiner Unterwäsche hier auf
dem Dachboden, der, auf zwei Seiten ohne Wand und Fenster, scharf von kalter
Luft durchzogen wurde, »jetzt hast du das Zimmer so schön hergerichtet, und nun
sollen wir ausziehen! Ungern, ungern würde ich die Stelle annehmen, schon die
augenblickliche Demütigung vor diesem kleinen Lehrer ist mir peinlich, und nun
soll er gar mein Vorgesetzter werden. Wenn man nur noch ein Weilchen
hierbleiben könnte, vielleicht ändert sich meine Lage noch heute nachmittags
Wenn wenigstens du hier bliebest, könnte man es abwarten und dem Lehrer nur
eine unbestimmte Antwort geben. Für mich finde ich immer ein Nachtlager, wenn
es sein muß, wirklich bei Bar...« Frieda verschloß ihm mit der Hand den Mund.
»Das nicht«, sagte sie ängstlich, »bitte, sage das nicht wieder. Sonst aber
folge ich dir in allem. Wenn du willst, bleibe ich allein hier, so traurig es
für mich wäre. Wenn du willst, lehnen wir den Antrag ab, so unrichtig das
meiner Meinung nach wäre. Denn sieh, wenn du eine andere Möglichkeit findest,
gar noch heute nachmittags nun, so ist es selbstverständlich, daß wir die
Stelle in der Schule sofort aufgeben, niemand wird uns daran hindern. Und was
die Demütigung vor dem Lehrer betrifft, so laß mich dafür sorgen, daß es keine
wird, ich selbst werde mit ihm sprechen, du wirst nur stumm dabeistehen, und
auch später wird es nicht anders sein, niemals wirst du, wenn du nicht willst,
selbst mit ihm sprechen müssen, ich allein werde in Wirklichkeit seine
Untergebene sein, und nicht einmal ich werde es sein, denn ich kenne seine
Schwächen. So ist also nichts verloren, wenn wir die Stelle annehmen, vieles
aber, wenn wir sie ablehnen; vor allem würdest du wirklich auch nur für dich
allein, wenn du nicht noch heute etwas vom Schloß erreichst, nirgends im Dorf
ein Nachtlager finden, ein Nachtlager nämlich, für das ich mich als deine
künftige Frau nicht schämen müßte. Und wenn du kein Nachtlager bekommst, willst
du dann etwa von mir verlangen, daß ich hier im warmen Zimmer schlafe, während
ich weiß, daß du draußen in Nacht und Kälte umherirrst?« K., der die ganze Zeit
über, die Arme über der Brust gekreuzt, mit den Händen seinen Rücken schlug, um
sich ein wenig zu erwärmen, sagte: »Dann bleibt nichts übrig, als anzunehmen.
Komm!«
Im Zimmer eilte er gleich zum Ofen; um den Lehrer kümmerte er sich nicht;
dieser saß beim Tisch, zog die Uhr hervor und sagte: »Es ist spät geworden.« -
»Dafür sind wir aber jetzt auch völlig einig, Herr Lehrer«, sagte Frieda. »Wir
nehmen die Stelle an.« »Gut«, sagte der Lehrer, »aber die Stelle ist dem Herrn
Landvermesser angeboten. Er selbst muß sich äußern.« Frieda kam K. zu Hilfe.
»Freilich«, sagte sie, »er nimmt die Stelle an, nicht wahr, K.?« So konnte K.
seine Erklärung auf ein einfaches »ja« beschränken, das nicht einmal an den
Lehrer, sondern an Frieda gerichtet war. »Dann«, sagte der Lehrer, »bleibt mir
nur noch übrig, Ihnen Ihre Dienstpflichten vorzuhalten, damit wir in dieser
Hinsicht ein für allemal einig sind; Sie haben, Herr Landvermesser, täglich
beide Schulzimmer zu reinigen und zu heizen, kleinere Reparaturen im Haus,
ferner an den Schul- und Turngeräten selbst vorzunehmen, den Weg durch den
Garten schneefrei zu halten, Botengänge für mich und das Fräulein Lehrerin zu
machen und in der wärmeren Jahreszeit alle Gartenarbeit zu besorgen. Dafür
haben Sie das Recht, nach Ihrer Wahl in einem der Schulzimmer zu wohnen; doch
müssen Sie, wenn nicht gleichzeitig in beiden Zimmern unterrichtet wird und Sie
gerade in dem Zimmer, in welchem unterrichtet wird, wohnen, natürlich in das
andere Zimmer übersiedeln. Kochen dürfen Sie in der Schule nicht, dafür werden
Sie und die Ihren auf Kosten der Gemeinde hier im Wirtshaus verpflegt. Daß Sie
sich der Würde der Schule gemäß verhalten müssen und daß insbesondere die
Kinder, gar während des Unterrichts, niemals etwa Zeugen unliebsamer Szenen in
Ihrer Häuslichkeit werden dürfen, erwähne ich nur nebenbei, denn als gebildeter
Mann müssen Sie das wissen. In Zusammenhang damit bemerke ich noch, daß wir
darauf bestehen müssen, daß Sie Ihre Beziehungen zu Fräulein Frieda möglichst
bald legitimieren. Über dies alles und noch einige Kleinigkeiten wird ein
Dienstvertrag aufgesetzt, den Sie gleich, wenn Sie ins Schulhaus einziehen,
unterzeichnen müssen.« K. erschien das alles unwichtig, so, als ob es ihn nicht
betreffe oder jedenfalls nicht binde; nur die Großtuerei des Lehrers reizte
ihn, und er sagte leichthin: »Nun ja, es sind die üblichen Verpflichtungen.« Um
diese Bemerkung ein wenig zu verwischen, fragte Frieda nach dem Gehalt. »Ob
Gehalt gezahlt wird«, sagte der Lehrer, »wird erst nach einmonatigem
Probedienst erwogen werden.« - »Das ist aber hart für uns«, sagte Frieda. »Wir
sollen fast ohne Geld heiraten, unsere Hauswirtschaft aus nichts schaffen.
Könnten wir nicht doch, Herr Lehrer, durch eine Eingabe an die Gemeinde um ein
kleines sofortiges Gehalt bitten? Würden Sie dazu raten?« - »Nein«, sagte der
Lehrer, der seine Worte immer an K. richtete. »Einer solchen Eingabe würde nur
entsprochen werden, wenn ich es empfehle, und ich würde es nicht tun. Die
Verleihung der Stelle ist ja nur eine Gefälligkeit Ihnen gegenüber, und
Gefälligkeiten muß man, wenn man sich seiner öffentlichen Verantwortung bewußt
bleibt, nicht zu weit treiben.« Nun mischte sich aber doch K. ein, fast gegen
seinen Willen. »Was die Gefälligkeit betrifft, Herr Lehrer«, sagte er, »glaube
ich, daß Sie irren. Diese Gefälligkeit ist vielleicht eher auf meiner Seite.« -
»Nein«, sagte der Lehrer lächelnd, nun hatte er doch K. zum Reden gezwungen.
»Darüber bin ich genau unterrichtet. Wir brauchen den Schuldiener etwa so
dringend wie den Landvermesser. Schuldiener wie Landvermesser, es ist eine Last
an unserem Halse. Es wird mich noch viel Nachdenken kosten, wie ich die
Ausgaben vor der Gemeinde begründen soll. Am besten und wahrheitsgemäßesten
wäre es, die Forderung nur auf den Tisch zu werfen und gar nicht zu begründen.«
- »So meine ich es ja«, sagte K., »gegen Ihren Willen müssen Sie mich
aufnehmen. Obwohl es Ihnen schweres Nachdenken verursacht, müssen Sie mich
aufnehmen. Wenn nun jemand genötigt ist, einen anderen aufzunehmen, und dieser
andere sich aufnehmen läßt, so ist er es doch, der gefällig ist. « -
»Sonderbar«, sagte der Lehrer, »was sollte uns zwingen, Sie aufzunehmen? Des
Herrn Vorstehers gutes, übergutes Herz zwingt uns. Sie werden, Herr
Landvermesser, das sehe ich wohl, manche Phantasien aufgeben müssen, ehe Sie
ein brauchbarer Schuldiener werden. Und für die Gewährung eines eventuellen
Gehaltes machen natürlich solche Bemerkungen wenig Stimmung. Auch merke ich
leider, daß mir Ihr Benehmen noch viel zu schaffen geben wird; die ganze Zeit
über verhandeln Sie ja mit mir - ich sehe es immerfort an und glaube es fast
nicht - in Hemd und Unterhosen.« - »Ja«, rief K. lachend und schlug in die
Hände, »die entsetzlichen Gehilfen! Wo bleiben sie denn?« Frieda eilte zur Tür;
der Lehrer, der merkte, daß nun K. für ihn nicht mehr zu sprechen war, fragte
Frieda, wann sie in die Schule einziehen würden. »Heute«, sagte Frieda. »Dann
komme ich morgen früh revidieren«, sagte der Lehrer, grüßte durch Handwinken,
wollte durch die Tür, die Frieda für sich geöffnet hatte, hinausgehen, stieß
aber mit den Mägden zusammen, die schon mit ihren Sachen kamen, um sich im
Zimmer wieder einzurichten. Er mußte zwischen ihnen, die vor niemandem
zurückgewichen wären, durchschlüpfen, Frieda folgte ihm. »Ihr habt es aber
eilig«, sagte K., der diesmal sehr zufrieden mit ihnen war, »wir sind noch
hier, und ihr müßt schon einrücken?« Sie antworteten nicht und drehten nur
verlegen ihre Bündel, aus denen K. die wohlbekannten schmutzigen Fetzen
hervorhängen sah. »Ihr habt wohl euere Sachen noch niemals gewaschen«, sagte
K., es war nicht böse, sondern mit einer gewissen Zuneigung gesagt. Sie merkten
es, öffneten gleichzeitig ihren harten Mund, zeigten die schönen, starken,
tiermäßigen Zähne und lachten lautlos. »Nun kommt«, sagte K., »richtet euch
ein, es ist ja euer Zimmer.« Als sie aber noch immer zögerten - ihr Zimmer
schien ihnen wohl allzusehr verwandelt -, nahm K. eine beim Arm, um sie
weiterzuführen. Aber er ließ sie gleich los, so erstaunt war beider Blick, den
sie, nach einer kurzen gegenseitigem Verständigung, nun nicht mehr von K.
wandten. »Jetzt habt ihr mich aber lange genug angesehen«, sagte K., irgendein
unangenehmes Gefühl abwehrend, nahm Kleider und Stiefel, die eben Frieda,
schüchtern von den Gehilfen gefolgt, gebracht hatte, und zog sich an.
Unbegreiflich war ihm immer, und jetzt wieder, die Geduld, die Frieda mit den
Gehilfen hatte. Sie hatte sie, die doch die Kleider im Hof hätten putzen
sollen, nach längerem Suchen friedlich unten beim Mittagessen gefunden, die
ungeputzten Kleider vor sich zusammengepreßt auf dem Schoß, sie hatte dann
selbst alles putzen müssen; und doch zankte sie, die gemeines Volk gut zu
beherrschen wußte, gar nicht mit ihnen, erzählte überdies in ihrer Gegenwart
von ihrer großen Nachlässigkeit wie von einem kleinen Scherz und klopfte gar
noch dem einen leicht, wie schmeichelnd, auf die Wange. K. wollte ihr nächstens
darüber Vorhaltungen machen. Jetzt aber war es höchste Zeit, wegzugehen. »Die
Gehilfen bleiben hier, dir bei der Übersiedlung zu helfen«, sagte K. Sie waren
allerdings nicht damit einverstanden; satt und fröhlich, wie sie waren, hätten
sie sich gern ein wenig Bewegung gemacht. Erst als Frieda sagte: »Gewiß, ihr
bleibt hier«, fügten sie sich. »Weißt du, wohin ich gehe?« fragte K. »Ja«,
sagte Frieda. »Und du hältst mich also nicht mehr zurück?« fragte K. »Du wirst
so viele Hindernisse finden«, sagte sie, »was würde da mein Wort bedeuten!« Sie
küßte K. zum Abschied, gab ihm, da er nicht zu Mittag gegessen hatte, ein
Päckchen mit Brot und Wurst, das sie von unten für ihn mitgebracht hatte,
erinnerte ihn daran, daß er dann nicht mehr hierher, sondern gleich in die
Schule kommen solle, und begleitete ihn, die Hand auf seiner Schulter, bis vor
die Tür hinaus.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                          **** Das achte Kapitel ****
Zunächst war K. froh, dem Gedränge der Mägde und Gehilfen in dem warmen Zimmer
entgangen zu sein. Auch fror es ein wenig, der Schnee war fester, das Gehen
leichter. Nur fing es freilich schon zu dunkeln an, und er beschleunigte die
Schritte.
Das Schloß, dessen Umrisse sich schon aufzulösen begannen, lag still wie immer,
niemals noch hatte K. dort das geringste Zeichen von Leben gesehen, vielleicht
war es gar nicht möglich, aus dieser Ferne etwas zu erkennen, und doch
verlangten es die Augen und wollten die Stille nicht dulden. Wenn K. das Schloß
ansah, so war es ihm manchmal, als beobachtete er jemanden, der ruhig dasitze
und vor sich hinsehe, nicht etwa in Gedanken verloren und dadurch gegen alles
abgeschlossen, sondern frei und unbekümmert, so, als sei er allein und niemand
beobachte ihn, und doch mußte er merken, daß er beobachtet wurde, aber es
rührte nicht im geringsten an seiner Ruhe, und wirklich - man wußte nicht, war
es Ursache oder Folge -, die Blicke des Beobachters konnten sich nicht
festhalten und glitten ab. Dieser Eindruck wurde heute noch verstärkt durch das
frühe Dunkel; je länger er hinsah, desto weniger erkannte er, desto tiefer sank
alles in Dämmerung.
Gerade als K. zu dem noch unbeleuchteten Herrenhof kam, öffnete sich ein
Fenster im ersten Stock, ein junger, dicker, glattrasierter Herr im Pelzrock
beugte sich heraus und blieb dann im Fenster. K.s Gruß schien er auch nicht mit
dem leichtesten Kopfnicken zu beantworten. Weder im Flur noch im Ausschank traf
K. jemanden, der Geruch von abgestandenem Bier war noch schlimmer als letzthin,
etwas Derartiges kam wohl im Wirtshaus »Zur Brücke« nicht vor. K. ging sofort
zu der Tür, durch die er letzthin Klamm beobachtet hatte, drückte vorsichtig
die Klinke nieder, aber die Tür war versperrt; dann suchte er die Stelle zu
ertasten, wo das Guckloch war, aber der Verschluß war wahrscheinlich so gut
eingepaßt, daß er die Stelle auf diese Weise nicht finden konnte, er zündete
deshalb ein Streichholz an. Da wurde er durch einen Schrei erschreckt. In dem
Winkel zwischen Tür und Kredenztisch, nahe beim Ofen, saß zusammengeduckt ein
junges Mädchen und starrte ihn in dem Aufleuchten des Streichholzes mit mühsam
geöffneten, schlaftrunkenen Augen an. Es war offenbar die Nachfolgerin Friedas.
Sie faßte sich bald, drehte das elektrische Licht an, der Ausdruck ihres
Gesichtes war noch böse, da erkannte sie K. »Ah, der Herr Landvermesser«, sagte
sie lächelnd, reichte ihm die Hand und stellte sich vor: »Ich heiße Pepi.« Sie
war klein, rot, gesund, das üppige, rötlichblonde Haar war in einen starken
Zopf geflochten, außerdem krauste es sich rund um das Gesicht, sie hatte ein
ihr sehr wenig passendes, glatt niederfallendes Kleid aus grauglänzendem Stoff,
unten war es kindlich ungeschickt von einem in eine Masche endigenden
Seidenband zusammengezogen, so daß es sie beengte. Sie erkundigte sich nach
Frieda, und ob sie nicht bald zurückkommen werde. Das war eine Frage, die nahe
an Boshaftigkeit grenzte. »Ich bin«, sagte sie dann, »gleich nach Friedas
Weggang in Eile hierher berufen worden, weil man doch nicht eine Beliebige hier
verwenden kann, ich war bis jetzt Zimmermädchen, aber es ist kein guter Tausch,
den ich gemacht habe. Viel Abend- und Nachtarbeit ist hier, das ist sehr
ermüdend, ich werde es kaum ertragen, ich wundere mich nicht, daß Frieda es
aufgegeben hat.« - »Frieda war hier sehr zufrieden«, sagte K., um Pepi endlich
auf den Unterschied aufmerksam zu machen, der zwischen ihr und Frieda bestand
und den sie vernachlässigte. »Glauben Sie ihr nicht«, sagte Pepi. ,»Frieda kann
sich beherrschen wie nicht leicht jemand. Was sie nicht gestehen will, gesteht
sie nicht, und dabei merkt man gar nicht, daß sie etwas zu gestehen hätte. Ich
diene doch jetzt hier schon einige Jahre mit ihr, immer haben wir zusammen in
einem Bett geschlafen, aber vertraut bin ich mit ihr nicht, gewiß denkt sie
heute schon nicht mehr an mich. Ihre einzige Freundin vielleicht ist die alte
Wirtin aus dem Brückengasthaus, und das ist doch auch bezeichnend.« - »Frieda
ist meine Braut«, sagte K. und suchte nebenbei die Gucklochstelle in der Tür.
»Ich weiß«, sagte Pepi, »deshalb erzähle ich es ja. Sonst hätte es doch für Sie
keine Bedeutung.« - »Ich verstehe«, sagte K. »Sie meinen, daß ich stolz darauf
sein kann, ein so verschlossenes Mädchen für mich gewonnen zu haben.« - »Ja«,
sagte sie und lachte zufrieden, so, als habe sie K. zu einem geheimen
Einverständnis hinsichtlich Friedas gewonnen.
Aber es waren nicht eigentlich ihre Worte, die K. beschäftigten und ein wenig
vom Suchen ablenkten, sondern ihre Erscheinung war es und ihr Vorhandensein an
dieser Stelle. Freilich, sie war viel jünger als Frieda, fast kindlich noch,
und ihre Kleidung war lächerlich, sie hatte sich offenbar angezogen
entsprechend den übertriebenen Vorstellungen, die sie von der Bedeutung eines
Ausschankmädchens hatte. Und diese Vorstellungen hatte sie gar noch in ihrer
Art mit Recht, denn die Stellung, für die sie noch gar nicht paßte, war wohl
unverhofft und unverdient und nur vorläufig ihr zuteil geworden, nicht einmal
das Ledertäschchen, das Frieda immer im Gürtel getragen hatte, hatte man ihr
anvertraut. Und ihre angebliche Unzufriedenheit mit der Stellung war nichts als
Überhebung. Und doch, trotz ihrem kindlichen Unverstand hatte auch sie
wahrscheinlich Beziehungen zum Schloß; sie war ja, wenn sie nicht log,
Zimmermädchen gewesen; ohne von ihrem Besitz zu wissen, verschlief sie hier die
Tage, aber eine Umarmung dieses kleinen, dicken, ein wenig rundrückigen Körpers
konnte ihr zwar den Besitz nicht entreißen, konnte aber an ihn rühren und
aufmuntern für den schweren Weg. Dann war es vielleicht nicht anders als bei
Frieda? O doch, es war anders. Man mußte nur an Friedas Blick denken, um das zu
verstehen. Niemals hätte K. Pepi angerührt. Aber doch mußte er jetzt für ein
Weilchen seine Augen bedecken, so gierig sah er sie an.
»Es muß ja nicht angezündet sein«, sagte Pepi und drehte das Licht wieder aus,
»ich habe nur angezündet, weil Sie mich so sehr erschreckt haben. Was wollen
Sie denn hier? Hat Frieda etwas vergessen?« - »Ja«, sagte K. und zeigte auf die
Tür, »hier im Zimmer nebenan eine Tischdecke, eine weiße, gestrickte.« - »Ja,
ihre Tischdecke«, sagte Pepi, »ich erinnere mich, eine schöne Arbeit, ich habe
ihr dabei geholfen, aber in diesem Zimmer ist sie wohl kaum.« - »Frieda glaubt
es. Wer wohnt denn hier?« fragte K. »Niemand«, sagte Pepi. »Es ist das
Herrenzimmer, hier trinken und essen die Herren, das heißt, es ist dafür
bestimmt, aber die meisten bleiben oben in ihren Zimmern.« - »Wenn ich wüßte«,
sagte K., »daß jetzt nebenan niemand ist, würde ich sehr gerne hineingehen und
die Decke suchen. Aber es ist eben unsicher; Klamm, zum Beispiel, pflegt oft
dort zu sitzen.« - »Klamm ist jetzt gewiß nicht dort«, sagte Pepi, »er fährt ja
gleich weg, der Schlitten wartet schon im Hof.«
Sofort, ohne ein Wort der Erklärung, verließ K. den Ausschank, wandte sich im
Flur anstatt zum Ausgang gegen das Innere des Hauses und hatte nach wenigen
Schritten den Hof erreicht. Wie still und schön es hier war! Ein viereckiger
Hof, auf drei Seiten vom Hause, gegen die Straße zu - eine Nebenstraße, die K.
nicht kannte - von einer hohen, weißen Mauer mit einem großen, schweren, jetzt
offenen Tor begrenzt. Hier, auf der Hofseite, schien das Haus höher als auf der
Vorderseite, wenigstens war der erste Stock vollständig ausgebaut und hatte ein
größeres Ansehen, denn er war von einer hölzernen, bis auf einen kleinen Spalt
in Augenhöhe geschlossenen Galerie umlaufen. K. schief gegenüber, noch im
Mitteltrakt, aber schon im Winkel, wo sich der gegenüberliegende Seitenflügel
anschloß, war ein Eingang ins Haus, offen, ohne Tür. Davor stand ein dunkler,
geschlossener, mit zwei Pferden bespannter Schlitten. Bis auf den Kutscher, den
K. auf die Entfernung hin jetzt in der Dämmerung mehr vermutete als erkannte,
war niemand zu sehen.
Die Hände in den Taschen, vorsichtig sich umschauend, nahe an der Mauer, umging
K. zwei Seiten des Hofes, bis er beim Schlitten war. Der Kutscher, einer jener
Bauern, die letzthin im Ausschank gewesen waren, hatte ihn, im Pelz versunken,
teilnahmslos herankommen sehen, so wie man etwa den Weg einer Katze verfolgt.
Auch als K. schon bei ihm stand, grüßte, und sogar die Pferde ein wenig unruhig
wurden wegen des aus dem Dunkel auftauchenden Mannes, blieb er gänzlich
unbekümmert. Das war K. sehr willkommen. Angelehnt an die Mauer, packte er sein
Essen aus, gedachte dankbar Friedas, die ihn so gut versorgt hatte, und spähte
dabei in das Innere des Hauses. Eine rechtwinklig gebrochene Treppe führte
herab und war unten von einem niedrigen, aber scheinbar tiefen Gang gekreuzt;
alles war rein, weiß getüncht, scharf und gerade abgegrenzt.
Das Warten dauerte länger, als K. gedacht hatte. Längst schon war er mit dem
Essen fertig, die Kälte war empfindlich, aus der Dämmerung war schon völlige
Finsternis geworden, und Klamm kam immer noch nicht. »Das kann noch sehr lange
dauern«, sagte plötzlich eine rauhe Stimme so nahe bei K., daß er zusammenfuhr.
Es war der Kutscher, der, wie aufgewacht, sich streckte und laut gähnte. »Was
kann denn lange dauern?« fragte K., nicht undankbar wegen der Störung, denn die
fortwährende Stille und Spannung war schon lästig gewesen. »Ehe Sie weggehen
werden«, sagte der Kutscher. K. verstand ihn nicht, fragte aber nicht weiter,
er glaubte auf diese Weise den Hochmütigen am besten zum Reden zu bringen. Ein
Nichtantworten hier in der Finsternis war fast aufreizend. Und tatsächlich
fragte der Kutscher nach einem Weilchen: »Wollen Sie Kognak?« - »Ja«, sagte K.
unüberlegt, durch das Angebot allzusehr verlockt, denn ihn fröstelte. »Dann
machen Sie den Schlitten auf«, sagte der Kutscher, »in der Seitentasche sind
einige Flaschen, nehmen Sie eine, trinken Sie und reichen Sie sie mir dann. Mir
ist es wegen des Pelzes zu beschwerlich hinunterzusteigen.« Es verdroß K.,
solche Handreichungen zu machen, aber da er sich nun mit dem Kutscher schon
eingelassen hatte, gehorchte er, selbst auf die Gefahr hin, beim Schlitten etwa
von Klamm überrascht zu werden. Er öffnete die breite Tür und hätte gleich aus
der Tasche, welche auf der Innenseite der Tür angebracht war, die Flasche
herausziehen können, aber da nun die Tür offen war, trieb es ihn so sehr in das
Innere des Schlittens, daß er nicht widerstehen konnte, nur einen Augenblick
lang wollte er darin sitzen. Er huschte hinein. Außerordentlich war die Wärme
im Schlitten, und sie blieb so, obwohl die Tür, die K. nicht zu schließen
wagte, weit offen war. Man wußte gar nicht, ob man auf einer Bank saß, sosehr
lag man in Decken, Polstern und Pelzen; nach allen Seiten konnte man sich
drehen und strecken, immer versank man weich und warm. Die Arme ausgebreitet,
den Kopf durch Polster gestützt, die immer bereit waren, blickte K. aus dem
Schlitten in das dunkle Haus. Warum dauerte es so lange, ehe Klamm herunterkam?
Wie betäubt von der Wärme nach dem langen Stehen im Schnee, wünschte K., daß
Klamm endlich komme. Der Gedanke, daß er in seiner jetzigen Lage von Klamm
lieber nicht gesehen werden sollte, kam ihm nur undeutlich, als leise Störung,
zu Bewußtsein. Unterstützt in dieser Vergeßlichkeit wurde er durch das
Verhalten des Kutschers, der doch wissen mußte, daß er im Schlitten war, und
ihn dort ließ, sogar ohne den Kognak von ihm zu fordern. Das war
rücksichtsvoll, aber K. wollte ihn ja bedienen. Schwerfällig, ohne seine Lage
zu verändern, langte er nach der Seitentasche, aber nicht in der offenen Tür,
die zu weit entfernt war, sondern hinter sich in die geschlossene, nun, es war
gleichgültig, auch in dieser waren Flaschen. Er holte eine hervor, schraubte
den Verschluß auf und roch daran, unwillkürlich mußte er lächeln, der Geruch
war so süß, so schmeichelnd, so wie man von jemand, den man sehr lieb hat, Lob
und gute Worte hört und gar nicht genau weiß, worum es sich handelt, und es gar
nicht wissen will und nur glücklich ist in dem Bewußtsein, daß er es ist, der
so spricht. »Sollte das Kognak sein?« fragte sich K. zweifelnd und kostete aus
Neugier. Doch, es war Kognak, merkwürdigerweise, und brannte und wärmte. Wie es
sich beim Trinken verwandelte, aus etwas, das fast nur Träger süßen Duftes war,
in ein kutschermäßiges Getränk! »Ist es möglich?« fragte sich K., wie
vorwurfsvoll gegen sich selbst, und trank noch einmal.
Da - K. war gerade in einem langen Schluck befangen - wurde es hell, das
elektrische Licht brannte, innen auf der Treppe, im Gange, im Flur, außen über
dem Eingang. Man hörte Schritte die Treppe herabkommen, die Flasche entfiel K.s
Hand, der Kognak ergoß sich über einen Pelz, K. sprang aus dem Schlitten,
gerade hatte er noch die Tür zuschlagen können, was einen dröhnenden Lärm gab,
als kurz darauf ein Herr langsam aus dem Hause trat. Das einzig Tröstliche
schien, daß es nicht Klamm war, oder war gerade dieses zu bedauern? Es war der
Herr, den K. schon im Fenster des ersten Stockes gesehen hatte. Ein junger
Herr, äußerst wohlaussehend, weiß und rot, aber sehr ernst. Auch K. sah ihn
düster an, aber er meinte sich selbst mit diesem Blick. Hätte er doch lieber
seine Gehilfen hergeschickt; sich so zu benehmen, wie er es getan hatte, hätten
auch sie verstanden. Ihm gegenüber der Herr schwieg noch, so, als hätte er für
das zu Sagende nicht genug Atem in seiner überbreiten Brust. »Das ist ja
entsetzlich«, sagte er dann und schob seinen Hut ein wenig aus der Stirn. Wie?
Der Herr wußte doch wahrscheinlich nichts von K.s Aufenthalt im Schlitten und
fand schon irgend etwas entsetzlich? Etwa daß K. bis in den Hof gedrungen war?
»Wie kommen Sie denn hierher?« fragte der Herr schon leiser, schon ausatmend,
sich ergebend in das Unabänderliche. Was für Fragen! Was für Antworten! Sollte
etwa K. noch ausdrücklich selbst dem Herrn bestätigen, daß sein mit soviel
Hoffnungen begonnener Weg vergebens gewesen war? Statt zu antworten, wandte
sich K. zum Schlitten, öffnete ihn und holte seine Mütze, die er darin
vergessen hatte. Mit Unbehagen merkte er, wie der Kognak auf das Trittbrett
tropfte.
Dann wandte er sich wieder dem Herrn zu; ihm zu zeigen, daß er im Schlitten
gewesen war, hatte er nun keine Bedenken mehr, es war auch nicht das
schlimmste; wenn er gefragt würde, allerdings nur dann, wollte er nicht
verschweigen, daß ihn der Kutscher selbst zumindest zum Öffnen des Schlittens
veranlaßt hatte. Das eigentlich Schlimme aber war ja, daß ihn der Herr
überrascht hatte, daß nicht genug Zeit mehr gewesen war, sich vor ihm zu
verstecken, um dann ungestört auf Klamm warten zu können, oder daß er nicht
genug Geistesgegenwart gehabt hatte, im Schlitten zu bleiben, die Tür zu
schließen und dort auf den Pelzen Klamm zu erwarten oder dort wenigstens zu
bleiben, solange dieser Herr in der Nähe war. Freilich, er hatte ja nicht
wissen können, ob nicht vielleicht doch schon jetzt Klamm selbst komme, in
welchem Fall es natürlich viel besser gewesen wäre, ihn außerhalb des
Schlittens zu empfangen. Ja, es war mancherlei hier zu bedenken gewesen, jetzt
aber gar nichts mehr, denn es war zu Ende.
»Kommen Sie mit mir«, sagte der Herr, nicht eigentlich befehlend, aber der
Befehl lag nicht in den Worten, sondern in einem sie begleitenden kurzen,
absichtlich gleichgültigen Schwenken der Hand. »Ich warte hier auf jemanden«,
sagte K., nicht mehr in Hoffnung auf irgendeinen Erfolg, sondern nur
grundsätzlich. »Kommen Sie«, sagte der Herr nochmals ganz unbeirrt, so, als
wolle er zeigen, daß er niemals daran gezweifelt habe, daß K. auf jemanden
warte. »Aber ich verfehle dann den, auf den ich warte«, sagte K. mit einem
Zucken des Körpers. Trotz allem, was geschehen war, hatte er das Gefühl, daß
das, was er bisher erreicht hatte, eine Art Besitz war, den er zwar nur noch
scheinbar festhielt, aber doch nicht auf einen beliebigen Befehl hin ausliefern
mußte. »Sie verfehlen ihn auf jeden Fall, ob Sie warten oder gehen«, sagte der
Herr, zwar schroff in seiner Meinung, aber auffallend nachgiebig für K.s
Gedankengang. »Dann will ich ihn lieber beim Warten verfehlen«, sagte K.
trotzig, durch bloße Worte dieses jungen Herrn würde er sich gewiß nicht von
hier vertreiben lassen. Darauf schloß der Herr mit einem überlegenen Ausdruck
des zurückgelehnten Gesichtes für ein Weilchen die Augen, so, als wolle er von
K.s Unverständigkeit wieder zu seiner eigenen Vernunft zurückkehren, umlief mit
der Zungenspitze die Lippen des ein wenig geöffneten Mundes und sagte dann zum
Kutscher: »Spannen Sie die Pferde aus.«
Der Kutscher, ergeben dem Herrn, aber mit einem bösen Seitenblick auf K., mußte
nun doch im Pelz heruntersteigen und begann, sehr zögernd, so, als erwarte er
nicht vom Herrn einen Gegenbefehl, aber von K. eine Sinnesänderung, die Pferde
mit dem Schlitten rückwärts näher zum Seitenflügel zurückzuführen, in welchem
offenbar hinter einem großen Tor der Stall mit dem Wagenschuppen untergebracht
war. K. sah sich allein zurückbleiben; auf der einen Seite entfernte sich der
Schlitten, auf der anderen, auf dem Weg, den K. gekommen war, der junge Herr,
beide allerdings sehr langsam, so, als wollten sie K. zeigen, daß es noch in
seiner Macht gelegen sei, sie zurückzuholen.
Vielleicht hatte er diese Macht, aber sie hätte ihm nichts nützen können; den
Schlitten zurückzuholen bedeutete sich selbst zu vertreiben. So blieb er still
als einziger, der den Platz behauptete, aber es war ein Sieg, der keine Freude
machte. Abwechselnd sah er dem Herrn und dem Kutscher nach. Der Herr hatte
schon die Tür erreicht, durch die K. zuerst den Hof betreten hatte, noch einmal
blickte er zurück, K. glaubte ihn den Kopf schütteln zu sehen über soviel
Hartnäckigkeit, dann wandte er sich mit einer entschlossenen, kurzen,
endgültigen Bewegung um und betrat den Flur, in dem er gleich verschwand. Der
Kutscher blieb länger auf dem Hof, er hatte viel Arbeit mit dem Schlitten, er
mußte das schwere Stalltor aufmachen, durch Rückwärtsfahren den Schlitten an
seinen Ort bringen, die Pferde ausspannen, zu ihrer Krippe führen, das alles
machte er ernst, ganz in sich gekehrt, ohne jede Hoffnung auf eine baldige
Fahrt; dieses schweigende Hantieren ohne jeden Seitenblick auf K. schien diesem
ein viel härterer Vorwurf zu sein als das Verhalten des Herrn. Und als nun,
nach Beendigung der Arbeit im Stall, der Kutscher quer über den Hof ging, in
seinem langsamen, schaukelnden Gang, das große Tor zumachte, dann zurückkam,
alles langsam und förmlich nur in Betrachtung seiner eigenen Spur im Schnee,
dann sich im Stall einschloß und nun auch alles elektrische Licht verlöschte -
wem hätte es leuchten sollen? - und nur noch oben der Spalt in der Holzgalerie
hell blieb und den irrenden Blick ein wenig festhielt, da schien es K., als
habe man nun alle Verbindung mit ihm abgebrochen und als sei er nun freilich
freier als jemals und könne hier auf dem ihm sonst verbotenen Ort warten,
solange er wolle, und habe sich diese Freiheit erkämpft, wie kaum ein anderer
es könnte, und niemand dürfe ihn anrühren oder vertreiben, ja kaum ansprechen;
aber - diese Überzeugung war zumindest ebenso stark - als gäbe es gleichzeitig
nichts Sinnloseres, nichts Verzweifelteres als diese Freiheit, dieses Warten,
diese Unverletzlichkeit.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                         **** Das neunte Kapitel ****
Und er riß sich los und ging ins Haus zurück, diesmal nicht an der Mauer
entlang, sondern mitten durch den Schnee, traf im Flur den Wirt, der ihn stumm
grüßte und auf die Tür des Ausschanks zeigte, folgte dem Wink, weil ihn fror
und weil er Menschen sehen wollte, war aber sehr enttäuscht, als er dort an
einem Tischchen, das wohl eigens hingestellt worden war, denn sonst begnügte
man sich dort mit Fässern, den jungen Herrn sitzen und vor ihm - ein für K.
bedrückender Anblick - die Wirtin aus dem Brückengasthaus stehen sah. Pepi,
stolz, mit zurückgeworfenem Kopf, ewig gleichem Lächeln, ihrer Würde
unwiderlegbar sich bewußt, schwenkend den Zopf bei jeder Wendung, eilte hin und
wieder, brachte Bier und dann Tinte und Feder, denn der Herr hatte Papiere vor
sich ausgebreitet, verglich Daten, die er einmal in diesem, dann wieder einmal
in einem Papiere am anderen Ende des Tisches fand, und wollte nun schreiben.
Die Wirtin, von ihrer Höhe, überblickte still, mit ein wenig aufgestülpten
Lippen, wie ausruhend, den Herrn und die Papiere, so, als habe sie schon alles
Nötige gesagt und es sei gut aufgenommen worden. »Der Herr Landvermesser,
endlich«, sagte der Herr bei K.s Eintritt mit kurzem Aufschauen, dann vertiefte
er sich wieder in seine Papiere. Auch die Wirtin streifte K. nur mit einem
gleichgültigen, gar nicht überraschten Blick. Pepi aber schien K. überhaupt
erst zu bemerken, als er zum Ausschankpult trat und einen Kognak bestellte.
K. lehnte dort, drückte die Hand an die Augen und kümmerte sich um nichts. Dann
nippte er von dem Kognak und schob ihn zurück, weil er ungenießbar sei. »Alle
Herren trinken ihn«, sagte Pepi kurz, goß den Rest aus, wusch das Gläschen und
stellte es ins Regal. »Die Herren haben auch besseren«, sagte K. »Möglich«,
sagte Pepi, »ich aber nicht.« Damit hatte sie K. erledigt und war wieder dem
Herrn zu Diensten, der aber nichts benötigte und hinter dem sie nur im Bogen
immerfort auf und ab ging, mit respektvollen Versuchen, über seine Schultern
hinweg einen Blick auf die Papiere zu werfen; es war aber nur wesenlose Neugier
und Großtuerei, welche auch die Wirtin mit zusammengezogenen Augenbrauen
mißbilligte.
Plötzlich aber horchte die Wirtin auf und starrte, ganz dem Horchen hingegeben,
ins Leere. K. drehte sich um, er hörte gar nichts Besonderes, auch die anderen
schienen nichts zu hören, aber die Wirtin lief auf den Fußspitzen mit großen
Schritten zu der Tür im Hintergrund, die in den Hof führte, blickte durchs
Schlüsselloch, wandte sich dann zu den anderen mit aufgerissenen Augen,
erhitztem Gesicht, winkte sie mit dem Finger zu sich, und nun blickten sie
abwechselnd durch, der Wirtin blieb zwar der größte Anteil, aber auch Pepi
wurde immer bedacht, der Herr war der verhältnismäßig Gleichgültigste. Pepi und
der Herr kamen auch bald zurück, nur die Wirtin sah noch immer angestrengt
hindurch, tief gebückt, fast kniend, man hatte fast den Eindruck, als beschwöre
sie jetzt nur noch das Schlüsselloch, sie durchzulassen, denn zu sehen war wohl
schon längst nichts mehr. Als sie sich dann endlich doch erhob, mit den Händen
das Gesicht überfuhr, die Haare ordnete, tief Atem holte, die Augen scheinbar
erst wieder an das Zimmer und die Leute hier gewöhnen mußte und es mit
Widerwillen tat, sagte K., nicht um sich etwas bestätigen zu lassen, was er
wußte, sondern um einem Angriff zuvorzukommen, den er fast fürchtete, so
verletzlich war er jetzt: »Ist also Klamm schon fortgefahren?« Die Wirtin ging
stumm an ihm vorüber, aber der Herr sagte von seinem Tischchen her: »Ja, gewiß.
Da Sie Ihren Wachtposten aufgegeben hatten, konnte ja Klamm fahren. Aber
wunderbar ist es, wie empfindlich der Herr ist. Bemerkten Sie, Frau Wirtin, wie
unruhig Klamm ringsumher sah?« Die Wirtin schien das nicht bemerkt zu haben,
aber der Herr fuhr fort: »Nun, glücklicherweise war ja nichts mehr zu sehen,
der Kutscher hatte auch die Fußspuren im Schnee glattgekehrt.« - »Die Frau
Wirtin hat nichts bemerkt«, sagte K., aber er sagte es nicht aus irgendeiner
Hoffnung, sondern nur gereizt durch des Herrn Behauptung, die so abschließend
und inappellabel hatte klingen wollen. »Vielleicht war ich gerade nicht beim
Schlüsselloch«, sagte die Wirtin, zunächst um den Herrn in Schutz zu nehmen,
dann aber wollte sie auch Klamm sein Recht geben und fügte hinzu: »Allerdings,
ich glaube nicht an eine so große Empfindlichkeit Klamms. Wir freilich haben
Angst um ihn und suchen ihn zu schützen und gehen hierbei von der Annahme einer
äußersten Empfindlichkeit Klamms aus. Das ist gut so und gewiß Klamms Wille.
Wie es sich aber in Wirklichkeit verhält, wissen wir nicht. Gewiß, Klamm wird
mit jemandem, mit dem er nicht sprechen will, niemals sprechen, soviel Mühe
sich auch dieser jemand gibt und so unerträglich er sich vordrängt, aber diese
Tatsache allein, daß Klamm niemals mit ihm sprechen, niemals ihn vor sein
Angesicht kommen lassen wird, genügt ja, warum sollte er in Wirklichkeit den
Anblick irgend jemandes nicht ertragen können. Zumindest läßt es sich nicht
beweisen, da es niemals zur Probe kommen wird.« Der Herr nickte eifrig. »Es ist
das natürlich im Grunde auch meine Meinung«, sagte er, »habe ich mich ein wenig
anders ausgedrückt, so geschah es, um dem Herrn Landvermesser verständlich zu
sein. Richtig jedoch ist, daß sich Klamm, als er ins Freie trat, mehrmals im
Halbkreis umgesehen hat.« - »Vielleicht hat er mich gesucht «, sagte K.
»Möglich«, sagte der Herr, »darauf bin ich nicht verfallen.« Alle lachten,
Pepi, die kaum etwas von dem Ganzen verstand, am lautesten.
»Da wir jetzt so fröhlich beisammen sind«, sagte dann der Herr, »würde ich Sie,
Herr Landvermesser, sehr bitten, durch einige Angaben meine Akten zu ergänzen.«
- »Es wird hier viel geschrieben«, sagte K. und blickte von der Ferne auf die
Akten hin. »Ja, eine schlechte Angewohnheit«, sagte der Herr und lachte wieder,
»aber vielleicht wissen Sie noch gar nicht, wer ich bin. Ich bin Momus, der
Dorfsekretär Klamms.« Nach diesen Worten wurde es im ganzen Zimmer ernst;
obwohl die Wirtin und Pepi den Herrn natürlich kannten, waren sie doch wie
betroffen von der Nennung des Namens und der Würde. Und sogar der Herr selbst,
als habe er für die eigene Aufnahmefähigkeit zuviel gesagt und als wolle er
wenigstens vor jeder nachträglichen, den eigenen Worten innewohnenden
Feierlichkeit sich flüchten, vertiefte sich in die Akten und begann zu
schreiben, daß man im Zimmer nichts als die Feder hörte. »Was ist denn das:
Dorfsekretär?« fragte K. nach einem Weilchen. Für Momus, der es jetzt, nachdem
er sich vorgestellt hatte, nicht mehr für angemessen hielt, solche Erklärungen
selbst zu geben, sagte die Wirtin: »Herr Momus ist der Sekretär Klamms wie
irgendeiner der Klammschen Sekretäre, aber sein Amtssitz und, wenn ich nicht
irre, auch seine Amtswirksamkeit -«, Momus schüttelte aus dem Schreiben heraus
lebhaft den Kopf, und die Wirtin verbesserte sich, »also nur sein Amtssitz,
nicht seine Amtswirksamkeit ist auf das Dorf eingeschränkt. Herr Momus besorgt
die im Dorfe nötig werdenden schriftlichen Arbeiten Klamms und empfängt alle
aus dem Dorf stammenden Ansuchen an Klamm als erster.« Als K., noch wenig
ergriffen von diesen Dingen, die Wirtin mit leeren Augen ansah, fügte sie, halb
verlegen, hinzu: »So ist es eingerichtet, alle Herren aus dem Schloß haben ihre
Dorfsekretäre.« Momus, der viel aufmerksamer als K. zugehört hatte, sagte
ergänzend zur Wirtin. »Die meisten Dorfsekretäre arbeiten nur für einen Herrn,
ich aber für zwei, für Klamm und für Vallabene.« - »Ja«, sagte die Wirtin, sich
nun ihrerseits auch erinnernd, und wandte sich an K. »Herr Momus arbeitet für
zwei Herren, für Klamm und für Vallabene, ist also zweifacher Dorfsekretär.« -
»Zweifacher gar«, sagte K. und nickte Momus, der jetzt, fast vorgebeugt, voll
zu ihm aufsah, zu, so wie man einem Kind zunickt, das man eben hat loben hören.
Lag darin eine gewisse Verachtung, so wurde sie entweder nicht bemerkt oder
geradezu verlangt. Gerade vor K., der doch nicht einmal würdig genug war, um
von Klamm auch nur zufällig gesehen werden zu dürfen, wurden die Verdienste
eines Mannes aus der nächsten Umgebung Klamms ausführlich dargestellt mit der
unverhüllten Absicht, K.s Anerkennung und Lob herauszufordern. Und doch hatte
K. nicht den richtigen Sinn dafür; er, der sich mit allen Kräften um einen
Blick Klamms bemühte, schätzte zum Beispiel die Stellung eines Momus, der unter
Klamms Augen leben durfte, nicht hoch ein, fern war ihm Bewunderung oder gar
Neid, denn nicht Klamms Nähe an sich war ihm das Erstrebenswerte, sondern daß
er, K., nur er, kein anderer mit seinen, mit keines anderen Wünschen an Klamm
herankam und an ihn herankam, nicht um bei ihm zu ruhen, sondern um an ihm
vorbeizukommen, weiter ins Schloß.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










Und er sah auf seine Uhr und sagte: »Nun muß ich aber nach Hause gehen.« Sofort
veränderte sich das Verhältnis zu Momus' Gunsten. »Ja, freilich«, sagte dieser,
»die Schuldienerpflichten rufen. Aber einen Augenblick müssen Sie mir noch
widmen. Nur ein paar kurze Fragen.« - »Ich habe keine Lust dazu«, sagte K. und
wollte zur Tür gehen. Momus schlug einen Akt gegen den Tisch und stand auf: »Im
Namen Klamms fordere ich Sie auf, meine Fragen zu beantworten.« - »In Klamms
Namen?« wiederholte K. »Kümmern ihn denn meine Dinge?« - »Darüber«, sagte
Momus, »habe ich kein Urteil und Sie doch wohl noch viel weniger, das wollen
wir also beide getrost ihm überlassen. Wohl aber fordere ich Sie, in meiner mir
von Klamm verliehenen Stellung, auf, zu bleiben und zu antworten.« - »Herr
Landvermesser«, mischte sich die Wirtin ein, »ich hüte mich, Ihnen noch weiter
zu raten; ich bin ja mit meinen bisherigen Ratschlägen, den wohlmeinendsten,
die es geben kann, in unerhörter Weise von Ihnen abgewiesen worden, und hierher
zum Herrn Sekretär - ich habe nichts zu verbergen - bin ich nur gekommen, um
das Amt von Ihrem Benehmen und Ihren Absichten gebührend zu verständigen und
mich für alle Zeiten davor zu bewahren, daß Sie etwa neu bei mir einquartiert
würden, so stehen wir zueinander, und daran wird wohl nichts mehr geändert
werden, und wenn ich daher jetzt meine Meinung sage, so tue ich es nicht etwa,
um Ihnen zu helfen, sondern um dem Herrn Sekretär die schwere Aufgabe, die es
bedeutet, mit einem Mann wie Ihnen zu verhandeln, ein wenig zu erleichtern.
Trotzdem aber können Sie eben wegen meiner vollständigen Offenheit - anders als
offen kann ich mit Ihnen nicht verkehren, und selbst so geschieht es
widerwillig - aus meinen Worten auch für sich Nutzen ziehen, wenn Sie nur
wollen. Für diesen Fall mache ich Sie nun also darauf aufmerksam, daß der
einzige Weg, der für Sie zu Klamm führt, hier durch die Protokolle des Herrn
Sekretärs geht. Aber ich will nicht übertreiben, vielleicht führt der Weg nicht
bis zu Klamm, vielleicht hört er weit vor ihm auf, darüber entscheidet das
Gutdünken des Herrn Sekretärs. Jedenfalls aber ist es der einzige Weg, der für
Sie wenigstens in der Richtung zu Klamm führt. Und auf diesen einzigen Weg
wollen Sie verzichten, aus keinem anderen Grund als aus Trotz?« - »Ach, Frau
Wirtin«, sagte K., »es ist weder der einzige Weg zu Klamm, noch ist er mehr
wert als die anderen. Und Sie, Herr Sekretär, entscheiden darüber, ob das, was
ich hier sagen würde, bis zu Klamm dringen darf oder nicht?« »Allerdings«,
sagte Momus und blickte mit stolz gesenkten Augen rechts und links, wo nichts
zu sehen war, »wozu wäre ich sonst Sekretär.« - »Nun sehen Sie, Frau Wirtin«,
sagte K., »nicht zu Klamm brauche ich einen Weg, sondern erst zum Herrn
Sekretär.« - »Diesen Weg wollte ich Ihnen öffnen«, sagte die Wirtin. »Habe ich
Ihnen nicht am Vormittag angeboten, Ihre Bitte an Klamm zu leiten? Dies wäre
durch den Herrn Sekretär geschehen. Sie aber haben es abgelehnt, und doch wird
Ihnen jetzt nichts anderes übrigbleiben als nur dieser Weg. Freilich, nach
Ihrer heutigen Aufführung, nach dem versuchten Überfall auf Klamm, mit noch
weniger Aussicht auf Erfolg. Aber diese letzte, kleinste, verschwindende,
eigentlich gar nicht vorhandene Hoffnung ist doch Ihre einzige.« - »Wie kommt
es, Frau Wirtin«, sagte K., »daß Sie ursprünglich mich so sehr davon abzuhalten
versucht haben, zu Klamm vorzudringen, und jetzt meine Bitte gar so ernst
nehmen und mich beim Mißlingen meiner Pläne gewissermaßen für verloren zu
halten scheinen? Wenn man mir einmal aus aufrichtigem Herzen davon abraten
konnte, überhaupt zu Klamm zu streben, wie ist es möglich, daß man mich jetzt
scheinbar ebenso aufrichtig auf dem Weg zu Klamm, mag er zugegebenerweise auch
gar nicht bis hin führen, geradezu vorwärts treibt?« - »Treibe ich Sie denn
vorwärts?« sagte die Wirtin. »Heißt es vorwärts treiben, wenn ich sage, daß
Ihre Versuche hoffnungslos sind? Das - wäre doch wahrhaftig das Äußerste an
Kühnheit, wenn Sie auf solche Weise die Verantwortung für sich auf mich
überwälzen wollten. Ist es vielleicht die Gegenwart des Herrn Sekretärs, die
Ihnen dazu Lust macht? Nein, Herr Landvermesser, ich treibe Sie zu gar nichts
an. Nur das eine kann ich gestehen, daß ich Sie, als ich Sie zum erstenmal sah,
vielleicht ein wenig überschätzte. Ihr schneller Sieg über Frieda erschreckte
mich, ich wußte nicht, wessen Sie noch fähig sein könnten, ich wollte weiteres
Unheil verhüten und glaubte, dies durch nichts anderes erreichen zu können, als
daß ich Sie durch Bitten und Drohungen zu erschüttern versuchte. Inzwischen
habe ich über das Ganze ruhiger zu denken gelernt. Mögen Sie tun, was Sie
wollen. Ihre Taten werden vielleicht draußen im Schnee auf dem Hof tiefe
Fußspuren hinterlassen, mehr aber nicht.« - »Ganz scheint mir der Widerspruch
nicht aufgeklärt zu sein«, sagte K., »doch ich gebe mich damit zufrieden, auf
ihn aufmerksam gemacht zu haben. Nun bitte ich aber Sie, Herr Sekretär, mir zu
sagen, ob die Meinung der Frau Wirtin richtig ist, daß nämlich das Protokoll,
das Sie mit mir aufnehmen wollen, in seinen Folgen dazu führen könnte, daß ich
vor Klamm erscheinen darf. Ist dies der Fall, bin ich sofort bereit, alle
Fragen zu beantworten. In dieser Hinsicht bin ich überhaupt zu allem bereit.« -
»Nein«, sagte Momus, »solche Zusammenhänge bestehen nicht. Es handelt sich nur
darum, für die Klammsche Dorfregistratur eine genaue Beschreibung des heutigen
Nachmittags zu erhalten. Die Beschreibung ist schon fertig, nur zwei, drei
Lücken sollen Sie noch ausfüllen, der Ordnung halber; ein anderer Zweck besteht
nicht und kann auch nicht erreicht werden.« K. sah die Wirtin schweigend an.
»Warum sehen Sie mich an«, fragte die Wirtin, »habe ich vielleicht etwas
anderes gesagt? So ist er immer, Herr Sekretär, so ist er immer. Fälscht die
Auskünfte, die man ihm gibt, und behauptet dann, falsche Auskunft bekommen zu
haben. Ich sagte ihm seit jeher, heute und nimmer, daß er nicht die geringste
Aussicht hat, von Klamm empfangen zu werden; nun, wenn es also keine Aussicht
gibt, wird er sie auch durch dieses Protokoll nicht bekommen. Kann etwas
deutlicher sein? Weiter sage ich, daß dieses Protokoll die einzige wirkliche
amtliche Verbindung ist, die er mit Klamm haben kann; auch das ist doch
deutlich genug und unanzweifelbar. Wenn er mir nun aber nicht glaubt, immerfort
- ich weiß nicht, warum und wozu - hofft, zu Klamm vordringen zu können, dann
kann ihm, wenn man in seinem Gedankengange bleibt, nur die einzige wirkliche
amtliche Verbindung helfen, die er mit Klamm hat, also dieses Protokoll. Nur
dieses habe ich gesagt, und wer etwas anderes behauptet, verdreht böswillig die
Worte.« - »Wenn es so ist, Frau Wirtin«, sagte K., »dann bitte ich Sie um
Entschuldigung, dann habe ich Sie mißverstanden; ich glaubte nämlich -
irrigerweise, wie sich jetzt herausgestellt - aus Ihren früheren Worten
herauszuhören, daß doch irgendeine allerkleinste Hoffnung für mich besteht.« -
»Gewiß«, sagte die Wirtin, »das ist allerdings meine Meinung, Sie verdrehen
meine Worte wieder, nur diesmal nach der entgegengesetzten Richtung. Eine
derartige Hoffnung für Sie besteht meiner Meinung nach und gründet sich
allerdings nur auf dieses Protokoll. Es verhält sich aber damit nicht so, daß
Sie einfach den Herrn Sekretär mit der Frage anfallen können: ›Werde ich zu
Klamm dürfen, wenn ich die Fragen beantworte?‹ Wenn ein Kind so fragt, lacht
man darüber, wenn es ein Erwachsener tut, ist es eine Beleidigung des Amtes,
der Herr Sekretär hat es nur durch die Feinheit seiner Antwort gnädig verdeckt.
Die Hoffnung aber, die ich meine, besteht eben darin, daß Sie durch das
Protokoll eine Art Verbindung, vielleicht eine Art Verbindung mit Klamm haben.
Ist das nicht Hoffnung genug? Wenn man Sie nach Ihren Verdiensten fragt, die
Sie des Geschenkes einer solchen Hoffnung würdig machen, könnten Sie das
Geringste vorbringen? Freilich, Genaueres läßt sich über diese Hoffnung nicht
sagen, und insbesondere der Herr Sekretär wird in seiner amtlichen Eigenschaft
niemals auch nur die geringste Andeutung darüber machen können. Für ihn handelt
es sich, wie er sagt, nur um eine Beschreibung des heutigen Nachmittags, der
Ordnung halber; mehr wird er nicht sagen, auch wenn Sie ihn gleich jetzt mit
Bezug auf meine Worte danach fragen.« - »Wird denn, Herr Sekretär«, fragte K.,
»Klamm dieses Protokoll lesen?« - »Nein«, sagte Momus, »warum denn? Klamm kann
doch nicht alle Protokolle lesen, er liest sogar überhaupt keines. ›Bleibt mir
vom Leibe mit eueren Protokollen!‹ pflegt er zu sagen.« - »Herr Landvermesser«,
klagte die Wirtin, »Sie erschöpfen mich mit solchen Fragen. Ist es denn nötig
oder auch nur wünschenswert, daß Klamm dieses Protokoll liest und von den
Nichtigkeiten Ihres Lebens wortwörtlich Kenntnis bekommt; wollen Sie nicht
lieber demütigst bitten, daß man das Protokoll vor Klamm verbirgt, eine Bitte
übrigens, die ebenso unvernünftig wäre wie die frühere - denn wer kann vor
Klamm etwas verbergen? -, die aber doch einen sympathischeren Charakter
erkennen ließe. Und ist es denn für das, was Sie Ihre Hoffnung nennen, nötig?
Haben Sie nicht selbst erklärt, daß Sie zufrieden sein würden, wenn Sie nur
Gelegenheit hätten, vor Klamm zu sprechen, auch wenn er Sie nicht ansehen und
Ihnen nicht zuhören würde? Und erreichen Sie durch dieses Protokoll nicht
zumindest dieses, vielleicht aber viel mehr?« »Viel mehr? - fragte K. »Auf
welche Weise?« - »Wenn Sie nur nicht immer«, rief die Wirtin, »wie ein Kind
alles gleich in eßbarer Form dargeboten haben wollten! Wer kann denn Antwort
auf solche Fragen geben? Das Protokoll kommt in die Dorfregistratur Klamms, das
haben Sie gehört, mehr kann darüber mit Bestimmtheit nicht gesagt werden.
Kennen Sie aber dann schon die ganze Bedeutung des Protokolls, des Herrn
Sekretärs, der Dorfregistratur? Wissen Sie, was es bedeutet, wenn der Herr
Sekretär Sie verhört? Vielleicht oder wahrscheinlich weiß er es selbst nicht.
Er sitzt ruhig hier und tut seine Pflicht, der Ordnung halber, wie er sagte.
Bedenken Sie aber, daß ihn Klamm ernannt hat, daß er im Namen Klamms arbeitet,
daß das, was er tut, wenn es auch niemals bis zu Klamm gelangt, doch von
vornherein Klamms Zustimmung hat. Und wie kann etwas Klamms Zustimmung haben,
was nicht von seinem Geiste erfüllt ist? Fern sei es von mir, damit etwa in
plumper Weise dem Herrn Sekretär schmeicheln zu wollen, er würde es sich auch
selbst sehr verbitten, aber ich rede nicht von seiner selbständigen
Persönlichkeit, sondern davon, was er ist, wenn er Klamms Zustimmung hat, wie
eben jetzt: Dann ist er ein Werkzeug, auf dem die Hand Klamms liegt, und wehe
jedem, der sich ihm nicht fügt.«
Die Drohungen der Wirtin fürchtete K. nicht, der Hoffnungen, mit denen sie ihn
zu fangen suchte, war er müde. Klamm war fern. Einmal hatte die Wirtin Klamm
mit einem Adler verglichen, und das war K. lächerlich erschienen, jetzt aber
nicht mehr; er dachte an seine Ferne, an seine uneinnehmbare Wohnung, an seine,
nur vielleicht von Schreien, wie sie K. noch nie gehört hatte, unterbrochene
Stummheit, an seinen herabdringenden Blick, der sich niemals nachweisen,
niemals widerlegen ließ, an seine von K.s Tiefe her unzerstörbaren Kreise, die
er oben nach unverständlichen Gesetzen zog, nur für Augenblicke sichtbar: das
alles war Klamm und dem Adler gemeinsam. Gewiß aber hatte damit dieses
Protokoll nichts zu tun, über dem jetzt gerade Momus eine Salzbrezel
auseinanderbrach, die er sich zum Bier schmecken ließ und mit der er alle
Papiere mit Salz und Kümmel überstreute.
»Gute Nacht«, sagte K., »ich habe eine Abneigung gegen jedes Verhör«, und er
ging nun wirklich zur Tür. »Er geht also doch«, sagte Momus fast ängstlich zur
Wirtin. »Er wird es nicht wagen«, sagte diese, mehr hörte K. nicht, er war
schon im Flur. Es war kalt, und ein starker Wind wehte. Aus einer Tür gegenüber
kam der Wirt, er schien dort hinter einem Guckloch den Flur unter Aufsicht
gehalten zu haben. Die Schöße seines Rockes mußte er sich um den Leib schlagen,
so riß der Wind selbst hier im Flur an ihnen. »Sie gehen schon, Herr
Landvermesser?« sagte er. »Sie wundern sich darüber?« fragte K. »Ja«, sagte der
Wirt. »Werden Sie denn nicht verhört?« - »Nein«, sagte K. »Ich ließ mich nicht
verhören.« - »Warum nicht?« fragte der Wirt. »Ich weiß nicht«, sagte K., »warum
ich mich verhören lassen solle, warum ich einem Spaß oder einer amtlichen Laune
mich fügen solle. Vielleicht hätte ich es ein anderes Mal gleichfalls aus Spaß
oder Laune getan, heute aber nicht.« - »Nun ja, gewiß«, sagte der Wirt, aber es
war nur eine höfliche, keine überzeugte Zustimmung. »Ich muß jetzt die
Dienerschaft in den Ausschank lassen«, sagte er dann, »es ist schon längst ihre
Stunde. Ich wollte nur das Verhör nicht stören.« - »Für so wichtig hielten Sie
es?« fragte K. »O ja«, sagte der Wirt. »Ich hätte es also nicht ablehnen
sollen«, sagte K. »Nein«, sagte der Wirt, »das hätten Sie nicht tun sollen.« Da
K. schwieg, fügte er hinzu, sei es, um K. zu trösten, sei es, um schneller
fortzukommen: »Nun, nun es muß aber deshalb nicht gleich Schwefel vom Himmel
regnen.« - »Nein«, sagte K., »danach sieht das Wetter nicht aus.« Und sie
gingen lachend auseinander.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                         **** Das zehnte Kapitel ****
Auf die wild umwehte Freitreppe trat K. hinaus und blickte in die Finsternis.
Ein böses, böses Wetter. Irgendwie im Zusammenhang damit fiel ihm ein, wie sich
die Wirtin bemüht hatte, ihn dem Protokoll gefügig zu machen, wie er aber
standgehalten hatte. Es war freilich keine offene Bemühung, im geheimen hatte
sie ihn gleichzeitig vom Protokoll fortgezerrt; schließlich wußte man nicht, ob
man standgehalten oder nachgegeben hatte. Eine intrigante Natur, scheinbar
sinnlos arbeitend wie der Wind, nach fernen, fremden Aufträgen, in die man nie
Einsicht bekam.
Kaum hatte er ein paar Schritte auf der Landstraße gemacht, als er in der Ferne
zwei schwankende Lichter sah; dieses Zeichen des Lebens freute ihn, und er
eilte auf sie zu, die ihm auch ihrerseits entgegenschwebten. Er wußte nicht,
warum er so enttäuscht war, als er die Gehilfen erkannte. Sie kamen ihm doch,
wahrscheinlich von Frieda geschickt, entgegen, und die Laternen, die ihn von
der Finsternis befreiten, in der es ringsum gegen ihn lärmte, waren wohl sein
Eigentum, trotzdem war er enttäuscht, er hatte Fremde erwartet, nicht diese
alten Bekannten, die ihm eine Last waren. Aber es waren nicht nur die Gehilfen,
aus dem Dunkel zwischen ihnen trat Barnabas hervor. »Barnabas!« rief K. und
streckte ihm die Hand entgegen. »Kommst du zu mir?« Die Überraschung des
Wiedersehens machte zunächst allen Ärger vergessen, den Barnabas K. einmal
verursacht hatte. »Zu dir«, sagte Barnabas unverändert freundlich wie einst.
»Mit einem Brief von Klamm!« - »Ein Brief von Klamm!« sagte K., den Kopf
zurückwerfend, und nahm ihn eilig aus des Barnabas Hand. »Leuchtet!« sagte er
zu den Gehilfen, die sich rechts und links eng an ihn drückten und die Laternen
hoben. K. mußte den großen Briefbogen zum Lesen ganz klein zusammenfallen, um
ihn vor dem Wind zu schützen. Dann las er: »Dem Herrn Landvermesser im
Brückenhof. Die Landvermesserarbeiten, die Sie bisher ausgeführt haben, finden
meine Anerkennung. Auch die Arbeiten der Gehilfen sind lobenswert, Sie wissen
sie gut zur Arbeit anzuhalten. Lassen Sie nicht nach in Ihrem Eifer! Führen Sie
die Arbeiten zu einem guten Ende. Eine Unterbrechung würde mich erbittern. Im
übrigen seien Sie getrost, die Entlohnungsfrage wird nächstens entschieden
werden. Ich behalte Sie im Auge.« K. sah vom Brief erst auf, als die viel
langsamer als er lesenden Gehilfen zur Feier der guten Nachrichten dreimal laut
»Hurra!« riefen und die Laternen schwenkten. »Seid ruhig«, sagte er und zu
Barnabas: »Es ist ein Mißverständnis.« Barnabas verstand ihn nicht. »Es ist ein
Mißverständnis«, wiederholte K., und die Müdigkeit des Nachmittags kam wieder,
der Weg ins Schulhaus schien ihm noch so weit, und hinter Barnabas stand dessen
ganze Familie auf, und die Gehilfen drückten sich noch immer an ihn, so daß er
sie mit dem Ellenbogen wegstieß; wie hatte Frieda sie ihm entgegenschicken
können, da er doch befohlen hatte, sie sollten bei ihr bleiben. Den
Nachhauseweg hätte er auch allein gefunden, und leichter allein als in dieser
Gesellschaft. Nun hatte überdies der eine ein Tuch um den Hals geschlungen,
dessen freie Enden im Wind flatterten und einigemal gegen das Gesicht K.s
geschlagen hatten, der andere Gehilfe hatte allerdings immer gleich das Tuch
von K.s Gesicht mit einem langen, spitzen, immerfort spielenden Finger
weggenommen, damit aber die Sache nicht besser gemacht. Beide schienen sogar an
dem Hin und Her Gefallen gefunden zu haben, wie sie überhaupt der Wind und die
Unruhe der Nacht begeisterte. »Fort!« schrie K. »Wenn ihr mir schon
entgegengekommen seid, warum habt ihr nicht meinen Stock mitgebracht? Womit
soll ich euch denn nach Hause treiben?« Sie duckten sich hinter Barnabas, aber
so verängstigt waren sie nicht, daß sie nicht doch ihre Laternen rechts und
links auf die Achseln ihres Beschützers gestellt hätten, er schüttelte sie
freilich gleich ab. »Barnabas«, sagte K., und es legte sich ihm schwer aufs
Herz, daß ihn Barnabas sichtlich nicht verstand, daß in ruhigen Zeiten seine
Jacke schön glänzte, wenn es aber Ernst wurde, keine Hilfe, nur stummer
Widerstand zu finden war, Widerstand, gegen den man nicht ankämpfen konnte,
denn er selbst war wehrlos, nur sein Lächeln leuchtete, aber es half
ebensowenig wie die Sterne oben gegen den Sturmwind hier unten. »Sieh, was mir
der Herr schreibt«, sagte K. und hielt ihm den Brief vors Gesicht. »Der Herr
ist falsch unterrichtet. Ich mache doch keine Vermesserarbeit, und was die
Gehilfen wert sind, siehst du selbst. Und die Arbeit, die ich nicht mache, kann
ich freilich auch nicht unterbrechen, nicht einmal die Erbitterung des Herrn
kann ich erregen, wie sollte ich seine Anerkennung verdienen! Und getrost kann
ich niemals sein.« - »Ich werde es ausrichten«, sagte Barnabas, der die ganze
Zeit über am Brief vorbeigelesen hatte, den er allerdings auch gar nicht hätte
lesen können, denn er hatte ihn dicht vor dem Gesicht. »Ach«, sagte K., »du
versprichst mir, daß du es ausrichten wirst, aber kann ich dir denn wirklich
glauben? So sehr brauche ich einen vertrauenswürdigen Boten, jetzt mehr als
jemals.« K. biß in die Lippen vor Ungeduld. »Herr«, sagte Barnabas mit einer
weichen Neigung des Halses - fast hätte K. sich wieder von ihr verführen
lassen, Barnabas zu glauben -, »ich werde es gewiß ausrichten; auch was du mir
letzthin aufgetragen hast, werde ich gewiß ausrichten.« - »Wie!« rief K. »Hast
du denn das noch nicht ausgerichtet? Warst du denn nicht am nächsten Tag im
Schloß?« - »Nein«, sagte Barnabas. »Mein guter Vater ist alt, du hast ja
gesehen, und es war gerade viel Arbeit da, ich mußte ihm helfen, aber nun werde
ich bald wieder einmal ins Schloß gehen.« - »Aber was tust du denn,
unbegreiflicher Mensch!« rief K. und schlug sich an die Stirn. »Gehen denn
nicht Klamms Sachen allen anderen vor? Du hast das hohe Amt eines Boten und
verwaltest es so schmählich? Wen kümmert die Arbeit deines Vaters? Klamm wartet
auf die Nachrichten, und du, statt im Lauf dich zu überschlagen, ziehst es vor,
den Mist aus dem Stall zu führen.« - »Mein Vater ist Schuster«, sagte Barnabas
unbeirrt«, er hatte Aufträge von Brunswick, und ich bin ja des Vaters Geselle.«
- »Schuster - Aufträge - Brunswick«, rief K. verbissen, als mache er jedes der
Worte für immer unbrauchbar. »Und wer braucht denn hier Stiefel auf den ewig
leeren Wegen? Und was kümmert mich diese ganze Schusterei; eine Botschaft habe
ich dir anvertraut, nicht damit du sie auf der Schusterbank vergißt und
verwirrst, sondern damit du sie gleich hinträgst zum Herrn.« Ein wenig
beruhigte sich hier K., als ihm einfiel, daß ja Klamm wahrscheinlich die ganze
Zeit über nicht im Schloß, sondern im Herrenhof gewesen war, aber Barnabas
reizte ihn wieder, als er K.s erste Nachricht, zum Beweis, daß er sie gut
behalten hatte, aufzusagen begann. »Genug, ich will nichts wissen«, sagte K.
»Sei mir nicht böse, Herr«, sagte Barnabas und, wie wenn er unbewußt K. strafen
wollte, entzog er ihm seinen Blick und senkte die Augen, aber es war wohl
Bestürzung wegen K.s Schreien. »Ich bin dir nicht böse«, sagte K., und seine
Unruhe wandte sich nun gegen ihn selbst. »Dir nicht, aber es ist sehr schlimm
für mich, nur einen solchen Boten zu haben für die wichtigsten Dinge.«
»Sieh«, sagte Barnabas, und es schien, als sage er, um seine Botenehre zu
verteidigen, mehr, als er dürfte, »Klamm wartet doch nicht auf die Nachrichten,
er ist sogar ärgerlich, wenn ich komme. ›Wieder neue Nachrichten‹ sagte er
einmal, und meistens steht er auf, wenn er mich von der Ferne kommen sieht,
geht ins Nebenzimmer und empfängt mich nicht. Es ist auch nicht bestimmt, daß
ich gleich mit jeder Botschaft kommen soll, wäre es bestimmt, käme ich
natürlich gleich, aber es ist nichts darüber bestimmt, und wenn ich niemals
käme, würde ich nicht darum gemahnt werden. Wenn ich eine Botschaft bringe,
geschieht es freiwillig.«
»Gut«, sagte K., Barnabas beobachtend und geflissentlich wegsehend von den
Gehilfen, welche abwechselnd hinter Barnabas' Schultern wie aus der Versenkung
langsam aufstiegen und schnell mit einem leichten, dem Winde nachgemachten
Pfeifen, als seien sie von K.s Anblick erschreckt, wieder verschwanden, so
vergnügten sie sich lange. »Wie es bei Klamm ist, weiß ich nicht; daß du dort
alles genau erkennen kannst, bezweifle ich, und selbst, wenn du es könntest,
wir könnten diese Dinge nicht bessern. Aber eine Botschaft überbringen, das
kannst du, und darum bitte ich dich. Eine ganz kurze Botschaft. Kannst du sie
gleich morgen überbringen und gleich morgen mir die Antwort sagen oder
wenigstens ausrichten, wie du aufgenommen wurdest? Kannst du das und willst du
das tun? Es wäre für mich sehr wertvoll. Und vielleicht bekomme ich noch
Gelegenheit, dir entsprechend zu danken, oder vielleicht hast du schon jetzt
einen Wunsch, den ich dir erfüllen kann.« - »Gewiß werde ich den Auftrag
ausführen«, sagte Barnabas. »Und willst du dich anstrengen, ihn möglichst gut
auszuführen, Klamm selbst ihn überreichen, von Klamm selbst die Antwort
bekommen und gleich, alles gleich, morgen, noch am Vormittag, willst du das?«
»Ich werde mein Bestes tun«, sagte Barnabas, »aber das tue ich immer.« - »Wir
wollen jetzt nicht mehr darüber streiten«, sagte K. »Das ist der Auftrag: Der
Landvermesser K. bittet den Herrn Vorstand, ihm zu erlauben, persönlich bei ihm
vorzusprechen; er nimmt von vornherein jede Bedingung an, welche an eine solche
Erlaubnis geknüpft werden könnte. Zu seiner Bitte ist er deshalb gezwungen,
weil bisher alle Mittelspersonen vollständig versagt haben, zum Beweis führt er
an, daß er nicht die geringste Vermesserarbeit bisher ausgeführt hat und nach
den Mitteilungen des Gemeindevorstehers auch niemals ausführen wird, mit
verzweifelter Beschämung hat er deshalb den letzten Brief des Herrn Vorstandes
gelesen, nur die persönliche Vorsprache beim Herrn Vorstand kann hier helfen.
Der Landvermesser weiß, wieviel er damit erbittet, aber er wird sich
anstrengen, die Störung dem Herrn Vorstand möglichst wenig fühlbar zu machen,
jeder zeitlichen Beschränkung unterwirft er sich, auch einer etwa als notwendig
erachteten Festsetzung der Zahl der Worte, die er bei der Unterredung
gebrauchen darf, fügt er sich, schon mit zehn Worten glaubt er auskommen zu
können. In tiefer Ehrfurcht und äußerster Ungeduld erwartet er die
Entscheidung.« K. hatte in Selbstvergessenheit gesprochen, so, als stehe er vor
Klamms Tür und spreche mit dem Türhüter. »Es ist viel länger geworden, als ich
dachte«, sagte er dann, »aber du mußt es doch mündlich ausrichten, einen Brief
will ich nicht schreiben, er würde ja doch wieder nur den endlosen Aktenweg
gehen.« So kritzelte es K. nur für Barnabas auf einem Stück Papier auf eines
Gehilfen Rücken, während der andere leuchtete, aber K. konnte es schon nach dem
Diktat des Barnabas aufschreiben, der alles behalten hatte und es schülerhaft
genau aufsagte, ohne sich um das falsche Einsagen der Gehilfen zu kümmern.
»Dein Gedächtnis ist außerordentlich«, sagte K. und gab ihm das Papier, »nun
aber, bitte, zeige dich außerordentlich auch im anderen. Und die Wünsche? Hast
du keine? Es würde mich, ich sage es offen, hinsichtlich des Schicksals meiner
Botschaft ein wenig beruhigen, wenn du welche hättest?« Zuerst blieb Barnabas
still, dann sagte er: »Meine Schwestern lassen dich grüßen.« - »Deine
Schwestern«, sagte K., »ja, die großen, starken Mädchen.« - »Beide lassen dich
grüßen, aber besonders Amalia« sagte Barnabas, »sie hat mir auch heute diesen
Brief für dich aus dem Schloß gebracht.« An dieser Mitteilung vor allen anderen
sich festhaltend, fragte K.: »Könnte sie nicht auch meine Botschaft ins Schloß
bringen? Oder könntet ihr nicht beide gehen und jeder sein Glück versuchen?« -
»Amalia darf nicht in die Kanzleien«, sagte Barnabas, »sonst würde sie es gewiß
sehr gerne tun.« - »Ich werde vielleicht morgen zu euch kommen«, sagte K.,
»komm nur du zuerst mit der Antwort. Ich erwarte dich in der Schule. Grüß auch
von mir deine Schwestern.« K.s Versprechen schien Barnabas sehr glücklich zu
machen, nach dem verabschiedenden Händedruck berührte er überdies noch K.
flüchtig an der Schulter. So, als sei jetzt alles wieder wie damals, als
Barnabas zuerst in seinem Glanz unter die Bauern in die Wirtsstube getreten
war, empfand K. diese Berührung, lächelnd allerdings, als eine Auszeichnung.
Sanftmütiger geworden, ließ er auf dem Rückweg die Gehilfen tun, was sie
wollten.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                          **** Das elfte Kapitel ****
Ganz durchfroren kam er zu Hause an, es war überall finster, die Kerzen in den
Laternen waren niedergebrannt, von den Gehilfen geführt, die sich hier schon
auskannten, tastete er sich in ein Schulzimmer durch. »Euere erste lobenswerte
Leistung«, sagte er in Erinnerung an Klamms Brief; noch halb im Schlaf, rief
aus einer Ecke Frieda: »Laßt K. schlafen! Stört ihn doch nicht!« So
beschäftigte K. ihre Gedanken, selbst wenn sie, von Schläfrigkeit überwältigt,
ihn nicht hatte erwarten können. Nun wurde Licht gemacht; allerdings konnte die
Lampe nicht stark genug aufgedreht werden, denn es war nur sehr wenig Petroleum
da. Die junge Wirtschaft hatte noch verschiedene Mängel. Eingeheizt war zwar,
aber das große Zimmer, das auch zum Turnen verwendet wurde - die Turngeräte
standen herum und hingen von der Decke herab -, hatte schon alles vorrätige
Holz verbraucht, war auch, wie man K. versicherte, schon sehr angenehm warm
gewesen, aber leider wieder ganz ausgekühlt. Es war zwar ein großer Holzvorrat
in einem Schuppen vorhanden, dieser Schuppen aber war versperrt, und den
Schlüssel hatte der Lehrer, der eine Entnahme des Holzes nur für das Heizen
während der Unterrichtsstunden gestattete. Das wäre erträglich gewesen, wenn
man Betten gehabt hätte, um sich in sie zu flüchten. Aber in dieser Hinsicht
war nichts anderes da als ein einziger Strohsack, anerkennenswert reinlich mit
einem wollenen Umhängetuch Friedas überzogen, aber ohne Federbett, und nur mit
zwei groben, steifen Decken, die kaum wärmten. Und selbst diesen armen
Strohsack sahen die Gehilfen begehrlich an, aber Hoffnung, auf ihm jemals
liegen zu dürfen, hatten sie natürlich nicht. Ängstlich blickte Frieda K. an;
daß sie ein Zimmer, und sei es das elendste, wohnlich einzurichten verstand,
hatte sie ja im Brückenhof bewiesen, aber hier hatte sie nicht mehr leisten
können, ganz ohne Mittel, wie sie gewesen war. »Unser einziger Zimmerschmuck
sind die Turngeräte«, sagte sie, unter Tränen mühselig lachend. Aber
hinsichtlich der größten Mängel, der ungenügenden Schlafgelegenheit und
Heizung, versprach sie mit Bestimmtheit schon für den nächsten Tag Abhilfe und
bat K., nur bis dahin Geduld zu haben. Kein Wort, keine Andeutung, keine Miene
ließ darauf schließen, daß sie gegen K. auch nur die kleinste Bitterkeit im
Herzen trug, obwohl er doch, wie er sich sagen mußte, sie sowohl aus dem
Herrenhof als auch jetzt aus dem Brückenhof gerissen hatte. Deshalb bemühte
sich aber K., alles erträglich zu finden, was ihm auch gar nicht so schwer war,
weil er in Gedanken mit Barnabas wanderte und seine Botschaft Wort für Wort
wiederholte, aber nicht so, wie er sie Barnabas übergeben hatte sondern so, wie
er glaubte, daß sie vor Klamm erklingen werde. Daneben aber freute er sich
allerdings auch aufrichtig auf den Kaffee, den ihm Frieda auf einem
Spiritusbrenner kochte, und verfolgte, an dem erkaltenden Ofen lehnend, ihre
flinken, vielerfahrenen Bewegungen, mit denen sie auf dem Kathedertisch die
unvermeidliche, weiße Decke ausbreitete, eine geblümte Kaffeetasse hinstellte,
daneben Brot und Speck und sogar eine Sardinenbüchse. Nun war alles fertig,
auch Frieda hatte noch nicht gegessen sondern auf K. gewartet. Zwei Sessel
waren vorhanden, dort saßen K. und Frieda beim Tisch, die Gehilfen zu ihren
Füßen auf dem Podium, aber sie blieben niemals ruhig, auch beim Essen störten
sie. Obwohl sie reichlich von allem bekommen hatten und noch lange nicht fertig
waren, erhoben sie sich von Zeit zu Zeit um festzustellen, ob noch viel auf dem
Tisch war und sie noch einiges für sich erwarten konnten. K. kümmerte sich um
sie nicht, erst durch Friedas Lachen wurde er auf sie aufmerksam. Er bedeckte
ihre Hand auf dem Tisch schmeichelnd mit seiner und fragte leise, warum sie
ihnen so vieles nachsehe, ja sogar Unarten freundlich hinnehme. Auf diese Weise
werde man sie niemals loswerden, während man es durch eine gewissermaßen
kräftige, ihrem Benehmen auch wirklich entsprechende Behandlung erreichen
könnte, entweder sie zu zügeln oder, was noch wahrscheinlicher und auch besser
wäre, ihnen die Stellung so zu verleiden, daß sie endlich durchbrennen würden.
Es scheine ja kein sehr angenehmer Aufenthalt hier im Schulhaus werden zu
wollen, nun, er werde ja auch nicht lange dauern, aber von allen Mängeln würde
man kaum etwas merken, wenn die Gehilfen fort wären und sie beide allein wären
in dem stillen Haus. Merke sie denn nicht auch, daß die Gehilfen frecher würden
von Tag zu Tag, so, als ermutige sie eigentlich erst Friedas Gegenwart und die
Hoffnung, daß K. vor ihr nicht so fest zugreifen werde, wie er es sonst tun
würde. Übrigens gäbe es vielleicht ganz einfache Mittel, sie sofort ohne alle
Umstände loszuwerden, vielleicht kenne sie sogar Frieda, die doch mit den
hiesigen Verhältnissen so vertraut sei. Und den Gehilfen selbst tue man doch
wahrscheinlich nur einen Gefallen, wenn man sie irgendwie vertreibe, denn groß
sei ja das Wohlleben nicht, das sie hier führten, und selbst das Faulenzen, das
sie bisher genossen hatten, werde ja hier wenigstens zum Teil aufhören, denn
sie würden arbeiten müssen, während Frieda nach den Aufregungen der letzten
Tage sich schonen müsse und er, K., damit beschäftigt sein werde, einen Ausweg
aus ihrer Notlage zu finden. Jedoch werde er, wenn die Gehilfen fortgehen
sollten, dadurch sich so erleichtert fühlen, daß er leicht alle
Schuldienerarbeit neben allem Sonstigen werde ausführen können.
Frieda, die aufmerksam zugehört hatte, streichelte langsam seinen Arm und
sagte, daß das alles auch ihre Meinung sei, daß er aber vielleicht doch die
Unarten der Gehilfen überschätze, es seien junge Burschen, lustig und etwas
einfältig, zum erstenmal in Diensten eines Fremden, aus der strengen
Schloßzucht entlassen, daher immerfort ein wenig erregt und erstaunt, und in
diesem Zustand führten sie eben manchmal Dummheiten aus, über die sich zu
ärgern zwar natürlich sei, aber vernünftiger sei es zu lachen. Sie könne sich
manchmal nicht zurückhalten zu lachen. Trotzdem sei sie völlig mit K.
einverstanden, daß es das beste wäre, sie wegzuschicken und allein zu zweit zu
sein. Sie rückte näher zu K. und verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter. Und
dort sagte sie, so schwer verständlich, daß sich K. zu ihr hinabbeugen mußte,
sie wisse aber kein Mittel gegen die Gehilfen und sie fürchte, alles, was K.
vorgeschlagen hatte, werde versagen. Soviel sie wisse, habe ja K. selbst sie
verlangt, und nun habe er sie und werde sie behalten. Am besten sei es, sie
leichthin zu nehmen als das leichte Volk, das sie auch sind, so ertrage man sie
am besten.
K. war mit der Antwort nicht zufrieden; halb im Scherz, halb im Ernst sagte er,
sie scheine ja mit ihnen im Bunde zu sein oder wenigstens eine große Zuneigung
zu ihnen zu haben; nun, es seien ja hübsche Burschen, aber es gäbe niemanden,
den man nicht bei einigem guten Willen loswerden könne, und er werde es ihr an
den Gehilfen beweisen.
Frieda sagte, sie werde ihm sehr dankbar sein, wenn es ihm gelinge. Übrigens
werde sie von jetzt ab nicht mehr über sie lachen und kein unnötiges Wort mit
ihnen sprechen, es sei auch wirklich nichts Geringes, immerfort von zwei
Männern beobachtet zu werden, sie habe gelernt, die zwei mit seinen Augen
anzusehen. Und wirklich zuckte sie ein wenig zusammen, als sich jetzt die
Gehilfen wieder erhoben, teils um die Eßvorräte zu revidieren, teils um dem
fortwährenden Flüstern auf den Grund zu kommen.
K. nützte das aus, um Frieda die Gehilfen zu verleiden, zog Frieda an sich, und
eng beisammen beendeten sie das Essen. Nun hätte man schlafen gehen sollen, und
alle waren sehr müde, ein Gehilfe war sogar über dem Essen eingeschlafen, das
unterhielt den anderen sehr, und er wollte die Herrschaft dazu bringen, sich
das dumme Gesicht des Schlafenden anzusehen, aber es gelang ihm nicht,
abweisend saßen K. und Frieda oben. In der unerträglich werdenden Kälte
zögerten sie, auch schlafen zu gehen; schließlich erklärte K., es müsse noch
eingeheizt werden, sonst sei es nicht möglich, zu schlafen. Er forschte nach
irgendeiner Axt, die Gehilfen wußten von einer und brachten sie, und nun ging
es zum Holzschuppen. Nach kurzer Zeit war die leichte Tür erbrochen, entzückt,
als hätten sie etwas so Schönes noch nicht erlebt, einander jagend und stoßend,
begannen die Gehilfen Holz ins Schulzimmer zu tragen, bald war ein großer
Haufen dort, es wurde eingeheizt, alle lagerten um den Ofen, eine Decke bekamen
die Gehilfen, um sich in sie einzuwickeln, sie genügte ihnen vollauf, denn es
wurde verabredet, daß immer einer wachen und das Feuer erhalten solle, bald war
es beim Ofen so warm, daß man gar nicht mehr die Decke brauchte, die Lampe
wurde ausgelöscht, und glücklich über die Wärme und Stille streckten sich K.
und Frieda zum Schlaf.
Als K. in der Nacht durch irgendein Geräusch erwachte und in der ersten
unsicheren Schlafbewegung nach Frieda tastete, merkte er, daß statt Friedas ein
Gehilfe neben ihm lag. Es war das, wahrscheinlich infolge der Reizbarkeit, die
schon das plötzliche Gewecktwerden mit sich brachte, der größte Schrecken, den
er bisher im Dorf erlebt hatte. Mit einem Schrei erhob er sich halb und gab
besinnungslos dem Gehilfen einen solchen Faustschlag, daß der zu weinen anfing.
Das Ganze klärte sich übrigens gleich auf. Frieda war dadurch geweckt worden,
daß - wenigstens war es ihr so erschienen - irgendein großes Tier, eine Katze
wahrscheinlich, ihr auf die Brust gesprungen und dann gleich weggelaufen sei.
Sie war aufgestanden und suchte mit einer Kerze das ganze Zimmer nach dem Tiere
ab. Das hatte der eine Gehilfe benützt, um sich für ein Weilchen den Genuß des
Strohsackes zu verschaffen, was er jetzt bitter büßte. Frieda aber konnte
nichts finden, vielleicht war es nur eine Täuschung gewesen, sie kehrte zu K.
zurück, auf dem Weg strich sie, als hätte sie das Abendgespräch vergessen, dem
zusammengekauert wimmernden Gehilfen tröstend über das Haar. K. sagte dazu
nichts; nur den Gehilfen befahl er, mit dem Heizen aufzuhören, denn es war,
unter Verbrauch fast des ganzen angesammelten Holzes, schon überheiß geworden.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                         **** Das zwölfte Kapitel ****
Am Morgen erwachten alle erst, als schon die ersten Schulkinder da waren und
neugierig die Lagerstätte umringten. Das war unangenehm, denn infolge der
großen Hitze, die jetzt gegen Morgen allerdings wieder einer empfindlichen
Kühle gewichen war, hatten sich alle bis auf das Hemd ausgekleidet und gerade,
als sie sich anzuziehen anfingen, erschien Gisa, die Lehrerin, ein blondes,
großes, schönes, nur ein wenig steifes Mädchen, in der Tür. Sie war sichtlich
auf den neuen Schuldiener vorbereitet und hatte wohl auch vom Lehrer
Verhaltungsmaßregeln erhalten, denn schon auf der Schwelle sagte sie: »Das kann
ich nicht dulden. Das wären schöne Verhältnisse. Sie haben bloß die Erlaubnis,
im Schulzimmer zu schlafen, ich aber habe nicht die Verpflichtung, in Ihrem
Schlafzimmer zu unterrichten. Eine Schuldienerfamilie, die sich bis in den
Vormittag in den Betten räkelt, Pfui!« Nun, dagegen wäre einiges zu sagen,
besonders hinsichtlich der Familie und der Betten, dachte K., während er mit
Frieda - die Gehilfen waren dazu nicht zu gebrauchen, auf dem Boden liegend,
staunten sie die Lehrerin und die Kinder an - eiligst den Barren und das Pferd
herbeischob, beide mit den Decken überwarf und so einen kleinen Raum bildete,
in dem man, vor den Blicken der Kinder gesichert, sich wenigstens anziehen
konnte. Ruhe hatte man allerdings keinen Augenblick lang, zuerst zankte die
Lehrerin, weil im Waschbecken kein frisches Wasser war; gerade hatte K. daran
gedacht, das Waschbecken für sich und Frieda zu holen, er gab die Absicht
zunächst auf, um die Lehrerin nicht allzusehr zu reizen, aber der Verzicht half
nichts, denn kurz darauf erfolgte ein großer Krach, unglücklicherweise hatte
man nämlich versäumt, die Reste des Nachtmahls vom Katheder zu räumen, die
Lehrerin entfernte alles mit dem Lineal, alles flog auf die Erde; daß das
Sardinenöl und die Kaffeereste ausflossen und der Kaffeetopf in Trümmer ging,
mußte die Lehrerin nicht kümmern, der Schuldiener würde ja gleich Ordnung
machen. Noch nicht ganz angezogen, sahen K. und Frieda am Barren lehnend der
Vernichtung ihres kleinen Besitzes zu; die Gehilfen, die offenbar gar nicht
daran dachten, sich anzuziehen, lugten zum großen Vergnügen der Kinder unten
zwischen den Decken durch. Am meisten schmerzte Frieda natürlich der Verlust
des Kaffeetopfes; erst als K., um sie zu trösten, ihr versicherte, er werde
gleich zum Gemeindevorsteher gehen und Ersatz verlangen und bekommen, faßte sie
sich so weit, daß sie, nur in Hemd und Unterrock, aus der Umzäunung hinauslief,
um wenigstens die Decke zu holen und vor weiterer Beschmutzung zu bewahren. Es
gelang ihr auch, obwohl die Lehrerin, um sie abzuschrecken, mit dem Lineal
immerfort nervenzerrüttend auf den Tisch hämmerte. Als K. und Frieda sich
angezogen hatten, mußten sie die Gehilfen, die von den Ereignissen wie benommen
waren, nicht nur mit Befehlen und Stößen zum Anziehen drängen, sondern zum Teil
sogar selbst anziehen. Dann, als alle fertig waren, verteilte K. die nächsten
Arbeiten: Die Gehilfen sollten Holz holen und einheizen, zuerst aber im anderen
Schulzimmer, von dem noch große Gefahren drohten - denn dort war wahrscheinlich
schon der Lehrer. Frieda sollte den Fußboden reinigen und K. würde Wasser holen
und sonst Ordnung machen; ans Frühstücken war vorläufig nicht zu denken. Um
sich aber im allgemeinen über die Stimmung der Lehrerin zu unterrichten, wollte
K. als erster hinausgehen, die anderen sollten erst folgen, wenn er sie riefe,
er traf diese Einrichtung einerseits, weil er durch Dummheiten der Gehilfen die
Lage nicht von vornherein verschlimmern lassen wollte, und andererseits, weil
er Frieda möglichst schonen wollte, denn sie hatte Ehrgeiz, er keinen, sie war
empfindlich, er nicht, sie dachte nur an die gegenwärtigen kleinen
Abscheulichkeiten, er aber an Barnabas und die Zukunft. Frieda folgte allen
seinen Anordnungen genau, ließ kaum die Augen von ihm. Kaum war er vorgetreten,
rief die Lehrerin unter dem Gelächter der Kinder, das von jetzt ab überhaupt
nicht mehr aufhörte: »Na, ausgeschlafen?« und als K. darauf nicht achtete, weil
es doch keine eigentliche Frage war, sondern auf den Waschtisch losging, fragte
die Lehrerin: »Was haben Sie denn mit meiner Mieze gemacht?« Eine große, alte
fleischige Katze lag träg ausgebreitet auf dem Tisch, und die Lehrerin
untersuchte ihre offenbar ein wenig verletzte Pfote. Frieda hatte also doch
recht gehabt, diese Katze war zwar nicht auf sie gesprungen, denn springen
konnte sie wohl nicht mehr, aber über sie hinweggekrochen, war über die
Anwesenheit von Menschen in dem sonst leeren Hause erschrocken, hatte sich
eilig versteckt und bei dieser ihr ungewohnten Eile sich verletzt. K. suchte es
der Lehrerin ruhig zu erklären, diese aber faßte nur das Ergebnis auf und
sagte: »Nun ja, ihr habt sie verletzt, damit habt ihr euch hier eingeführt.
Sehen Sie doch!« und sie rief K. auf das Katheder, zeigte ihm die Pfote, und
ehe er sich dessen versah, hatte sie ihm mit den Krallen einen Strich über den
Handrücken gemacht; die Krallen waren zwar schon stumpf, aber die Lehrerin
hatte, diesmal ohne Rücksicht auf die Katze, sie so fest eingedrückt, daß es
doch blutige Striemen wurden. »Und jetzt gehen Sie an Ihre Arbeit«, sagte sie
ungeduldig und beugte sich wieder zur Katze hinab. Frieda, welche mit den
Gehilfen hinter dem Barren zugesehen hatte, schrie beim Anblick des Blutes auf.
K. zeigte die Hand den Kindern und sagte: »Seht, das hat mir eine böse,
hinterlistige Katze gemacht.« Er sagte es freilich nicht der Kinder wegen,
deren Geschrei und Gelächter schon so selbstverständlich geworden war, daß es
keines weiteren Anlasses oder Anreizes bedurfte und daß kein Wort es
durchdringen oder beeinflussen konnte. Da aber auch die Lehrerin nur durch
einen kurzen Seitenblick die Beleidigung beantwortete und sonst mit der Katze
beschäftigt blieb, die erste Wut also durch die blutige Bestrafung befriedigt
schien, rief K. Frieda und die Gehilfen, und die Arbeit begann.
Als K. den Eimer mit dem Schmutzwasser hinausgetragen, frisches Wasser gebracht
hatte und nun das Schulzimmer auszukehren begann, trat ein etwa zwölfjähriger
Junge aus einer Bank, berührte K.s Hand und sagte etwas im großen Lärm gänzlich
Unverständliches. Da hörte plötzlich aller Lärm auf, K. wandte sich um. Das den
ganzen Morgen über Gefürchtete war geschehen. In der Tür stand der Lehrer, mit
jeder Hand hielt er, der kleine Mann, einen Gehilfen beim Kragen; er hatte sie
wohl beim Holzholen abgefangen, denn mit mächtiger Stimme rief er und legte
nach jedem Wort eine Pause ein: »Wer hat es gewagt, in den Holzschuppen
einzubrechen? Wo ist der Kerl, daß ich ihn zermalme?« Da erhob sich Frieda vom
Boden, den sie zu Füßen der Lehrerin reinzuwaschen sich abmühte, sah nach K.
hin, so, als wolle sie sich Kraft holen, und sagte, wobei etwas von ihrer alten
Überlegenheit in Blick und Haltung war: »Das habe ich getan, Herr Lehrer. Ich
wußte mir keine andere Hilfe. Sollten früh die Schulzimmer geheizt sein, mußte
man den Schuppen öffnen; in der Nacht den Schlüssel von Ihnen zu holen wagte
ich nicht; mein Bräutigam war im Herrenhof, es war möglich, daß er die Nacht
über dort blieb, so mußte ich mich allein entscheiden. Habe ich unrecht getan,
verzeihen Sie es meiner Unerfahrenheit; ich bin schon von meinem Bräutigam
genug ausgezankt worden, als er sah, was geschehen war. Ja, er verbot mir
sogar, früh einzuheizen, weil er glaubte, daß Sie durch Versperrung des
Schuppens gezeigt hätten, daß Sie nicht geheizt haben wollten, bevor Sie selbst
gekommen wären. Daß nicht geheizt ist, ist also seine Schuld, daß aber der
Schuppen erbrochen wurde, meine.« - »Wer hat die Tür erbrochen?« fragte der
Lehrer die Gehilfen, die noch immer vergeblich seinen Griff abzuschütteln
versuchten. »Der Herr«, sagten beide und zeigten, damit kein Zweifel sei, auf
K. Frieda lachte, und dieses Lachen schien noch beweisender als ihre Worte,
dann begann sie den Lappen, mit dem sie den Boden gewaschen hatte, in den Eimer
auszuwinden, so, als sei durch ihre Erklärung der Zwischenfall beendet und die
Aussagen der Gehilfen nur ein nachträglicher Scherz; erst als sie wieder, zur
Arbeit bereit, niedergekniet war, sagte sie: »Unsere Gehilfen sind Kinder, die
trotz ihren Jahren noch in diese Schulbänke gehören. Ich habe nämlich gegen
Abend die Tür mit der Axt allein geöffnet, es war sehr einfach, die Gehilfen
brauchte ich dazu nicht, sie hätten nur gestört. Als dann in der Nacht aber
mein Bräutigam kam und hinausging, um den Schaden zu besehen und womöglich zu
reparieren, liefen die Gehilfen mit, wahrscheinlich weil sie fürchteten, hier
allein zu bleiben, sahen meinen Bräutigam an der aufgerissenen Tür arbeiten,
und deshalb sagen sie jetzt - nun, es sind Kinder -.«
Zwar schüttelten die Gehilfen während Friedas Erklärung immerfort die Köpfe,
zeigten weiter auf K. und strengten sich an, durch stummes Mienenspiel Frieda
von ihrer Meinung abzubringen; da es ihnen aber nicht gelang, fügten sie sich
endlich, nahmen Friedas Worte als Befehl, und auf eine neuerliche Frage des
Lehrers antworteten sie nicht mehr. »So«, sagte der Lehrer, »ihr habt also
gelogen? Oder wenigstens leichtsinnig den Schuldiener beschuldigt?« Sie
schwiegen noch immer, aber ihr Zittern und ihre ängstlichen Blicke schienen auf
Schuldbewußtsein zu deuten. »Dann werde ich euch sofort durchprügeln«, sagte
der Lehrer und schickte ein Kind ins andere Zimmer um den Rohrstab. Als er dann
den Stab hob, rief Frieda: »Die Gehilfen haben ja die Wahrheit gesagt«, warf
verzweifelt den Lappen in den Eimer, daß das Wasser aufspritzte, und lief
hinter den Barren, wo sie sich versteckte. »Ein verlogenes Volk«, sagte die
Lehrerin, die den Verband der Pfote eben beendigt hatte und das Tier auf den
Schoß nahm, für den es fast zu breit war.
»Bleibt also der Herr Schuldiener«, sagte der Lehrer, stieß die Gehilfen fort
und wandte sich K. zu, der während der ganzen Zeit, auf den Besen gestützt,
zugehört hatte: »Dieser Herr Schuldiener, der aus Feigheit ruhig zugibt, daß
man andere fälschlich seiner eigenen Lumpereien beschuldigt.« - »Nun«, sagte
K., der wohl merkte, daß Friedas Dazwischentreten den ersten hemmungslosen Zorn
des Lehrers doch gemildert hatte, »wenn die Gehilfen ein wenig durchgeprügelt
worden wären, hätte es mir nicht leid getan; wenn sie bei zehn gerechten
Anlässen geschont worden sind, können sie es einmal bei einem ungerechten
abbüßen. Aber auch sonst wäre es mir willkommen gewesen, wenn ein unmittelbarer
Zusammenstoß zwischen mir und Ihnen, Herr Lehrer, vermieden worden wäre,
vielleicht wäre es sogar auch Ihnen lieb. Da nun aber Frieda mich den Gehilfen
geopfert hat -«, hier machte K. eine Pause, man hörte in der Stille hinter den
Decken Frieda schluchzen -, »muß nun natürlich die Sache ins reine gebracht
werden.« - »Unerhört«, sagte die Lehrerin. »Ich bin völlig Ihrer Meinung,
Fräulein Gisa«, sagte der Lehrer. »Sie, Schuldiener, sind natürlich wegen
dieses schändlichen Dienstvergehens auf der Stelle entlassen; die Strafe, die
noch folgen wird, behalte ich mir vor, jetzt aber scheren Sie sich sofort mit
allen Ihren Sachen aus dem Haus. Es wird uns eine wahre Erleichterung sein, und
der Unterricht wird endlich beginnen können. Also schleunig!« - »Ich rühre mich
von hier nicht fort«, sagte K. »Sie sind mein Vorgesetzter, aber nicht
derjenige, welcher mir die Stelle verliehen hat, das ist der Herr
Gemeindevorsteher, nur seine Kündigung nehme ich an. Er aber hat mir die Stelle
doch wohl nicht gegeben, daß ich hier mit meinen Leuten erfriere, sondern - wie
Sie selbst sagten - damit er unbesonnene Verzweiflungstaten meinerseits
verhindert. Mich jetzt plötzlich zu entlassen wäre daher geradewegs gegen seine
Absicht; solange ich nicht das Gegenteil aus seinem eigenen Munde höre, glaube
ich es nicht. Es geschieht übrigens wahrscheinlich auch zu Ihrem großen
Vorteil, wenn ich Ihrer leichtsinnigen Kündigung nicht folge.« - »Sie folgen
also nicht?« fragte der Lehrer. K. schüttelte den Kopf. »Überlegen Sie es
wohl«, sagte der Lehrer. »Ihre Entschlüsse sind nicht immer die allerbesten;
denken Sie zum Beispiel an den gestrigen Nachmittag, als Sie es ablehnten,
verhört zu werden.« - »Warum erwähnen Sie das jetzt?« fragte K. »Weil es mir
beliebte«, sagte der Lehrer, »und nun wiederhole ich zum letzten Male: Hinaus!«
Als aber auch das keine Wirkung hatte, ging der Lehrer zum Katheder und beriet
sich leise mit der Lehrerin, diese sagte etwas von der Polizei, aber der Lehrer
lehnte es ab, schließlich einigten sie sich, der Lehrer forderte die Kinder
auf, in seine Klasse hinüberzugehen, sie würden dort mit den anderen Kindern
gemeinsam unterrichtet werden. Diese Abwechslung freute alle, gleich war unter
Lachen und Schreien das Zimmer geleert, der Lehrer und die Lehrerin folgten als
letzte. Die Lehrerin trug das Klassenbuch und auf ihm die in ihrer Fülle ganz
teilnahmslose Katze. Der Lehrer hätte die Katze gern hiergelassen, aber eine
darauf bezügliche Andeutung wehrte die Lehrerin mit dem Hinweis auf die
Grausamkeit K.s entschieden ab; so bürdete K. zu allem Ärger auch noch die
Katze dem Lehrer auf. Es beeinflußte dies wohl auch die letzten Worte, die der
Lehrer in der Tür an K. richtete: »Das Fräulein verläßt mit den Kindern
notgedrungen dieses Zimmer, weil Sie renitenterweise meiner Kündigung nicht
folgen und weil niemand von ihr, einem jungen Mädchen, verlangen kann, daß sie
inmitten Ihrer schmutzigen Familienwirtschaft Unterricht erteilt. Sie bleiben
also allein und können sich, ungestört durch den Widerwillen anständiger
Zuschauer, hier so breitmachen, wie Sie wollen. Aber es wird nicht lange
dauern, dafür bürge ich!« Damit schlug er die Tür zu.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                       **** Das dreizehnte Kapitel ****
Kaum waren alle fort, sagte K. zu den Gehilfen: »Geht hinaus!« Verblüfft durch
diesen unerwarteten Befehl, folgten sie, aber als K. hinter ihnen die Tür
zusperrte, wollten sie wieder zurück, winselten draußen und klopften an die
Tür. »Ihr seid entlassen!« rief K. »Niemals mehr nehme ich euch in meine
Dienste.« Das wollten sie sich nun freilich nicht gefallen lassen und hämmerten
mit Händen und Füßen gegen die Tür. »Zurück zu dir, Herr!« riefen sie, als wäre
K. das trockene Land und sie daran, in der Flut zu versinken. Aber K. hatte
kein Mitleid, ungeduldig wartete er, bis der unerträgliche Lärm den Lehrer
zwingen werde, einzugreifen. Es geschah bald. »Lassen Sie Ihre verfluchten
Gehilfen ein!« schrie er. »Ich habe sie entlassen!« schrie K. zurück; es hatte
die ungewollte Nebenwirkung, dem Lehrer zu zeigen, wie es auffiel, wenn jemand
kräftig genug war, nicht nur zu kündigen, sondern auch die Kündigung
auszuführen. Der Lehrer versuchte nun, die Gehilfen gütlich zu beruhigen, sie
sollten hier nur ruhig warten, schließlich werde K. sie doch wieder einlassen
müssen. Dann ging er. Und es wäre nun vielleicht still geblieben, wenn nicht K.
ihnen wieder zuzurufen angefangen hätte, daß sie nun endgültig entlassen seien
und nicht die geringste Hoffnung auf Wiederaufnahme hätten. Daraufhin begannen
sie wieder zu lärmen wie zuvor. Wieder kam der Lehrer, aber nun verhandelte er
nicht mehr mit ihnen, sondern trieb sie, offenbar mit dem gefürchteten
Rohrstab, aus dem Haus.
Bald erschienen sie vor den Fenstern des Turnzimmers, klopften an die Scheiben
und schrien; aber die Worte waren nicht mehr zu verstehen. Sie blieben jedoch
auch dort nicht lange, in dem tiefen Schnee konnten sie nicht herumspringen,
wie es ihre Unruhe verlangte. Sie eilten deshalb zu dem Gitter des
Schulgartens, sprangen auf den steinernen Unterbau, wo sie auch, allerdings nur
von der Ferne, einen besseren Einblick in das Zimmer hatten; sie liefen dort,
an dem Gitter sich festhaltend, hin und her, blieben dann wieder stehen und
streckten flehend die gefalteten Hände gegen K. aus. So trieben sie es lange,
ohne Rücksicht auf die Nutzlosigkeit ihrer Anstrengungen; sie waren wie
verblendet, sie hörten wohl auch nicht auf, als K. die Fenstervorhänge
herunterließ, um sich von ihrem Anblick zu befreien.
In dem jetzt dämmerigen Zimmer ging K. zu dem Barren, um nach Frieda zu sehen.
Unter seinem Blick erhob sie sich, ordnete die Haare, trocknete das Gesicht und
machte sich schweigend daran, Kaffee zu kochen. Obwohl sie von allem wußte,
verständigte sie doch K. förmlich davon, daß er die Gehilfen entlassen hatte.
Sie nickte nur. K. saß in einer Schulbank und beobachtete ihre müden
Bewegungen. Es war immer die Frische und Entschlossenheit gewesen, welche ihren
nichtigen Körper verschönt hatte; nun war diese Schönheit dahin. Wenige Tage
des Zusammenlebens mit K. hatten genügt, das zu erreichen. Die Arbeit im
Ausschank war nicht leicht gewesen, aber ihr wahrscheinlich doch
entsprechender. Oder war die Entfernung von Klamm die eigentliche Ursache ihres
Verfalles? Die Nähe Klamms hatte sie so unsinnig verlockend gemacht, in dieser
Verlockung hatte sie K. an sich gerissen, und nun verwelkte sie in seinen
Armen.
»Frieda«, sagte K. Sie legte gleich die Kaffeemühle fort und kam zu K. in die
Bank. »Du bist mir böse?« fragte sie. »Nein«, sagte K. »Ich glaube, du kannst
nicht anders. Du hast zufrieden im Herrenhof gelebt. Ich hätte dich dort lassen
sollen.« - »Ja«, sagte Frieda und sah traurig vor sich hin, »du hättest mich
dort lassen sollen. Ich bin dessen nicht wert, mit dir zu leben. Von mir
befreit, könntest du vielleicht alles erreichen, was du willst. Aus Rücksicht
auf mich unterwirfst du dich dem tyrannischen Lehrer, übernimmst du diesen
kläglichen Posten, bewirbst dich mühevoll um ein Gespräch mit Klamm. Alles für
mich, aber ich lohne es dir schlecht.« »Nein«, sagte K. und legte tröstend den
Arm um sie. »Alles das sind Kleinigkeiten, die mir nicht weh tun, und zu Klamm
will ich ja nicht nur deinetwegen. Und was hast du alles für mich getan! Ehe
ich dich kannte, ging ich ja hier ganz in die Irre. Niemand nahm mich auf, und
wem ich mich aufdrängte, der verabschiedete mich schnell. Und wenn ich bei
jemandem Ruhe hätte finden können, so waren es Leute, vor denen wieder ich mich
flüchtete, etwa die Leute des Barnabas.« - »Du flüchtetest vor ihnen? Nicht
wahr? Liebster!« rief Frieda lebhaft dazwischen und versank dann nach einem
zögernden »Ja« K.s wieder in ihre Müdigkeit. Aber auch K. hatte nicht mehr die
Entschlossenheit, zu erklären, worin sich durch die Verbindung mit Frieda alles
zum Guten für ihn gewendet hatte. Er löste langsam den Arm von ihr und saß ein
Weilchen schweigend, bis dann Frieda, so, als hätte K.s Arm ihr Wärme gegeben,
die sie jetzt nicht mehr entbehren könne, sagte: »Ich werde dieses Leben hier
nicht ertragen. Willst du mich behalten, müssen wir auswandern, irgendwohin,
nach Südfrankreich, nach Spanien.« - »Auswandern kann ich nicht«, sagte K.,
»ich bin hierhergekommen, um hier zu bleiben. Ich werde hierbleiben.« Und in
einem Widerspruch, den er gar nicht zu erklären sich Mühe gab, fügte er wie im
Selbstgespräch zu: »Was hätte mich denn in dieses öde Land locken können, als
das Verlangen hierzubleiben?« Dann sagte er: »Aber auch du willst hierbleiben,
es ist ja dein Land. Nur Klamm fehlt dir, und das bringt dich auf verzweifelte
Gedanken.« - »Klamm sollte mir fehlen?« sagte Frieda. »Von Klamm ist hier ja
eine Überfülle, zu viel Klamm; um ihm zu entgehen, will ich fort. Nicht Klamm,
sondern du fehlst mir, deinetwegen will ich fort; weil ich mich an dir nicht
sättigen kann, hier wo alle an mir reißen. Würde mir doch lieber die hübsche
Larve abgerissen, würde doch lieber mein Körper elend, daß ich in Frieden bei
dir leben könnte.« K. hörte daraus nur eines. »Klamm ist noch immer in
Verbindung mit dir?« fragte er gleich. »Er ruft dich?« - »Von Klamm weiß ich
nichts«, sagte Frieda, »ich rede jetzt von anderen, zum Beispiel von den
Gehilfen.« - »Ah, die Gehilfen!« sagte K. überrascht. »Sie verfolgen dich?« -
»Hast du es denn nicht bemerkt?« fragte Frieda. »Nein«, sagte K. und suchte
sich vergeblich an Einzelheiten zu erinnern, »zudringliche und lüsterne Jungen
sind es wohl, aber daß sie sich an dich herangewagt hätten, habe ich nicht
bemerkt.« - »Nicht?« sagte Frieda. »Du hast nicht bemerkt, wie sie aus unserem
Zimmer im Brückenhof nicht fortzubringen waren, wie sie unsere Beziehungen
eifersüchtig überwachten, wie sich einer letzthin auf meinen Platz auf den
Strohsack legte, wie sie jetzt gegen dich aussagten, um dich zu vertreiben, zu
verderben, um mit mir allein zu sein. Das alles hast du nicht bemerkt?« K. sah
Frieda an, ohne zu antworten. Diese Anklagen gegen die Gehilfen waren wohl
richtig, aber sie konnten alle auch viel unschuldiger gedeutet werden, aus dem
ganzen lächerlichen, kindischen, fahrigen, unbeherrschten Wesen der beiden. Und
sprach nicht gegen die Beschuldigung auch, daß sie doch immer danach gestrebt
hatten, überall mit K. zu gehen und nicht bei Frieda zurückzubleiben? K.
erwähnte etwas Derartiges. »Heuchelei«, sagte Frieda, »das hast du nicht
durchschaut? Ja, warum hast du sie denn fortgetrieben, wenn nicht aus diesen
Gründen?« Und sie ging zum Fenster, rückte den Vorhang ein wenig zur Seite,
blickte hinaus und rief dann K. zu sich. Noch immer waren die Gehilfen draußen
am Gitter, so müde sie auch sichtlich schon waren, streckten sie doch noch von
Zeit zu Zeit, alle Kräfte zusammennehmend, die Arme bittend gegen die Schule
aus. Einer hatte, um sich nicht immerfort festhalten zu müssen, den Rock hinten
auf einer Gitterstange aufgespießt.
»Die Armen! Die Armen!« sagte Frieda.
»Warum ich sie weggetrieben habe?« rief K. »Der unmittelbare Anlaß dafür bist
du gewesen.« - »Ich?« fragte Frieda, ohne den Blick von draußen abzuwenden.
»Deine allzufreundliche Behandlung der Gehilfen«, sagte K., »das Verzeihen
ihrer Unarten, das Lachen über sie, das Streicheln ihrer Haare, das
fortwährende Mitleid mit ihnen, ›die Armen, die Armen‹, sagst du wieder, und
schließlich der letzte Vorfall, da ich dir als Preis nicht zu hoch war, die
Gehilfen von den Prügeln loszukaufen.« - »Das ist es ja«, sagte Frieda, »davon
spreche ich doch, das ist es ja, was mich unglücklich macht, was mich von dir
abhält, während ich doch kein größeres Glück für mich weiß, als bei dir zu
sein, immerfort, ohne Unterbrechung, ohne Ende, während ich doch davon träume,
daß hier auf der Erde kein ruhiger Platz für unsere Liebe ist, nicht im Dorf
und nicht anderswo, und ich mir deshalb ein Grab vorstelle, tief und eng; dort
halten wir uns umarmt wie mit Zangen, ich verberge mein Gesicht an dir, du
deines an mir, und niemand wird uns jemals mehr sehen. Hier aber - sieh die
Gehilfen! Nicht dir gilt es, wenn sie die Hände falten, sondern mir.« - »Und
nicht ich«, sagte K., »sehe sie an, sondern du.« - »Gewiß, ich«, sagte Frieda
fast böse, »davon spreche ich doch immerfort. Was würde denn sonst daran
liegen, daß die Gehilfen hinter mir her sind; mögen sie auch Abgesandte Klamms
sein.« - »Abgesandte Klamms«, sagte K., den diese Bezeichnung, so natürlich sie
ihm gleich erschien, doch sehr überraschte. »Abgesandte Klamms, gewiß«, sagte
Frieda, »mögen sie dies sein, so sind sie doch auch gleichzeitig läppische
Jungen, die zu ihrer Erziehung noch Prügel brauchen. Was für häßliche, schwarze
Jungen es sind! Und wie abscheulich ist der Gegensatz zwischen ihren
Gesichtern, die auf Erwachsene, ja fast auf Studenten schließen lassen, und
ihrem kindisch-närrischen Benehmen! Glaubst du, daß ich das nicht sehe? Ich
schäme mich ja ihrer. Aber das ist es ja eben, sie stoßen mich nicht ab,
sondern ich schäme mich ihrer. Ich muß immer zu ihnen hinsehen. Wenn man sich
über sie ärgern sollte, muß ich lachen. Wenn man sie schlagen sollte, muß ich
über ihr Haar streichen. Und wenn ich neben dir liege in der Nacht, kann ich
nicht schlafen, und muß über dich hinweg zusehen, wie der eine, fest in die
Decke eingerollt, schläft und der andere vor der offenen Ofentür kniet und
heizt, und ich muß mich vorbeugen, daß ich dich fast wecke. Und nicht die Katze
erschreckt mich - ach, ich kenne Katzen und ich kenne auch das unruhige,
immerfort gestörte Schlummern im Ausschank - nicht die Katze erschreckt mich,
ich selbst mache mir Schrecken. Und es bedarf gar nicht dieses Ungetümes von
einer Katze, ich fahre beim kleinsten Geräusch zusammen. Einmal fürchtete ich,
daß du aufwachen wirst und alles zu Ende sein wird, und dann wieder springe ich
auf und zünde die Kerze an, damit du nur schnell aufwachst und mich beschützen
kannst.« - »Von dem allen habe ich nichts gewußt«, sagte K., »nur in einer
Ahnung dessen habe ich sie vertrieben; nun sind sie aber fort, nun ist
vielleicht alles gut.« - »Ja, endlich sind sie fort«, sagte Frieda, aber ihr
Gesicht war gequält, nicht freudig, »nur wissen wir nicht, wer sie sind.
Abgesandte Klamms, ich nenne sie in meinen Gedanken, im Spiele so, aber
vielleicht sind sie es wirklich. Ihre Augen, diese einfältigen und doch
funkelnden Augen, erinnern mich irgendwie an die Augen Klamms, ja, das ist es:
Es ist Klamms Blick, der mich manchmal aus ihren Augen durchfährt. Und
unrichtig ist es deshalb, wenn ich sagte, daß ich mich ihrer schäme. Ich wollte
nur, es wäre so. Ich weiß zwar, daß anderswo und bei anderen Menschen das
gleiche Benehmen dumm und anstößig wäre, bei ihnen ist es nicht so. Mit Achtung
und Bewunderung sehe ich ihren Dummheiten zu. Wenn es aber Klamms Abgesandte
sind, wer befreit uns von ihnen; und wäre es dann überhaupt gut, von ihnen
befreit zu werden? Müßtest du sie dann nicht schnell hereinholen und glücklich
sein, wenn sie noch kämen?« - »Du willst, daß ich sie wieder hereinlasse?«
fragte K. »Nein, nein«, sagte Frieda, »nichts will ich weniger. Ihren Anblick,
wenn sie nun hereinstürmten, ihre Freude, mich wiederzusehen, ihr Herumhüpfen
von Kindern und ihr Armausstrecken von Männern, das alles würde ich vielleicht
gar nicht ertragen können. Wenn ich dann aber wieder bedenke, daß du, wenn du
gegen sie hart bleibst, damit vielleicht Klamm selbst den Zutritt zu dir
verweigerst, will ich dich mit allen Mitteln vor den Folgen dessen bewahren.
Dann will ich, daß du sie hereinkommen läßt. Dann K., nur schnell herein mit
ihnen! Nimm keine Rücksicht auf mich, was liegt an mir! Ich werde mich wehren,
solange ich kann; wenn ich aber verlieren sollte, nun, so werde ich verlieren,
aber dann mit dem Bewußtsein, daß auch dies für dich geschehen ist.« »Du
bestärkst mich nur in meinem Urteil hinsichtlich der Gehilfen«, sagte K.
»Niemals werden sie mit meinem Willen hereinkommen. Daß ich sie hinausgebracht
habe, beweist doch, daß man sie unter Umständen beherrschen kann, und damit
weiterhin, daß sie nichts Wesentliches mit Klamm zu tun haben. Erst gestern
abend bekam ich einen Brief von Klamm, aus dem zu sehen ist, daß Klamm über die
Gehilfen ganz falsch unterrichtet ist, woraus wieder geschlossen werden muß,
daß sie ihm völlig gleichgültig sind, denn wären sie dies nicht, so hätte er
sich gewiß genaue Nachrichten über sie beschaffen können. Daß aber du Klamm in
ihnen siehst, beweist nichts, denn noch immer, leider, bist du von der Wirtin
beeinflußt und siehst Klamm überall. Noch immer bist du Klamms Geliebte, noch
lange nicht meine Frau. Manchmal macht mich das ganz trübe, mir ist dann, wie
wenn ich alles verloren hätte, ich habe dann das Gefühl, als sei ich eben erst
ins Dorf gekommen, aber nicht hoffnungsvoll, wie ich damals in Wirklichkeit
war, sondern im Bewußtsein, daß mich nur Enttäuschungen erwarten und daß ich
eine nach der anderen werde durchkosten müssen bis zum letzten Bodensatz. Doch
ist das nur manchmal«, fügte K. lächelnd hinzu, als er sah, wie Frieda unter
seinen Worten zusammensank, »und beweist doch im Grunde etwas Gutes, nämlich,
was du mir bedeutest. Und wenn du mich jetzt aufforderst, zwischen dir und den
Gehilfen zu wählen, so haben damit die Gehilfen schon verloren. Was für ein
Gedanke, zwischen dir und den Gehilfen zu wählen! Nun will ich sie aber
endgültig los sein, in Worten und Gedanken. Wer weiß übrigens, ob die Schwäche,
die uns beide überkommen hat, nicht daher stammt, daß wir noch immer nicht
gefrühstückt haben?« - »Möglich«, sagte Frieda, müde lächelnd, und ging an die
Arbeit. Auch K. ergriff wieder den Besen.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










Nach einem Weilchen klopfte es leise. »Barnabas!« schrie K., warf den Besen hin
und war mit einigen Sätzen bei der Tür. Über den Namen mehr als über alles
andere erschrocken, sah ihn Frieda an. Mit den unsicheren Händen konnte K. das
alte Schloß nicht gleich öffnen. »Ich öffne schon«, wiederholte er immerfort,
statt zu fragen, wer denn eigentlich klopfe. Und mußte dann zusehen, wie durch
die weitaufgerissene Tür nicht Barnabas hereinkam, sondern der kleine Junge,
der schon früher einmal hatte K. ansprechen wollen. K. hatte aber keine Lust,
sich an ihn zu erinnern. »Was willst du denn hier?« sagte er. »Unterrichtet
wird nebenan.« - »Ich komme von dort«, sagte der Junge und sah mit seinen
großen, braunen Augen ruhig zu K. auf, stand aufrecht da, die Arme eng am Leib.
»Was willst du also? Schnell!« sagte K. und beugte sich ein wenig hinab, denn
der Junge sprach leise. »Kann ich dir helfen?« fragte der Junge. »Er will uns
helfen«, sagte K. zu Frieda, und dann zum Jungen: »Wie heißt du denn?« - »Hans
Brunswick«, sagte der Junge, »Schüler der vierten Klasse, Sohn des Otto
Brunswick, Schustermeister in der Madeleinegasse.« - »Sieh mal, Brunswick heißt
du«, sagte K. und war nun freundlicher zu ihm. Es stellte sich heraus, daß Hans
durch die blutigen Striemen, welche die Lehrerin in K.s Hand eingekratzt hatte,
so erregt worden war, daß er sich vorhin entschlossen hatte, K. beizustehen.
Eigenmächtig war er jetzt auf die Gefahr großer Strafe hin aus dem Schulzimmer
nebenan wie ein Deserteur weggeschlichen. Es mochten vor allem solche
knabenhaften Vorstellungen sein, die ihn beherrschten. Ihnen entsprechend war
auch der Ernst, der aus allem sprach, was er tat. Nur anfänglich hatte ihn
Schüchternheit behindert, bald aber gewöhnte er sich an K. und Frieda, und als
er dann heißen, guten Kaffee zu trinken bekommen hatte, war er lebhaft und
zutraulich geworden, und seine Fragen waren eifrig und eindringlich, so, als
wolle er möglichst schnell das Wichtigste erfahren, um dann selbständig für K.
und Frieda Entschlüsse fassen zu können. Es war auch etwas Befehlshaberisches
in seinem Wesen; aber es war mit kindlicher Unschuld so gemischt, daß man sich
ihm, halb aufrichtig, halb scherzend, gern unterwarf. Jedenfalls nahm er alle
Aufmerksamkeit für sich in Anspruch, alle Arbeit hatte aufgehört, das Frühstück
zog sich sehr in die Länge. Obwohl er in der Schulbank saß, K. oben auf dem
Kathedertisch, Frieda auf einem Sessel nebenan, sah es aus, als sei Hans der
Lehrer, als prüfe er und beurteile die Antworten; ein leichtes Lächeln um
seinen weichen Mund schien anzudeuten, daß er wohl wisse, es handle sich nur um
ein Spiel, aber desto ernsthafter war er im übrigen bei der Sache, vielleicht
war es auch gar kein Lächeln, sondern das Glück der Kindheit, das die Lippen
umspielte. Auffallend spät erst hatte er zugegeben, daß er K. schon kannte,
seit dieser einmal bei Lasemann eingekehrt war. K. war glücklich darüber. »Du
spieltest damals zu Füßen der Frau?« fragte K. »Ja«, sagte Hans, »es war meine
Mutter.« Und nun mußte er von seiner Mutter erzählen, aber er tat es nur
zögernd und erst auf wiederholte Aufforderung, es zeigte sich nun doch, daß er
ein kleiner Junge war, aus dem zwar manchmal, besonders in seinen Fragen,
vielleicht im Vorgefühl der Zukunft, vielleicht aber auch nur infolge der
Sinnestäuschung des unruhig-gespannten Zuhörers, fast ein energischer, kluger,
weitblickender Mann zu sprechen schien, der dann aber gleich darauf ohne
Übergang nur ein Schuljunge war, der manche Fragen gar nicht verstand, andere
mißdeutete, der in kindlicher Rücksichtslosigkeit zu leise sprach, obwohl er
oft auf den Fehler aufmerksam gemacht worden war, und der schließlich wie aus
Trotz gegenüber manchen dringenden Fragen vollkommen schwieg, und zwar ganz
ohne Verlegenheit, wie es ein Erwachsener niemals könnte. Es war überhaupt, wie
wenn seiner Meinung nach nur ihm das Fragen erlaubt sei, durch das Fragen der
anderen aber irgendeine Vorschrift durchbrochen und Zeit verschwendet würde. Er
konnte dann lange Zeit stillsitzen mit aufrechtem Körper, gesenktem Kopf,
aufgeworfener Unterlippe. Frieda gefiel das so, daß sie ihm öfters Fragen
stellte, von denen sie hoffte, daß sie ihn auf diese Weise verstummen lassen
würden; es gelang ihr auch manchmal, aber K. ärgerte es. Im ganzen erfuhr man
wenig. Die Mutter war ein wenig kränklich, aber was für eine Krankheit es war,
blieb unbestimmt, das Kind, das Frau Brunswick auf dem Schoß gehabt hatte, war
Hansens Schwester und hieß Frieda (die Namensgleichheit mit der ihn
ausfragenden Frau nahm Hans unfreundlich auf), sie wohnten alle im Dorf, aber
nicht bei Lasemann, sie waren dort nur zu Besuch gewesen, um gebadet zu werden,
weil Lasemann das große Schaff hatte, in dem zu baden und sich herumzutreiben
den kleinen Kindern, zu denen aber Hans nicht gehörte, ein besonderes Vergnügen
machte; von seinem Vater sprach Hans ehrfurchtsvoll oder ängstlich, aber nur,
wenn nicht gleichzeitig von der Mutter die Rede war, gegenüber der Mutter war
des Vaters Wert offenbar klein, übrigens blieben alle Fragen über das
Familienleben, wie immer man auch heranzukommen suchte, unbeantwortet. Vom
Gewerbe des Vaters erfuhr man, daß er der größte Schuster des Ortes war, keiner
war ihm gleich, wie öfters auch auf ganz andere Fragen hin wiederholt wurde, er
gab sogar den andern Schustern, zum Beispiel auch dem Vater Barnabas', Arbeit,
in diesem letzten Falle tat es Brunswick wohl nur aus besonderer Gnade,
wenigstens deutete dies die stolze Kopfwendung Hansens an, welche Frieda
veranlaßte, zu ihm hinunterzuspringen und ihm einen Kuß zu geben. Die Frage, ob
er schon im Schloß gewesen sei, beantwortete er erst nach vielen
Wiederholungen, und zwar mit »Nein«; die gleiche Frage hinsichtlich der Mutter
beantwortete er gar nicht. Schließlich ermüdete K.; auch ihm schien das Fragen
unnütz, er gab darin dem Jungen recht, auch war darin etwas Beschämendes, auf
dem Umweg über das unschuldige Kind Familiengeheimnisse ausforschen zu wollen,
doppelt beschämend allerdings war, daß man auch hier nichts erfuhr. Und als
dann K. zum Abschluß den Jungen fragte, worin er denn zu helfen sich anbiete,
wunderte er sich nicht mehr zu hören, daß Hans nur hier bei der Arbeit helfen
wolle, damit der Lehrer und die Lehrerin mit K. nicht mehr so zankten. K.
erklärte Hans, daß eine solche Hilfe nicht nötig sei, Zanken gehöre wohl zu des
Lehrers Natur, und man werde wohl auch durch genaueste Arbeit sich kaum davor
schützen können, die Arbeit selbst sei nicht schwer, und nur infolge zufälliger
Umstände sei er mit ihr heute im Rückstand, übrigens wirke auf K. dieses Zanken
nicht so wie auf einen Schüler, er schüttle es ab, es sei ihm fast
gleichgültig, auch hoffe er, dem Lehrer sehr bald völlig entgehen zu können. Da
es sich also nur um Hilfe gegen den Lehrer gehandelt habe, danke er dafür
bestens und Hans könne wieder zurückgehen, hoffentlich werde er nicht noch
bestraft werden. Obwohl es K. gar nicht betonte und nur unwillkürlich
andeutete, daß es nur die Hilfe gegenüber dem Lehrer sei, die er nicht brauche,
während er die Frage nach anderer Hilfe offenließ, hörte es Hans doch klar
heraus und fragte, ob K. vielleicht andere Hilfe brauche; sehr gern würde er
ihm helfen, und wenn er es selbst nicht imstande wäre, würde er seine Mutter
darum bitten, und dann würde es gewiß gelingen. Auch wenn der Vater Sorgen hat,
bittet er die Mutter um Hilfe. Und die Mutter habe auch schon einmal nach K.
gefragt, sie selbst gehe kaum aus dem Haus, nur ausnahmsweise sei sie damals
bei Lasemann gewesen; er, Hans, aber gehe öfters hin, um mit Lasemanns Kindern
zu spielen, und da habe ihn die Mutter einmal gefragt, ob dort vielleicht
wieder einmal der Landvermesser gewesen sei. Nun dürfe man die Mutter, weil sie
so schwach und müde sei, nicht unnütz aufregen, und so habe er nur einfach
gesagt, daß er den Landvermesser dort nicht gesehen habe, und weiter sei davon
nicht gesprochen worden; als er ihn nun aber hier in der Schule gefunden habe,
habe er ihn ansprechen müssen, damit er der Mutter berichten könne. Denn das
habe die Mutter am liebsten, wenn man, ohne ausdrücklichen Befehl, ihre Wünsche
erfüllt. Darauf sagte K. nach kurzer Überlegung, er brauche keine Hilfe, er
habe alles, was er benötigte, aber es sei sehr lieb von Hans, daß er ihm helfen
wolle, und er danke ihm für die gute Absicht, es sei ja möglich, daß er später
einmal etwas brauchen werde, dann werde er sich an ihn wenden, die Adresse habe
er ja. Dagegen könne vielleicht er, K., diesmal ein wenig helfen, es tue ihm
leid, daß Hansens Mutter kränkle und offenbar niemand hier das Leiden verstehe;
in einem solchen vernachlässigten Falle kann oft eine schwere Verschlimmerung
eines an sich leichten Leidens eintreten. Nun habe er, K., einige medizinische
Kenntnisse und, was noch mehr wert sei, Erfahrung in der Krankenbehandlung.
Manches, was Ärzten nicht gelungen sei, sei ihm geglückt. Zu Hause habe man ihn
wegen seiner Heilwirkung immer »das bittere Kraut« genannt. Jedenfalls würde er
gern Hansens Mutter ansehen und mit ihr sprechen. Vielleicht könnte er einen
guten Rat geben, schon um Hansens willen täte er es gern. Hansens Augen
leuchteten bei diesem Angebot zuerst auf, verführten K. dazu, dringlicher zu
werden, aber das Ergebnis war unbefriedigend, denn Hans sagte auf verschiedene
Fragen, und war dabei nicht einmal sehr traurig, zur Mutter dürfe kein fremder
Besuch kommen, weil sie sehr schonungsbedürftig sei; obwohl doch K. damals kaum
mit ihr gesprochen habe, sei sie nachher einige Tage im Bett gelegen, was
freilich öfters geschehe. Der Vater habe sich damals aber über K. sehr
geärgert, und er würde gewiß niemals erlauben, daß K. zur Mutter komme; ja, er
habe damals K. aufsuchen wollen, um ihn wegen seines Benehmens zu strafen, nur
die Mutter habe ihn davon zurückgehalten. Vor allem aber wolle die Mutter
selbst im allgemeinen mit niemandem sprechen, und ihre Frage nach K. bedeutete
keine Ausnahme von der Regel, im Gegenteil, gerade gelegentlich seiner
Erwähnung hätte sie den Wunsch aussprechen können, ihn zu sehen, aber sie habe
dies nicht getan und damit deutlich ihren Willen geäußert. Sie wolle nur von K.
hören, aber mit ihm sprechen wolle sie nicht. Übrigens sei es gar keine
eigentliche Krankheit, woran sie leide, sie wisse sehr wohl die Ursache ihres
Zustandes, und manchmal deute sie sie auch an: Es sei wahrscheinlich die Luft
hier, die sie nicht vertrage; aber sie wolle doch auch wieder den Ort nicht
verlassen, des Vaters und der Kinder wegen, auch sei es schon besser, als es
früher gewesen war. Das war es etwa, was K. erfuhr, die Denkkraft Hansens
steigerte sich sichtlich, da er seine Mutter vor K. schützen sollte, vor K.,
dem er angeblich hatte helfen wollen; ja, zu dem guten Zwecke, K. von der
Mutter abzuhalten, widersprach er in manchem sogar seinen eigenen früheren
Aussagen, zum Beispiel hinsichtlich der Krankheit. Trotzdem aber merkte K. auch
jetzt, daß Hans ihm noch immer gutgesinnt war, nur vergaß er über der Mutter
alles andere; wen immer man gegenüber der Mutter aufstellte, er kam gleich ins
Unrecht, jetzt war es K. gewesen, aber es konnte zum Beispiel auch der Vater
sein. K. wollte dieses letztere versuchen und sagte, es sei gewiß sehr
vernünftig vom Vater, daß er die Mutter vor jeder Störung so behüte, und wenn
er, K., damals etwas Ähnliches nur geahnt hätte, hätte er gewiß die Mutter
nicht anzusprechen gewagt, und er lasse jetzt noch nachträglich zu Hause um
Entschuldigung bitten. Dagegen könne er nicht ganz verstehen, warum der Vater,
wenn die Ursache des Leidens so klargestellt sei, wie Hans sagte, die Mutter
zurückhalte, sich in anderer Luft zu erholen; man müsse sagen, daß er sie
zurückhalte, denn sie gehe nur der Kinder und seinetwegen nicht fort, die
Kinder aber könnte sie mitnehmen, sie müßte ja nicht für lange Zeit fortgehen
und auch nicht sehr weit, schon oben auf dem Schloßberg sei die Luft ganz
anders. Die Kosten eines solchen Ausflugs müsse der Vater nicht fürchten, er
sei ja der größte Schuster im Ort, und gewiß habe auch er oder die Mutter
Verwandte oder Bekannte im Schloß, die sie gern aufnehmen würden. Warum lasse
er sie nicht fort? Er möge ein solches Leiden nicht unterschätzen; K. habe ja
die Mutter nur flüchtig gesehen, aber eben ihre auffallende Blässe und Schwäche
habe ihn dazu bewogen, sie anzusprechen; schon damals habe er sich gewundert,
daß der Vater in der schlechten Luft des allgemeinen Bade- und Waschraumes die
kranke Frau gelassen und sich auch in seinen lauten Reden keine Zurückhaltung
auferlegt habe. Der Vater wisse wohl nicht, worum es sich handle; mag sich auch
das Leiden in der letzten Zeit vielleicht gebessert haben, ein solches Leiden
hat Launen, aber schließlich kommt es doch, wenn man es nicht bekämpft, mit
gesammelter Kraft, und nichts kann dann mehr helfen. Wenn K. schon nicht mit
der Mutter sprechen könne, wäre es doch vielleicht gut, wenn er mit dem Vater
sprechen und ihn auf dies alles aufmerksam machen würde.
Hans hatte gespannt zugehört, das meiste verstanden, die Drohung des
unverständlichen Restes stark empfunden. Trotzdem sagte er, mit dem Vater könne
K. nicht sprechen, der Vater habe eine Abneigung gegen ihn, und er würde ihn
wahrscheinlich wie der Lehrer behandeln. Er sagte dies lächelnd und schüchtern,
wenn er von K. sprach, und verbissen und traurig, wenn er den Vater erwähnte.
Doch fügte er hinzu, daß K. vielleicht doch mit der Mutter sprechen könnte,
aber nur ohne Wissen des Vaters. Dann dachte Hans mit starrem Blick ein
Weilchen nach, ganz wie eine Frau, die etwas Verbotenes tun will und eine
Möglichkeit sucht, es ungestraft auszuführen, und sagte, übermorgen wäre es
vielleicht möglich, der Vater gehe abends in den Herrenhof, er habe dort
Besprechungen, da werde er, Hans, abends kommen und K. zur Mutter führen,
vorausgesetzt allerdings, daß die Mutter zustimme, was noch sehr
unwahrscheinlich sei. Vor allem tue sie ja nichts gegen den Willen des Vaters,
in allem füge sie sich ihm, auch in Dingen, deren Unvernunft selbst er, Hans,
klar einsehe. Wirklich suchte nun Hans bei K. Hilfe gegen den Vater; es war,
als habe er sich selbst getäuscht, da er geglaubt hatte, er wolle K. helfen,
während er in Wirklichkeit hatte ausforschen wollen, ob nicht vielleicht, da
niemand aus der alten Umgebung hatte helfen können, dieser plötzlich
erschienene und nun von der Mutter sogar erwähnte Fremde dies imstande sei. Wie
unbewußt verschlossen, fast hinterhältig war der Junge. Es war bisher aus
seiner Erscheinung und seinen Worten kaum zu entnehmen gewesen; erst aus den
förmlich nachträglichen, durch Zufall und Absicht hervorgeholten Geständnissen
merkte man es. Und nun überlegte er in langen Gesprächen mit K., welche
Schwierigkeiten zu überwinden wären. Es waren, beim besten Willen Hansens, fast
unüberwindliche Schwierigkeiten; ganz in Gedanken und doch hilfesuchend, sah er
mit unruhig zwinkernden Augen K. immerfort an. Vor des Vaters Weggang durfte er
der Mutter nichts sagen, sonst erfuhr es der Vater, und alles war unmöglich
gemacht, also erst später durfte er es erwähnen; aber auch jetzt, mit Rücksicht
auf die Mutter, nicht plötzlich und schnell, sondern langsam und bei passender
Gelegenheit; dann erst mußte er der Mutter Zustimmung erbitten, dann erst
konnte er K. holen; war es aber dann nicht schon zu spät, drohte nicht schon
des Vaters Rückkehr? Nein, es war doch unmöglich. K. bewies dagegen, daß es
nicht unmöglich war. Daß die Zeit nicht ausreichen werde, davor müsse man sich
nicht fürchten, ein kurzes Gespräch, ein kurzes Beisammensein genüge, und holen
müsse Hans K. nicht. K. werde irgendwo in der Nähe des Hauses versteckt warten,
und auf ein Zeichen Hansens werde er gleich kommen. Nein, sagte Hans, beim Haus
warten dürfe K. nicht - wieder war es die Empfindlichkeit wegen seiner Mutter,
die ihn beherrschte -, ohne Wissen der Mutter dürfe K. sich nicht auf den Weg
machen, in ein solches vor der Mutter geheimes Einverständnis dürfe Hans mit K.
nicht eintreten; er müsse K. aus der Schule holen, und nicht früher, als es die
Mutter wisse und erlaube. Gut, sagte K., dann sei es ja wirklich gefährlich,
und es sei dann möglich, daß der Vater ihn im Hause ertappen werde; und wenn
schon dies nicht geschehen sollte, so wird doch die Mutter in Angst davor K.
überhaupt nicht kommen lassen, und so werde doch alles am Vater scheitern.
Dagegen wehrte sich wieder Hans, und so ging der Streit hin und her.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










Längst schon hatte K. Hans aus der Bank zum Katheder gerufen, hatte ihn zu sich
zwischen die Knie gezogen und streichelte ihn manchmal begütigend. Diese Nähe
trug auch dazu bei, trotz Hansens zeitweiligem Widerstreben ein Einvernehmen
herzustellen. Man einigte sich schließlich auf folgendes: Hans werde zunächst
der Mutter die volle Wahrheit sagen; jedoch, um ihr die Zustimmung zu
erleichtern, hinzufügen, daß K. auch mit Brunswick selbst sprechen wolle,
allerdings nicht wegen der Mutter, sondern wegen seiner Angelegenheiten. Dies
war auch richtig, im Laufe des Gesprächs war es K. eingefallen, daß ja
Brunswick, mochte er auch sonst ein gefährlicher und böser Mensch sein, sein
Gegner eigentlich nicht mehr sein konnte, war er doch, wenigstens nach dem
Bericht des Gemeindevorstehers, der Führer derjenigen gewesen, welche, sei es
auch aus politischen Gründen, die Berufung eines Landvermessers verlangt
hatten. K.s Ankunft im Dorf mußte also für Brunswick willkommen sein; dann
waren allerdings die ärgerliche Begrüßung am ersten Tag und die Abneigung, von
der Hans sprach, fast unverständlich; vielleicht aber war Brunswick gerade
deshalb gekränkt, weil sich K. nicht zuerst an ihn um Hilfe gewendet hatte,
vielleicht lag ein anderes Mißverständnis vor, das durch ein paar Worte
aufgeklärt werden konnte. Wenn das aber geschehen war, dann konnte K. in
Brunswick recht wohl einen Rückhalt gegenüber dem Lehrer, ja sogar gegenüber
dem Gemeindevorsteher bekommen, der ganze amtliche Trug - was war es denn
anderes? -, mit welchem der Gemeindevorsteher und der Lehrer ihn von den
Schloßbehörden abhielten und in die Schuldienerstellung zwängten, konnte
aufgedeckt werden; kam es neuerlich zu einem um K. geführten Kampf zwischen
Brunswick und dem Gemeindevorsteher, mußte Brunswick K. an seine Seite ziehen,
K. würde Gast in Brunswicks Hause werden, Brunswicks Machtmittel würden ihm zur
Verfügung gestellt werden, dem Gemeindevorsteher zum Trotz; wer weiß, wohin er
dadurch gelangen würde, und in der Nähe der Frau würde er jedenfalls häufig
sein - so spielte er mit den Träumen und sie mit ihm, während Hans, nur in
Gedanken an die Mutter, das Schweigen K.s sorgenvoll beobachtete, so, wie man
es gegenüber einem Arzte tut, der in Nachdenken versunken ist, um für einen
schweren Fall ein Hilfsmittel zu finden. Mit diesem Vorschlag K.s, daß er mit
Brunswick wegen der Landvermesserstellung sprechen wolle, war Hans
einverstanden, allerdings nur deshalb, weil dadurch seine Mutter vor dem Vater
geschützt war und es sich überdies nur um einen Notfall handelte, der
hoffentlich nicht eintreten würde. Er fragte nur noch, wie K. die späte Stunde
des Besuches dem Vater erklären würde, und begnügte sich schließlich, wenn auch
mit ein wenig verdüstertem Gesicht, damit, daß K. sagen würde, die
unerträgliche Schuldienerstellung und die entsprechende Behandlung durch den
Lehrer habe ihn in plötzlicher Verzweiflung alle Rücksicht vergessen lassen.
Als nun auf diese Weise alles, soweit man sehen konnte, vorbedacht und die
Möglichkeit des Gelingens doch wenigstens nicht mehr ausgeschlossen war, wurde
Hans, von der Last des Nachdenkens befreit, fröhlicher, plauderte noch ein
Weilchen kindlich, zuerst mit K. und dann auch mit Frieda, die lange wie in
ganz anderen Gedanken dagesessen war und jetzt erst wieder an dem Gespräch
teilzunehmen begann. Unter anderem fragte sie ihn, was er werden wolle; er
überlegte nicht viel und sagte, er wolle ein Mann werden wie K. Als er dann
nach seinen Gründen gefragt wurde, wußte er freilich nicht zu antworten, und
die Frage, ob er etwa Schuldiener werden wolle, verneinte er mit Bestimmtheit.
Erst als man weiter fragte, erkannte man, auf welchem Umweg er zu seinem
Wunsche gekommen war. Die gegenwärtige Lage K.s war keineswegs beneidenswert,
sondern traurig und verächtlich, das sah auch Hans genau, und er brauchte, um
das zu erkennen, gar nicht andere Leute zu beobachten, er selbst hätte am
liebsten die Mutter vor jedem Blick und Wort K.s bewahren wollen. Trotzdem aber
kam er zu K. und bat ihn um Hilfe und war glücklich, wenn K. zustimmte, auch
bei anderen Leuten glaubte er Ähnliches zu erkennen, und vor allem hatte doch
die Mutter selbst K. erwähnt. Aus diesem Widerspruch entstand in ihm der
Glaube, jetzt sei zwar K. noch niedrig und abschreckend, aber in einer
allerdings fast unvorstellbar fernen Zukunft werde er doch alle übertreffen.
Und eben diese geradezu törichte Ferne und die stolze Entwicklung, die in sie
führen sollte, lockten Hans: um diesen Preis wollte er sogar den gegenwärtigen
K. in Kauf nehmen. Das besonders Kindlich-Altkluge dieses Wunsches bestand
darin, daß Hans auf K. herabsah wie auf einen Jüngeren, dessen Zukunft sich
weiter dehne als seine eigene, die Zukunft eines kleinen Knaben. Und es war
auch ein fast trüber Ernst, mit dem er, durch Fragen Friedas immer wieder
gezwungen, von diesen Dingen sprach. Erst K. heiterte ihn wieder auf, als er
sagte, er wisse, worum ihn Hans beneide, es handle sich um seinen schönen
Knotenstock, der auf dem Tisch lag und mit dem Hans, zerstreut im Gespräch,
gespielt hatte. Nun, solche Stöcke verstehe K. herzustellen, und er werde, wenn
ihr Plan geglückt sei, Hans einen noch schöneren machen. Es war jetzt nicht
mehr ganz deutlich, ob nicht Hans wirklich nur den Stock gemeint hatte, so
freute er sich über K.s Versprechen und nahm fröhlichen Abschied, nicht ohne K.
fest die Hand zu drücken und zu sagen: »Also übermorgen.«
Es war höchste Zeit, daß Hans weggegangen war, denn kurz darauf riß der Lehrer
die Tür auf und schrie, als er K. und Frieda ruhig bei Tisch sitzen sah:
»Verzeiht die Störung! Aber sagt mir, wann wird endlich hier aufgeräumt sein?
Wir müssen drüben zusammengepfercht sitzen, der Unterricht leidet, ihr aber
dehnt und streckt euch hier im großen Turnzimmer, und um noch mehr Platz zu
haben, habt ihr auch noch die Gehilfen weggeschickt! Jetzt aber steht
wenigstens auf und rührt euch!« Und nur zu K.: »Du holst mir jetzt das
Gabelfrühstück aus dem Brückenhof!«
Das alles war wütend geschrien, aber die Worte waren verhältnismäßig sanft,
selbst das an sich grobe Du. K. war sofort bereit zu folgen; nur um den Lehrer
auszuhorchen, sagte er: »Ich bin doch gekündigt.« - »Gekündigt oder nicht
gekündigt, hol mir das Gabelfrühstück«, sagte der Lehrer. »Gekündigt oder nicht
gekündigt, das eben will ich wissen«, sagte K. »Was schwätzt du?« sagte der
Lehrer. »Du hast doch die Kündigung nicht angenommen.« - »Das genügt, um sie
unwirksam zu machen?« fragte K. »Mir nicht«, sagte der Lehrer, »das darfst du
mir glauben, wohl aber dem Gemeindevorsteher, unbegreiflicherweise. Nun aber
lauf, sonst fliegst du wirklich hinaus.« K. war zufrieden, der Lehrer hatte
also mit dem Gemeindevorsteher inzwischen gesprochen oder vielleicht gar nicht
gesprochen, sondern nur des Gemeindevorstehers voraussichtliche Meinung sich
zurechtgelegt, und diese lautete zu K.s Gunsten. Nun wollte K. gleich um das
Gabelfrühstück eilen, aber noch aus dem Gang rief ihn der Lehrer wieder zurück;
sei es, daß er die Dienstwilligkeit K.s durch diesen besonderen Befehl nur
hatte erproben wollen, um sich danach weiterhin richten zu können, sei es, daß
er nun wieder neue Lust zum Kommandieren bekam und es ihn freute, K. eilig
laufen und dann auf seinen Befehl hin wie einen Kellner ebenso eilig wieder
wenden zu lassen. K. seinerseits wußte, daß er durch allzu großes Nachgeben
sich zum Sklaven und Prügeljungen des Lehrers machen würde, aber bis zu einer
gewissen Grenze wollte er jetzt die Launen des Lehrers geduldig hinnehmen, denn
wenn ihm auch der Lehrer, wie sich gezeigt hatte, rechtmäßig nicht kündigen
konnte, qualvoll bis zum Unerträglichen konnte er die Stellung gewiß machen.
Aber gerade an dieser Stellung lag jetzt K. mehr als früher. Das Gespräch mit
Hans hatte ihm neue, zugegebenermaßen unwahrscheinliche, völlig grundlose, aber
nicht mehr zu vergessende Hoffnungen gemacht; sie verdeckten sogar fast
Barnabas. Wenn er ihnen nachging, und er konnte nicht anders, so mußte er alle
seine Kraft darauf sammeln, sich um nichts anderes sorgen, nicht um das Essen,
die Wohnung, die Dorfbehörden, ja selbst um Frieda nicht; und im Grunde
handelte es sich ja nur um Frieda, denn alles kümmerte ihn ja nur mit Bezug auf
sie. Deshalb mußte er diese Stellung, welche Frieda einige Sicherheit gab, zu
behalten suchen, und es durfte ihn nicht reuen, im Hinblick auf diesen Zweck
mehr vom Lehrer zu dulden, als er sonst zu dulden über sich gebracht hätte. Das
alles war nicht allzu schmerzlich, es gehörte in die Reihe der fortwährenden
kleinen Leiden des Lebens, es war nichts im Vergleich zu dem, was K. erstrebte,
und er war nicht hergekommen, um ein Leben in Ehren und Frieden zu führen.
Und so war er, wie er gleich hatte ins Wirtshaus laufen wollen, auf den
geänderten Befehl hin auch gleich wieder bereit, zuerst das Zimmer in Ordnung
zu bringen, damit die Lehrerin mit ihrer Klasse wieder herüberkommen könne.
Aber es mußte sehr schnell Ordnung gemacht werden, denn nachher sollte K. doch
das Gabelfrühstück holen, und der Lehrer hatte schon großen Hunger und Durst.
K. versicherte, es werde alles nach Wunsch geschehen; ein Weilchen sah der
Lehrer zu, wie K. sich beeilte, die Lagerstätte wegräumte, die Turngeräte
zurechtschob, im Fluge auskehrte, während Frieda das Podium wusch und rieb. Der
Eifer schien den Lehrer zu befriedigen; er machte noch darauf aufmerksam, daß
vor der Tür ein Haufen Holz zum Heizen vorbereitet sei - zum Schuppen wollte er
K. wohl nicht mehr zulassen -, und ging dann mit der Drohung, bald
wiederzukommen und nachzuschauen, zu den Kindern hinüber.
Nach einer Welle schweigenden Arbeitens fragte Frieda, warum sich denn K. jetzt
dem Lehrer so sehr füge. Es war wohl eine mitleidige, sorgenvolle Frage, aber
K., der daran dachte, wie wenig es Frieda gelungen war, nach ihrem
ursprünglichen Versprechen ihn vor den Befehlen und Gewalttätigkeiten des
Lehrers zu bewahren, sagte nur kurz, daß er nun, da er einmal Schuldiener
geworden sei, den Posten auch ausfüllen müsse. Dann war es wieder stille, bis
K. - gerade durch das kurze Gespräch daran erinnert, daß Frieda schon so lange
wie in sorgenvollen Gedanken verloren gewesen war, vor allem fast während des
ganzen Gespräches mit Hans - sie jetzt, während er das Holz hereintrug, offen
fragte, was sie denn beschäftige. Sie antwortete, langsam zu ihm aufblickend,
es sei nichts Bestimmtes; sie denke nur an die Wirtin und an die Wahrheit
mancher ihrer Worte. Erst als K. in sie drang, antwortete sie nach mehreren
Weigerungen ausführlicher, ohne aber hierbei von ihrer Arbeit abzulassen, was
sie nicht aus Fleiß tat, denn die Arbeit ging dabei doch gar nicht vorwärts,
sondern nur, um nicht gezwungen zu sein, K. anzusehen. Und nun erzählte sie,
wie sie bei K.s Gespräch mit Hans zuerst ruhig zugehört habe, wie sie dann,
durch einige Worte K.s aufgeschreckt, schärfer den Sinn der Worte zu erfassen
angefangen habe und wie sie von nun ab nicht mehr habe aufhören können, in K.s
Worten Bestätigungen einer Mahnung zu hören, die sie der Wirtin verdanke, an
deren Berechtigung sie aber niemals hatte glauben wollen. K., ärgerlich über
die allgemeinen Redewendungen und selbst durch die tränenvolle, klagende Stimme
mehr gereizt als gerührt - vor allem, weil sich die Wirtin nun wieder in sein
Leben mischte, wenigstens durch Erinnerungen, da sie in Person bis jetzt wenig
Erfolg gehabt hatte -, warf das Holz, das er in den Armen trug, zu Boden,
setzte sich darauf und verlangte nun mit ernsten Worten völlige Klarheit.
»Schon öfters«, begann Frieda, »gleich anfangs, hat sich die Wirtin bemüht,
mich an dir zweifeln zu machen, sie behauptete nicht, daß du lügst, im
Gegenteil, sie sagte, du seist kindlich offen, aber dein Wesen sei so
verschieden von dem unseren, daß wir, selbst wenn du offen sprichst, dir zu
glauben uns schwer überwinden können, und wenn nicht eine gute Freundin uns
früher rettet, erst durch bittere Erfahrung zu glauben uns gewöhnen müssen.
Selbst ihr, die einen so scharfen Blick für Menschen hat, sei es kaum anders
ergangen. Aber nach dem letzten Gespräch mit dir im Brückenhof sei sie - ich
wiederhole nur ihre bösen Worte - auf deine Schliche gekommen, jetzt könntest
du sie nicht mehr täuschen, selbst wenn du dich anstrengtest, deine Absichten
zu verbergen. Aber du verbirgst ja nichts, das sagte sie immer wieder, und dann
sagte sie noch: Streng dich doch an, ihm bei beliebiger Gelegenheit wirklich
zuzuhören, nicht nur oberflächlich, nein, wirklich zuzuhören. Nichts weiter als
dieses habe sie getan und dabei hinsichtlich meiner folgendes etwa
herausgehört: Du hast dich an mich herangemacht - sie gebrauchte dieses
schmähliche Wort - nur deshalb, weil ich dir zufällig in den Weg kam, dir nicht
gerade mißfiel und weil du ein Ausschankmädchen sehr irrigerweise für das
vorbestimmte Opfer jedes die Hand ausstreckenden Gastes hältst. Außerdem
wolltest du, wie die Wirtin vom Herrenhofwirt erfahren hat, aus irgendwelchen
Gründen damals im Herrenhof übernachten, und das war allerdings überhaupt nicht
anders als durch mich zu erlangen. Das alles wäre genügender Anlaß gewesen,
dich zu meinem Liebhaber für jene Nacht zu machen; damit aber mehr daraus
würde, brauchte es auch mehr, und dieses Mehr war Klamm. Die Wirtin behauptet
nicht zu wissen, was du von Klamm willst, sie behauptet nur, daß du, ehe du
mich kanntest, ebenso heftig zu Klamm strebtest wie nachher. Der Unterschied
habe nur darin bestanden, daß du früher hoffnungslos warst, jetzt aber in mir
ein zuverlässiges Mittel zu haben glaubtest, wirklich und bald und sogar mit
Überlegenheit zu Klamm vorzudringen. Wie erschrak ich - aber das war nur erst
flüchtig, ohne tieferen Grund -, als du heute einmal sagtest, ehe du mich
kanntest, wärest du hier in die Irre gegangen. Es sind vielleicht die gleichen
Worte, welche die Wirtin gebrauchte; auch sie sagt, daß du erst, seit du mich
kanntest, zielbewußt geworden bist. Das sei daher gekommen, daß du glaubtest,
in mir eine Geliebte Klamms erobert zu haben und dadurch ein Pfand zu besitzen,
das nur zum höchsten Preise ausgelöst werden könne. Über diesen Preis mit Klamm
zu verhandeln, sei dein einziges Bestreben. Da dir an mir nichts, am Preise
alles liegt, seist du hinsichtlich meiner zu jedem Entgegenkommen bereit,
hinsichtlich des Preises hartnäckig. Deshalb ist es dir gleichgültig, daß ich
die Stelle im Herrenhof verliere, gleichgültig, daß ich auch den Brückenhof
verlassen muß, gleichgültig, daß ich die schwere Schuldienerarbeit werde
leisten müssen. Du hast keine Zärtlichkeit, ja nicht einmal Zeit mehr für mich,
du überläßt mich den Gehilfen, Eifersucht kennst du nicht, mein einziger Wert
für dich ist, daß ich Klamms Geliebte war, in deiner Unwissenheit strengst du
dich an, mich Klamm nicht vergessen zu lassen, damit ich am Ende nicht zu sehr
widerstrebe, wenn der entscheidende Zeitpunkt gekommen ist; dennoch kämpfst du
auch gegen die Wirtin, der allein du es zutraust, daß sie mich dir entreißen
könnte, darum triebst du den Streit mit ihr auf die Spitze, um den Brückenhof
mit mir verlassen zu müssen; daß ich, soweit es nur an mir liegt, unter allen
Umständen dein Besitz bin, daran zweifelst du nicht. Die Unterredung mit Klamm
stellst du dir als ein Geschäft vor, bar gegen bar. Du rechnest mit allen
Möglichkeiten; vorausgesetzt, daß du den Preis erreichst, bist du bereit, alles
zu tun; will mich Klamm, wirst du mich ihm geben; will er, daß du bei mir
bleibst, wirst du bleiben, will er, daß du mich verstößt, wirst du mich
verstoßen; aber du bist auch bereit Komödie zu spielen, wird es vorteilhaft
sein, so wirst du vorgeben, mich zu lieben, seine Gleichgültigkeit wirst du
dadurch zu bekämpfen suchen, daß du deine Nichtigkeit hervorhebst und ihn durch
die Tatsache deiner Nachfolgerschaft beschämst, oder dadurch, daß du meine
Liebesgeständnisse hinsichtlich seiner Person, die ich ja wirklich gemacht
habe, ihm übermittelst und ihn bittest, er möge mich wieder aufnehmen, unter
Zahlung des Preises allerdings; und hilft nichts anderes, dann wirst du im
Namen des Ehepaares K. einfach betteln. Wenn du aber dann, so schloß die
Wirtin, sehen wirst, daß du dich in allem getäuscht hast, in deinen Annahmen
und in deinen Hoffnungen, in deiner Vorstellung von Klamm und seinen
Beziehungen zu mir, dann wird meine Hölle beginnen, denn dann werde ich erst
recht dein einziger Besitz sein, auf den du angewiesen bleibst, aber zugleich
ein Besitz, der sich als wertlos erwiesen hat und den du entsprechend behandeln
wirst, da du kein anderes Gefühl für mich hast als das des Besitzers.«
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










Gespannt, mit zusammengezogenem Mund, hatte K. zugehört; das Holz unter ihm war
ins Rollen gekommen, er war fast auf den Boden geglitten, er hatte es nicht
beachtet; erst jetzt stand er auf setzte sich auf das Podium, nahm Friedas
Hand, die sich ihm schwach zu entziehen suchte, und sagte: »Ich habe in dem
Bericht deine und der Wirtin Meinung nicht immer voneinander unterscheiden
können.« - »Es war nur die Meinung der Wirtin«, sagte Frieda. »Ich habe allem
zugehört, weil ich die Wirtin verehre; aber es war das erstemal in meinem
Leben, daß ich ihre Meinung ganz und gar verwarf. So kläglich schien mir alles,
was sie sagte, so fern jedem Verständnis dessen, wie es mit uns zweien stand.
Eher schien mir das vollkommene Gegenteil dessen, was sie sagte, richtig. Ich
dachte an den trüben Morgen nach unserer ersten Nacht, wie du neben mir
knietest mit einem Blick, als sei alles verloren. Und wie es sich dann auch
wirklich so gestaltete, daß ich, so sehr ich mich anstrengte, dir nicht half,
sondern dich hinderte. Durch mich wurde die Wirtin deine Feindin, eine mächtige
Feindin, die du noch immer unterschätzt; meinetwegen, für die du solche Sorgen
hattest, mußtest du um deine Stelle kämpfen, warst im Nachteil gegenüber dem
Gemeindevorsteher, mußtest dich dem Lehrer unterwerfen, warst den Gehilfen
ausgeliefert, das Schlimmste aber: um meinetwillen hattest du dich vielleicht
gegen Klamm vergangen. Daß du jetzt immerfort zu Klamm gelangen wolltest, war
ja nur das ohnmächtige Streben, ihn irgendwie zu versöhnen. Und ich sagte mir,
daß die Wirtin, die dies alles gewiß viel besser wisse als ich, mich mit ihren
Einflüsterungen nur vor allzuschlimmen Selbstvorwürfen bewahren wollte.
Gutgemeinte, aber überflüssige Mühe. Meine Liebe zu dir hätte mir über alles
hinweggeholfen, sie hätte schließlich auch dich vorwärtsgetragen, wenn nicht
hier im Dorf, so anderswo; einen Beweis ihrer Kraft hatte sie ja schon gegeben,
vor der Barnabasschen Familie hat sie dich gerettet.« - »Das war damals also
deine Gegenmeinung«, sagte K., »und was hat sich seitdem geändert?« - »Ich weiß
nicht«, sagte Frieda und blickte auf K.s Hand, welche die ihre hielt,
»vielleicht hat sich nichts geändert; wenn du so nahe bei mir bist und so ruhig
fragst, dann glaube ich, daß sich nichts geändert hat. In Wirklichkeit aber« -
sie nahm K. ihre Hand fort, saß ihm aufrecht gegenüber und weinte, ohne ihr
Gesicht zu bedecken; frei hielt sie ihm dieses tränenüberflossene Gesicht
entgegen, so, als weine sie nicht über sich selbst und habe also nichts zu
verbergen, sondern als weine sie über K.s Verrat und so gebühre ihm auch der
Jammer ihres Anblicks -, »in Wirklichkeit aber hat sich alles geändert, seit
ich dich mit dem Jungen habe sprechen hören. Wie unschuldig hast du begonnen,
fragtest nach den häuslichen Verhältnissen, nach dem und jenem; mir war, als
kämst du gerade in den Ausschank, zutunlich, offenherzig, und suchtest so
kindlich-eifrig meinen Blick. Es war kein Unterschied gegen damals, und ich
wünschte nur, die Wirtin wäre hier, hörte dir zu und versuchte dann noch, an
ihrer Meinung festzuhalten. Dann aber, plötzlich, ich weiß nicht, wie es
geschah, merkte ich, in welcher Absicht du mit dem Jungen sprachst. Durch die
teilnehmenden Worte gewannst du sein nicht leicht zu gewinnendes Vertrauen, um
dann ungestört auf dein Ziel loszugehen, das ich mehr und mehr erkannte. Dieses
Ziel war die Frau. Aus deinen ihretwegen scheinbar besorgten Reden sprach
gänzlich unverdeckt nur die Rücksicht auf deine Geschäfte. Du betrogst die
Frau, noch ehe du sie gewonnen hast. Nicht nur meine Vergangenheit, auch meine
Zukunft hörte ich aus deinen Worten; es war mir, als sitze die Wirtin neben mir
und erkläre mir alles, und ich suche sie mit allen Kräften wegzudrängen, sehe
aber klar die Hoffnungslosigkeit solcher Anstrengung, und dabei war es ja
eigentlich gar nicht mehr ich, die betrogen wurde - nicht einmal betrogen wurde
ich schon -, sondern die fremde Frau. Und als ich mich dann noch aufraffte und
Hans fragte, was er werden wolle, und er sagte, er wolle werden wie du, dir
also schon so vollkommen gehörte, was war denn jetzt für ein großer Unterschied
zwischen ihm, dem guten Jungen, der hier mißbraucht wurde, und mir, damals im
Ausschank?«
»Alles«, sagte K., durch die Gewöhnung an den Vorwurf hatte er sich gefaßt,
»alles, was du sagst, ist in gewissem Sinne richtig; unwahr ist es nicht, nur
feindselig ist es. Es sind Gedanken der Wirtin, meiner Feindin, auch wenn du
glaubst, daß es deine eigenen sind, das tröstet mich. Aber lehrreich sind sie,
man kann noch manches von der Wirtin lernen. Mir selbst hat sie es nicht
gesagt, obwohl sie mich sonst nicht geschont hat; offenbar hat sie dir diese
Waffe anvertraut in der Hoffnung, daß du sie in einer für mich besonders
schlimmen oder entscheidungsreichen Stunde anwenden würdest. Mißbrauche ich
dich, so mißbraucht sie dich ähnlich. Nun aber, Frieda, bedenke: auch wenn
alles ganz genau so wäre, wie es die Wirtin sagt, wäre es sehr arg nur in einem
Falle nämlich, wenn du mich nicht lieb hast. Dann, nur dann wäre es wirklich
so, daß ich mit Berechnung und List dich gewonnen habe, um mit diesem Besitz zu
wuchern. Vielleicht gehörte es dann schon sogar zu meinem Plan, daß ich damals,
um dein Mitleid hervorzulocken, Arm in Arm mit Olga vor dich trat, und die
Wirtin hat nur vergessen, dies noch in meiner Schuldrechnung zu erwähnen. Wenn
es aber nicht der arge Fall ist und nicht ein schlaues Raubtier dich damals an
sich gerissen hat, sondern du mir entgegenkamst, so wie ich dir entgegenkam und
wir uns fanden, selbstvergessen beide, sag, Frieda, wie ist es denn dann? Dann
führe ich doch meine Sache so wie deine; es ist hier kein Unterschied, und
sondern kann nur eine Feindin. Das gilt überall, auch hinsichtlich Hansens. Bei
Beurteilung des Gespräches mit Hans übertreibst du übrigens in deinem
Zartgefühl sehr, denn wenn sich Hansens und meine Absichten nicht ganz decken,
so geht das doch nicht so weit, daß etwa ein Gegensatz zwischen ihnen bestünde,
außerdem ist ja Hans unsere Unstimmigkeit nicht verborgen geblieben, glaubst du
das, so würdest du diesen vorsichtigen kleinen Mann sehr unterschätzen, und
selbst wenn ihm alles verborgen geblieben sein sollte, so wird doch daraus
niemandem ein Leid entstehen, das hoffe ich.«
»Es ist so schwer, sich zurechtzufinden, K.«, sagte Frieda und seufzte. »Ich
habe gewiß kein Mißtrauen gegen dich gehabt, und ist etwas Derartiges von der
Wirtin auf mich übergegangen, werde ich es glückselig abwerfen und dich auf den
Knien um Verzeihung bitten, wie ich es eigentlich die ganze Zeit über tue, wenn
ich auch noch so böse Dinge sage. Wahr aber bleibt, daß du viel vor mir
geheimhältst; du kommst und gehst, ich weiß nicht woher und wohin. Damals, als
Hans klopfte, hast du sogar den Namen ›Barnabas‹ gerufen. Hättest du doch nur
einmal so liebend mich gerufen wie damals aus mir unverständlichem Grund diesen
verhaßten Namen. Wenn du kein Vertrauen zu mir hast, wie soll dann bei mir
nicht Mißtrauen entstehen; bin ich dann doch völlig der Wirtin überlassen, die
du durch dein Verhalten zu bestätigen scheinst. Nicht in allem, ich will nicht
behaupten, daß du sie in allem bestätigst; hast du denn nicht doch immerhin
meinetwegen die Gehilfen verjagt? Ach, wüßtest du doch, mit welchem Verlangen
ich in allem, was du tust und sprichst, auch wenn es mich quält, einen für mich
guten Kern suche.« - »Vor allem, Frieda«, sagte K., »ich verberge dir doch
nicht das geringste. Wie mich die Wirtin haßt und wie sie sich anstrengt, dich
mir zu entreißen, und mit was für verächtlichen Mitteln sie das tut und wie du
ihr nachgibst, Frieda, wie du ihr nachgibst! Sag doch, worin verberge ich dir
etwas? Daß ich zu Klamm gelangen will, weißt du, daß du mir dazu nicht
verhelfen kannst und daß ich es daher auf eigene Faust erreichen muß, weißt du
auch, daß es mir bisher noch nicht gelungen ist, siehst du. Soll ich nun durch
Erzählen der nutzlosen Versuche, die mich schon in der Wirklichkeit reichlich
demütigen, doppelt mich demütigen? Soll ich mich etwa dessen rühmen, am Schlag
des Klammschen Schlittens frierend, einen langen Nachmittag vergeblich gewartet
zu haben? Glücklich, nicht mehr an solche Dinge denken zu müssen, eile ich zu
dir, und nun kommt mir wieder alles dieses drohend aus dir entgegen. Und
Barnabas? Gewiß, ich erwarte ihn. Er ist der Bote Klamms; nicht ich habe ihn
dazu gemacht.« - »Wieder Barnabas!« rief Frieda. »Ich kann nicht glauben, daß
er ein guter Bote ist.« - »Du hast vielleicht recht«, sagte K., »aber er ist
der einzige Bote, der mir geschickt wird.« »Desto schlimmer«, sagte Frieda,
»desto mehr solltest du dich vor ihm hüten.« - »Er hat mir leider bisher keinen
Anlaß hierzu gegeben«, sagte K. lächelnd. »Er kommt selten, und was er bringt,
ist belanglos; nur daß es geradewegs von Klamm herrührt, macht es wertvoll.« -
»Aber sieh nur«, sagte Frieda, »es ist ja nicht einmal mehr Klamm dein Ziel,
vielleicht beunruhigt mich das am meisten. Daß du dich immer über mich hinweg
zu Klamm drängtest, war schlimm, daß du jetzt von Klamm abzukommen scheinst,
ist viel schlimmer, es ist etwas, was nicht einmal die Wirtin vorhersah. Nach
der Wirtin endete mein Glück, fragwürdiges und doch sehr wirkliches Glück, mit
dem Tage, an dem du endgültig einsahst, daß deine Hoffnung auf Klamm vergeblich
war. Nun aber wartest du nicht einmal mehr auf diesen Tag; plötzlich kommt ein
kleiner Junge herein, und du beginnst mit ihm um seine Mutter zu kämpfen, so,
wie wenn du um deine Lebensluft kämpftest.« - »Du hast mein Gespräch mit Hans
richtig aufgefaßt«, sagte K. »So war es wirklich. Ist aber denn dein ganzes
früheres Leben für dich so versunken (bis auf die Wirtin natürlich, die sich
nicht mit hinabstoßen läßt), daß du nicht mehr weißt, wie um das Vorwärtskommen
gekämpft werden muß, besonders wenn man von tief unten herkommt? Wie alles
benützt werden muß, was irgendwie Hoffnung gibt? Und diese Frau kommt vom
Schloß, sie selbst hat es mir gesagt, als ich mich am ersten Tag zu Lasemann
verirrte. Was lag näher, als sie um Rat oder sogar um Hilfe zu bitten; kennt
die Wirtin ganz genau nur alle Hindernisse, die von Klamm abhalten, dann kennt
diese Frau wahrscheinlich den Weg, sie ist ihn ja selbst herabgekommen.« - »Den
Weg zu Klamm?« fragte Frieda. »Zu Klamm, gewiß, wohin denn sonst«, sagte K.
Dann sprang er auf: »Nun aber ist es höchste Zeit, das Gabelfrühstück zu
holen.« Dringend, weit über den Anlaß hinaus, bat ihn Frieda zu bleiben, so,
wie wenn erst sein Bleiben alles Tröstliche, was er ihr gesagt hatte,
bestätigen würde. K. aber erinnerte an den Lehrer, zeigte auf die Tür, die
jeden Augenblick mit Donnerkrach aufspringen könnte, versprach auch gleich zu
kommen, nicht einmal einheizen müsse sie, er selbst werde es besorgen.
Schließlich fügte sich Frieda schweigend. Als K. draußen durch den Schnee
stapfte - längst schon hätte der Weg freigeschaufelt sein sollen, merkwürdig,
wie langsam die Arbeit vorwärtsging -, sah er am Gitter einen der Gehilfen
todmüde sich festhalten. Nur einen, wo war der andere? Hatte K. also wenigstens
die Ausdauer des einen gebrochen? Der Zurückgebliebene war freilich noch eifrig
genug bei der Sache; das sah man, als er, durch den Anblick K.s belebt, sofort
wilder mit dem Armeausstrecken und dem sehnsüchtigen Augenverdrehen begann.
»Seine Unnachgiebigkeit ist musterhaft«, sagte sich K. und mußte allerdings
hinzufügen, »man erfriert mit ihr am Gitter.« Äußerlich hatte aber K. für den
Gehilfen nichts anderes als ein Drohen mit der Faust, das jede Annäherung
ausschloß, ja, der Gehilfe rückte ängstlich noch ein ansehnliches Stück zurück.
Eben öffnete Frieda ein Fenster, um, wie es mit K. besprochen war, vor dem
Einheizen zu lüften. Gleich ließ der Gehilfe von K. ab und schlich,
unwiderstehlich angezogen, zum Fenster. Das Gesicht verzerrt von Freundlichkeit
gegenüber dem Gehilfen und flehender Hilflosigkeit zu K. hin, schwenkte sie ein
wenig die Hand oben aus dem Fenster - es war nicht einmal deutlich, ob es
Abwehr oder Gruß war -, der Gehilfe ließ sich dadurch im Näherkommen auch nicht
beirren. Da schloß Frieda eilig das äußere Fenster, blieb aber dahinter, die
Hand auf der Klinke, mit zur Seite geneigtem Kopf, großen Augen und einem
starren Lächeln. Wußte sie, daß sie den Gehilfen damit mehr lockte, als
abschreckte? K. sah aber nicht mehr zurück, er wollte sich lieber möglichst
beeilen und bald zurückkommen.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                       **** Das vierzehnte Kapitel ****
Endlich - es war schon dunkel, später Nachmittag - hatte K. den Gartenweg
freigelegt, den Schnee zu beiden Seiten des Weges hochgeschichtet und
festgeschlagen und war nun mit der Arbeit des Tages fertig. Er stand am
Gartentor, im weiten Umkreis allein. Den Gehilfen hatte er vor Stunden schon
vertrieben, eine große Strecke gejagt; dann hatte sich der Gehilfe irgendwo
zwischen Gärtchen und Hütten versteckt, war nicht mehr aufzufinden gewesen und
auch seitdem nicht wieder hervorgekommen. Frieda war zu Hause und wusch
entweder schon die Wäsche oder noch immer Gisas Katze; es war ein Zeichen
großen Vertrauens seitens Gisas gewesen, daß sie Frieda diese Arbeit übergeben
hatte, eine allerdings unappetitliche und unpassende Arbeit, deren Übernahme K.
gewiß nicht geduldet hätte, wenn es nicht sehr ratsam gewesen wäre, nach den
verschiedenen Dienstversäumnissen jede Gelegenheit zu benützen, durch die man
sich Gisa verpflichten konnte. Gisa hatte wohlgefällig zugesehen, wie K. die
kleine Kinderbadewanne vom Dachboden gebracht hatte, wie Wasser gewärmt wurde
und wie man schließlich vorsichtig die Katze in die Wanne hob. Dann hatte Gisa
die Katze sogar völlig Frieda überlassen, denn Schwarzer, K.s Bekannter vom
ersten Abend, war gekommen, hatte K. mit einer Mischung von Scheu, zu welcher
an jenem Abend der Grund gelegt worden war, und unmäßiger Verachtung, wie sie
einem Schuldiener gebührte, begrüßt und hatte sich dann mit Gisa in das andere
Schulzimmer begeben. Dort waren die beiden noch immer. Wie man im Brückenhof K.
erzählt hatte, lebte Schwarzer, der doch ein Kastellanssohn war, aus Liebe zu
Gisa schon lange im Dorfe, hatte es durch seine Verbindungen erreicht, daß er
von der Gemeinde zum Hilfslehrer ernannt worden war, übte aber dieses Amt
hauptsächlich in der Weise aus, daß er fast keine Unterrichtsstunde Gisas
versäumte, entweder in der Schulbank zwischen den Kindern saß oder, lieber, am
Podium zu Gisas Füßen. Es störte gar nicht mehr, die Kinder hatten sich schon
längst daran gewöhnt, und dies vielleicht um so leichter, als Schwarzer weder
Zuneigung noch Verständnis für die Kinder hatte, kaum mit ihnen sprach, nur den
Turnunterricht von Gisa übernommen hatte und im übrigen damit zufrieden war, in
der Nähe, in der Luft, in der Wärme Gisas zu leben. Sein größtes Vergnügen war
es, neben Gisa zu sitzen und Schulhefte zu korrigieren. Auch heute waren sie
damit beschäftigt, Schwarzer hatte einen großen Stoß Hefte gebracht, der Lehrer
gab ihnen immer auch die seinen und, solange es noch hell gewesen war, hatte K.
die beiden an einem Tischchen beim Fenster arbeiten gesehen, Kopf an Kopf,
unbeweglich, jetzt sah man dort nur zwei Kerzen flackern. Es war eine ernste,
schweigsame Liebe, welche die beiden verband; den Ton gab eben Gisa an, deren
schwerfälliges Wesen zwar manchmal, wild geworden, alle Grenzen durchbrach, die
aber etwas Ähnliches bei anderen zu anderer Zeit niemals geduldet hätte; so
mußte sich auch der lebhafte Schwarzer fügen, langsam gehen, langsam sprechen,
viel schweigen; aber er wurde für alles, das sah man, reichlich belohnt durch
Gisas einfache, stille Gegenwart. Dabei liebte ihn Gisa vielleicht gar nicht;
jedenfalls gaben ihre runden, grauen, förmlich niemals blinzelnden, eher in den
Pupillen scheinbar sich drehenden Augen auf solche Fragen keine Antwort; nur
daß sie Schwarzer ohne Widerspruch duldete, sah man, aber die Ehrung, von einem
Kastellanssohn geliebt zu werden, verstand sie gewiß nicht zu würdigen, und
ihren vollen, üppigen Körper trug sie unverändert ruhig dahin, ob Schwarzer ihr
mit den Blicken folgte oder nicht. Schwarzer dagegen brachte ihr das ständige
Opfer, daß er im Dorfe blieb; Boten des Vaters, die ihn öfters abzuholen kamen,
fertigte er so empört ab, als sei schon die kurze, von ihnen verursachte
Erinnerung an das Schloß und an seine Sohnespflicht eine empfindliche, nicht zu
ersetzende Störung seines Glückes. Und doch hatte er eigentlich reichlich freie
Zeit, denn Gisa zeigte sich ihm im allgemeinen nur während der
Unterrichtsstunden und beim Heftekorrigieren, dies freilich nicht aus
Berechnung, sondern weil sie die Bequemlichkeit und deshalb das Alleinsein über
alles liebte und wahrscheinlich am glücklichsten war, wenn sie sich zu Hause in
völliger Freiheit auf dem Kanapee ausstrecken konnte, neben sich die Katze, die
nicht störte, weil sie sich ja kaum mehr bewegen konnte. So trieb sich
Schwarzer einen großen Teil des Tages beschäftigungslos herum, aber auch das
war ihm lieb, denn immer hatte er dabei die Möglichkeit, die er auch sehr oft
ausnützte, in die Löwengasse zu gehen, wo Gisa wohnte, zu ihrem Dachzimmerchen
hinaufzusteigen, an der immer versperrten Tür zu horchen und dann eiligst
wieder wegzugehen, nachdem er im Zimmer ausnahmslos die vollkommenste,
unbegreiflichste Stille festgestellt hatte. Immerhin zeigten sich doch auch bei
ihm die Folgen dieser Lebensweise manchmal - aber niemals in Gisas Gegenwart -
in lächerlichen Ausbrüchen auf Augenblicke wiedererwachten amtlichen Hochmuts,
der freilich gerade zu seiner gegenwärtigen Stellung schlecht genug paßte; es
ging dann allerdings meistens nicht sehr gut aus, wie es ja auch K. erlebt
hatte.
Erstaunlich war nur, daß man, wenigstens im Brückenhof, doch mit einer gewissen
Achtung von Schwarzer sprach, selbst wenn es sich um mehr lächerliche als
achtungswerte Dinge handelte, auch Gisa war in diese Achtung mit
eingeschlossen. Es war aber dennoch unrichtig, wenn Schwarzer als Hilfslehrer
K. außerordentlich überlegen zu sein glaubte, diese Überlegenheit war nicht
vorhanden; ein Schuldiener ist für die Lehrerschaft, und gar für einen Lehrer
von Schwarzers Art, eine sehr wichtige Person, die man nicht ungestraft
mißachten darf und der man die Mißachtung, wenn man aus Standesinteressen auf
sie nicht verzichten kann, zumindest mit entsprechender Gegengabe erträglich
machen muß. K. wollte bei Gelegenheit daran denken, auch war Schwarzer bei ihm
noch vom ersten Abend her in Schuld, die dadurch nicht kleiner geworden war,
daß die nächsten Tage dem Empfang Schwarzers eigentlich recht gegeben hatten.
Denn es war dabei nicht zu vergessen, daß der Empfang vielleicht allem
Folgenden die Richtung gegeben hatte. Durch Schwarzer war ganz unsinnigerweise
gleich in der ersten Stunde die volle Aufmerksamkeit der Behörden auf K.
gelenkt worden, als er, noch völlig fremd im Dorf, ohne Bekannte, ohne
Zuflucht, übermüdet vom Marsch, ganz hilflos, wie er dort auf dem Strohsack
lag, jedem behördlichen Zugriff ausgeliefert war. Nur eine Nacht später hätte
schon alles anders, ruhig, halb im Verborgenen verlaufen können, jedenfalls
hätte niemand etwas von ihm gewußt, keinen Verdacht gehabt, zumindest nicht
gezögert, ihn als Wanderburschen einen Tag bei sich zu lassen; man hätte seine
Brauchbarkeit und Zuverlässigkeit gesehen, es hätte sich in der Nachbarschaft
herumgesprochen, wahrscheinlich hätte er bald als Knecht irgendwo ein
Unterkommen gefunden. Natürlich, der Behörde wäre es nicht entgangen. Aber es
war ein wesentlicher Unterschied, ob mitten in der Nacht seinetwegen die
Zentralkanzlei oder wer sonst beim Telefon gewesen war, aufgerüttelt wurde,
eine augenblickliche Entscheidung eingefordert wurde, in scheinbarer Demut,
aber doch mit lästiger Unerbittlichkeit eingefordert wurde, überdies von dem
oben wahrscheinlich mißliebigen Schwarzer, oder ob statt alles dessen K. am
nächsten Tag in den Amtsstunden beim Gemeindevorsteher anklopfte und, wie es
sich gehörte, sich als fremder Wanderbursch meldete, der bei einem bestimmten
Gemeindemitglied schon eine Schlafstelle hat und wahrscheinlich morgen wieder
weiterziehen wird; es wäre denn, daß der ganz unwahrscheinliche Fall eintritt
und er hier Arbeit findet, nur für ein paar Tage natürlich, denn länger will er
keinesfalls bleiben. So oder ähnlich wäre es ohne Schwarzer geworden. Die
Behörde hätte sich auch weiter mit der Angelegenheit beschäftigt, aber ruhig,
im Amtswege, ungestört von der ihr wahrscheinlich besonders verhaßten Ungeduld
der Partei. Nun war ja K. an dem allen unschuldig, die Schuld traf Schwarzer,
aber Schwarzer war der Sohn eines Kastellans, und äußerlich hatte er sich ja
korrekt verhalten, man konnte es also nur K. vergelten lassen. Und der
lächerliche Anlaß alles dessen? Vielleicht eine ungnädige Laune Gisas an jenem
Tag, wegen der Schwarzer schlaflos in der Nacht herumgestrichen war, um sich
dann an K. für sein Leid zu entschädigen. Man konnte freilich von anderer Seite
her auch sagen, daß K. diesem Verhalten Schwarzers sehr viel verdanke. Nur
dadurch war etwas möglich geworden, was K. allein niemals erreicht, nie zu
erreichen gewagt hätte und was auch ihrerseits die Behörde kaum je zugegeben
hätte, daß er nämlich von allem Anfang an, ohne Winkelzüge, offen, Aug in Aug,
der Behörde entgegentrat, soweit dies bei ihr überhaupt möglich war. Aber das
war ein schlimmes Geschenk, es ersparte zwar K. viel Lüge und Heimlichtuerei,
aber es machte ihn auch fast wehrlos, benachteiligte ihn jedenfalls im Kampf
und hätte ihn im Hinblick darauf verzweifelt machen können, wenn er sich nicht
hätte sagen müssen, daß der Machtunterschied zwischen der Behörde und ihm so
ungeheuerlich war, daß alle Lüge und List, deren er fähig gewesen wäre, den
Unterschied nicht wesentlich zu seinen Gunsten hätte herabdrücken können. Doch
war dies nur ein Gedanke, mit dem K. sich selbst tröstete, Schwarzer blieb
trotzdem in seiner Schuld, hatte er K. damals geschadet, vielleicht konnte er
nächstens helfen, K. würde auch weiterhin Hilfe im Allergeringsten, in den
allerersten Vorbedingungen nötig haben, so schien ja zum Beispiel auch Barnabas
wieder zu versagen.
Friedas wegen hatte K. den ganzen Tag gezögert, in des Barnabas Wohnung
nachfragen zu gehen; um ihn nicht vor Frieda empfangen zu müssen, hatte er
jetzt draußen gearbeitet und war nach der Arbeit noch hier geblieben in
Erwartung des Barnabas, aber Barnabas kam nicht. Nun blieb nichts anderes
übrig, als zu den Schwestern zu gehen, nur für ein kleines Weilchen, nur von
der Schwelle aus wollte er fragen, bald würde er wieder zurück sein. Und er
rammte die Schaufel in den Schnee ein und lief. Atemlos kam er beim Haus des
Barnabas an, riß nach kurzem Klopfen die Tür auf und fragte, ohne darauf zu
achten, wie es in der Stube aussah: »Ist Barnabas noch immer nicht gekommen?«
Erst jetzt bemerkte er, daß Olga nicht da war, die beiden Alten wieder bei dem
weit entfernten Tisch in einem Dämmerzustande saßen, sich noch nicht
klargemacht hatten, was bei der Tür geschehen war, und erst langsam die
Gesichter hinwendeten und daß schließlich Amalia unter Decken auf der Ofenbank
lag und im ersten Schrecken über K.s Erscheinen aufgefahren war und die Hand an
die Stirn hielt, um sich zu fassen. Wäre Olga hier gewesen, hätte sie gleich
geantwortet, und K. hätte wieder fortgehen können, so mußte er wenigstens die
paar Schritte zu Amalia machen, ihr die Hand reichen, die sie schweigend
drückte, und sie bitten, die aufgescheuchten Eltern vor irgendwelchen
Wanderungen abzuhalten, was sie auch mit ein paar Worten tat. K. erfuhr, daß
Olga im Hof Holz hackte, Amalia erschöpft - sie nannte keinen Grund - vor
kurzem sich hatte niederlegen müssen und Barnabas zwar noch nicht gekommen war,
aber sehr bald kommen mußte, denn über Nacht blieb er nie im Schloß. K. dankte
für die Auskunft, er konnte nun wieder gehen, Amalia aber fragte, ob er nicht
noch auf Olga warten wollte; aber er hatte leider keine Zeit mehr. Dann fragte
Amalia, ob er denn schon heute mit Olga gesprochen habe; er verneinte es
erstaunt und fragte, ob ihm Olga etwas Besonderes mitteilen wollte. Amalia
verzog wie in leichtem Ärger den Mund, nickte K. schweigend zu - es war
deutlich eine Verabschiedung - und legte sich wieder zurück. Aus der Ruhelage
musterte sie ihn, so, als wundere sie sich, daß er noch da sei. Ihr Blick war
kalt, klar, unbeweglich wie immer; er war nicht geradezu auf das gerichtet, was
sie beobachtete, sondern ging - das war störend - ein wenig, kaum merklich,
aber zweifellos daran vorbei, es schien nicht Schwäche zu sein, nicht
Verlegenheit, nicht Unehrlichkeit, die das verursachte, sondern ein
fortwährendes, jedem anderen Gefühl überlegenes Verlangen nach Einsamkeit, das
vielleicht ihr selbst nur auf diese Weise zu Bewußtsein kam. K. glaubte sich zu
erinnern, daß dieser Blick schon am ersten Abend ihn beschäftigt hatte, ja, daß
wahrscheinlich der ganze häßliche Eindruck, den diese Familie gleich auf ihn
gemacht hatte, auf diesen Blick zurückging, der für sich selbst nicht häßlich
war, sondern stolz und in seiner Verschlossenheit aufrichtig. »Du bist immer so
traurig, Amalia«, sagte K., »quält dich etwas? Kannst du es nicht sagen? Ich
habe ein Landmädchen wie dich noch nicht gesehen. Erst heute, erst jetzt ist es
mir eigentlich aufgefallen. Stammst du hier aus dem Dorf? Bist du hier
geboren?« Amalia bejahte es, so, als habe K. nur die letzte Frage gestellt,
dann sagte sie: »Du wirst also doch auf Olga warten?« - »Ich weiß nicht, warum
du immerfort das gleiche fragst«, sagte K. »Ich kann nicht länger bleiben, weil
zu Hause meine Braut wartet.«
Amalia stützte sich auf den Ellbogen, sie wußte von keiner Braut. K. nannte den
Namen. Amalia kannte sie nicht. Sie fragte, ob Olga von der Verlobung wisse; K.
glaubte es wohl, Olga habe ihn ja mit Frieda gesehen, auch verbreiten sich im
Dorf solche Nachrichten schnell. Amalia versicherte ihm aber, daß Olga es nicht
wisse und daß es sie sehr unglücklich machen werde, denn sie scheine K. zu
lieben. Offen habe sie davon nicht gesprochen, denn sie sei sehr zurückhaltend,
aber Liebe verrate sich ja unwillkürlich. K. war überzeugt, daß sich Amalia
irre. Amalia lächelte, und dieses Lächeln, obwohl es traurig war, erhellte das
düster zusammengezogene Gesicht, machte die Stummheit sprechend, machte die
Fremdheit vertraut, war die Preisgabe eines Geheimnisses, die Preisgabe eines
bisher gehüteten Besitzes, der zwar wieder zurückgenommen werden konnte, aber
niemals mehr ganz. Amalia sagte, sie irre sich gewiß nicht; ja, sie wisse noch
mehr, sie wisse, daß auch K. Zuneigung zu Olga habe und daß seine Besuche, die
irgendwelche Botschaften des Barnabas zum Vorwand haben, in Wirklichkeit nur
Olga gelten. Jetzt aber, da Amalia von allem wisse, müsse er es nicht mehr so
streng nehmen und dürfe öfters kommen. Nur dieses habe sie ihm sagen wollen. K.
schüttelte den Kopf und erinnerte an seine Verlobung. Amalia schien nicht viele
Gedanken an diese Verlobung zu verschwenden, der unmittelbare Eindruck K.s, der
doch allein vor ihr stand, war für sie entscheidend; sie fragte nur, wann denn
K. jenes Mädchen kennengelernt habe, er sei doch erst wenige Tage im Dorf. K.
erzählte von dem Abend im Herrenhof, worauf Amalia nur kurz sagte, sie sei sehr
dagegen gewesen, daß man ihn in den Herrenhof führte. Sie rief dafür auch Olga
als Zeugin an, die mit einem Arm voll Holz eben hereinkam, frisch und gebeizt
von der kalten Luft, lebhaft und kräftig, wie verwandelt durch die Arbeit
gegenüber ihrem sonstigen schweren Dastehen im Zimmer. Sie warf das Holz hin,
begrüßte unbefangen K. und fragte gleich nach Frieda. K. verständigte sich
durch einen Blick mit Amalia, aber sie schien sich nicht für widerlegt zu
halten. Ein wenig gereizt dadurch, erzählte K. ausführlicher, als er es sonst
getan hätte, von Frieda, beschrieb, unter wie schwierigen Verhältnissen sie in
der Schule immerhin eine Art Haushalt führte, und vergaß sich in der Eile des
Erzählens - er wollte ja gleich nach Hause gehen - derart, daß er in der Form
eines Abschieds die Schwestern einlud, ihn einmal zu besuchen. Jetzt allerdings
erschrak er und stockte, während Amalia sofort, ohne ihm noch zu einem Worte
Zeit zu lassen die Einladung anzunehmen erklärte; nun mußte sich auch Olga
anschließen und tat es. K. aber, immerfort von Gedanken an die Notwendigkeit
eiligen Abschieds bedrängt und sich unruhig fühlend unter Amalias Blick,
zögerte nicht, ohne weitere Verbrämung einzugestehen, daß die Einladung
gänzlich unüberlegt und nur von seinem persönlichen Gefühl eingegeben gewesen
sei, daß er sie aber leider nicht aufrechterhalten könne, da eine große, ihm
allerdings ganz unverständliche Feindschaft zwischen Frieda und dem
Barnabasschen Hause bestehe. »Es ist keine Feindschaft«, sagte Amalia, stand
von der Bank auf und warf die Decke hinter sich, »ein so großes Ding ist es
nicht, es ist bloß ein Nachbeten der allgemeinen Meinung. Und nun geh, geh zu
deiner Braut, ich sehe, wie du eilst. Fürchte auch nicht, daß wir kommen, ich
sagte es gleich anfangs nur im Scherz, aus Bosheit. Du aber kannst öfters zu
uns kommen, dafür ist wohl kein Hindernis, du kannst ja immer die Barnabasschen
Botschaften vorschützen. Ich erleichtere es dir noch dadurch, daß ich sagte,
daß Barnabas, auch wenn er eine Botschaft vom Schloß für dich bringt, nicht
wieder bis in die Schule gehen kann, um sie dir zu melden. Er kann nicht so
viel herumlaufen, der arme Junge, er verzehrt sich im Dienst, du wirst selbst
kommen müssen, dir die Nachricht zu holen.« K. hatte Amalia so viel im
Zusammenhang noch nicht sagen hören, es klang auch anders als sonst ihre Rede,
eine Art Hoheit war darin, die nicht nur K. fühlte, sondern offenbar auch Olga,
die doch an sie gewöhnte Schwester. Sie stand ein wenig abseits, die Hände im
Schoß, nun wieder in ihrer gewöhnlichen breitbeinigen, ein wenig gebeugten
Haltung, die Augen hatte sie auf Amalia gerichtet, während diese nur K. ansah.
»Es ist ein Irrtum«, sagte K., »ein großer Irrtum, wenn du glaubst, daß es mir
mit dem Warten auf Barnabas nicht ernst ist. Meine Angelegenheiten mit den
Behörden in Ordnung zu bringen ist mein höchster, eigentlich mein einziger
Wunsch. Und Barnabas soll mir dazu verhelfen, viel von meiner Hoffnung liegt
auf ihm. Er hat mich zwar schon einmal sehr enttäuscht; aber das war mehr meine
eigene Schuld als seine, es geschah in der Verwirrung der ersten Stunden, ich
glaubte damals alles durch einen kleinen Abendspaziergang erreichen zu können,
und daß sich das Unmögliche als unmöglich gezeigt hat, habe ich ihm dann
nachgetragen. Selbst im Urteil über euere Familie, über euch hat es mich
beeinflußt. Das ist vorüber, ich glaube euch jetzt besser zu verstehen, ihr
seid sogar...« K. suchte das richtige Wort, fand es nicht gleich und begnügte
sich mit einem beiläufigen - »ihr seid vielleicht gutmütiger als irgend jemand
sonst von den Dorfleuten, soweit ich sie bisher kenne. Aber nun, Amalia,
beirrst du mich wieder dadurch, daß du, wennschon nicht den Dienst deines
Bruders, so doch die Bedeutung, die er für mich hat, herabsetztest. Vielleicht
bist du in die Angelegenheiten des Barnabas nicht eingeweiht, dann ist es gut
und ich will die Sache auf sich beruhen lassen, vielleicht aber bist du
eingeweiht - und ich habe eher diesen Eindruck -, dann ist es schlimm, denn das
würde bedeuten, daß mich dein Bruder täuscht.« - »Sei ruhig«, sagte Amalia,
»ich bin nicht eingeweiht, nichts könnte mich dazu bewegen, mich einweihen zu
lassen, nichts könnte mich dazu bewegen, nicht einmal die Rücksicht auf dich,
für den ich doch manches täte, denn, wie du sagtest, gutmütig sind wir. Aber
die Angelegenheiten meines Bruders gehören ihm an, ich weiß nichts von ihnen
als das, was ich gegen meinen Willen zufällig hier und da davon höre. Dagegen
kann dir Olga volle Auskunft geben, denn sie ist seine Vertraute.« Und Amalia
ging fort, zuerst zu den Eltern, mit denen sie flüsterte, dann in die Küche;
sie war ohne Abschied von K. fortgegangen, so, als wisse sie, er werde noch
lange bleiben und es sei kein Abschied nötig.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                       **** Das fünfzehnte Kapitel ****
K. blieb mit etwas erstauntem Gesicht zurück, Olga lachte über ihn, zog ihn zur
Ofenbank, sie schien wirklich glücklich zu sein darüber, daß sie jetzt mit ihm
allein hier sitzen konnte, aber es war ein friedliches Glück, von Eifersucht
war es gewiß nicht getrübt. Und gerade dieses Fernsein von Eifersucht und daher
auch von jeglicher Strenge tat K. wohl; gern sah er in diese blauen, nicht
lockenden, nicht herrischen, sondern schüchtern ruhenden, schüchtern
standhaltenden Augen. Es war, als hätten ihn für alles dieses hier die
Warnungen Friedas und der Wirtin nicht empfänglicher, aber aufmerksamer und
findiger gemacht. Und er lachte mit Olga, als diese sich wunderte, warum er
gerade Amalia gutmütig genannt habe, Amalia sei mancherlei, nur gutmütig sei
sie eigentlich nicht. Worauf K. erklärte, das Lob habe natürlich ihr, Olga,
gegolten, aber Amalia sei so herrisch, daß sie sich nicht nur alles aneigne,
was in ihrer Gegenwart gesprochen werde, sondern daß man ihr auch freiwillig
alles zuteile. »Das ist wahr«, sagte Olga, ernster werdend, »wahrer, als du
glaubst. Amalia ist jünger als ich, jünger auch als Barnabas, aber sie ist es,
die in der Familie entscheidet, im Guten und im Bösen; freilich, sie trägt es
auch mehr als alle, das Gute wie das Böse.« K. hielt das für übertrieben, eben
hatte doch Amalia gesagt, daß sie sich zum Beispiel um des Bruders
Angelegenheiten nicht kümmere, Olga dagegen alles darüber wisse. »Wie soll ich
es erklären?« sagte Olga. »Amalia kümmert sich weder um Barnabas noch um mich,
sie kümmert sich eigentlich um niemanden außer um die Eltern, sie pflegt sie
bei Tag und Nacht, jetzt hat sie wieder nach ihren Wünschen gefragt und ist in
die Küche für sie kochen gegangen, hat sich ihretwegen überwunden aufzustehen,
denn sie ist schon seit Mittag krank und lag hier auf der Bank. Aber obwohl sie
sich nicht um uns kümmert, sind wir von ihr abhängig, so, wie wenn sie die
Älteste wäre, und wenn sie uns in unseren Dingen riete, würden wir ihr gewiß
folgen, aber sie tut es nicht, wir sind ihr fremd. Du hast doch viel
Menschenerfahrung, du kommst aus der Fremde; scheint sie dir nicht auch
besonders klug?« - »Besonders unglücklich scheint sie mir«, sagte K., »aber wie
stimmt es mit eurem Respekt vor ihr überein, daß zum Beispiel Barnabas diese
Botendienste tut, die Amalia mißbilligt, vielleicht sogar mißachtet?« »Wenn er
wüßte, was er sonst tun sollte, er würde den Botendienst, der ihn gar nicht
befriedigt, sofort verlassen.« - »Ist er denn nicht ausgelernter Schuster?«
fragte K. »Gewiß«, sagte Olga, »er arbeitet ja auch nebenbei für Brunswick und
hätte, wenn er wollte, Tag und Nacht Arbeit und reichlichen Verdienst.« - »Nun
also«, sagte K., »dann hätte er doch einen Ersatz für den Botendienst.« »Für
den Botendienst?« fragte Olga erstaunt. »Hat er ihn denn des Verdienstes halber
übernommen?« - »Mag sein«, sagte K., »aber du erwähntest doch, daß er ihn nicht
befriedigt.« - »Er befriedigt ihn nicht, und aus verschiedenen Gründen«, sagte
Olga, »aber es ist doch Schloßdienst, immerhin eine Art Schloßdienst, so sollte
man wenigstens glauben.« - »Wie«, sagte K., »sogar darin seid ihr im Zweifel?«
- »Nun«, sagte Olga, »eigentlich nicht; Barnabas geht in die Kanzleien,
verkehrt mit den Dienern wie ihresgleichen, sieht von der Ferne auch einzelne
Beamte, bekommt verhältnismäßig wichtige Briefe, ja sogar mündlich
auszurichtende Botschaften anvertraut, das ist doch recht viel, und wir können
stolz darauf sein, wieviel er in so jungen Jahren schon erreicht hat.« K.
nickte, an die Heimkehr dachte er jetzt nicht. »Er hat auch eine eigene
Livree?« fragte er. »Du meinst die Jacke?« sagte Olga. »Nein, die hat ihm
Amalia gemacht, noch ehe er Bote war. Aber du näherst dich dem wunden Punkt. Er
hätte schon längst nicht eine Livree, die es im Schloß nicht gibt, aber einen
Anzug vom Amt bekommen sollen, es ist ihm auch zugesichert worden, aber in
dieser Hinsicht ist man im Schloß sehr langsam, und das Schlimme ist, daß man
niemals weiß, was diese Langsamkeit bedeutet; sie kann bedeuten, daß die Sache
im Amtsgang ist, sie kann aber auch bedeuten, daß der Amtsgang noch gar nicht
begonnen hat, daß man also zum Beispiel Barnabas immer noch erst erproben will,
sie kann aber schließlich auch bedeuten, daß der Amtsgang schon beendet ist,
man aus irgendwelchen Gründen die Zusicherung zurückgezogen hat und Barnabas
den Anzug niemals bekommt. Genaueres kann man darüber nicht erfahren oder erst
nach langer Zeit. Es ist hier die Redensart, vielleicht kennst du sie: Amtliche
Entscheidungen sind scheu wie junge Mädchen.« - »Das ist eine gute
Beobachtung«, sagte K., er nahm es noch ernster als Olga, »eine gute
Beobachtung, die Entscheidungen mögen noch andere Eigenschaften mit Mädchen
gemeinsam haben.« - »Vielleicht«, sagte Olga. »Ich weiß freilich nicht, wie du
es meinst. Vielleicht meinst du es gar lobend. Aber was das Amtskleid betrifft,
so ist dies eben eine der Sorgen des Barnabas, und da wir die Sorgen gemeinsam
haben, auch meine. Warum bekommt er kein Amtskleid, fragen wir uns vergebens.
Nun ist aber diese ganze Sache nicht so einfach. Die Beamten zum Beispiel
scheinen überhaupt kein Amtskleid zu haben; soviel wir hier wissen und soviel
Barnabas erzählt, gehen die Beamten in gewöhnlichen, allerdings schönen
Kleidern herum. Übrigens hast du ja Klamm gesehen. Nun, ein Beamter, auch ein
Beamter niedrigster Kategorie, ist natürlich Barnabas nicht und versteigt sich
nicht dazu, es sein zu wollen. Aber auch höhere Diener, die man hier im Dorf
freilich überhaupt nicht zu sehen bekommt, haben nach des Barnabas Bericht
keine Amtsanzüge; das ist ein gewisser Trost, könnte man von vornherein meinen,
aber er ist trügerisch, denn ist Barnabas ein höherer Diener? Nein, wenn man
ihm noch so sehr geneigt ist, das kann man nicht sagen, ein höherer Diener ist
er nicht, schon daß er ins Dorf kommt, ja sogar hier wohnt, ist ein
Gegenbeweis, die höheren Diener sind noch zurückhaltender als die Beamten,
vielleicht mit Recht, vielleicht sind sie sogar höher als manche Beamte;
einiges spricht dafür: sie arbeiten weniger, und es soll nach Barnabas ein
wunderbarer Anblick sein, diese auserlesen großen, starken Männer langsam durch
die Korridore gehen zu sehen, Barnabas schleicht an ihnen immer herum. Kurz, es
kann keine Rede davon sein, daß Barnabas ein höherer Diener ist. Also könnte er
einer der niedrigen Dienerschaft sein, aber diese haben eben Amtsanzüge,
wenigstens soweit sie ins Dorf hinunterkommen, es ist keine eigentliche Livree,
es gibt auch viele Verschiedenheiten, aber immerhin erkennt man sofort an den
Kleidern den Diener aus dem Schloß, du hast ja solche Leute im Herrenhof
gesehen. Das auffallendste an den Kleidern ist, daß sie meistens eng anliegen,
ein Bauer oder ein Handwerker könnte ein solches Kleid nicht gebrauchen. Nun,
dieses Kleid hat also Barnabas nicht; das ist nicht nur etwa beschämend oder
entwürdigend, das könnte man ertragen, aber es läßt, besonders in trüben
Stunden - und manchmal, nicht zu selten, haben wir solche, Barnabas und ich -
an allem zweifeln. Ist es überhaupt Schloßdienst, was Barnabas tut, fragen wir
dann; gewiß, er geht in die Kanzleien, aber sind die Kanzleien das eigentliche
Schloß? Und selbst wenn Kanzleien zum Schloß gehören, sind es die Kanzleien,
welche Barnabas betreten darf? Er kommt in Kanzleien; aber es ist doch nur ein
Teil aller, dann sind Barrieren, und hinter ihnen sind noch andere Kanzleien.
Man verbietet ihm nicht gerade weiterzugehen, aber er kann doch nicht
weitergehen, wenn er seine Vorgesetzten schon gefunden hat, sie ihn abgefertigt
haben und wegschicken. Man ist dort überdies immer beobachtet, wenigstens
glaubt man es. Und selbst wenn er weiterginge, was würde es helfen, wenn er
dort keine amtliche Arbeit hat und ein Eindringling wäre? Diese Barrieren
darfst du dir auch nicht als eine bestimmte Grenze vorstellen, darauf macht
mich auch Barnabas immer wieder aufmerksam. Barrieren sind auch in den
Kanzleien, in die er geht; es gibt also auch Barrieren, die er passiert, und
sie sehen nicht anders aus als die, über die er noch nicht hinweggekommen ist,
und es ist auch deshalb nicht von vornherein anzunehmen, daß sich hinter diesen
letzteren Barrieren wesentlich andere Kanzleien befinden als jene, in denen
Barnabas schon war. Nur eben in jenen trüben Stunden glaubt man das. Und dann
geht der Zweifel weiter, man kann sich gar nicht wehren. Barnabas spricht mit
Beamten, Barnabas bekommt Botschaften. Aber was für Beamte, was für Botschaften
sind es? Jetzt ist er, wie er sagt, Klamm zugeteilt und bekommt von ihm
persönlich die Aufträge. Nun, das wäre doch sehr viel, selbst höhere Diener
gelangen nicht so weit, es wäre fast zuviel, das ist das Beängstigende. Denk
nur, unmittelbar Klamm zugeteilt sein, mit ihm von Mund zu Mund sprechen. Aber
es ist doch so? Nun ja, es ist so, aber warum zweifelt denn Barnabas daran, daß
der Beamte, der dort als Klamm bezeichnet wird, wirklich Klamm ist?« »Olga«,
sagte K., »du willst doch nicht scherzen, wie kann über Klamms Aussehen ein
Zweifel bestehen, es ist doch bekannt, wie er aussieht, ich selbst habe ihn
gesehen.« - »Gewiß nicht, K.«, sagte Olga. »Scherze sind es nicht, sondern
meine allerernstesten Sorgen. Doch erzähle ich es dir nicht, um mein Herz zu
erleichtern und deines etwa zu beschweren, sondern weil du nach Barnabas
fragtest, Amalia mir den Auftrag gab, zu erzählen, und weil ich glaube, daß es
auch für dich nützlich ist, Genaueres zu wissen. Auch wegen Barnabas tue ich
es, damit du nicht allzu große Hoffnungen auf ihn setzt, er dich enttäuscht und
dann selbst unter deiner Enttäuschung leidet. Er ist sehr empfindlich; er hat
zum Beispiel heute nacht nicht geschlafen, weil du gestern abend mit ihm
unzufrieden warst; du sollst gesagt haben, daß es sehr schlimm für dich ist,
daß du nur einen solchen Boten wie Barnabas hast. Die Worte haben ihn um den
Schlaf gebracht. Du selbst wirst wohl von seinen Aufregungen nicht viel gemerkt
haben, Schloßboten müssen sich sehr beherrschen. Aber er hat es nicht leicht,
selbst mit dir nicht. Du verlangst ja in deinem Sinn gewiß nicht zuviel von
ihm, du hast bestimmte Vorstellungen vom Botendienst mitgebracht, und nach
ihnen bemißt du deine Anforderungen. Aber im Schloß hat man andere
Vorstellungen vom Botendienst, sie lassen sich mit deinen nicht vereinen,
selbst wenn sich Barnabas gänzlich dem Dienst opferte, wozu er leider manchmal
bereit scheint. Man müßte sich ja fügen, dürfte nichts dagegen sagen, wäre nur
nicht die Frage, ob es wirklich Botendienst ist, was er tut. Dir gegenüber darf
er natürlich keinen Zweifel darüber aussprechen; es hieße für ihn, seine eigene
Existenz untergraben, wenn er das täte, Gesetze grob verletzen, unter denen er
ja noch zu stehen glaubt, und selbst mir gegenüber spricht er nicht frei,
abschmeicheln, abküssen muß ich ihm seine Zweifel, und selbst dann wehrt er
sich noch zuzugeben, daß die Zweifel Zweifel sind. Er hat etwas von Amalia im
Blut. Und alles sagt er mir gewiß nicht, obwohl ich seine einzige Vertraute
bin. Aber über Klamm sprechen wir manchmal, ich habe Klamm noch nicht gesehen -
du weißt, Frieda liebt mich wenig und hätte mir den Anblick nie gegönnt -, aber
natürlich ist sein Aussehen im Dorf bekannt, einzelne haben ihn gesehen, alle
von ihm gehört, und es hat sich aus dem Augenschein, aus Gerüchten und auch
manchen fälschlichen Nebenabsichten ein Bild Klamms ausgebildet, das wohl in
den Grundzügen stimmt. Aber nur in den Grundzügen. Sonst ist es veränderlich
und vielleicht nicht einmal so veränderlich wie Klamms wirkliches Aussehen. Er
soll ganz anders aussehen, wenn er ins Dorf kommt, und anders, wenn er es
verläßt, anders, ehe er Bier getrunken hat, anders nachher, anders im Wachen,
anders im Schlafen, anders allein, anders im Gespräch und, was hiernach
verständlich ist, fast grundverschieden oben im Schloß. Und es sind schon
selbst innerhalb des Dorfes ziemlich große Unterschiede, die berichtet werden,
Unterschiede der Größe, der Haltung, der Dicke, des Bartes, nur hinsichtlich
des Kleides sind die Berichte glücklicherweise einheitlich: Er trägt immer das
gleiche Kleid, ein schwarzes Jackettkleid mit langen Schößen. Nun gehen
natürlich alle diese Unterschiede auf keine Zauberei zurück, sondern sind sehr
begreiflich, entstehen durch die augenblickliche Stimmung, den Grad der
Aufregung, die unzähligen Abstufungen der Hoffnung oder Verzweiflung, in
welcher sich der Zuschauer, der überdies meist nur augenblickweise Klamm sehen
darf, befindet. Ich erzähle dir das alles wieder, so wie es mir Barnabas oft
erklärt hat, und man kann sich im allgemeinen, wenn man nicht persönlich
unmittelbar an der Sache beteiligt ist, damit beruhigen. Wir können es nicht,
für Barnabas ist es eine Lebensfrage, ob er wirklich mit Klamm spricht oder
nicht.« - »Für mich nicht minder«, sagte K., und sie rückten noch näher
zusammen auf der Ofenbank.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










Durch alle die ungünstigen Neuigkeiten Olgas war K. zwar betroffen, doch sah er
einen Ausgleich zum großen Teile darin, daß er hier Menschen fand, denen es,
wenigstens äußerlich, sehr ähnlich ging wie ihm selbst, denen er sich also
anschließen konnte, mit denen er sich in vielem verständigen konnte, nicht nur
in manchem, wie mit Frieda. Zwar verlor er allmählich die Hoffnung auf einen
Erfolg der Barnabasschen Botschaft, aber je schlechter es Barnabas ging, desto
näher kam er ihm hier unten, niemals hätte K. gedacht, daß aus dem Dorf selbst
ein derart unglückliches Bestreben hervorgehen konnte, wie es das des Barnabas
und seiner Schwester war. Es war freilich noch bei weitem nicht genug erklärt
und konnte sich schließlich noch ins Gegenteil wenden; man mußte durch das
gewisse unschuldige Wesen Olgas sich nicht gleich verführen lassen, auch an die
Aufrichtigkeit des Barnabas zu glauben. »Die Berichte über Klamms Aussehen«,
fuhr Olga fort, »kennt Barnabas sehr gut, hat viele gesammelt und verglichen,
vielleicht zu viele, hat einmal selbst Klamm im Dorf durch ein Wagenfenster
gesehen oder zu sehen geglaubt, war also genügend vorbereitet, ihn zu erkennen,
und hat doch - wie erklärst du es dir? -, als er im Schloß in eine Kanzlei kam
und man ihm unter mehreren Beamten einen zeigte und sagte, daß dieser Klamm
sei, ihn nicht erkannt und auch nachher noch lange sich nicht daran gewöhnen
können, daß es Klamm sein sollte. Fragst du nun aber Barnabas, worin sich jener
Mann von der üblichen Vorstellung, die man von Klamm hat, unterscheidet, kann
er nicht antworten, vielmehr er antwortet und beschreibt den Beamten im Schloß,
aber die Beschreibung deckt sich genau mit der Beschreibung Klamms, wie wir sie
kennen. ›Nun also, Barnabas‹, sage ich, ›warum zweifelst du, warum quälst du
dich?‹ Worauf er dann, in sichtlicher Bedrängnis, Besonderheiten des Beamten im
Schloß aufzuzählen beginnt, die er aber mehr zu erfinden als zu berichten
scheint, die aber außerdem so geringfügig sind - sie betreffen zum Beispiel ein
besonderes Nicken des Kopfes oder auch nur die aufgeknöpfte Weste -, daß man
sie unmöglich ernst nehmen kann. Noch wichtiger scheint mir die Art, wie Klamm
mit Barnabas verkehrt. Barnabas hat es mir oft beschrieben, sogar gezeichnet.
Gewöhnlich wird Barnabas in ein großes Kanzleizimmer geführt, aber es ist nicht
Klamms Kanzlei, überhaupt nicht die Kanzlei eines einzelnen. Der Länge nach ist
dieses Zimmer durch ein einziges, von Seitenwand zu Seitenwand reichendes
Stehpult in zwei Teile geteilt, einen schmalen, wo einander zwei Personen nur
knapp ausweichen können, das ist der Raum der Beamten, und einen breiten, das
ist der Raum der Parteien, der Zuschauer, der Diener, der Boten. Auf dem Pult
liegen aufgeschlagen große Bücher, eines neben dem anderen, und bei den meisten
stehen Beamte und lesen darin. Doch bleiben sie nicht immer beim gleichen Buch,
tauschen aber nicht die Bücher, sondern die Plätze, am erstaunlichsten ist es
Barnabas, wie sie sich bei solchem Plätzewechsel aneinander vorbeidrücken
müssen, eben wegen der Enge des Raumes. Vorn, eng am Stehpult, sind niedrige
Tischchen, an denen Schreiber sitzen, welche, wenn die Beamten es wünschen,
nach ihrem Diktat schreiben. Immer wundert sich Barnabas, wie das geschieht. Es
erfolgt kein ausdrücklicher Befehl des Beamten, auch wird nicht laut diktiert,
man merkt kaum, daß diktiert wird, vielmehr scheint der Beamte zu lesen wie
früher, nur daß er dabei auch noch flüstert, und der Schreiber hört's. Oft
diktiert der Beamte so leise, daß der Schreiber es sitzend gar nicht hören
kann, dann muß er immer aufspringen, das Diktierte auffangen, schnell sich
setzen und es aufschreiben, dann wieder aufspringen und so fort. Wie merkwürdig
das ist! Es ist fast unverständlich. Barnabas freilich hat genug Zeit, das
alles zu beobachten, denn dort in dem Zuschauerraum steht er stunden- und
manchmal tagelang, ehe Klamms Blick auf ihn fällt. Und auch wenn ihn Klamm
schon gesehen hat und Barnabas sich in Habachtstellung aufrichtet, ist noch
nichts entschieden, denn Klamm kann sich wieder von ihm dem Buch zuwenden und
ihn vergessen; so geschieht es oft. Was ist es aber für ein Botendienst, der so
unwichtig ist? Mir wird wehmütig, wenn Barnabas früh sagt, daß er ins Schloß
geht. Dieser wahrscheinlich ganz unnütze Weg, dieser wahrscheinlich verlorene
Tag, diese wahrscheinlich vergebliche Hoffnung. Was soll das alles? Und hier
ist Schusterarbeit aufgehäuft, die niemand macht und auf deren Ausführung
Brunswick drängt.« »Nun gut«, sagte K. »Barnabas muß lange warten, ehe er einen
Auftrag bekommt. Das ist verständlich, es scheint ja hier ein Übermaß von
Angestellten zu sein, nicht jeder kann jeden Tag einen Auftrag bekommen,
darüber müßt ihr nicht klagen, das trifft wohl jeden. Schließlich aber bekommt
doch wohl auch Barnabas Aufträge, mir selbst hat er schon zwei Briefe
gebracht.« »Es ist ja möglich«, sagte Olga, »daß wir unrecht haben zu klagen,
besonders ich, die alles nur vom Hörensagen kennt und es als Mädchen auch nicht
so gut verstehen kann wie Barnabas, der ja auch noch manches zurückhält. Aber
nun höre, wie es sich mit den Briefen verhält, mit den Briefen an dich zum
Beispiel. Diese Briefe bekommt er nicht unmittelbar von Klamm, sondern vom
Schreiber. An einem beliebigen Tage, zu beliebiger Stunde - deshalb ist auch
der Dienst, so leicht er scheint, sehr ermüdend, denn Barnabas muß immerfort
aufpassen - erinnert sich der Schreiber an ihn und winkt ihm. Klamm scheint das
gar nicht veranlaßt zu haben, er liest ruhig in seinem Buch; manchmal
allerdings, aber das tut er auch sonst öfters, putzt er gerade den Zwicker,
wenn Barnabas kommt, und sieht ihn dabei vielleicht an; vorausgesetzt, daß er
ohne Zwicker überhaupt sieht, Barnabas bezweifelt es, Klamm hat dann die Augen
fast geschlossen, er scheint zu schlafen und nur im Traum den Zwicker zu
putzen. Inzwischen sucht der Schreiber aus den vielen Akten und Briefschaften,
die er unter dem Tisch hat, einen Brief für dich heraus, es ist also kein
Brief, den er gerade geschrieben hat, vielmehr ist es, dem Aussehen des
Umschlages nach, ein sehr alter Brief, der schon lange dort liegt. Wenn es aber
ein alter Brief ist, warum hat man Barnabas so lange warten lassen? Und wohl
auch dich? Und schließlich auch den Brief, denn er ist ja jetzt wohl schon
veraltet. Und Barnabas bringt man dadurch in den Ruf, ein schlechter, langsamer
Bote zu sein. Der Schreiber allerdings macht es sich leicht, gibt Barnabas den
Brief, sagt: ›Von Klamm für K.‹, und damit ist Barnabas entlassen. Nun, und
dann kommt Barnabas nach Hause, atemlos, den endlich ergatterten Brief unter
dem Hemd am bloßen Leib, und wir setzen uns dann hierher auf die Bank wie
jetzt, und er erzählt, und wir untersuchen dann alles einzeln und schätzen ab,
was er erreicht hat, und finden schließlich, daß es sehr wenig ist - und das
wenige fragwürdig, und Barnabas legt den Brief weg und hat keine Lust, ihn zu
bestellen, hat aber auch keine Lust, schlafen zu gehen, nimmt die
Schusterarbeit vor und versitzt dort auf dem Schemel die Nacht. So ist es, K.,
und das sind meine Geheimnisse, und nun wunderst du dich wohl nicht mehr, daß
Amalia auf sie verzichtet.« - »Und der Brief?« fragte K. »Der Brief?« sagte
Olga. »Nun; nach einiger Zeit, wenn ich Barnabas genug gedrängt habe, es können
Tage und Wochen inzwischen vergangen sein, nimmt er doch den Brief und geht,
ihn zuzustellen. In solchen Äußerlichkeiten ist er doch sehr abhängig von mir.
Ich kann mich nämlich, wenn ich den ersten Eindruck seiner Erzählung überwunden
habe, dann auch wieder fassen, wozu er wahrscheinlich, weil er eben mehr weiß,
nicht imstande ist. Und so kann ich ihm dann immer wieder etwa sagen: ›Was
willst du denn eigentlich, Barnabas? Von welcher Laufbahn, welchem Ziele
träumst du? Willst du vielleicht so weit kommen, daß du uns, daß du mich
gänzlich verlassen mußt? Ist das etwa dein Ziel? Muß ich das nicht glauben, da
es ja sonst unverständlich wäre, warum du mit dem schon Erreichten so
entsetzlich unzufrieden bist? Sieh dich doch um, ob jemand unter unseren
Nachbarn schon so weit gekommen ist? Freilich, ihre Lage ist anders als die
unsrige, und sie haben keinen Grund, über ihre Wirtschaft hinauszustreben, aber
auch ohne zu vergleichen muß man doch einsehen, daß bei dir alles in bestem
Gange ist. Hindernisse sind da, Fragwürdigkeiten, Enttäuschungen, aber das
bedeutet doch nur, was wir schon vorher gewußt haben, daß dir nichts geschenkt
wird, daß du dir vielmehr jede einzelne Kleinigkeit selbst erkämpfen mußt; ein
Grund mehr, um stolz, nicht um niedergeschlagen zu sein. Und dann kämpfst du
doch auch für uns? Bedeutet dir das gar nichts? Gibt dir das keine neue Kraft?
Und daß ich glücklich und fast hochmütig bin, einen solchen Bruder zu haben,
gibt dir das keine Sicherheit? Wahrhaftig, nicht in dem, was du im Schloß
erreicht hast, aber in dem, was ich bei dir erreicht habe, enttäuschst du mich.
Du darfst ins Schloß, bist ein ständiger Besucher der Kanzleien, verbringst
ganze Tage im gleichen Raum mit Klamm, bist öffentlich anerkannter Bote, hast
ein Amtskleid zu beanspruchen, bekommst wichtige Briefschaften auszutragen; das
alles bist du, das alles darfst du und kommst herunter, und statt daß wir uns
weinend vor Glück in den Armen liegen, scheint dich bei meinem Anblick aller
Mut zu verlassen; an allem zweifelst du, nur der Schusterleisten lockt dich,
und den Brief, diese Bürgschaft unserer Zukunft, läßt du liegen.‹ So rede ich
zu ihm, und nachdem ich das tagelang wiederholt habe, nimmt er einmal seufzend
den Brief und geht. Aber es ist wahrscheinlich gar nicht die Wirkung meiner
Worte, sondern es treibt ihn nur wieder ins Schloß, und ohne den Auftrag
ausgerichtet zu haben, würde er es nicht wagen hinzugeben.« - »Aber du hast
doch auch mit allem recht, was du ihm sagst«, sagte K. »Bewunderungswürdig
richtig hast du alles zusammengefaßt. Wie erstaunlich klar du denkst!« »Nein«,
sagte Olga, »es täuscht dich, und so täusche ich vielleicht auch ihn. Was hat
er denn erreicht? In eine Kanzlei darf er eintreten, aber es scheint nicht
einmal eine Kanzlei, eher ein Vorzimmer der Kanzleien, vielleicht nicht einmal
das, vielleicht ein Zimmer, wo alle zurückgehalten werden sollen, die nicht in
die wirklichen Kanzleien dürfen. Mit Klamm spricht er, aber ist es Klamm? Ist
es nicht eher jemand, der Klamm ein wenig ähnlich ist? Ein Sekretär vielleicht,
wenn's hoch geht, der Klamm ein wenig ähnlich ist und sich anstrengt, ihm noch
ähnlicher zu werden, und sich dann wichtig macht, in Klamms verschlafener,
träumerischer Art. Dieser Teil seines Wesens ist am leichtesten nachzuahmen,
daran versuchen sich manche, von seinem sonstigen Wesen freilich lassen sie
wohlweislich die Finger. Und ein so oft ersehnter und so selten erreichter
Mann, wie es Klamm ist, nimmt in der Vorstellung der Menschen leicht
verschiedene Gestalten an. Klamm hat zum Beispiel hier einen Dorfsekretär
namens Momus. So? Du kennst ihn? Auch er hält sich sehr zurück, aber ich habe
ihn doch schon einige Male gesehen. Ein junger, starker Herr, nicht? Und sieht
also wahrscheinlich Klamm gar nicht ähnlich. Und doch kannst du im Dorf Leute
finden, die beschwören würden, daß Momus Klamm ist und kein anderer. So
arbeiten die Leute an ihrer eigenen Verwirrung. Und muß es im Schloß anders
sein? Jemand hat Barnabas gesagt, daß jener Beamte Klamm ist, und tatsächlich
besteht eine Ähnlichkeit zwischen beiden, aber eine von Barnabas immer fort
angezweifelte Ähnlichkeit. Und alles spricht für seine Zweifel. Klamm sollte
hier in einem allgemeinen Raum, zwischen anderen Beamten, den Bleistift hinter
dem Ohr, sich drängen müssen? Das ist doch höchst unwahrscheinlich. Barnabas
pflegt, ein wenig kindlich, manchmal - dies ist aber schon eine zuversichtliche
Laune - zu sagen: Der Beamte sieht ja Klamm sehr ähnlich; würde er in einer
eigenen Kanzlei sitzen, am eigenen Schreibtisch, und wäre an der Tür sein Name
- ich hätte keine Zweifel mehr. Das ist kindlich, aber doch auch verständig.
Noch viel verständiger allerdings wäre es, wenn Barnabas sich, wenn er oben
ist, gleich bei mehreren Leuten erkundigte, wie sich die Dinge wirklich
verhalten; es stehen doch seiner Angabe nach genug Leute in dem Zimmer herum.
Und wären auch ihre Angaben nicht viel verläßlicher als die Angabe jenes, der
ungefragt ihm Klamm gezeigt hat, es müßten sich doch zumindest aus ihrer
Mannigfaltigkeit irgendwelche Anhaltspunkte, Vergleichspunkte ergeben. Es ist
das nicht mein Einfall, sondern der Einfall des Barnabas, aber er wagt nicht,
ihn auszuführen; aus Furcht, er könnte durch irgendwelche ungewollte Verletzung
unbekannter Vorschriften seine Stelle verlieren, wagt er niemanden
anzusprechen, so unsicher fühlt er sich; diese doch eigentlich jämmerliche
Unsicherheit beleuchtet mir seine Stellung schärfer als alle Beschreibungen.
Wie zweifelhaft und drohend muß ihm dort alles erscheinen, wenn er nicht einmal
zu einer unschuldigen Frage den Mund aufzutun wagt. Wenn ich das überlege,
klage ich mich an, daß ich ihn allein in jenen unbekannten Räumen lasse, wo es
derart zugeht, daß sogar er, der eher waghalsig als feig ist, dort vor Furcht
wahrscheinlich zittert.«
»Hier, glaube ich, kommst du zu dem Entscheidenden«, sagte K. »Das ist es. Nach
allem, was du erzählt hast, glaube ich, jetzt klar zu sehen. Barnabas ist zu
jung für diese Aufgabe. Nichts von dem, was er erzählt, kann man ohne weiteres
ernst nehmen. Da er oben vor Furcht vergeht, kann er dort nicht beobachten, und
zwingt man ihn, hier dennoch zu berichten, erhält man verwirrte Märchen. Ich
wundere mich nicht darüber. Die Ehrfurcht vor der Behörde ist euch hier
eingeboren, wird euch weiter während des ganzen Lebens auf die verschiedensten
Arten und von allen Seiten eingeflößt, und ihr selbst helft dabei mit, wie ihr
nur könnt. Doch sage ich im Grunde nichts dagegen; wenn eine Behörde gut ist,
warum sollte man vor ihr nicht Ehrfurcht haben. Nur darf man dann nicht einen
unbelehrten Jüngling wie Barnabas, der über den Umkreis des Dorfes nicht
hinausgekommen ist, plötzlich ins Schloß schicken und dann wahrheitsgetreue
Berichte von ihm verlangen wollen und jedes seiner Worte wie ein
Offenbarungswort untersuchen und von der Deutung das eigene Lebensglück
abhängig machen. Nichts kann verfehlter sein. Freilich habe auch ich, nicht
anders als du, mich von ihm beirren lassen und sowohl Hoffnungen auf ihn
gesetzt, als Enttäuschungen durch ihn erlitten, die beide nur auf seinen
Worten, also fast gar nicht, begründet waren.« Olga schwieg. »Es wird mir nicht
leicht«, sagte K., »dich in dem Vertrauen zu deinem Bruder zu beirren, da ich
doch sehe, wie du ihn liebst und was du von ihm erwartest. Es muß aber
geschehen, und nicht zum wenigsten deiner Liebe und deiner Erwartungen wegen.
Denn sieh, immer wieder hindert dich etwas - ich weiß nicht, was es ist -, voll
zu erkennen, was Barnabas nicht etwa erreicht hat, aber was ihm geschenkt
worden ist. Er darf in die Kanzleien oder, wenn du es so willst, in einen
Vorraum; nun, dann ist's also ein Vorraum, aber es sind Türen da, die
weiterführen, Barrieren, die man durchschreiten kann, wenn man das Geschick
dazu hat. Mir zum Beispiel ist dieser Vorraum, wenigstens vorläufig, völlig
unzugänglich. Mit wem Barnabas dort spricht, weiß ich nicht, vielleicht ist
jener Schreiber der niedrigste Diener, aber auch wenn er der niedrigste ist,
kann er zu dem nächsthöheren führen, und wenn er nicht zu ihm führen kann, so
kann er ihn doch wenigstens nennen, und wenn er ihn nicht nennen kann, so kann
er doch auf jemanden verweisen, der ihn wird nennen können. Der angebliche
Klamm mag mit dem wirklichen nicht das geringste gemeinsam haben, die
Ähnlichkeit mag nur für die vor Aufregung blinden Augen des Barnabas bestehen,
er mag der niedrigste der Beamten, er mag noch nicht einmal Beamter sein, aber
irgendeine Aufgabe hat er doch bei jenem Pult, irgend etwas liest er in seinem
großen Buch, irgend etwas flüstert er dem Schreiber zu, irgend etwas denkt er,
wenn einmal in langer Zeit sein Blick auf Barnabas fällt, und selbst wenn das
alles nicht wahr ist und er und seine Handlungen gar nichts bedeuten, so hat
ihn doch jemand dort hingestellt und hat dies mit irgendeiner Absicht getan.
Mit dem allem will ich sagen, daß irgend etwas da ist, irgend etwas dem
Barnabas angeboten wird, wenigstens irgend etwas, und daß es nur die Schuld des
Barnabas ist, wenn er damit nichts anderes erreichen kann als Zweifel, Angst
und Hoffnungslosigkeit. Und dabei bin ich ja immer noch von dem ungünstigsten
Fall ausgegangen, der sogar sehr unwahrscheinlich ist. Denn wir haben ja die
Briefe in der Hand, denen ich zwar nicht viel traue, aber viel mehr als des
Barnabas Worten. Mögen es auch alte, wertlose Briefe sein, die wahllos aus
einem Haufen genauso wertloser Briefe hervorgezogen wurden, wahllos und mit
nicht mehr Verstand, als die Kanarienvögel auf den Jahrmärkten aufwenden, um
das Lebenslos eines Beliebigen aus einem Haufen herauszupicken, und mag das so
sein, so haben diese Briefe doch wenigstens irgendeinen Bezug auf meine Arbeit;
sichtlich sind sie für mich, wenn auch vielleicht nicht für meinen Nutzen
bestimmt; sind, wie der Gemeindevorsteher und seine Frau bezeugt haben, von
Klamm eigenhändig gefertigt und haben, wiederum nach dem Gemeindevorsteher,
zwar nur eine private und wenig durchsichtige, aber doch eine große Bedeutung.«
- »Sagte das der Gemeindevorsteher?« fragte Olga. »Ja, das sagte er«,
antwortete K. »Ich werde es Barnabas erzählen«, sagte Olga schnell, »das wird
ihn sehr aufmuntern.« - »Er braucht aber nicht Aufmunterung«, sagte K., »ihn
aufmuntern bedeutet, ihm zu sagen, daß er recht hat, daß er nur in seiner
bisherigen Art fortfahren soll, aber eben auf diese Art wird er niemals etwas
erreichen. Du kannst jemanden, der die Augen verbunden hat, noch so sehr
aufmuntern, durch das Tuch zu starren, er wird doch niemals etwas sehen; erst
wenn man ihm das Tuch abnimmt, kann er sehen. Hilfe braucht Barnabas, nicht
Aufmunterung. Bedenke doch nur: dort oben ist die Behörde in ihrer
unentwirrbaren Größe - ich glaubte, annähernde Vorstellungen von ihr zu haben,
ehe ich hierher kam, wie kindlich war das alles -, dort also ist die Behörde
und ihr tritt Barnabas entgegen, niemand sonst, nur er, erbarmungswürdig
allein, zuviel Ehre noch für ihn, wenn er nicht sein ganzes Leben lang
verschollen in einen dunklen Winkel der Kanzleien geduckt bleibt.« - »Glaube
nicht, K.«, sagte Olga, »daß wir die Schwere der Aufgabe, die Barnabas
übernommen hat, unterschätzen. An Ehrfurcht vor der Behörde fehlt es uns ja
nicht, das hast du selbst gesagt.« - »Aber es ist irregeleitete Ehrfurcht«,
sagte K. »Ehrfurcht am unrechten Ort, solche Ehrfurcht entwürdigt ihren
Gegenstand. Ist es noch Ehrfurcht zu nennen, wenn Barnabas das Geschenk des
Eintritts in jenen Raum dazu mißbraucht, um untätig dort die Tage zu
verbringen, oder wenn er herabkommt und diejenigen, vor denen er eben gezittert
hat, verdächtigt und verkleinert oder wenn er aus Verzweiflung oder Müdigkeit
Briefe nicht gleich austrägt und ihm anvertraute Botschaften nicht gleich
ausrichtet? Das ist doch wohl keine Ehrfurcht mehr. Aber der Vorwurf geht noch
weiter, geht auch gegen dich, Olga; ich kann dir ihn nicht ersparen. Du hast
Barnabas, obwohl du Ehrfurcht vor der Behörde zu haben glaubst, in aller seiner
Jugend und Schwäche und Verlassenheit ins Schloß geschickt oder wenigstens
nicht zurückgehalten.«
»Den Vorwurf, den du mir machst«, sagte Olga, »mache ich mir auch, seit jeher
schon. Allerdings nicht, daß ich Barnabas ins Schloß geschickt habe, ist mir
vorzuwerfen, ich habe ihn nicht geschickt, er ist selbst gegangen, aber ich
hätte ihn wohl mit allen Mitteln, mit Gewalt, mit List, mit Überredung,
zurückhalten sollen. Ich hätte ihn zurückhalten sollen, aber wenn heute jener
Tag, jener Entscheidungstag wäre und ich die Not des Barnabas, die Not unserer
Familie so fühlte wie damals und heute und wenn Barnabas wieder, aller
Verantwortung und Gefahr deutlich sich bewußt, lächelnd und sanft sich von mir
losmachte, um zu gehen, ich würde ihn auch heute nicht zurückhalten, trotz
allen Erfahrungen der Zwischenzeit und, ich glaube, auch du an meiner Stelle
könntest nicht anders. Du kennst nicht unsere Not, deshalb tust du uns, vor
allem aber Barnabas, unrecht. Wir hatten damals mehr Hoffnung als heute, aber
groß war unsere Hoffnung auch damals nicht, groß war nur unsere Not und ist es
geblieben. Hat dir denn Frieda nichts über uns erzählt?« - »Nur Andeutungen«,
sagte K., »nichts Bestimmtes; aber schon euer Name erregt sie.« - »Und auch die
Wirtin hat nichts erzählt?« - »Nein, nichts.« - »Und auch sonst niemand?« -
»Niemand.« - »Natürlich, wie könnte jemand etwas erzählen. Jeder weiß etwas
über uns, entweder die Wahrheit, soweit sie den Leuten zugänglich ist, oder
wenigstens irgendein übernommenes oder meist selbst erfundenes Gerücht, und
jeder denkt an uns mehr, als nötig ist, aber geradezu erzählen wird es niemand,
diese Dinge in den Mund zu nehmen, scheuen sie sich. Und sie haben recht darin.
Es ist schwer, es hervorzubringen, selbst dir gegenüber, K., und ist es denn
nicht auch möglich, daß du, wenn du es angehört hast, weggehst und nichts mehr
von uns wirst wissen wollen, so wenig es dich auch zu betreffen scheint.
Dann haben wir dich verloren, der du mir jetzt, ich gestehe es, fast mehr
bedeutest als der bisherige Schloßdienst des Barnabas. Und doch - dieser
Widerspruch quält mich schon den ganzen Abend - mußt du es erfahren, denn sonst
bekommst du keinen Überblick über unsere Lage, bliebest, was mich besonders
schmerzen würde, ungerecht zu Barnabas; die notwendige völlige Einigkeit würde
uns fehlen, und du könntest weder uns helfen noch unsere Hilfe, die
außerordentliche, annehmen. Aber es bleibt noch eine Frage: Willst du es denn
überhaupt wissen? « - »Warum fragst du das?« sagte K. »Wenn es notwendig ist,
will ich es wissen; aber warum fragst du so?« - »Aus Aberglauben«, sagte Olga.
»Du wirst hineingezogen sein in unsere Dinge, unschuldig, nicht viel schuldiger
als Barnabas.« - »Erzähle schnell«, sagte K., »ich fürchte mich nicht. Du
machst es auch durch Weiberängstlichkeit schlimmer, als es ist.«
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                               Amalias Geheimnis
»Urteile selbst«, sagte Olga, »übrigens klingt es sehr einfach, man versteht
nicht gleich, wie es eine große Bedeutung haben kann. Es gibt einen großen
Beamten im Schloß, der heißt Sortini.« - »Ich habe schon von ihm gehört«, sagte
K., »er war an meiner Berufung beteiligt.« - »Das glaube ich nicht«, sagte
Olga, »Sortini tritt in der Öffentlichkeit kaum auf. Irrst du dich nicht mit
Sordini, mit ›doch‹ geschrieben?« - »Du hast recht«, sagte K. »Sordini war es.«
»Ja«, sagte Olga, »Sordini ist sehr bekannt, einer der fleißigsten Beamten, von
dem viel gesprochen wird; Sortini dagegen ist sehr zurückgezogen und den
meisten fremd. Vor mehr als drei Jahren sah ich ihn zum ersten und letzten
Male. Es war am dritten Juli bei einem Fest des Feuerwehrvereins, das Schloß
hatte sich auch beteiligt und eine neue Feuerspritze gespendet. Sortini, der
sich zum Teil mit Feuerwehrangelegenheiten beschäftigen soll (vielleicht war er
aber auch nur in Vertretung da - meistens vertreten einander die Beamten
gegenseitig, und es ist deshalb schwer, die Zuständigkeit dieses oder jenes
Beamten zu erkennen), nahm an der Übergabe der Spritze teil; es waren natürlich
auch noch andere aus dem Schloß gekommen, Beamte und Dienerschaft, und Sortini
war, wie es seinem Charakter entspricht, ganz im Hintergrunde. Es ist ein
kleiner, schwacher, nachdenklicher Herr; etwas, was allen, die ihn überhaupt
bemerkten, auffiel, war die Art, wie sich bei ihm die Stirn in Falten legte,
alle Falten - und es war eine Menge, obwohl er gewiß nicht mehr als vierzig ist
- zogen sich nämlich geradewegs fächerartig über die Stirn zur Nasenwurzel hin,
ich habe etwas Derartiges nie gesehen. Nun, das war also jenes Fest. Wir,
Amalia und ich, hatten uns schon seit Wochen darauf gefreut, die
Sonntagskleider waren zum Teil neu zurechtgemacht, besonders das Kleid Amalias
war schön, die weiße Bluse vorn hoch aufgebauscht, eine Spitzenreihe über der
anderen, die Mutter hatte alle ihre Spitzen dazu geborgt, ich war damals
neidisch und weinte vor dem Fest die halbe Nacht durch. Erst als am Morgen die
Brückenhofwirtin uns zu besichtigen kam...« - »Die Brückenhofwirtin?« fragte K.
»Ja«, sagte Olga, »sie war sehr mit uns befreundet, sie kam also, mußte
zugeben, daß Amalia im Vorteil war, und borgte mir deshalb, um mich zu
beruhigen, ihr eigenes Halsband aus böhmischen Granaten. Als wir dann aber
ausgehfertig waren, Amalia vor mir stand, wir sie alle bewunderten und der
Vater sagte: ›Heute, denkt an mich, bekommt Amalia einen Bräutigam‹, da, ich
weiß nicht warum, nahm ich mir das Halsband, meinen Stolz, ab, und hing es
Amalia um, gar nicht neidisch mehr. Ich beugte mich eben vor ihrem Sieg, und
ich glaubte, jeder müsse sich vor ihr beugen, vielleicht überraschte uns
damals, daß sie anders aussah als sonst, denn eigentlich schön war sie ja
nicht, aber ihr düsterer Blick, den sie in dieser Art seitdem behalten hat,
ging hoch über uns hinweg, und man beugte sich fast tatsächlich und
unwillkürlich vor ihr. Alle bemerkten es, auch Lasemann und seine Frau, die uns
abholen kamen.« - »Lasemann?« fragte K. »Ja, Lasemann«, sagte Olga. »Wir waren
doch sehr angesehen, und das Fest hätte zum Beispiel nicht gut ohne uns
anfangen können, denn der Vater war dritter Übungsleiter der Feuerwehr.« - »So
rüstig war der Vater noch?« fragte K. »Der Vater?« fragte Olga, als verstehe
sie nicht ganz. »Vor drei Jahren war er noch gewissermaßen ein junger Mann; er
hat zum Beispiel bei einem Brand im Herrenhof einen Beamten, den schweren
Galater, im Laufschritt auf dem Rücken hinausgetragen. Ich bin selbst
dabeigewesen, es war zwar keine Feuergefahr, nur das trockene Holz neben einem
Ofen fing zu rauchen an, aber Galater bekam Angst, rief aus dem Fenster um
Hilfe, die Feuerwehr kam, und mein Vater mußte ihn hinaustragen, obwohl schon
das Feuer gelöscht war. Nun, Galater ist ein schwer beweglicher Mann und muß in
solchen Fällen vorsichtig sein. Ich erzähle es nur des Vaters wegen, viel mehr
als drei Jahre sind seitdem nicht vergangen, und nun sieh, wie er dort sitzt.«
Erst jetzt sah K., daß Amalia schon wieder in der Stube war, aber sie war weit
entfernt beim Tisch der Eltern, sie fütterte dort die Mutter, welche die
rheumatischen Arme nicht bewegen konnte, und sprach dabei dem Vater zu, er möge
sich wegen des Essens noch ein wenig gedulden, gleich werde sie auch zu ihm
kommen, um ihn zu füttern. Doch hatte sie mit ihrer Mahnung keinen Erfolg, denn
der Vater, sehr gierig, schon zu seiner Suppe zu kommen, überwand seine
Körperschwäche und suchte, die Suppe bald vom Löffel zu schlürfen, bald gleich
vom Teller aufzutrinken, und brummte böse, als ihm weder das eine noch das
andere gelang, der Löffel längst leer war, ehe er zum Munde kam, und niemals
der Mund, nur immer der herabhängende Schnauzbart in die Suppe tauchte und es
nach allen Seiten, nur in seinen Mund nicht, tropfte und sprühte. »Das haben
drei Jahre aus ihm gemacht?« fragte K., aber noch immer hatte er für die Alten
und für die ganze Ecke des Familientisches dort kein Mitleid, nur Widerwillen.
»Drei Jahre«, sagte Olga langsam, »oder, genauer, ein paar Stunden eines
Festes. Das Fest war auf einer Wiese vor dem Dorf am Bach, es war schon ein
großes Gedränge, als wir ankamen, auch aus den Nachbardörfern war viel Volk
gekommen, man war ganz verwirrt von dem Lärm. Zuerst wurden wir natürlich vom
Vater zur Feuerspritze geführt, er lachte vor Freude, als er sie sah, eine neue
Spritze machte ihn glücklich, er fing an, sie zu betasten und uns zu erklären,
er duldete keinen Widerspruch und keine Zurückhaltung der anderen; war etwas
unter der Spritze zu besichtigen, mußten wir uns alle bücken und fast unter die
Spritze kriechen; Barnabas, der sich damals wehrte, bekam deshalb Prügel. Nur
Amalia kümmerte sich um die Spritze nicht, stand aufrecht dabei in ihrem
schönen Kleid, und niemand wagte, ihr etwas zu sagen, ich lief manchmal zu ihr
und faßte ihren Arm unter, aber sie schwieg. Ich kann es mir noch heute nicht
erklären, wie es kam, daß wir so lange vor der Spritze standen und erst, als
sich der Vater von ihr losmachte, Sortini bemerkten, der offenbar schon die
ganze Zeit über hinter der Spritze an einem Spritzenhebel gelehnt hatte. Es war
freilich ein entsetzlicher Lärm damals, nicht nur wie es sonst bei Festen ist.
Das Schloß hatte nämlich der Feuerwehr auch noch einige Trompeten geschenkt,
besondere Instrumente, auf denen man mit der kleinsten Kraftanstrengung, ein
Kind konnte das, die wildesten Töne hervorbringen konnte; wenn man das hörte,
glaubte man, die Türken seien schon da, und man konnte sich nicht daran
gewöhnen, bei jedem neuen Blasen fuhr man wieder zusammen. Und weil es neue
Trompeten waren, wollte sie jeder versuchen, und weil es doch ein Volksfest
war, erlaubte man es. Gerade um uns, vielleicht hatte sie Amalia angelockt,
waren einige solcher Bläser; es war schwer, die Sinne dabei zusammenzuhalten,
und wenn man nun auch noch, nach dem Gebot des Vaters, Aufmerksamkeit für die
Spritze haben sollte, so war das das Äußerste, was man leisten konnte, und so
entging uns Sortini, den wir ja vorher auch gar nicht gekannt hatten, so
ungewöhnlich lange. ›Dort ist Sortini‹, flüsterte endlich - ich stand dabei -
Lasemann dem Vater zu. Der Vater verbeugte sich tief und gab auch uns aufgeregt
ein Zeichen, uns zu verbeugen. Ohne ihn bisher zu kennen, hatte der Vater seit
jeher Sortini als einen Fachmann in Feuerwehrangelegenheiten verehrt und öfters
zu Hause von ihm gesprochen, es war uns daher auch sehr überraschend und
bedeutungsvoll, jetzt Sortini in Wirklichkeit zu sehen. Sortini aber kümmerte
sich um uns nicht - es war das keine Eigenheit Sortinis, die meisten Beamten
scheinen in der Öffentlichkeit teilnahmslos -, auch war er müde, nur seine
Amtspflicht hielt ihn hier unten; es sind nicht die schlechtesten Beamten,
welche gerade solche Repräsentationspflichten als besonders drückend empfinden;
andere Beamten und Diener mischten sich, da sie nun schon einmal da waren,
unter das Volk; er aber blieb bei der Spritze, und jeden, der sich ihm mit
irgendeiner Bitte oder Schmeichelei zu nähern suchte, vertrieb er durch sein
Schweigen. So kam es, daß er uns noch später bemerkte als wir ihn. Erst als wir
uns ehrfurchtsvoll verbeugten und der Vater uns zu entschuldigen suchte,
blickte er nach uns hin, blickte der Reihe nach von einem zum andern, müde; es
war, als seufzte er darüber, daß neben dem einen immer wieder noch ein zweiter
sei, bis er dann bei Amalia haltmachte, zu der er aufschauen mußte, denn sie
war viel größer als er. Da stutzte er, sprang über die Deichsel, um Amalia
näher zu sein, wir mißverstanden es zuerst und wollten uns alle unter Anführung
des Vaters ihm nähern, aber er hielt uns ab mit erhobener Hand und winkte uns
dann zu gehen. Das war alles. Wir neckten dann Amalia viel damit, daß sie nun
wirklich einen Bräutigam gefunden habe, in unserem Unverstand waren wir den
ganzen Nachmittag über sehr fröhlich; Amalia aber war schweigsamer als jemals.
›Sie hat sich ja toll und voll in Sortini verliebt‹, sagte Brunswick, der immer
ein wenig grob ist und für Naturen wie Amalia kein Verständnis hat; aber
diesmal schien uns seine Bemerkung fast richtig; wir waren überhaupt närrisch
an dem Tag und alle, bis auf Amalia, von dem süßen Schloßwein wie betäubt, als
wir nach Mitternacht nach Hause kamen.« - »Und Sortini?« fragte K. »Ja,
Sortini«, sagte Olga, »Sortini sah ich während des Festes im Vorübergehen noch
öfters, er saß auf der Deichsel, hatte die Arme über der Brust gekreuzt und
blieb so, bis der Schloßwagen kam, um ihn abzuholen. Nicht einmal zu den
Feuerwehrübungen ging er, bei denen der Vater damals, gerade in der Hoffnung,
daß Sortini zusehe, vor allen Männern seines Alters sich auszeichnete.« - »Und
habt ihr nicht mehr von ihm gehört?« fragte K. »Du scheinst ja für Sortini
große Verehrung zu haben.« »Ja, Verehrung«, sagte Olga. »ja, und gehört haben
wir auch noch von ihm. Am nächsten Morgen wurden wir aus unserem Weinschlaf
durch einen Schrei Amalias geweckt; die anderen fielen gleich wieder in die
Betten zurück, ich war aber gänzlich wach und lief zu Amalia. Sie stand beim
Fenster und hielt einen Brief in der Hand, den ihr eben ein Mann durch das
Fenster gereicht hatte, der Mann wartete noch auf Antwort. Amalia hatte den
Brief - er war kurz - schon gelesen und hielt ihn in der schlaff hinabhängenden
Hand; wie liebte ich sie, immer wenn sie so müde war. Ich kniete neben ihr
nieder und las so den Brief. Kaum war ich fertig, nahm ihn Amalia, nach einem
kurzen Blick auf mich, wieder auf, brachte es aber nicht mehr über sich, ihn zu
lesen, zerriß ihn, warf die Fetzen dem Mann draußen ins Gesicht und schloß das
Fenster. Das war jener entscheidende Morgen. Ich nenne ihn entscheidend, aber
jeder Augenblick des vorhergehenden Nachmittags ist ebenso entscheidend
gewesen.« - »Und was stand in dem Brief?« fragte K. »Ja, das habe ich noch
nicht erzählt«, sagte Olga. »Der Brief war von Sortini, adressiert war er an
das Mädchen mit dem Granatenhalsband. Den Inhalt kann ich nicht wiedergeben. Es
war eine Aufforderung, zu ihm in den Herrenhof zu kommen, und zwar sollte
Amalia sofort kommen, denn in einer halben Stunde mußte Sortini wegfahren. Der
Brief war in den gemeinsten Ausdrücken gehalten, die ich noch nie gehört hatte
und nur aus dem Zusammenhang halb erriet. Wer Amalia nicht kannte und nur
diesen Brief gelesen hatte, mußte das Mädchen, an das jemand so zu schreiben
gewagt hatte, für entehrt halten, auch wenn es gar nicht berührt worden sein
sollte. Und es war kein Liebesbrief, kein Schmeichelwort war darin, Sortini war
vielmehr offenbar böse, daß der Anblick Amalias ihn ergriffen, ihn von seinen
Geschäften abgehalten hatte. Wir legten es uns später so zurecht, daß Sortini
wahrscheinlich gleich abends hatte ins Schloß fahren wollen, nur Amalias wegen
im Dorf geblieben war und am Morgen, voll Zorn darüber, daß es ihm auch in der
Nacht nicht gelungen war, Amalia zu vergessen, den Brief geschrieben hatte. Man
mußte dem Brief gegenüber zuerst empört sein, auch die Kaltblütigste, dann aber
hätte bei einer anderen als Amalia wahrscheinlich vor dem bösen, drohenden Ton
die Angst überwogen, bei Amalia blieb es bei der Empörung, Angst kennt sie
nicht, nicht für sich, nicht für andere. Und während ich mich dann wieder ins
Bett verkroch und mir den abgebrochenen Schlußsatz wiederholte: ›Daß du also
gleich kommst, oder -!‹ blieb Amalia auf der Fensterbank und sah hinaus, als
erwarte sie noch weitere Boten und sei bereit, jeden so zu behandeln wie den
ersten.« - »Das sind also die Beamten«, sagte K. zögernd, »solche Exemplare
findet man unter ihnen. Was hat dein Vater gemacht? Ich hoffe, er hat sich
kräftig an zuständiger Stelle über Sortini beschwert, wenn er nicht den
kürzeren und sicheren Weg in den Herrenhof vorgezogen hat. Das allerhäßlichste
an der Geschichte ist ja nicht die Beleidigung Amalias, die konnte leicht
gutgemacht werden, ich weiß nicht, warum du so übermäßig großes Gewicht gerade
darauf legst; warum sollte Sortini mit einem solchen Brief Amalia für immer
bloßgestellt haben, nach deiner Erzählung könnte man das glauben, gerade das
ist aber doch nicht möglich, eine Genugtuung war Amalia leicht zu verschaffen,
und in ein paar Tagen war der Vorfall vergessen; Sortini hat nicht Amalia
bloßgestellt, sondern sich selbst. Vor Sortini also schrecke ich zurück, vor
der Möglichkeit, daß es einen solchen Mißbrauch der Macht gibt. Was in diesem
Fall mißlang, weil es klipp und klar gesagt und völlig durchsichtig war und an
Amalia einen überlegenen Gegner fand, kann in tausend anderen Fällen, bei nur
ein wenig ungünstigeren Fällen, völlig gelingen und kann sich jedem Blick
entziehen, auch dem Blick des Mißbrauchten.«
»Still«, sagte Olga, »Amalia sieht herüber.« Amalia hatte die Fütterung der
Eltern beendet und war jetzt daran, die Mutter auszuziehen; sie hatte ihr
gerade den Rock losgebunden, hing sich die Arme der Mutter um den Hals, hob sie
so ein wenig, streifte ihr den Rock ab und setzte sie dann sanft wieder nieder.
Der Vater, immer unzufrieden damit, daß die Mutter zuerst bedient wurde - was
aber offenbar nur deshalb geschah, weil die Mutter noch hilfloser war als er -
, versuchte, vielleicht auch, um die Tochter für ihre vermeintliche Langsamkeit
zu strafen, sich selbst zu entkleiden, aber obwohl er bei dem Unnötigsten und
Leichtesten anfing, den übergroßen Pantoffeln, in welchen seine Füße nur lose
staken, wollte es ihm auf keine Weise gelingen, sie abzustreifen; er mußte es
unter heiserem Röcheln bald aufgeben und lehnte wieder steif in seinem Stuhl.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










»Das Entscheidende erkennst du nicht«, sagte Olga, »du magst ja recht haben mit
allem, aber das Entscheidende war, daß Amalia nicht in den Herrenhof ging; wie
sie den Boten behandelt hatte, das mochte an sich noch hingehen, das hätte sich
vertuschen lassen; damit aber, daß sie nicht hinging, war der Fluch über unsere
Familie ausgesprochen, und nun war allerdings auch die Behandlung des Boten
etwas Unverzeihliches, ja, es wurde sogar für die Öffentlichkeit in den
Vordergrund geschoben.« - »Wie!« rief K. und dämpfte sofort die Stimme, da Olga
bittend die Hände hob. »Du, die Schwester, sagst doch nicht etwa, daß Amalia
Sortini hätte folgen und in den Herrenhof hätte laufen sollen?« »Nein«, sagte
Olga, »möge ich beschützt werden vor derartigem Verdacht; wie kannst du das
glauben? Ich kenne niemanden, der so fest im Recht wäre wie Amalia bei allem,
was sie tut. Wäre sie in den Herrenhof gegangen, hätte ich ihr freilich ebenso
recht gegeben; daß sie aber nicht gegangen ist, war heldenhaft. Was mich
betrifft, ich gestehe es dir offen, wenn ich einen solchen Brief bekommen
hätte, ich wäre gegangen. Ich hätte die Furcht vor dem Kommenden nicht
ertragen, das konnte nur Amalia. Es gab ja manche Auswege, eine andere hätte
sich zum Beispiel recht schön geschmückt, und es wäre ein Weilchen darüber
vergangen, und dann wäre sie in den Herrenhof gekommen und hätte erfahren, daß
Sortini schon fort, vielleicht, daß er gleich nach Entsendung des Boten
weggefahren sei, etwas, was sogar sehr wahrscheinlich ist, denn die Launen der
Herren sind flüchtig. Aber Amalia tat das nicht und nichts Ähnliches, sie war
zu tief beleidigt und antwortete ohne Vorbehalt. Hätte sie nur irgendwie zum
Schein gefolgt, nur die Schwelle des Herrenhofes zur Zeit gerade überschritten,
das Verhängnis hätte sich abwenden lassen, wir haben hier sehr kluge Advokaten,
die aus einem Nichts alles, was man nur will, zu machen verstehen, aber in
diesem Fall war nicht einmal das günstige Nichts vorhanden; im Gegenteil, es
war noch die Entwürdigung des Sortinischen Briefes da und die Beleidigung des
Boten.« - »Aber was für ein Verhängnis denn«, sagte K., »was für Advokaten; man
konnte doch wegen der verbrecherischen Handlungsweise Sortinis nicht Amalia
anklagen oder gar bestrafen?« - »Doch«, sagte Olga, »das konnte man; freilich
nicht nach einem regelrechten Prozeß, und man bestrafte sie auch nicht
unmittelbar, wohl aber bestrafte man sie auf andere Weise, sie und unsere ganze
Familie, und wie schwer diese Strafe ist, das fängst du wohl an zu erkennen.
Dir scheint das ungerecht und ungeheuerlich, das ist eine im Dorf völlig
vereinzelte Meinung, sie ist uns sehr günstig und sollte uns trösten, und so
wäre es auch, wenn sie nicht sichtlich auf Irrtümer zurückginge. Ich kann dir
das leicht beweisen, verzeih, wenn ich dabei von Frieda spreche, aber zwischen
Frieda und Klamm ist - abgesehen davon, wie es sich schließlich gestaltet hat -
etwas ganz Ähnliches vorgegangen wie zwischen Amalia und Sortini, und doch
findest du das, wenn du auch anfangs erschrocken sein magst, jetzt schon
richtig. Und das ist nicht Gewöhnung, so abstumpfen kann man durch Gewöhnung
nicht, wenn es sich um einfache Beurteilung handelt, das ist bloß Ablegen von
Irrtümern.« - »Nein, Olga«, sagte K., »ich weiß nicht, warum du Frieda in die
Sache hineinziehst, der Fall wäre doch gänzlich anders, misch nicht so
Grundverschiedenes durcheinander und erzähle weiter.« - »Bitte«, sagte Olga,
»nimm es mir nicht übel, wenn ich auf dem Vergleich bestehe, es ist ein Rest
von Irrtümern, auch hinsichtlich Friedas noch, wenn du sie gegen einen
Vergleich verteidigen zu müssen glaubst. Sie ist gar nicht zu verteidigen,
sondern nur zu loben. Wenn ich die Fälle vergleiche, so sage ich ja nicht, daß
sie gleich sind; sie verhalten sich zueinander wie Weiß und Schwarz, und Weiß
ist Frieda. Schlimmstenfalls kann man über Frieda lachen, wie ich es
unartigerweise - ich habe es später sehr bereut - im Ausschank getan habe, aber
selbst wer hier lacht, ist schon boshaft oder neidisch, immerhin, man kann
lachen.
Amalia aber kann man, wenn man nicht durch Blut mit ihr verbunden ist, nur
verachten. Deshalb sind es zwar grundverschiedene Fälle, wie du sagst, aber
doch auch ähnliche.« - »Sie sind auch nicht ähnlich«, sagte K. und schüttelte
unwillig den Kopf, »laß Frieda beiseite, Frieda hat keinen solchen sauberen
Brief wie Amalia von Sortini bekommen, und Frieda hat Klamm wirklich geliebt,
und wer es bezweifelt, kann sie fragen, sie liebt ihn noch heute.« - »Sind das
aber große Unterschiede?« fragte Olga. »Glaubst du, Klamm hätte Frieda nicht
ebenso schreiben können? Wenn die Herren vom Schreibtisch aufstehen, sind sie
so, sie finden sich in der Welt nicht zurecht, sie sagen dann in der
Zerstreutheit das Allergröbste, nicht alle, aber viele. Der Brief an Amalia
kann ja in Gedanken, in völliger Nichtachtung des wirklich Geschriebenen auf
das Papier geworfen worden sein. Was wissen wir von den Gedanken der Herren?
Hast du nicht selbst gehört oder es erzählen hören, in welchem Ton Klamm mit
Frieda verkehrt hat? Von Klamm ist es bekannt, daß er sehr grob ist; er spricht
angeblich stundenlang nicht, und dann sagt er plötzlich eine derartige
Grobheit, daß es einen schaudert. Von Sortini ist das nicht bekannt, wie er ja
überhaupt sehr unbekannt ist. Eigentlich weiß man von ihm nur, daß sein Name
dem Sordinis ähnlich ist; wäre nicht diese Namensähnlichkeit, würde man ihn
wahrscheinlich gar nicht kennen. Auch als Feuerwehrfachmann verwechselt man ihn
wahrscheinlich mit Sordini, welcher der eigentliche Fachmann ist und die
Namensähnlichkeit ausnützt, um besonders die Repräsentationspflichten auf
Sortini abzuwälzen und so in seiner Arbeit ungestört zu bleiben. Wenn nun ein
solcher weltungewandter Mann wie Sortini plötzlich von Liebe zu einem
Dorfmädchen ergriffen wird, so nimmt das natürlich andere Formen an, als wenn
der Tischlergehilfe von nebenan sich verliebt. Auch muß man bedenken, daß
zwischen einem Beamten und einer Schusterstochter doch ein großer Abstand
besteht, der irgendwie überbrückt werden muß, Sortini versuchte es auf diese
Art, ein anderer mag's anders machen. Zwar heißt es, daß wir alle zum Schloß
gehören und gar kein Abstand besteht und nichts zu überbrücken ist, und das
stimmt auch vielleicht für gewöhnlich, aber wir haben leider Gelegenheit gehabt
zu sehen, daß es, gerade, wenn es darauf ankommt, gar nicht stimmt. Jedenfalls
wird dir nach dem allem die Handlungsweise Sortinis verständlicher, weniger
ungeheuerlich geworden sein, und sie ist tatsächlich, mit jener Klamms
verglichen, viel verständlicher und, selbst wenn man ganz nah beteiligt ist,
viel erträglicher. Wenn Klamm einen zarten Brief schreibt, ist es peinlicher
als der gröbste Brief Sortinis. Verstehe mich dabei recht, ich wage nicht, über
Klamm zu urteilen, ich vergleiche nur, weil du dich gegen den Vergleich wehrst.
Klamm ist doch wie ein Kommandant über den Frauen, befiehlt bald dieser, bald
jener, zu ihm zu kommen, duldet keine lange, und so, wie er zu kommen befiehlt,
befiehlt er auch zu gehen. Ach, Klamm würde sich gar nicht die Mühe geben, erst
einen Brief zu schreiben. Und ist es nun im Vergleich damit noch immer
ungeheuerlich, wenn der ganz zurückgezogen lebende Sortini, dessen Beziehungen
zu Frauen zumindest unbekannt sind, einmal sich niedersetzt und in seiner
schönen Beamtenschrift einen allerdings abscheulichen Brief schreibt? Und wenn
sich also hier kein Unterschied zu Klamms Gunsten ergibt, sondern das
Gegenteil, so sollte ihn Friedas Liebe bewirken? Das Verhältnis der Frauen zu
den Beamten ist, glaube mir, sehr schwer oder vielmehr immer sehr leicht zu
beurteilen. Hier fehlt es an Liebe nie. Unglückliche Beamtenliebe gibt es
nicht. Es ist in dieser Hinsicht kein Lob, wenn man von einem Mädchen sagt -
ich rede hier bei weitem nicht nur von Frieda -, daß sie sich dem Beamten nur
deshalb hingegeben hat, weil sie ihn liebte. Sie liebte ihn und hat sich ihm
hingegeben, so war es, aber zu loben ist dabei nichts. Amalia aber hat Sortini
nicht geliebt, wendest du ein. Nun ja, sie hat ihn nicht geliebt, aber
vielleicht hat sie ihn doch geliebt, wer kann das entscheiden? Nicht einmal sie
selbst. Wie kann sie glauben, ihn nicht geliebt zu haben, wenn sie ihn so
kräftig abgewiesen hat, wie wahrscheinlich noch niemals ein Beamter abgewiesen
worden ist? Barnabas sagt, daß sie noch jetzt manchmal zittert von der
Bewegung, mit der sie vor drei Jahren das Fenster zugeschlagen hat. Das ist
auch wahr, und deshalb darf man sie nicht fragen; sie hat mit Sortini
abgeschlossen und weiß nichts mehr als das; ob sie ihn liebt oder nicht, weiß
sie nicht. Wir aber wissen, daß Frauen nicht anders können, als Beamte lieben,
wenn sich diese ihnen einmal zuwenden; ja, sie lieben die Beamten schon vorher,
sosehr sie es leugnen wollen, und Sortini hat sich Amalia ja nicht nur
zugewendet, sondern ist über die Deichsel gesprungen, als er Amalia sah, mit
den von der Schreibtischarbeit steifen Beinen ist er über die Deichsel
gesprungen. Aber Amalia ist ja eine Ausnahme, wirst du sagen. Ja, das ist sie,
das hat sie bewiesen, als sie sich weigerte, zu Sortini zu gehen, das ist der
Ausnahme genug; daß sie nun aber außerdem Sortini auch nicht geliebt haben
sollte, das wäre nun schon der Ausnahme fast zuviel, das wäre gar nicht mehr zu
fassen. Wir waren ja gewiß an jenem Nachmittag mit Blindheit geschlagen, aber
daß wir damals durch allen Nebel etwas von Amalias Verliebtheit zu bemerken
glaubten, zeigte doch wohl noch etwas Besinnung. Wenn man aber das alles
zusammenhält, was bleibt dann für ein Unterschied zwischen Frieda und Amalia?
Einzig der, daß Frieda tat, was Amalia verweigert hat.« - »Mag sein«, sagte K.,
»für mich aber ist der Hauptunterschied der, daß Frieda meine Braut ist, Amalia
aber mich im Grunde nur so weit bekümmert, als sie die Schwester des Barnabas,
des Schloßboten, ist und ihr Schicksal in den Dienst des Barnabas vielleicht
mit verflochten ist. Hätte ihr ein Beamter ein derart schreiendes Unrecht
getan, wie es nach deiner Erzählung anfangs mir schien, hätte mich das sehr
beschäftigt, aber auch dies viel mehr als öffentliche Angelegenheit denn als
persönliches Leid Amalias. Nun ändert sich aber nach deiner Erzählung das Bild
in einer mir zwar nicht ganz verständlichen, aber, da du es bist, die erzählt,
in einer genügend glaubwürdigen Weise, und ich will diese Sache deshalb sehr
gern völlig vernachlässigen, ich bin kein Feuerwehrmann, was kümmert mich
Sortini. Wohl aber kümmert mich Frieda, und da ist es mir sonderbar, wie du,
der ich völlig vertraute und gerne immer vertrauen will, Frieda auf dem Umweg
über Amalia immerfort anzugreifen und mir verdächtig zu machen suchst. Ich
nehme nicht an, daß du das mit Absicht oder gar mit böser Absicht tust; sonst
hätte ich doch schon längst fortgehen müssen. Du tust es nicht mit Absicht, die
Umstände verleiten dich dazu; aus Liebe zu Amalia willst du sie hoch erhaben
über alle Frauen hinstellen, und da du in Amalia selbst zu diesem Zwecke nicht
genug Rühmenswertes findest, hilfst du dir damit, daß du andere Frauen
verkleinerst. Amalias Tat ist merkwürdig, aber je mehr du von dieser Tat
erzählst, desto weniger läßt es sich entscheiden, ob sie groß oder klein, klug
oder töricht, heldenhaft oder feig gewesen ist, ihre Beweggründe hält Amalia in
ihrer Brust verschlossen, niemand wird sie ihr entreißen. Frieda dagegen hat
gar nichts Merkwürdiges getan, sondern ist nur ihrem Herzen gefolgt, für jeden,
der sich gutwillig damit befaßt, ist das klar, jeder kann es nachprüfen, für
Klatsch ist kein Raum. Ich aber will weder Amalia heruntersetzen noch Frieda
verteidigen, sondern dir nur klarmachen, wie ich mich zu Frieda verhalte und
wie jeder Angriff gegen Frieda gleichzeitig ein Angriff gegen meine Existenz
ist. Ich bin aus eigenem Willen hierhergekommen, und aus eigenem Willen habe
ich mich hier festgehakt, aber alles, was seither geschehen ist, und vor allem
meine Zukunftsaussichten - so trübe sie auch sein mögen, immerhin, sie
bestehen -, alles dies verdanke ich Frieda, das läßt sich nicht wegdiskutieren.
Ich war hier zwar als Landvermesser aufgenommen, aber das war nur scheinbar,
man spielte mit mir, man trieb mich aus jedem Haus, man spielt auch heute mit
mir, aber wieviel umständlicher ist das, ich habe gewissermaßen an Umfang
gewonnen, und das bedeutet schon etwas, ich habe, so geringfügig das alles ist,
doch scheint ein Heim, eine Stellung und wirkliche Arbeit, ich habe eine Braut,
die, wenn ich andere Geschäfte habe, mir die Berufsarbeit abnimmt, ich werde
sie heiraten und Gemeindemitglied werden, ich habe außer den amtlichen auch
noch eine, bisher freilich unausnützbare, persönliche Beziehung zu Klamm. Das
ist doch wohl nicht wenig? Und wenn ich zu euch komme, wen begrüßt ihr? Wem
vertraust du die Geschichte euerer Familie an? Von wem erhoffst du die
Möglichkeit, sei es auch nur die winzige, unwahrscheinliche Möglichkeit
irgendeiner Hilfe? Doch wohl nicht von mir, dem Landvermesser, den zum Beispiel
noch vor einer Woche Lasemann und Brunswick mit Gewalt aus ihrem Haus gedrängt
haben, sondern du erhoffst das von dem Mann, der schon irgendwelche Machtmittel
hat, diese Machtmittel aber verdanke ich Frieda, Frieda, die so bescheiden ist,
daß sie, wenn du sie nach etwas Derartigem zu fragen versuchen wirst, gewiß
nicht das geringste davon wird wissen wollen. Und doch scheint es nach dem
allem, daß Frieda in ihrer Unschuld mehr getan hat als Amalia in allem ihrem
Hochmut; denn sieh, ich habe den Eindruck, daß du Hilfe für Amalia suchst. Und
von wem? Doch eigentlich von keinem anderen als von Frieda?« - »Habe ich
wirklich so häßlich von Frieda gesprochen?« sagte Olga. »Ich wollte es gewiß
nicht und glaube es auch nicht getan zu haben, aber möglich ist es, unsere Lage
ist derart, daß wir mit aller Welt zerfallen sind, und fangen wir zu klagen an,
reißt es uns fort, wir wissen nicht, wohin. Du hast auch recht, es ist ein
großer Unterschied jetzt zwischen uns und Frieda, und es ist gut, ihn einmal zu
betonen. Vor drei Jahren waren wir Bürgermädchen und Frieda, die Waise, Magd im
Brückenhof, wir gingen an ihr vorüber, ohne sie mit dem Blick zu streifen; wir
waren gewiß zu hochmütig, aber wir waren so erzogen worden. An dem Abend im
Herrenhof magst du aber den jetzigen Stand erkannt haben: Frieda mit der
Peitsche in der Hand und ich in dem Haufen der Knechte. Aber es ist ja noch
schlimmer. Frieda mag uns verachten, es entspricht ihrer Stellung, die
tatsächlichen Verhältnisse erzwingen es. Aber wer verachtet uns nicht alles!
Wer sich entschließt, uns zu verachten, kommt gleich in die allergrößte
Gesellschaft. Kennst du die Nachfolgerin Friedas? Pepi heißt sie. Ich habe sie
erst vorgestern abend kennengelernt; bisher war sie Zimmermädchen. Sie
übertrifft gewiß Frieda an Verachtung für mich. Sie sah mich aus dem Fenster,
wie ich Bier holen kam, lief zur Tür und versperrte sie, ich mußte lange bitten
und ihr das Band versprechen, das ich im Haare trug, ehe sie mir aufmachte. Als
ich es ihr aber dann gab, warf sie es in den Winkel. Nun, sie mag mich
verachten, zum Teil bin ich ja auf ihr Wohlwollen angewiesen, und sie ist
Ausschankmädchen im Herrenhof; freilich, sie ist es nur vorläufig und hat gewiß
nicht die Eigenschaften, die nötig sind, um dort dauernd angestellt zu werden.
Man mag nur zuhören, wie der Wirt mit Pepi spricht, und mag es damit
vergleichen, wie er mit Frieda sprach. Aber das hindert Pepi nicht, auch Amalia
zu verachten, Amalia, deren Blick allein genügen würde, die ganze kleine Pepi
mit allen ihren Zöpfen und Maschen so schnell aus dem Zimmer zu schaffen, wie
sie es, nur auf ihre eigenen dicken Beinchen angewiesen, niemals zustande
brächte. Was für ein empörendes Geschwätz mußte ich gestern wieder von ihr über
Amalia anhören, bis sich dann schließlich die Gäste meiner annahmen, in der Art
freilich, wie du es schon einmal gesehen hast.« - »Wie verängstigt du bist«,
sagte K., »ich habe ja nur Frieda auf den ihr gebührenden Platz gestellt, aber
nicht euch herabsetzen wollen, wie du es jetzt auffaßt. Irgend etwas Besonderes
hat euere Familie auch für mich, das habe ich nicht verschwiegen; wie dieses
Besondere aber Anlaß zur Verachtung geben könnte, das verstehe ich nicht.« -
»Ach, K.«, sagte Olga, »auch du wirst es noch verstehen, fürchte ich; daß
Amalias Verhalten gegenüber Sortini der erste Anlaß dieser Verachtung war,
kannst du das auf keine Weise verstehen?« - »Das wäre doch zu sonderbar«, sagte
K., »bewundern oder verurteilen könnte man Amalia deshalb, aber verachten? Und
wenn man, aus mir unverständlichem Gefühl, wirklich Amalia verachtet, warum
dehnt man die Verachtung auf euch aus, auf die unschuldige Familie? Daß zum
Beispiel Pepi dich verachtet, ist ein starkes Stück, und ich will, wenn ich
wieder einmal in den Herrenhof komme, es ihr heimzahlen.« - »Wolltest du, K.«,
sagte Olga, »alle unsere Verräter umstimmen, das wäre eine harte Arbeit, denn
alles geht vom Schloß aus. Ich erinnere mich noch genau an den Vormittag, der
jenem Morgen folgte. Brunswick, der damals unser Gehilfe war, war gekommen wie
jeden Tag, der Vater hatte ihm Arbeit zugeteilt und ihn nach Hause geschickt,
wir saßen dann beim Frühstück, alle, bis auf Amalia und mich, waren sehr
lebhaft, der Vater erzählte immerfort von dem Fest, er hatte hinsichtlich der
Feuerwehr verschiedene Pläne, im Schloß ist nämlich eine eigene Feuerwehr, die
zu dem Fest auch eine Abordnung geschickt hatte, mit der manches besprochen
worden war, die anwesenden Herren aus dem Schloß hatten die Leistungen unserer
Feuerwehr gesehen, sich sehr günstig über sie ausgesprochen, die Leistungen der
Schloßfeuerwehr damit verglichen, das Ergebnis war uns günstig, man hatte von
der Notwendigkeit einer Neuorganisation der Schloßfeuerwehr gesprochen, dazu
waren Instruktoren aus dem Dorf nötig, es kamen zwar einige dafür in Betracht,
aber der Vater hatte doch Hoffnung, daß die Wahl auf ihn fallen werde. Davon
sprach er nun, und wie es so seine liebe Art war, sich bei Tisch recht
auszubreiten, saß er da, mit den Armen den halben Tisch umfassend, und wie er
aus dem offenen Fenster zum Himmel aufsah, war sein Gesicht so jung und
hoffnungsfreudig; niemals mehr sollte ich ihn so sehen. Da sagte Amalia mit
einer Überlegenheit, die wir an ihr nicht kannten, solchen Reden der Herren
müsse man nicht sehr vertrauen, die Herren pflegen bei derartigen Gelegenheiten
gern etwas Gefälliges zu sagen, aber Bedeutung habe das wenig oder gar nicht,
kaum gesprochen, sei es schon für immer vergessen, freilich bei der nächsten
Gelegenheit gehe man ihnen wieder auf den Leim. Die Mutter verwies ihr solche
Reden, der Vater lachte nur über ihre Altklugheit und Vielerfahrenheit, dann
aber stutzte er, schien etwas zu suchen, dessen Fehlen er erst jetzt merkte,
aber es fehlte doch nichts, und sagte: Brunswick habe etwas von einem Boten und
einem zerrissenen Brief erzählt, und er fragte, ob wir etwas davon wußten, wen
es betreffe und wie es sich damit verhalte. Wir schwiegen, Barnabas, damals
noch jung wie ein Lämmchen, sagte irgend etwas besonders Dummes oder Keckes,
man sprach von anderem, und die Sache kam in Vergessenheit.«
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                                Amalias Strafe
»Aber kurz darauf wurden wir schon von allen Seiten mit Fragen wegen der
Briefgeschichte überschüttet, es kamen Freunde und Feinde, Bekannte und Fremde;
man blieb aber nicht lange, die besten Freunde verabschiedeten sich am
allereiligsten. Lasemann, immer sonst langsam und würdig, kam herein, so, als
wolle er nur das Ausmaß der Stube prüfen, ein Blick im Umkreis, und er war
fertig, es sah wie ein schreckliches Kinderspiel aus, als Lasemann sich
flüchtete und der Vater von anderen Leuten sich losmachte und hinter ihm her
eilte bis zur Schwelle des Hauses und es dann aufgab; Brunswick kam und
kündigte dem Vater; er wolle sich selbständig machen, sagte er ganz ehrlich,
ein kluger Kopf, der den Augenblick zu nützen verstand; Kundschaften kamen und
suchten in Vaters Lagerraum ihre Stiefel hervor, die sie zur Reparatur hier
liegen hatten, zuerst versuchte der Vater, die Kundschaften umzustimmen - und
wir alle unterstützten ihn nach unseren Kräften -, später gab es der Vater auf
und half stillschweigend den Leuten beim Suchen, im Auftragsbuch wurde Zeile
für Zeile gestrichen, die Ledervorräte, welche die Leute bei uns hatten, wurden
herausgegeben, Schulden bezahlt, alles ging ohne den geringsten Streit, man war
zufrieden, wenn es gelang, die Verbindung mit uns schnell und vollständig zu
lösen, mochte man dabei auch Verluste haben, das kam nicht in Betracht. Und
schließlich, was ja vorauszusehen war, erschien Seemann, der Obmann der
Feuerwehr; ich sehe die Szene noch vor mir: Seemann, groß und stark, aber ein
wenig gebeugt und lungenkrank, immer ernst, er kann gar nicht lachen, steht vor
meinem Vater, den er bewundert hat, dem er in vertrauten Stunden die Stelle
eines Obmannstellvertreters in Aussicht gestellt hat, und soll ihm nun
mitteilen, daß ihn der Verein verabschiedet und um Rückgabe des Diploms
ersucht. Die Leute, die gerade bei uns waren, ließen ihre Geschäfte ruhen und
drängten sich im Kreis um die zwei Männer. Seemann kann nichts sagen, klopft
nur immerfort dem Vater auf die Schulter, so, als wolle er dem Vater die Worte
ausklopfen, die er selbst sagen soll und nicht finden kann. Dabei lacht er
immerfort, wodurch er wohl sich und alle ein wenig beruhigen will; aber da er
nicht lachen kann und man ihn noch niemals lachen gehört, fällt es niemandem
ein zu glauben, daß das ein Lachen sei. Der Vater aber ist von diesem Tag schon
zu müde und verzweifelt, um jemandem helfen zu können, ja, er scheint zu müde,
um überhaupt nachzudenken, worum es sich handelt. Wir waren ja alle in gleicher
Weise verzweifelt, aber da wir jung waren, konnten wir an einen solchen
vollständigen Zusammenbruch nicht glauben, immer dachten wir, daß in der Reihe
der vielen Besucher endlich doch jemand kommen werde, der Halt befiehlt und
alles wieder zu einer rückläufigen Bewegung zwingt. Seemann erschien uns in
unserem Unverstand dafür besonders geeignet. Mit Spannung warteten wir, daß
sich aus diesem fortwährenden Lachen endlich das klare Wort loslösen werde.
Worüber war denn jetzt zu lachen, doch nur über das dumme Unrecht, das uns
geschah. Herr Obmann, Herr Obmann, sagen Sie es doch endlich den Leuten,
dachten wir und drängten uns an ihn heran, was ihn aber nur zu merkwürdigen
Drehbewegungen veranlaßte. Endlich fing er, zwar nicht, um unsere geheimen
Wünsche zu erfüllen, sondern um den aufmunternden oder ärgerlichen Zurufen der
Leute zu entsprechen, doch zu reden an. Noch immer hatten wir Hoffnung. Er
begann mit großem Lob des Vaters. Nannte ihn eine Zierde des Vereins, ein
unerreichbares Vorbild des Nachwuchses, ein unentbehrliches Mitglied, dessen
Ausscheiden den Verein fast zerstören müsse. Das war alles sehr schön; hätte er
doch hier geendet! Aber er sprach weiter. Wenn sich nun trotzdem der Verein
entschlossen habe, den Vater, vorläufig allerdings nur, um den Abschied zu
ersuchen, werde man den Ernst der Gründe erkennen, die den Verein dazu zwangen.
Vielleicht hätte es ohne die glänzenden Leistungen des Vaters am gestrigen Fest
gar nicht so weit kommen müssen, aber eben diese Leistungen hätten die amtliche
Aufmerksamkeit besonders erregt; der Verein stand jetzt in vollem Licht und
müsse auf seine Reinheit noch mehr bedacht sein als früher. Und nun war die
Beleidigung des Boten geschehen, da habe der Verein keinen anderen Ausweg
gefunden und er, Seemann, habe das schwere Amt übernommen, es zu melden. Der
Vater möge es ihm nicht noch mehr erschweren. Wie froh war Seemann, das
hervorgebracht zu haben, aus Zuversicht darüber war er nicht einmal mehr
übertrieben rücksichtsvoll, er zeigte auf das Diplom, das an der Wand hing, und
winkte mit dem Finger. Der Vater nickte und ging es holen, konnte es aber mit
den zitternden Händen nicht vom Haken bringen; ich stieg auf einen Sessel und
half ihm. Und von diesem Augenblick an war alles zu Ende; er nahm das Diplom
nicht einmal mehr aus dem Rahmen, sondern gab Seemann alles, wie es war. Dann
setzte er sich in einen Winkel, rührte sich nicht und sprach mit niemandem
mehr, wir mußten mit den Leuten allein verhandeln, so gut es ging.« - »Und
worin siehst du hier den Einfluß des Schlosses?« fragte K. »Vorläufig scheint
es noch nicht eingegriffen zu haben. Was du bisher erzählt hast, war nur
gedankenlose Ängstlichkeit der Leute, Freude am Schaden des Nächsten,
unzuverlässige Freundschaft, Dinge, die überall anzutreffen sind, und auf
seiten deines Vaters allerdings auch - wenigstens scheint es mir so - eine
gewisse Kleinlichkeit; denn jenes Diplom, was war es? Bestätigung seiner
Fähigkeiten, und die behielt er doch, machten sie ihn unentbehrlich, desto
besser, und er hätte dem Obmann die Sache wirklich schwer nur dadurch gemacht,
daß er ihm das Diplom gleich beim zweiten Wort vor die Füße geworfen hätte.
Besonders bezeichnend scheint mir aber, daß du Amalia gar nicht erwähnst,
Amalia, die doch alles verschuldet hatte, stand wahrscheinlich ruhig im
Hintergrund und betrachtete die Verwüstung.« - »Nein«, sagte Olga, »niemandem
ist ein Vorwurf zu machen, niemand konnte anders handeln, das alles war schon
Einfluß des Schlosses.« - »Einfluß des Schlosses«, wiederholte Amalia, die
unvermerkt vom Hofe her eingetreten war, die Eltern lagen längst zu Bett.
»Schloßgeschichten werden erzählt? Noch immer sitzt ihr beisammen? Und du
hattest dich doch gleich verabschieden wollen, K., und nun geht es schon auf
zehn. Bekümmern dich denn solche Geschichten überhaupt? Es gibt hier Leute, die
sich von solchen Geschichten nähren, sie setzen sich zusammen, so wie ihr hier
sitzt, und traktieren sich gegenseitig; du scheinst mir aber nicht zu diesen
Leuten zu gehören.« - »Doch«, sagte K., »ich gehöre genau zu ihnen; dagegen
machen Leute, die sich um solche Geschichten nicht bekümmern und nur andere
sich bekümmern lassen, nicht viel Eindruck auf mich.« - »Nun ja«, sagte Amalia,
»aber das Interesse der Leute ist ja sehr verschiedenartig, ich hörte einmal
von einem jungen Mann, der beschäftigte sich mit den Gedanken an das Schloß bei
Tag und Nacht, alles andere vernachlässigte er, man fürchtete für seinen
Alltagsverstand, weil sein ganzer Verstand oben im Schloß war. Schließlich aber
stellte es sich heraus, daß er nicht eigentlich das Schloß, sondern nur die
Tochter einer Aufwaschfrau in den Kanzleien gemeint hatte, die bekam er nun
allerdings und dann war alles wieder gut.« »Der Mann würde mir gefallen, glaube
ich«, sagte K. »Daß dir der Mann gefallen würde«, sagte Amalia, »bezweifle ich,
aber vielleicht seine Frau. Nun laßt euch aber nicht stören, ich gehe
allerdings schlafen, und auslöschen werde ich müssen, der Eltern wegen; sie
schlafen zwar gleich fest ein, aber nach einer Stunde ist schon der eigentliche
Schlaf zu Ende, und dann stört sie der kleinste Schein. Gute Nacht.« Und
wirklich wurde es gleich finster. Amalia machte sich wohl irgendwo auf der Erde
beim Bett der Eltern ihr Lager zurecht. »Wer ist denn dieser junge Mann, von
dem sie sprach?« fragte K. »Ich weiß nicht«, sagte Olga. »Vielleicht Brunswick,
obwohl es für ihn nicht ganz paßt, vielleicht aber auch ein anderer. Es ist
nicht leicht, sie genau zu verstehen, weil man oft nicht weiß, ob sie ironisch
oder ernst spricht. Meistens ist es ja ernst, aber es klingt ironisch.« - »Laß
die Deutungen!« sagte K. »Wie kamst du denn in diese große Abhängigkeit von
ihr? War es schon vor dem großen Unglück so? Oder erst nachher? Und hast du
niemals den Wunsch, von ihr unabhängig zu werden? Und ist denn diese
Abhängigkeit irgendwie vernünftig begründet? Sie ist die Jüngste und hat als
solche zu gehorchen. Sie hat, schuldig oder unschuldig, das Unglück über die
Familie gebracht. Statt dafür jeden neuen Tag jeden von euch von neuem um
Verzeihung zu bitten, trägt sie den Kopf höher als alle, kümmert sich um nichts
als knapp gnadenweise um die Eltern, will in nichts eingeweiht werden, wie sie
sich ausdrückt, und wenn sie endlich einmal mit euch spricht, dann ist es
meistens ernst, aber es klingt ironisch. Oder herrscht sie etwa durch ihre
Schönheit, die du manchmal erwähnst? Nun, ihr seid euch alle drei sehr ähnlich,
das aber, wodurch sie sich von euch zweien unterscheidet, ist durchaus zu ihren
Ungunsten, schon als ich sie zum erstenmal sah, schreckte mich ihr stumpfer,
liebloser Blick ab. Und dann ist sie zwar die Jüngste, aber davon merkt man
nichts in ihrem Äußeren, sie hat das alterlose Aussehen der Frauen, die kaum
altern, die aber auch kaum jemals eigentlich jung gewesen sind. Du siehst sie
jeden Tag, du merkst gar nicht die Härte ihres Gesichtes. Darum kann ich auch
Sortinis Neigung, wenn ich es überlege, nicht einmal sehr ernst nehmen,
vielleicht wollte er sie mit dem Brief nur strafen, aber nicht rufen.« - »Von
Sortini will ich nicht reden«, sagte Olga. »Bei den Herren im Schloß ist alles
möglich, ob es nun um das schönste oder um das häßlichste Mädchen geht. Sonst
aber irrst du hinsichtlich Amalias vollkommen. Sieh, ich habe doch keinen
Anlaß, dich für Amalia besonders zu gewinnen, und versuche ich es dennoch, tue
ich es nur deinetwegen. Amalia war irgendwie die Ursache unseres Unglücks, das
ist gewiß, aber selbst der Vater, der doch am schwersten von dem Unglück
getroffen war und sich in seinen Worten niemals sehr beherrschen konnte, gar zu
Hause nicht, selbst der Vater hat Amalia auch in den schlimmsten Zeiten kein
Wort des Vorwurfs gesagt. Und das nicht etwa deshalb, weil er Amalias Vorgehen
gebilligt hätte; wie hätte er, ein Verehrer Sortinis, es billigen können; nicht
von der Ferne konnte er es verstehen; sich und alles, was er hatte, hätte er
Sortini wohl gern zum Opfer gebracht, allerdings nicht so, wie es jetzt
wirklich geschah, unter Sortinis wahrscheinlichem Zorn. Wahrscheinlichem Zorn,
denn wir erfuhren nichts mehr von Sortini; war er bisher zurückgezogen gewesen,
so war er es von jetzt ab, als sei er überhaupt nicht mehr. Und nun hättest du
Amalia sehen sollen in jener Zeit. Wir alle wußten, daß keine ausdrückliche
Strafe kommen werde. Man zog sich nur von uns zurück. Die Leute hier wie auch
das Schloß. Während man aber den Rückzug der Leute natürlich merkte, war vom
Schloß gar nichts zu merken. Wir hatten ja früher auch keine Fürsorge des
Schlosses gemerkt, wie hätten wir jetzt einen Umschwung merken können. Diese
Ruhe war das Schlimmste. Bei weitem nicht der Rückzug der Leute, sie hatten es
ja nicht aus irgendeiner Überzeugung getan, hatten vielleicht auch gar nichts
Ernstliches gegen uns, die heutige Verachtung bestand noch gar nicht, nur aus
Angst hatten sie es getan, und jetzt warteten sie, wie es weiter ausgehen
werde. Auch Not hatten wir noch keine zu fürchten, alle Schuldner hatten uns
gezahlt, die Abschlüsse waren vorteilhaft gewesen, was uns an Lebensmitteln
fehlte, darin halfen uns im geheimen Verwandte aus, es war leicht, es war ja in
der Erntezeit, allerdings Felder hatten wir keine, und mitarbeiten ließ man uns
nirgends, wir waren zum erstenmal im Leben fast zum Müßiggang verurteilt. Und
nun saßen wir beisammen, bei geschlossenen Fenstern, in der Hitze des Juli und
August. Es geschah nichts. Keine Vorladung, keine Nachricht, kein Bericht, kein
Besuch, nichts.« - »Nun«, sagte K., »da nichts geschah und auch keine
ausdrückliche Strafe zu erwarten war, wovor habt ihr euch gefürchtet? Was seid
ihr doch für Leute!« - »Wie soll ich es dir erklären?« sagte Olga. »Wir
fürchteten nichts Kommendes, wir litten schon nur unter dem Gegenwärtigen, wir
waren mitten in der Bestrafung darin. Die Leute im Dorf warteten ja nur darauf,
daß wir zu ihnen kämen, daß der Vater seine Werkstatt wieder aufmachte, daß
Amalia, die sehr schöne Kleider zu nähen verstand, allerdings nur für die
Vornehmsten, wieder zu Bestellungen käme, es tat ja allen Leuten leid, was sie
getan hatten; wenn im Dorf eine angesehene Familie plötzlich ganz ausgeschaltet
wird, hat jeder irgendeinen Nachteil davon, sie hatten, als sie sich von uns
lossagten, nur ihre Pflicht zu tun geglaubt, wir hätten es an ihrer Stelle auch
nicht anders getan. Sie hatten ja auch nicht genau gewußt, worum es sich
gehandelt hatte, nur der Bote war, die Hand voll Papierfetzen, in den Herrenhof
zurückgekommen. Frieda hatte ihn ausgehen und dann wiederkommen gesehen, ein
paar Worte mit ihm gesprochen und das, was sie erfahren hatte, gleich
verbreitet; aber wieder gar nicht aus Feindseligkeit gegen uns, sondern einfach
aus Pflicht, wie es im gleichen Falle die Pflicht jedes anderen gewesen wäre.
Und nun wäre den Leuten, wie ich schon sagte, eine glückliche Lösung des Ganzen
am willkommensten gewesen. Wenn wir plötzlich einmal gekommen wären mit der
Nachricht, daß alles schon in Ordnung sei, daß es zum Beispiel nur ein
inzwischen völlig aufgeklärtes Mißverständnis gewesen sei oder daß es zwar ein
Vergehen gewesen sei, aber es sei schon durch die Tat gutgemacht oder - selbst
das hätte den Leuten genügt - daß es uns durch unsere Verbindungen ins Schloß
gelungen sei, die Sache niederzuschlagen; man hätte uns ganz gewiß wieder mit
offenen Armen aufgenommen, Küsse, Umarmungen, Feste hätte es gegeben, ich habe
Derartiges bei anderen einige Male erlebt. Aber nicht einmal eine solche
Nachricht wäre nötig gewesen; wenn wir nur freigekommen wären und uns
angeboten, die alten Verbindungen wieder aufgenommen hätten, ohne auch nur ein
Wort über die Briefgeschichte zu verlieren, es hätte genügt, mit Freude hätten
alle auf die Besprechung der Sache verzichtet; es war ja, neben der Angst, vor
allem die Peinlichkeit der Sache gewesen, weshalb man sich von uns getrennt
hatte, einfach um nichts von der Sache zu hören, nicht von ihr zu sprechen,
nicht an sie denken, in keiner Weise von ihr berührt werden zu müssen. Wenn
Frieda die Sache verraten hatte, so hatte sie es nicht getan, um sich an ihr zu
freuen, sondern um sich und alle vor ihr zu bewahren, um die Gemeinde darauf
aufmerksam zu machen, daß hier etwas geschehen war, von dem man sich auf das
sorgfältigste fernzuhalten hatte. Nicht wir kamen hier als Familie in Betracht,
sondern nur die Sache und wir nur der Sache wegen, in die wir uns verflochten
hatten. Wenn wir also nur wieder hervorgekommen wären, das Vergangene ruhen
gelassen hätten, durch unser Verhalten gezeigt hätten, daß wir die Sache
überwunden hatten, gleichgültig auf welche Weise, und die Öffentlichkeit so die
Überzeugung gewonnen hätte, daß die Sache, wie immer sie auch beschaffen
gewesen sein mag, nicht wieder zur Besprechung kommen werde, auch so wäre alles
gut gewesen; überall hätten wir die alte Hilfsbereitschaft gefunden, selbst
wenn wir die Sache nur unvollständig vergessen hätten, man hätte es verstanden
und hätte uns geholfen, es völlig zu vergessen. Statt dessen aber saßen wir zu
Hause. Ich weiß nicht, worauf wir warteten, auf Amalias Entscheidung wohl, sie
hatte damals an jenem Morgen die Führung der Familie an sich gerissen und hielt
sie fest. Ohne besondere Veranstaltungen, ohne Befehle, ohne Bitten, fast nur
durch Schweigen. Wir anderen hatten freilich viel zu beraten, es war ein
fortwährendes Flüstern vom Morgen bis zum Abend, und manchmal rief mich der
Vater in plötzlicher Beängstigung zu sich, und ich verbrachte am Bett die halbe
Nacht. Oder manchmal hockten wir uns zusammen, ich und Barnabas, der ja erst
sehr wenig von dem Ganzen verstand und immerfort ganz glühend Erklärungen
verlangte, immerfort die gleichen, er wußte wohl, daß die sorgenlosen Jahre,
die andere seines Alters erwarteten, für ihn nicht mehr vorhanden waren, so
saßen wir zusammen - ganz ähnlich, K., wie wir zwei jetzt - und vergaßen, daß
es Nacht wurde und wieder Morgen. Die Mutter war die Schwächste von uns allen,
wohl weil sie nicht nur das gemeinsame Leid, sondern auch noch jedes einzelnen
Leid mitgelitten hat, und so konnten wir mit Schrecken Veränderungen an ihr
wahrnehmen, die, wie wir ahnten, unserer ganzen Familie bevorstanden. Ihr
bevorzugter Platz war der Winkel eines Kanapees- wir haben es längst nicht
mehr -, es steht in Brunswicks großer Stube, dort saß sie und - man wußte nicht
genau, was es war - schlummerte oder hielt, wie die bewegten Lippen anzudeuten
schienen, lange Selbstgespräche. Es war ja so natürlich, daß wir immerfort die
Briefgeschichte besprachen, kreuz und quer, in allen sicheren Einzelheiten und
allen unsicheren Möglichkeiten, und daß wir immerfort im Aussinnen von Mitteln
zur guten Lösung uns übertrafen, es war natürlich und unvermeidlich, aber nicht
gut, wir kamen ja dadurch immerfort tiefer in das, dem wir entgehen wollten.
Und was halfen denn diese noch so ausgezeichneten Einfälle; keiner war
ausführbar ohne Amalia, alle waren nur Vorbereitungen, sinnlos dadurch, daß
ihre Ergebnisse gar nicht bis zu Amalia kamen und, wenn sie hingekommen wären,
nichts anderes angetroffen hätten als Schweigen. Nun, glücklicherweise verstehe
ich heute Amalia besser als damals. Sie trug mehr als wir alle; es ist
unbegreiflich, wie sie es ertragen hat und noch heute unter uns lebt. Die
Mutter trug vielleicht unser aller Leid, sie trug es, weil es über sie
hereingebrochen ist, und sie trug es nicht lange, daß sie es heute noch
irgendwie trägt, kann man nicht sagen, und schon damals war ihr Sinn verwirrt.
Aber Amalia trug nicht nur das Leid, sondern hatte auch den Verstand, es zu
durchschauen, wir sahen nur die Folgen, sie sah in den Grund, wir hofften auf
irgendwelche kleinen Mittel, sie wußte, das alles entschieden war, wir hatten
zu flüstern, sie hatte nur zu schweigen, Aug in Aug mit der Wahrheit stand sie
und lebte und ertrug dieses Leben damals wie heute. Wie viel besser ging es uns
in aller unserer Not als ihr. Wir mußten freilich unser Haus verlassen;
Brunswick bezog es, man wies uns diese Hütte zu, mit einem Handkarren brachten
wir unser Eigentum in einigen Fahrten hier herüber, Barnabas und ich zogen, der
Vater und Amalia halfen hinten nach, die Mutter, die wir gleich anfangs
hergebracht hatten, empfing uns, auf einer Kiste sitzend, immer mit leisem
Jammern. Aber ich erinnere mich, daß wir, selbst während der mühevollen Fahrten
- die auch sehr beschämend waren, denn öfters begegneten wir Erntewagen, deren
Begleitung vor uns verstummte und die Blicke wandte -, daß wir, Barnabas und
ich, selbst während dieser Fahrten es nicht unterlassen konnten, von unseren
Sorgen und Plänen zu sprechen, daß wir im Gespräch manchmal stehenblieben und
erst das ›Hallo!‹ des Vaters uns an unsere Pflicht wieder erinnerte. Aber alle
Besprechungen änderten auch nach der Übersiedlung unser Leben nicht, nur daß
wir jetzt allmählich auch die Armut zu fühlen bekamen. Die Zuschüsse der
Verwandten hörten auf, unsere Mittel waren fast zu Ende, und gerade in jener
Zeit begann die Verachtung für uns, wie du sie kennst, sich zu entwickeln. Man
merkte, daß wir nicht die Kraft hatten, uns aus der Briefgeschichte
herauszuarbeiten, und man nahm uns das sehr übel, man unterschätzte nicht die
Schwere unseres Schicksals, obwohl man es nicht genau kannte, man wußte, daß
man selbst die Probe wahrscheinlich nicht besser bestanden hätte als wir, aber
um so notwendiger war es, sich von uns völlig zu trennen; man hätte, wenn wir
es überwunden hätten, uns entsprechend hoch geehrt, da es uns aber nicht
gelungen war, tat man das, was man bisher nur vorläufig getan hatte, endgültig:
Man schloß uns aus jedem Kreise aus. Nun sprach man von uns nicht mehr wie von
Menschen, unser Familienname wurde nicht mehr genannt; wenn man von uns
sprechen mußte, nannte man uns nach Barnabas, dem Unschuldigsten von uns,
selbst unsere Hütte geriet in Verruf, und wenn du dich prüfst, wirst du
gestehen, daß auch du beim ersten Eintritt die Berechtigung dieser Verachtung
zu merken glaubtest; später, als wieder manchmal Leute zu uns kamen, rümpften
sie die Nase über ganz belanglose Dinge, etwa darüber, daß die kleine Öllampe
dort über dem Tisch hing. Wo sollte sie denn anders hängen als über dem Tisch,
ihnen aber erschien es unerträglich. Hängten wir aber die Lampe anderswohin,
änderte sich doch nichts an ihrem Widerwillen. Alles, was wir waren und hatten,
traf die gleiche Verachtung.«
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                                   Bittgänge
»Und was taten wir unterdessen? Das Schlimmste, was wir hätten tun können,
etwas, wofür wir gerechter hätten verachtet werden dürfen, als wofür es
wirklich geschah: Wir verrieten Amalia, wir rissen uns los von ihrem
schweigenden Befehl, wir konnten nicht mehr so weiterleben, ganz ohne Hoffnung
konnten wir nicht leben, und wir begannen, jeder auf seine Art, das Schloß zu
bitten oder zu bestürmen, es möge uns verzeihen. Wir wußten zwar, daß wir nicht
imstande waren, etwas gutzumachen, wir wußten auch, daß die einzige
hoffnungsvolle Verbindung, die wir mit dem Schloß hatten, die Sortinis, des
unserem Vater geneigten Beamten, eben durch die Ereignisse uns unzugänglich
geworden war, trotzdem machten wir uns an die Arbeit. Der Vater begann, es
begannen die sinnlosen Bittwege zum Vorsteher, zu den Sekretären, den
Advokaten, den Schreibern, meistens wurde er nicht empfangen, und wenn er durch
List oder Zufall doch empfangen wurde - wie jubelten wir bei solcher Nachricht
und rieben uns die Hände -, wurde er äußerst schnell abgewiesen und nie wieder
empfangen. Es war auch allzu leicht, ihm zu antworten, das Schloß hat es immer
so leicht. Was wollte er denn? Was war ihm geschehen? Wofür wollte er eine
Verzeihung? Wann und von wem war denn im Schloß auch nur ein Finger gegen ihn
gerührt worden? Gewiß, er war verarmt, hatte die Kundschaft verloren und so
fort, aber das waren Erscheinungen des täglichen Lebens, Handwerks- und
Marktangelegenheiten, sollte sich denn das Schloß um alles kümmern? Es kümmert
sich ja in Wirklichkeit um alles, aber es konnte doch nicht grob eingreifen in
die Entwicklung, einfach und zu keinem anderen Zweck, als dem Interesse eines
einzelnen Mannes zu dienen. Sollte es etwa seine Beamten ausschicken, und
sollten diese den Kunden des Vaters nachlaufen und sie ihm mit Gewalt
zurückbringen? Aber, wendete der Vater dann ein - wir besprachen diese Dinge
alle genau zu Hause vorher und nachher in einen Winkel gedrückt, wie versteckt
vor Amalia, die alles zwar merkte, aber es geschehen ließ -, aber, wendete der
Vater dann ein, er beklage sich ja nicht wegen der Verarmung, alles, was er
hier verloren habe, wolle er leicht wieder einholen, das alles sei
nebensächlich, wenn ihm nur verziehen würde. ›Aber was solle ihm denn verziehen
werden?‹ antwortete man ihm, eine Anzeige sei bisher nicht eingelaufen,
wenigstens stehe sie noch nicht in den Protokollen, zumindest nicht in den der
advokatorischen Öffentlichkeit zugänglichen Protokollen; infolgedessen sei
auch, soweit es sich feststellen lasse, weder etwas gegen ihn unternommen
worden noch sei etwas im Zuge. Könne er vielleicht eine amtliche Verfügung
nennen, die gegen ihn erlassen worden sei? Das konnte der Vater nicht. Oder
habe ein Eingriff eines amtlichen Organs stattgefunden? Davon wußte der Vater
nichts. Nun also, wenn er nichts wisse und wenn nichts geschehen sei, was wolle
er denn? Was könnte ihm verziehen werden? Höchstens, daß er jetzt zwecklos die
Ämter belästige, aber gerade dieses sei unverzeihlich. Der Vater ließ nicht ab,
er war damals noch immer sehr kräftig, und der aufgezwungene Müßiggang gab ihm
reichlich Zeit. ›Ich werde Amalia die Ehre zurückgewinnen, es wird nicht mehr
lange dauern‹, sagte er zu Barnabas und mir einigemal während des Tages, aber
nur sehr leise, denn Amalia durfte es nicht hören; trotzdem war es nur Amalias
wegen gesagt, denn in Wirklichkeit dachte er gar nicht an das Zurückgewinnen
der Ehre, sondern nur an Verzeihung. Aber um Verzeihung zu bekommen, mußte er
erst die Schuld feststellen; und die wurde ihm ja in den Ämtern abgeleugnet. Er
verfiel auf den Gedanken - und dies zeigte, daß er doch schon geistig
geschwächt war -, man verheimliche ihm die Schuld, weil er nicht genug zahle,
er zahlte bisher nämlich immer nur die festgesetzten Gebühren, die, wenigstens
für unsere Verhältnisse, hoch genug waren. Er glaubte aber jetzt, er müsse mehr
zahlen, was gewiß unrichtig war, denn bei unseren Ämtern nimmt man zwar der
Einfachheit halber, um unnötige Rede zu vermeiden, Bestechungen an, aber
erreichen kann man dadurch nichts. War es aber die Hoffnung des Vaters, wollten
wir ihn darin nicht stören. Wir verkauften, was wir noch hatten - es war fast
nur noch Unentbehrliches -, um dem Vater die Mittel für seine Nachforschungen
zu verschaffen, und lange Zeit hatten wir jeden Morgen die Genugtuung, daß der
Vater, wenn er sich morgens auf den Weg machte, immer wenigstens mit einigen
Münzen in der Tasche klimpern konnte. Wir freilich hungerten den Tag über,
während das einzige, was wir wirklich durch die Geldbeschaffung bewirkten, war,
daß der Vater in einer gewissen Hoffnungsfreudigkeit erhalten wurde. Dieses
aber war kaum ein Vorteil. Er plagte sich bald auf seinen Gängen, und was ohne
das Geld sehr bald das verdiente Ende genommen hätte, zog sich so in die Länge.
Da man für die Überzahlungen in Wirklichkeit nichts Außerordentliches leisten
konnte, versuchte manchmal ein Schreiber wenigstens scheinbar, etwas zu
leisten, versprach Nachforschungen, deutete an, daß man gewisse Spuren schon
gefunden hätte, die man nicht aus Pflicht, sondern nur dem Vater zuliebe
verfolgen werde; der Vater, statt zweifelnder zu werden, wurde immer gläubiger.
Er kam mit einer solchen, deutlich sinnlosen Versprechung zurück, so, als
bringe er schon wieder den vollen Segen ins Haus, und es war qualvoll
anzusehen, wie er immer hinter Amalias Rücken, mit verzerrtem Lächeln und groß
aufgerissenen Augen auf Amalia hindeutend, uns zu verstehen geben wollte, wie
die Errettung Amalias, die niemanden mehr als sie selbst überraschen werde,
infolge seiner Bemühungen ganz nahe bevorstehe, aber alles sei noch Geheimnis,
und wir wollten es streng hüten. So wäre es gewiß noch sehr lange
weitergegangen, wenn wir schließlich nicht vollständig außerstande gewesen
wären, dem Vater das Geld noch zu liefern. Zwar war inzwischen Barnabas von
Brunswick als Gehilfe nach vielen Bitten aufgenommen worden, allerdings nur in
der Weise, daß er abends im Dunkel die Aufträge abholte und wieder im Dunkel
die Arbeit zurückbrachte - es ist zuzugeben, daß Brunswick hier eine gewisse
Gefahr für sein Geschäft unseretwegen auf sich nahm, aber dafür zahlte er ja
dem Barnabas sehr wenig, und die Arbeit des Barnabas ist fehlerlos -, doch
genügte der Lohn knapp nur, um uns vor völligem Verhungern zu bewahren. Mit
großer Schonung und nach viel Vorbereitungen kündigten wir dem Vater die
Einstellung unserer Geldunterstützungen an, aber er nahm es sehr ruhig auf. Mit
dem Verstand war er nicht mehr fähig, das Aussichtslose seiner Interventionen
einzusehen, aber müde war er der fortwährenden Enttäuschungen doch.
Zwar sagte er - er sprach nicht mehr so deutlich wie früher, er hatte fast zu
deutlich gesprochen -, daß er nur noch sehr wenig Geld gebraucht hätte, morgen
oder heute schon hätte er alles erfahren, und nun sei alles vergebens gewesen,
nur am Geld sei es gescheitert und so fort, aber der Ton, in dem er es sagte,
zeigte, daß er das alles nicht glaubte. Auch hatte er gleich, unvermittelt neue
Pläne. Da es ihm nicht gelungen war, die Schuld nachzuweisen, und er
infolgedessen auch weiter im amtlichen Wege nichts erreichen konnte, mußte er
sich ausschließlich aufs Bitten verlegen und die Beamten persönlich angehen. Es
gab unter ihnen gewiß auch solche mit gutem, mitleidigem Herzen, dem sie zwar
im Amt nicht nachgeben durften, wohl aber außerhalb des Amtes, wenn man zu
gelegener Stunde sie überraschte.«
Hier unterbrach K., der bisher ganz versunken Olga zugehört hatte, die
Erzählung mit der Frage: »Und du hältst das nicht für richtig?« Zwar mußte ihm
die weitere Erzählung darauf Antwort geben, aber er wollte es gleich wissen.
»Nein«, sagte Olga, »von Mitleid oder dergleichen kann gar nicht die Rede sein.
So jung und unerfahren wir auch waren, das wußten wir, und auch der Vater wußte
es natürlich, aber er hatte es vergessen, dieses, wie das allermeiste. Er hatte
sich den Plan zurechtgelegt, in der Nähe des Schlosses auf der Landstraße, dort
wo die Wagen der Beamten vorüberfuhren, sich aufzustellen und, wenn es
irgendwie ging, seine Bitte um Verzeihung vorzubringen. Aufrichtig gesagt, ein
Plan ohne allen Verstand, selbst wenn das Unmögliche geschehen wäre und die
Bitte wirklich bis zum Ohr eines Beamten gekommen wäre. Kann denn ein einzelner
Beamter verzeihen? Das könnte doch höchstens Sache der Gesamtbehörde sein, aber
selbst diese kann wahrscheinlich nicht verzeihen, sondern nur richten. Aber
kann denn überhaupt ein Beamter, selbst wenn er aussteigen und mit der Sache
sich befassen wollte, nach dem, was der Vater, der arme, müde, gealterte Mann,
ihm vormurmelt, sich ein Bild von der Sache machen? Die Beamten sind sehr
gebildet, aber doch nur einseitig, in seinem Fach durchschaut ein Beamter auf
ein Wort hin gleich ganze Gedankenreihen, aber Dinge aus einer anderen
Abteilung kann man ihm stundenlang erklären, er wird vielleicht höflich nicken,
aber kein Wort verstehen. Das ist ja alles selbstverständlich; man suche doch
nur selbst die kleinen amtlichen Angelegenheiten, die einen selbst betreffen,
winziges Zeug, das ein Beamter mit einem Achselzucken erledigt, man suche nur
dieses bis auf den Grund zu verstehen, und man wird ein ganzes Leben zu tun
haben und nicht zu Ende kommen. Aber wenn der Vater an einen zuständigen
Beamten geraten wäre, so kann doch dieser ohne Vorakten nichts erledigen und
insbesondere nicht auf der Landstraße, er kann eben nicht verzeihen, sondern
nur amtlich erledigen und zu diesem Zweck wieder nur auf den Amtsweg verweisen,
aber auf diesem etwas zu erreichen, war ja dem Vater schon völlig mißlungen.
Wie weit mußte es schon mit dem Vater gekommen sein, daß er mit diesem neuen
Plan irgendwie durchdringen wollte! Wenn irgendeine Möglichkeit solcher Art
auch nur im entferntesten bestünde, müßte es ja dort auf der Landstraße von
Bittgängern wimmeln, aber da es sich hier um eine Unmöglichkeit handelt, welche
einem schon die elementarste Schulbildung einprägt, ist es dort völlig leer.
Vielleicht bestärkte auch das den Vater in seiner Hoffnung, er nährte sie von
überall her. Es war hier auch sehr nötig; ein gesunder Verstand mußte sich ja
gar nicht in jene großen Überlegungen einlassen, er mußte schon im
Äußerlichsten die Unmöglichkeit klar erkennen. Wenn die Beamten ins Dorf fahren
oder zurück ins Schloß, so sind das doch keine Lustfahrten, in Dorf und Schloß
wartet Arbeit auf sie, daher fahren sie im schärfsten Tempo. Es fällt ihnen
auch nicht ein, aus dem Wagenfenster zu schauen und draußen Gesuchsteller zu
suchen, sondern die Wagen sind vollgepackt mit Akten, welche die Beamten
studieren.«
»Ich habe aber«, sagte K., »das Innere eines Beamtenschlittens gesehen, in
welchem keine Akten waren.« In der Erzählung Olgas eröffnete sich ihm eine so
große, fast unglaubwürdige Welt, daß er es sich nicht versagen konnte, mit
seinen kleinen Erlebnissen an sie zu rühren, um sich ebenso von ihrem Dasein
als auch von dem eigenen deutlicher zu überzeugen.
»Das ist möglich«, sagte Olga, »dann ist es aber noch schlimmer, dann hat der
Beamte so wichtige Angelegenheiten, daß die Akten zu kostbar oder zu
umfangreich sind, um mitgenommen werden zu können, solche Beamte lassen dann
Galopp fahren. Jedenfalls, für den Vater kann keiner Zeit erübrigen. Und
außerdem: Es gibt mehrere Zufahrten ins Schloß. Einmal ist die eine in Mode,
dann fahren die meisten dort, einmal eine andere, dann drängt sich alles hin.
Nach welchen Regeln dieser Wechsel stattfindet, ist noch nicht herausgefunden
worden. Einmal um acht Uhr morgens fahren alle auf einer anderen, zehn Minuten
später wieder auf einer dritten, eine halbe Stunde später vielleicht wieder auf
der ersten und dort bleibt es dann den ganzen Tag, aber jeden Augenblick
besteht die Möglichkeit einer Änderung. Zwar vereinigen sich in der Nähe des
Dorfes alle Zufahrtsstraßen, aber dort rasen schon alle Wagen, während in der
Schloßnähe das Tempo noch ein wenig gemäßigter ist. Aber so wie die
Ausfahrordnung hinsichtlich der Straßen unregelmäßig und nicht zu durchschauen
ist, so ist es auch mit der Zahl der Wagen. Es gibt ja oft Tage, wo gar kein
Wagen zu sehen ist; dann aber fahren sie wieder in Mengen. Und allem diesem
gegenüber stell dir nun unseren Vater vor. In seinem besten Anzug - bald ist es
sein einziger - zieht er jeden Morgen, von unseren Segenswünschen begleitet,
aus dem Haus. Ein kleines Abzeichen der Feuerwehr, das er eigentlich zu Unrecht
erhalten hat, nimmt er mit, um es außerhalb des Dorfes anzustecken, im Dorf
selbst fürchtet er, es zu zeigen, obwohl es so klein ist, daß man es auf zwei
Schritte Entfernung kaum sieht, aber nach des Vaters Meinung soll es sogar
geeignet sein, die vorüberfahrenden Beamten auf ihn aufmerksam zu machen. Nicht
weit vom Zugang zum Schloß ist eine Handelsgärtnerei, sie gehört einem gewissen
Bertuch, er liefert Gemüse ins Schloß, dort auf dem schmalen Steinpostament des
Gartengitters wählte sich der Vater einen Platz. Bertuch duldete es, weil er
früher mit dem Vater befreundet gewesen war und auch zu seinen treuesten
Kundschaften gehört hatte, er hat nämlich einen ein wenig verkrüppelten Fuß und
glaubte, nur der Vater sei imstande, ihm einen passenden Stiefel zu machen.
Dort saß nun der Vater Tag für Tag, es war ein trüber, regnerischer Herbst,
aber das Wetter war ihm völlig gleichgültig; morgens zu bestimmter Stunde hatte
er die Hand an der Klinke und winkte uns zum Abschied zu, abends kam er - es
schien, als werde er täglich gebückter - völlig durchnäßt zurück und warf sich
in eine Ecke. Zuerst erzählte er uns von seinen kleinen Erlebnissen, etwa, daß
ihm Bertuch aus Mitleid und alter Freundschaft eine Decke über das Gitter
geworfen hatte oder daß er in einem vorüberfahrenden Wagen den oder jenen
Beamten zu erkennen geglaubt habe oder daß wieder ihn schon hie und da ein
Kutscher erkenne und zum Scherz mit dem Peitschenriemen streife. Später hörte
er dann auf, diese Dinge zu erzählen, offenbar hoffte er nicht mehr, auch nur
irgend etwas dort zu erreichen, er hielt es schon nur für seine Pflicht, seinen
öden Beruf, hinzugehen und dort den Tag zu verbringen. Damals begannen seine
rheumatischen Schmerzen, der Winter näherte sich, es kam früher Schneefall, bei
uns fängt der Winter sehr bald an; nun, und so saß er dort einmal auf den
regennassen Steinen, dann wieder im Schnee. In der Nacht seufzte er vor
Schmerzen, morgens war er manchmal unsicher, ob er gehen sollte, überwand sich
dann aber doch und ging. Die Mutter hängte sich an ihn und wollte ihn nicht
fortlassen; er, wahrscheinlich furchtsam geworden infolge der nicht mehr
gehorsamen Glieder, erlaubte ihr mitzugehen, so wurde auch die Mutter von den
Schmerzen gepackt. Wir waren oft bei ihnen, brachten Essen oder kamen nur zu
Besuch oder wollten sie zur Rückkehr nach Hause überreden; wie oft fanden wir
sie dort zusammengesunken und aneinanderlehnend auf ihrem schmalen Sitz,
gekauert in eine dünne Decke, die sie kaum umschloß, ringsherum nichts als das
Grau von Schnee und Nebel und weit und breit und tagelang kein Mensch oder
Wagen, ein Anblick, K., ein Anblick! Bis dann eines Morgens der Vater die
steifen Beine nicht mehr aus dem Bett brachte, es war trostlos, in einer
leichten Fieberphantasie glaubte er zu sehen, wie eben jetzt oben bei Bertuch
ein Wagen haltmachte, ein Beamter ausstieg, das Gitter nach dem Vater absuchte
und kopfschüttelnd und ärgerlich wieder in den Wagen zurückkehrte. Der Vater
stieß dabei solche Schreie aus, daß es war, als wolle er sich von hier aus dem
Beamten oben bemerkbar machen und erklären, wie unverschuldet seine Abwesenheit
sei. Und es wurde eine lange Abwesenheit, er kehrte gar nicht mehr dorthin
zurück, wochenlang mußte er im Bett bleiben. Amalia übernahm die Bedienung, die
Pflege, die Behandlung, alles, und hat es mit Pausen eigentlich bis heute
behalten. Sie kennt Heilkräuter, welche die Schmerzen beruhigen, sie braucht
fast keinen Schlaf, sie erschrickt nie, fürchtet nichts, hat niemals Ungeduld,
sie leistet alle Arbeit für die Eltern; während wir aber, ohne etwas helfen zu
können, unruhig umherflatterten, blieb sie bei allem kühl und still. Als dann
aber das Schlimmste vorüber war und der Vater, vorsichtig und rechts und links
gestützt, wieder aus dem Bett sich herausarbeiten konnte, zog sich Amalia
gleich zurück und überließ ihn uns.«
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                                  Olgas Pläne
»Nun galt es, wieder irgendeine Beschäftigung für den Vater zu finden, für die
er noch fähig war, irgend etwas, was ihn zumindest in dem Glauben erhielt, daß
es dazu diene, die Schuld von der Familie abzuwälzen. Etwas Derartiges zu
finden war nicht schwer, so zweckdienlich wie das Sitzen vor Bertuchs Garten
war im Grunde alles, aber ich fand etwas, was sogar mir einige Hoffnung gab.
Wann immer bei Ämtern oder Schreibern oder sonstwo von unserer Schuld die Rede
gewesen war, war immer wieder nur die Beleidigung des Sortinischen Boten
erwähnt worden, weiter wagte niemand zu dringen. Nun, sagte ich mir, wenn die
allgemeine Meinung, sei es auch nur scheinbar, nur von der Botenbeleidigung
weiß, ließe sich, sei es auch wieder nur scheinbar, alles wiedergutmachen, wenn
man den Boten versöhnen könnte. Es ist ja keine Anzeige eingelaufen, wie man
erklärt, noch kein Amt hat also die Sache in der Hand, und es steht demnach dem
Boten frei, für seine Person, und um mehr handelt es sich nicht, zu verzeihen.
Das alles konnte ja keine entscheidende Bedeutung haben, war nur Schein und
konnte wieder nichts anderes ergeben, aber dem Vater würde es doch Freude
machen, und die vielen Auskunftgeber, die ihn so gequält hatten, könnte man
damit vielleicht zu seiner Genugtuung ein wenig in die Enge treiben. Zuerst
mußte man freilich den Boten finden. Als ich meinen Plan dem Vater erzählte,
wurde er zuerst sehr ärgerlich, er war nämlich äußerst eigensinnig geworden,
zum Teil glaubte er - während der Krankheit hatte sich das entwickelt -, daß
wir ihn immer am letzten Erfolg gehindert hätten: zuerst durch Einstellung der
Geldunterstützung, jetzt durch Zurückhalten im Bett, zum Teil war er gar nicht
mehr fähig, fremde Gedanken völlig aufzunehmen. Ich hatte noch nicht zu Ende
erzählt, schon war mein Plan verworfen; nach seiner Meinung mußte er bei
Bertuchs Garten weiter warten, und da er gewiß nicht mehr imstande sein würde,
täglich hinaufzugehen, müßten wir ihn im Handkarren hinbringen. Aber ich ließ
nicht ab, und allmählich söhnte er sich mit dem Gedanken aus, störend war ihm
dabei nur, daß er in dieser Sache ganz von mir abhängig war, denn nur ich hatte
damals den Boten gesehen, er kannte ihn nicht. Freilich, ein Diener gleicht dem
anderen, und völlig sicher dessen, daß ich jenen wiedererkennen würde, war auch
ich nicht. Wir begannen dann, in den Herrenhof zu gehen und unter der
Dienerschaft dort zu suchen. Es war zwar ein Diener Sortinis gewesen, und
Sortini kam nicht mehr ins Dorf, aber die Herren wechselten häufig die Diener,
man konnte ihn recht wohl in der Gruppe eines anderen Herrn finden, und wenn er
selbst nicht zu finden war, so konnte man doch vielleicht von den anderen
Dienern Nachricht über ihn bekommen. Zu diesem Zweck mußte man allerdings
allabendlich im Herrenhof sein, und man sah uns nirgends gern, wie erst an
einem solchen Ort; als zahlende Gäste konnten wir ja auch nicht auftreten. Aber
es zeigte sich, daß man uns doch brauchen konnte; du weißt wohl, was für eine
Plage die Dienerschaft für Frieda war, es sind im Grunde meist ruhige Leute,
durch leichten Dienst verwöhnt und schwerfällig gemacht. ›Es möge dir gehen wie
einem Diener‹ heißt ein Segensspruch der Beamten, und tatsächlich sollen, was
Wohlleben betrifft, die Diener die eigentlichen Herren im Schloß sein, sie
wissen das auch zu würdigen und sind im Schloß, wo sie sich unter seinen
Gesetzen bewegen, still und würdig - vielfach ist mir das bestätigt worden -
, und man findet auch hier unter den Dienern noch Reste dessen, aber nur Reste,
sonst sind sie dadurch, daß die Schloßgesetze für sie im Dorf nicht mehr
vollständig gelten, wie verwandelt; ein wildes, unbotmäßiges, statt von den
Gesetzen von ihren unersättlichen Trieben beherrschtes Volk. Ihre
Schamlosigkeit kennt keine Grenzen, ein Glück für das Dorf, daß sie den
Herrenhof nur über Befehl verlassen dürfen, im Herrenhof selbst aber muß man
mit ihnen auszukommen suchen; Frieda nun fiel das sehr schwer, und so war es
ihr sehr willkommen, daß sie mich dazu verwenden konnte, die Diener zu
beruhigen; seit mehr als zwei Jahren, zumindest zweimal in der Woche, verbringe
ich die Nacht mit den Dienern im Stall. Früher, als der Vater noch in den
Herrenhof mitgehen konnte, schlief er irgendwo im Ausschankzimmer und wartete
so auf die Nachrichten, die ich früh bringen würde. Es war wenig. Den gesuchten
Boten haben wir bis heute noch nicht gefunden, er soll noch immer in den
Diensten Sortinis sein, der ihn sehr hochschätzt, und soll ihm gefolgt sein,
als sich Sortini in entferntere Kanzleien zurückzog. Meist haben ihn die Diener
ebensolange nicht gesehen wie wir, und wenn einer ihn inzwischen doch gesehen
haben will, ist es wohl ein Irrtum. So wäre also mein Plan eigentlich mißlungen
und ist es doch nicht völlig, den Boten haben wir zwar nicht gefunden, und dem
Vater haben die Wege in den Herrenhof und die Übernachtungen dort, vielleicht
sogar das Mitleid mit mir, soweit er dessen noch fähig ist, leider den Rest
gegeben, und er ist schon seit fast zwei Jahren in diesem Zustand, in dem du
ihn gesehen hast, und dabei geht es ihm vielleicht noch besser als der Mutter,
deren Ende wir täglich erwarten und das sich nur dank der übermäßigen
Anstrengung Amalias verzögert. Was ich aber doch im Herrenhof erreicht habe,
ist eine gewisse Verbindung mit dem Schloß; verachte mich nicht, wenn ich sage,
daß ich das, was ich getan habe, nicht bereue. Was mag das für eine große
Verbindung mit dem Schloß sein, wirst du dir vielleicht denken. Und du hast
recht; eine große Verbindung ist es nicht. Ich kenne jetzt zwar viele Diener,
die Diener aller der Herren fast, die in den letzten Jahren ins Dorf kamen, und
wenn ich einmal ins Schloß kommen sollte, so werde ich dort nicht fremd sein.
Freilich, es sind nur Diener im Dorf, im Schloß sind sie ganz anders und
erkennen dort wahrscheinlich niemand mehr und jemanden, mit dem sie im Dorf
verkehrt haben, ganz besonders nicht, mögen sie es auch im Stall hundertmal
beschworen haben, daß sie sich auf ein Wiedersehen im Schloß sehr freuen. Ich
habe es ja übrigens auch schon erfahren, wie wenig allen solche Versprechungen
bedeuten. Aber das Wichtigste ist das ja gar nicht. Nicht nur durch die Diener
selbst habe ich eine Verbindung mit dem Schloß, sondern vielleicht und
hoffentlich auch noch so, daß jemand, der von oben mich und was ich tue
beobachtet - und die Verwaltung der großen Dienerschaft ist freilich ein
äußerst wichtiger und sorgenvoller Teil der behördlichen Arbeit -, daß dann
derjenige, der mich so beobachtet, vielleicht zu einem milderen Urteil über
mich kommt als andere, daß er vielleicht erkennt, daß ich in einer jämmerlichen
Art zwar, doch auch für unsere Familie kämpfe und die Bemühungen des Vaters
fortsetze. Wenn man es so ansieht, vielleicht wird man es mir dann auch
verzeihen, daß ich von den Dienern Geld annehme und für unsere Familie
verwende. Und noch anderes habe ich erreicht, das allerdings machst auch du zu
meiner Schuld. Ich habe von den Knechten manches darüber erfahren, wie man auf
Umwegen, ohne das schwierige und jahrelang dauernde öffentliche
Aufnahmeverfahren in die Schloßdienste kommen kann, man ist dann zwar auch
nicht öffentlicher Angestellter, sondern nur ein heimlich und halb
Zugelassener, man hat weder Rechte noch Pflichten, daß man keine Pflichten hat,
das ist das Schlimmere, aber eines hat man, da man doch in der Nähe bei allem
ist: Man kann günstige Gelegenheiten erkennen und benützen, man ist kein
Angestellter, aber zufällig kann sich irgendeine Arbeit finden, ein
Angestellter ist gerade nicht bei der Hand, ein Zuruf, man eilt herbei, und was
man vor einem Augenblick noch nicht war, man ist es geworden, ist Angestellter.
Allerdings, wann findet sich eine solche Gelegenheit? Manchmal gleich, kaum ist
man hineingekommen, kaum hat man sich umgesehen, ist die Gelegenheit schon da,
es hat nicht einmal jeder die Geistesgegenwart, sie so, als Neuling, gleich zu
fassen, aber ein anderes Mal dauert es wieder mehr Jahre als das öffentliche
Aufnahmeverfahren, und regelrecht öffentlich aufgenommen kann ein solcher
Halbzugelassener gar nicht mehr werden. Bedenken sind hier also genug; sie
schweigen aber dem gegenüber, daß bei der öffentlichen Aufnahme sehr peinlich
ausgewählt wird und ein Mitglied einer irgendwie anrüchigen Familie von
vornherein verworfen ist, ein solcher unterzieht sich zum Beispiel diesem
Verfahren, zittert jahrelang wegen des Ergebnisses, von allen Seiten fragt man
ihn erstaunt, seit dem ersten Tag, wie er etwas derartig Aussichtsloses wagen
konnte, er hofft aber doch, wie könnte er sonst leben; aber nach vielen Jahren,
vielleicht als Greis, erfährt er die Ablehnung, erfährt, daß alles verloren ist
und sein Leben vergeblich war. Auch hier gibt es freilich Ausnahmen, darum wird
man eben so leicht verlockt. Es kommt vor, daß gerade anrüchige Leute
schließlich aufgenommen werden, es gibt Beamte, welche förmlich gegen ihren
Willen den Geruch solchen Wildes lieben, bei den Aufnahmeprüfungen schnuppern
sie in der Luft, verziehen den Mund, verdrehen die Augen, ein solcher Mann
scheint für sie gewissermaßen ungeheuer appetitanreizend zu sein, und sie
müssen sich sehr fest an die Gesetzbücher halten, um dem widerstehen zu können.
Manchmal hilft das allerdings dem Mann nicht zur Aufnahme, sondern nur zur
endlosen Ausdehnung des Aufnahmeverfahrens, das dann überhaupt nicht beendet,
sondern nach dem Tode des Mannes nur abgebrochen wird. So ist also sowohl die
gesetzmäßige Aufnahme als auch die andere voll offener und versteckter
Schwierigkeiten, und ehe man sich auf etwas Derartiges einläßt, ist es sehr
ratsam, alles genau zu erwägen. Nun, daran haben wir es nicht fehlen lassen,
Barnabas und ich. Immer, wenn ich aus dem Herrenhof kam, setzten wir uns
zusammen, ich erzählte das Neueste, was ich erfahren hatte, tagelang sprachen
wir es durch, und die Arbeit in des Barnabas Hand ruhte oft länger, als es gut
war. Und hier mag ich eine Schuld in deinem Sinne haben. Ich wußte doch, daß
auf die Erzählungen der Knechte nicht viel Verlaß war. Ich wußte, daß sie
niemals Lust hatten, mir vom Schloß zu erzählen, immer zu anderem ablenkten,
jedes Wort sich abbetteln ließen, dann aber freilich, wenn sie in Gang waren,
loslegten, Unsinn schwatzten, großtaten, einander in Übertreibungen und
Erfindungen überboten, so daß offenbar in dem endlosen Geschrei, in welchem
einer den anderen ablöste, dort im dunklen Stalle bestenfalls ein paar magere
Andeutungen der Wahrheit enthalten sein mochten. Ich aber erzählte dem Barnabas
alles wieder, so wie ich es mir gemerkt hatte, und er, der noch gar keine
Fähigkeit hatte, zwischen Wahrem und Erlogenem zu unterscheiden und infolge der
Lage unserer Familie fast verdurstete vor Verlangen nach diesen Dingen, er
trank alles in sich hinein und glühte vor Eifer nach Weiterem. Und tatsächlich
ruhte auf Barnabas mein neuer Plan. Bei den Knechten war nichts mehr zu
erreichen. Der Bote Sortinis war nicht zu finden und würde niemals zu finden
sein, immer weiter schien sich Sortini und damit auch der Bote zurückzuziehen,
oft geriet ihr Aussehen und Name schon in Vergessenheit, und ich mußte sie oft
lange beschreiben, um damit nichts zu erreichen, als daß man sich mühsam an sie
erinnerte, aber darüber hinaus nichts über sie sagen konnte. Und was mein Leben
mit den Knechten betraf, so hatte ich natürlich keinen Einfluß darauf, wie es
beurteilt wurde, konnte nur hoffen, daß man es so aufnehmen würde, wie es getan
war, und daß dafür ein Geringes von der Schuld unserer Familie abgezogen würde,
aber äußere Zeichen dessen bekam ich nicht. Doch blieb ich dabei, da ich für
mich keine andere Möglichkeit sah, im Schloß etwas für uns zu bewirken. Für
Barnabas aber sah ich eine solche Möglichkeit. Aus den Erzählungen der Knechte
konnte ich, wenn ich dazu Lust hatte, und diese Lust hatte ich in Fülle,
entnehmen, daß jemand, der in Schloßdienste aufgenommen ist, sehr viel für
seine Familie erreichen kann. Freilich, was war an diesen Erzählungen
Glaubwürdiges? Das war unmöglich festzustellen, nur daß es sehr wenig war, war
klar. Denn wenn mir zum Beispiel ein Knecht, den ich niemals mehr sehen würde
oder den ich, wenn ich ihn auch sehen sollte, kaum wiedererkennen würde,
feierlich zusicherte, meinem Bruder zu einer Anstellung im Schloß zu verhelfen
oder zumindest, wenn Barnabas sonstwie ins Schloß kommen sollte, ihn zu
unterstützen, also etwa ihn zu erfrischen - denn nach den Erzählungen der
Knechte kommt es vor, daß Anwärter für Stellungen während der überlangen
Wartezeit ohnmächtig oder verwirrt werden und dann verloren sind, wenn nicht
Freunde für sie sorgen -, wenn solches und vieles andere mir erzählt wurde, so
waren das wahrscheinlich berechtigte Warnungen, aber die zugehörigen
Versprechungen waren völlig leer. Für Barnabas nicht; zwar warnte ich ihn,
ihnen zu glauben, aber schon, daß ich sie ihm erzählte, war genügend, um ihn
für meine Pläne einzunehmen. Was ich selbst dafür anführte, wirkte auf ihn
weniger, auf ihn wirkten hauptsächlich die Erzählungen der Knechte. Und so war
ich eigentlich gänzlich auf mich allein angewiesen, mit den Eltern konnte sich
überhaupt niemand außer Amalia verständigen, je mehr ich die alten Pläne meines
Vaters in meiner Art verfolgte, desto mehr schloß sich Amalia vor mir ab, vor
dir oder anderen spricht sie mit mir, allein niemals mehr, den Knechten im
Herrenhof war ich ein Spielzeug, das zu zerbrechen sie sich wütend anstrengten,
kein einziges vertrauliches Wort habe ich während der zwei Jahre mit einem von
ihnen gesprochen, nur Hinterhältiges oder Erlogenes oder Irrsinniges, blieb mir
also nur Barnabas, und Barnabas war noch sehr jung. Wenn ich bei meinen
Berichten den Glanz in seinen Augen sah, den er seitdem behalten hat, erschrak
ich und ließ doch nicht ab, zu Großes schien mir auf dem Spiel zu sein.
Freilich, die großen, wenn auch leeren Pläne meines Vaters hatte ich nicht, ich
hatte nicht diese Entschlossenheit der Männer, ich blieb bei der
Wiedergutmachung der Beleidigung des Boten und wollte gar noch, daß man mir
diese Bescheidenheit als Verdienst anrechne. Aber was mir allein mißlungen war,
wollte ich jetzt durch Barnabas anders und sicher erreichen. Einen Boten hatten
wir beleidigt und ihn aus den vorderen Kanzleien verscheucht; was lag näher,
als in der Person des Barnabas einen neuen Boten anzubieten, durch Barnabas die
Arbeit des beleidigten Boten ausführen zu lassen und dem Beleidigten es so zu
ermöglichen, ruhig in der Ferne zu bleiben, wie lange er wollte, wie lange er
es zum Vergessen der Beleidigung brauchte. Ich merkte zwar gut, daß in aller
Bescheidenheit dieses Planes auch Anmaßung lag, daß es den Eindruck erwecken
konnte, als ob wir der Behörde diktieren wollten, wie sie Personalfragen ordnen
sollte, oder als ob wir daran zweifelten, daß die Behörde aus eigenem das Beste
anzuordnen fähig war und es sogar schon längst angeordnet hatte, ehe wir nur
auf den Gedanken gekommen waren, daß hier etwas getan werden könnte. Doch
glaubte ich dann wieder, daß es unmöglich sei, daß mich die Behörde so
mißverstehe oder daß sie, wenn sie es tun sollte, es dann mit Absicht tun
würde, das heißt, daß dann von vornherein ohne nähere Untersuchung alles, was
ich tue, verworfen sei. So ließ ich also nicht ab, und der Ehrgeiz des Barnabas
tat das seine. In dieser Zeit der Vorbereitungen wurde Barnabas so hochmütig,
daß er die Schusterarbeit für sich, den künftigen Kanzleiangestellten, zu
schmutzig fand; ja, daß er es sogar wagte, Amalia, wenn sie ihm, selten genug,
ein Wort sagte, zu widersprechen, und zwar grundsätzlich. Ich gönnte ihm gern
diese kurze Freude, denn mit dem ersten Tag, an welchem er ins Schloß ging, war
Freude und Hochmut, wie es leicht vorauszusehen gewesen war, gleich vorüber. Es
begann nun jener scheinbare Dienst, von dem ich dir schon erzählt habe.
Erstaunlich war es, wie Barnabas ohne Schwierigkeiten zum erstenmal das Schloß
oder richtiger jene Kanzlei betrat, die sozusagen sein Arbeitsraum geworden
ist. Dieser Erfolg machte mich damals fast toll, ich lief, als es mir Barnabas
abends beim Nachhausekommen zuflüsterte, zu Amalia, packte sie, drückte sie in
eine Ecke und küßte sie mit Lippen und Zähnen, daß sie vor Schmerz und
Schrecken weinte. Sagen konnte ich vor Erregung nichts, auch hatten wir ja
schon so lange nicht miteinander gesprochen, ich verschob es auf die nächsten
Tage. An den nächsten Tagen aber war freilich nichts mehr zu sagen. Bei dem so
schnell Erreichten blieb es auch. Zwei Jahre lang führte Barnabas dieses
einförmige, herzbeklemmende Leben. Die Knechte versagten gänzlich, ich gab
Barnabas einen kleinen Brief mit, in dem ich ihn der Aufmerksamkeit der Knechte
empfahl, die ich gleichzeitig an ihre Versprechungen erinnerte, und Barnabas,
sooft er einen Knecht sah, zog den Brief heraus und hielt ihn ihm vor, und wenn
er auch wohl manchmal an Knechte geriet, die mich nicht kannten, und wenn auch
für die Bekannten seine Art, den Brief stumm vorzuzeigen - denn zu sprechen
wagte er oben nicht -, ärgerlich war, so war es doch schändlich, daß niemand
ihm half, und es war eine Erlösung, die wir aus eigenem uns freilich auch und
längst hätten verschaffen können, als ein Knecht, dem vielleicht der Brief
schon einige Male aufgedrängt worden war, ihn zusammenknüllte und in einen
Papierkorb warf. Fast hätte er dabei, so fiel mir ein, sagen können: ›Ähnlich
pflegt ja auch ihr Briefe zu behandeln.‹ So ergebnislos aber diese ganze Zeit
sonst war, auf Barnabas wirkte sie günstig, wenn man es günstig nennen will,
daß er vorzeitig alterte, vorzeitig ein Mann wurde; ja, in manchem ernst und
einsichtig über die Mannheit hinaus. Mich macht es oft sehr traurig, ihn
anzusehen und ihn mit dem Jungen zu vergleichen, der er noch vor zwei Jahren
war. Und dabei habe ich gar nicht den Trost und Rückhalt, den er mir als Mann
vielleicht geben könnte. Ohne mich wäre er kaum ins Schloß gekommen, aber seit
er dort ist, ist er von mir unabhängig. Ich bin seine einzige Vertraute, aber
er erzählt mir gewiß nur einen kleinen Teil dessen, was er auf dem Herzen hat.
Er erzählt mir viel vom Schloß, aber aus seinen Erzählungen, aus den kleinen
Tatsachen, die er mitteilt, kann man bei weitem nicht verstehen, wie ihn dieses
so verwandelt haben könnte. Man kann insbesondere nicht verstehen, warum er den
Mut, den er als Junge bis zu unser aller Verzweiflung hatte, jetzt als Mann
dort oben so gänzlich verloren hat. Freilich, dieses nutzlose Dastehen und
Warten Tag für Tag und immer wieder von neuem und ohne jede Aussicht auf
Veränderung, das zermürbt und macht zweiflerisch und schließlich zu anderem als
zu diesem verzweifelten Dastehen sogar unfähig. Aber warum hat er auch früher
gar keinen Widerstand geleistet? Besonders, da er bald erkannte, daß ich recht
gehabt hatte und für den Ehrgeiz dort nichts zu holen war, wohl aber vielleicht
für die Besserung der Lage unserer Familie. Denn dort geht alles - die Launen
der Diener ausgenommen - sehr bescheiden zu, der Ehrgeiz sucht dort in der
Arbeit Befriedigung, und da dabei die Sache selbst das Übergewicht bekommt,
verliert er sich gänzlich, für kindliche Wünsche ist dort kein Raum. Wohl aber
glaubte Barnabas, wie er mir erzählte, deutlich zu sehen, wie groß die Macht
und das Wissen selbst dieser doch recht fragwürdigen Beamten war, in deren
Zimmer er sein durfte. Wie sie diktierten, schnell, mit halbgeschlossenen
Augen, kurzen Handbewegungen, wie sie nur mit dem Zeigefinger ohne jedes Wort
die brummigen Diener abfertigten, die, in solchen Augenblicken schwer atmend,
glücklich lächelten, oder wie sie eine wichtige Stelle in ihren Büchern fanden,
voll daraufschlugen, und wie die anderen, soweit es in der Enge möglich war,
herbeiliefen und die Hälse danach streckten. Das und ähnliches gab Barnabas
große Vorstellungen von diesen Männern, und er hatte den Eindruck, daß, wenn er
so weit käme, von ihnen bemerkt zu werden und mit ihnen ein paar Worte sprechen
zu dürfen - nicht als Fremder, sondern als Kanzleikollege, allerdings
untergeordneter Art -, Unabsehbares für unsere Familie erreicht werden könnte.
Aber so weit ist es eben noch nicht gekommen, und etwas, was ihn dem annähern
könnte, wagt Barnabas nicht zu tun, obwohl er schon genau weiß, daß er trotz
seiner Jugend innerhalb unserer Familie durch die unglücklichen Verhältnisse zu
der verantwortungsschweren Stellung des Familienvaters selbst hinaufgerückt
ist. Und nun, um das letzte noch zu gestehen: Vor einer Woche bist du gekommen.
Ich hörte im Herrenhof jemanden es erwähnen, kümmerte mich aber nicht darum;
ein Landvermesser war gekommen; ich wußte nicht einmal, was das ist. Aber am
nächsten Abend kommt Barnabas - ich pflegte ihm sonst zu bestimmter Stunde ein
Stück Weges entgegenzugehen - früher als sonst nach Hause, sieht Amalia in der
Stube, zieht mich deshalb auf die Straße hinaus, drückt dort das Gesicht auf
meine Schulter und weint minutenlang. Er ist wieder der kleine Junge von
ehemals. Es ist ihm etwas geschehen, dem er nicht gewachsen ist. Es ist, als
hätte sich vor ihm plötzlich eine ganz neue Welt aufgetan, und das Glück und
die Sorgen aller dieser Neuheit kann er nicht ertragen. Und dabei ist ihm
nichts anderes geschehen, als daß er einen Brief an dich zur Bestellung
bekommen hat. Aber es ist freilich der erste Brief, die erste Arbeit, die er
überhaupt je bekommen hat.«
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










Olga brach ab. Es war still, bis auf das schwere, manchmal röchelnde Atmen der
Eltern. K. sagte nur leichthin, wie zur Ergänzung von Olgas Erzählung: »Ihr
habt euch mir gegenüber verstellt. Barnabas überbrachte den Brief wie ein
alter, vielbeschäftigter Bote, und du ebenso wie Amalia, die diesmal also mit
euch einig war, tatet so, als sei der Botendienst und die Briefe nur irgendein
Nebenbei.« - »Du mußt zwischen uns unterscheiden«, sagte Olga. »Barnabas ist
durch die zwei Briefe wieder ein glückliches Kind geworden, trotz allen
Zweifeln, die er an seiner Tätigkeit hat. Diese Zweifel hat er nur für sich und
mich; dir gegenüber aber sucht er seine Ehre darin, als wirklicher Bote
aufzutreten, so wie seiner Vorstellung nach wirkliche Boten auftreten. So mußte
ich ihm zum Beispiel, obwohl doch jetzt seine Hoffnung auf einen Amtsanzug
steigt, binnen zwei Stunden seine Hose so ändern, daß sie der enganliegenden
Hose des Amtskleides wenigstens ähnlich ist und er darin vor dir, der du in
dieser Hinsicht natürlich noch leicht zu täuschen bist, bestehen kann. Das ist
Barnabas. Amalia aber mißachtet wirklich den Botendienst, und jetzt, nachdem er
ein wenig Erfolg zu haben scheint, wie sie an Barnabas und mir und unserem
Beisammensitzen und Tuscheln leicht erkennen kann, jetzt mißachtet sie ihn noch
mehr als früher. Sie spricht also die Wahrheit, laß dich niemals täuschen,
indem du daran zweifelst. Wenn aber ich, K., manchmal den Botendienst
herabgewürdigt habe, so geschah es nicht mit der Absicht, dich zu täuschen,
sondern aus Angst. Diese zwei Briefe, die durch des Barnabas Hand bisher
gegangen sind, sind seit drei Jahren das erste, allerdings noch genug
zweifelhafte Gnadenzeichen, das unsere Familie bekommen hat. Diese Wendung,
wenn es eine Wendung ist und keine Täuschung - Täuschungen sind häufiger als
Wendungen -, ist mit deiner Ankunft hier im Zusammenhang, unser Schicksal ist
in eine gewisse Abhängigkeit von dir geraten, vielleicht sind diese zwei Briefe
nur ein Anfang, und des Barnabas Tätigkeit wird sich über den dich betreffenden
Botendienst hinaus ausdehnen - das wollen wir hoffen, solange wir es dürfen -
; vorläufig aber zielt alles nur auf dich ab. Dort oben nun müssen wir uns mit
dem zufriedengeben, was man uns zuteilt, hier unten aber können wir doch
vielleicht auch selbst etwas tun, das ist: deine Gunst uns sichern oder
wenigstens vor deiner Abneigung uns bewahren oder, was das wichtigste ist, dich
nach unseren Kräften und Erfahrungen schützen, damit dir die Verbindung mit dem
Schloß - von der wir vielleicht leben könnten - nicht verlorengeht. Wie dies
alles nun am besten einleiten? Daß du keinen Verdacht gegen uns faßt, wenn wir
uns dir nähern, denn du bist hier fremd und deshalb gewiß nach allen Seiten hin
voll Verdachtes, voll berechtigten Verdachtes. Außerdem sind wir ja verachtet
und du von der allgemeinen Meinung beeinflußt, besonders durch deine Braut, wie
sollen wir zu dir vordringen, ohne uns zum Beispiel, wenn wir es auch gar nicht
beabsichtigen, gegen deine Braut zu stellen und dich damit zu kränken. Und die
Botschaften, die ich, ehe du sie bekamst, genau gelesen habe - Barnabas hat sie
nicht gelesen, als Bote hat er es sich nicht erlaubt -, schienen auf den ersten
Blick nicht sehr wichtig, veraltet, nahmen sich selbst die Wichtigkeit, indem
sie dich auf den Gemeindevorsteher verwiesen. Wie sollten wir uns in dieser
Hinsicht dir gegenüber verhalten? Betonten wir ihre Wichtigkeit, machten wir
uns verdächtig, daß wir so offenbar Unwichtiges überschätzten und als
Überbringer dieser Nachrichten dir anpriesen, unsere Zwecke, nicht deine
verfolgten, ja, wir konnten dadurch die Nachrichten selbst in deinen Augen
herabsetzen und dich so, sehr wider Willen, täuschen. Legten wir aber den
Briefen nicht viel Wert bei, machten wir uns ebenso verdächtig, denn warum
beschäftigten wir uns dann mit dem Zustellen dieser unwichtigen Briefe, warum
widersprachen einander unsere Handlungen und unsere Worte, warum täuschten wir
so nicht nur dich, den Adressaten, sondern auch unseren Auftraggeber, der uns
gewiß die Briefe nicht übergeben hatte, damit wir sie durch unsere Erklärungen
beim Adressaten entwerteten. Und die Mitte zwischen den Übertreibungen zu
halten, also die Briefe richtig zu beurteilen, ist ja unmöglich, sie wechseln
selbst fortwährend ihren Wert, die Überlegungen, zu denen sie Anlaß geben, sind
endlos, und wo man dabei gerade haltmacht, ist nur durch den Zufall bestimmt,
also auch die Meinung eine zufällige. Und wenn nun noch die Angst um dich
dazwischenkommt, verwirrt sich alles, du darfst meine Worte nicht zu streng
beurteilen. Wenn zum Beispiel, wie es einmal geschehen ist, Barnabas mit der
Nachricht kommt, daß du mit seinem Botendienst unzufrieden bist und er im
ersten Schrecken und leider auch nicht ohne Botenempfindlichkeit sich angeboten
hat, von diesem Dienst zurückzutreten, dann bin ich allerdings, um den Fehler
gutzumachen, imstande, zu täuschen, zu lügen, zu betrügen, alles Böse zu tun,
wenn es nur hilft. Aber das tue ich dann, wenigstens nach meinem Glauben, so
gut deinetwegen wie unseretwegen.«
Es klopfte. Olga lief zur Tür und sperrte auf. In das Dunkel fiel ein
Lichtstreifen aus einer Blendlaterne.
Der späte Besucher stellte flüsternde Fragen und bekam geflüsterte Antwort,
wollte sich aber damit nicht begnügen und in die Stube eindringen. Olga konnte
ihn wohl nicht mehr zurückhalten und rief deshalb Amalia, von der sie offenbar
hoffte, daß diese, um den Schlaf der Eltern zu schützen, alles aufwenden werde,
um den Besucher zu entfernen. Tatsächlich eilte sie auch schon herbei, schob
Olga beiseite, trat auf die Straße und schloß hinter sich die Tür. Es dauerte
nur einen Augenblick, gleich kam sie wieder zurück, so schnell hatte sie
erreicht, was Olga unmöglich gewesen war.
K. erfuhr dann von Olga, daß der Besuch ihm gegolten hatte; es war einer der
Gehilfen, der ihn im Auftrag Friedas suchte. Olga hatte K. vor dem Gehilfen
schützen wollen, wenn K. seinen Besuch hier später Frieda gestehen wollte,
mochte er es tun, aber es sollte nicht durch den Gehilfen entdeckt werden. K.
billigte das. Das Angebot Olgas aber, hier die Nacht zu verbringen und auf
Barnabas zu warten, lehnte er ab; an und für sich hätte er es vielleicht
angenommen, denn es war schon spät in der Nacht, und es schien ihm, daß er
jetzt, ob er wolle oder nicht, mit dieser Familie derart verbunden sei, daß ein
Nachtlager hier aus anderen Gründen vielleicht peinlich, mit Rücksicht auf
diese Verbundenheit aber das für ihn Natürlichste im ganzen Dorf sei, trotzdem
lehnte er ab, der Besuch des Gehilfen hatte ihn aufgeschreckt, es war ihm
unverständlich, wie Frieda, die doch seinen Willen kannte, und die Gehilfen,
die ihn fürchten gelernt hatten, wieder derart zusammengekommen waren, daß sich
Frieda nicht scheute, einen Gehilfen um ihn zu schicken, einen übrigens nur,
während der andere wohl bei ihr geblieben war. Er fragte Olga, ob sie eine
Peitsche habe, die hatte sie nicht, aber eine gute Weidenrute hatte sie, die
nahm er, dann fragte er, ob es noch einen zweiten Ausgang aus dem Haus gebe, es
gab einen solchen Ausgang durch den Hof, nur mußte man dann noch über den Zaun
des Nachbargartens klettern und durch diesen Garten gehen, ehe man auf die
Straße kam. Das wollte K. tun. Während ihn Olga durch den Hof und zum Zaun
führte, suchte K. sie schnell wegen ihrer Sorgen zu beruhigen, erklärte, daß er
ihr wegen ihrer kleinen Kunstgriffe in der Erzählung gar nicht böse sei,
sondern sie sehr wohl verstehe, dankte für das Vertrauen, das sie zu ihm hatte
und durch ihre Erzählung bewiesen hatte, und trug ihr auf, Barnabas gleich nach
seiner Rückkehr in die Schule zu schicken, und sei es noch in der Nacht. Zwar
seien die Botschaften des Barnabas nicht seine einzige Hoffnung, sonst stünde
es schlimm um ihn, aber verzichten wolle er keineswegs auf sie, er wolle sich
an sie halten und dabei Olga nicht vergessen, denn noch wichtiger fast als die
Botschaften sei ihm Olga selbst, ihre Tapferkeit, ihre Umsicht, ihre Klugheit,
ihre Aufopferung für die Familie. Wenn er zwischen Olga und Amalia zu wählen
hätte, würde ihn das nicht viel Überlegung kosten. Und er drückte ihr noch
herzlich die Hand, während er sich schon auf den Zaun des Nachbargartens
schwang.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                       **** Das sechzehnte Kapitel ****
Als er dann auf der Straße war, sah er, soweit die trübe Nacht es erlaubte,
weiter oben vor des Barnabas Haus noch immer den Gehilfen auf und ab gehen,
manchmal blieb er stehen und versuchte durch das verhängte Fenster in die Stube
zu leuchten. K. rief ihn an; ohne sichtlich zu erschrecken, ließ er von dem
Ausspionieren des Hauses ab und kam auf K. zu. »Wen suchst du?« fragte K. und
prüfte am Schenkel die Biegsamkeit der Weidenrute. »Dich«, sagte der Gehilfe im
Näherkommen. »Wer bist du denn?« sagte K. plötzlich, denn es schien nicht der
Gehilfe zu sein. Er schien älter, müder, faltiger, aber voller im Gesicht, auch
sein Gang war ganz anders als der flinke, in den Gelenken wie elektrisierte
Gang der Gehilfen, er war langsam, ein wenig hinkend, vornehm kränklich. »Du
erkennst mich nicht?« fragte der Mann. »Jeremias, dein alter Gehilfe.« - »So«,
sagte K. und zog wieder die Weidenrute ein wenig hervor, die er schon hinter
dem Rücken versteckt hatte. »Du siehst aber ganz anders aus.« - »Es ist, weil
ich allein bin«, sagte Jeremias. »Bin ich allein, dann ist auch die fröhliche
Jugend dahin.« »Wo ist denn Artur?« fragte K. »Artur?« fragte Jeremias. »Der
kleine Liebling? Er hat den Dienst verlassen. Du warst aber auch ein wenig grob
und hart zu uns. Die zarte Seele hat es nicht ertragen. Er ist ins Schloß
zurückgekehrt und führt Klage über dich.« »Und du?« fragte K. »Ich konnte
bleiben«, sagte Jeremias, »Artur führt die Klage auch für mich.« - »Worüber
klagt ihr denn?« fragte K. »Darüber«, sagte Jeremias, »daß du keinen Spaß
verstehst. Was haben wir denn getan? Ein wenig gescherzt, ein wenig gelacht,
ein wenig deine Braut geneckt. Alles übrigens nach dem Auftrag. Als uns Galater
zu dir schickte «  - »Galater?« fragte K. »Ja, Galater«, sagte Jeremias. »Er
vertrat damals gerade Klamm. Als er uns zu dir schickte, sagte er - ich habe es
mir genau gemerkt, denn darauf berufen wir uns ja -: ›Ihr geht hin als die
Gehilfen des Landvermessers.‹ Wir sagten: ›Wir verstehen aber nichts von dieser
Arbeit.‹ Er darauf: ›Das ist nicht das wichtigste; wenn es nötig sein wird,
wird er es euch beibringen. Das wichtigste ist aber, daß ihr ihn ein wenig
erheitert. Wie man mir berichtet, nimmt er alles sehr schwer. Er ist jetzt ins
Dorf gekommen, und gleich ist ihm das ein großes Ereignis, während es doch in
Wirklichkeit gar nichts ist. Das sollt ihr ihm beibringen.‹« - »Nun«, sagte K.,
»hat Galater recht gehabt und habt ihr den Auftrag ausgeführt?« - »Das weiß ich
nicht«, sagte Jeremias. »In der kurzen Zeit war es wohl auch nicht möglich. Ich
weiß nur, daß du sehr grob warst, und darüber klagen wir. Ich verstehe nicht,
wie du, der du doch auch nur ein Angestellter bist und nicht einmal ein
Schloßangestellter, nicht einsehen kannst, daß ein solcher Dienst eine harte
Arbeit ist und daß es sehr unrecht ist, mutwillig, fast kindisch dem Arbeiter
die Arbeit so zu erschweren, wie du es getan hast. Diese Rücksichtslosigkeit,
mit der du uns am Gitter frieren ließest, oder wie du Artur, einen Menschen,
den ein böses Wort tagelang schmerzt, mit der Faust auf der Matratze fast
erschlagen hast oder wie du mich am Nachmittag kreuz und quer durch den Schnee
jagtest, daß ich dann eine Stunde brauchte, um mich von der Hetze zu erholen.
Ich bin doch nicht mehr jung!« - »Lieber Jeremias«, sagte K., »mit dem allem
hast du recht, nur solltest du es bei Galater vorbringen. Er hat euch aus
eigenem Willen geschickt, ich habe euch nicht von ihm erbeten. Und da ich euch
nicht verlangt habe, konnte ich euch auch wieder zurückschicken und hätte es
auch lieber in Frieden getan als mit Gewalt, aber ihr wolltet es offenbar nicht
anders. Warum hast du übrigens nicht gleich, als ihr zu mir kamt, so offen
gesprochen wie jetzt?« - »Weil ich im Dienst war«, sagte Jeremias, »das ist
doch selbstverständlich.« - »Und jetzt bist du nicht mehr im Dienst?« fragte K.
»Jetzt nicht mehr«, sagte Jeremias, »Artur hat im Schloß den Dienst aufgesagt,
oder es ist zumindest das Verfahren im Gang, das uns von ihm endgültig befreien
soll.« - »Aber du suchst mich doch noch so, als wärest du im Dienst«, sagte K.
»Nein«, sagte Jeremias, »ich suche dich nur, um Frieda zu beruhigen. Als du sie
nämlich wegen der Barnabasschen Mädchen verlassen hast, war sie sehr
unglücklich, nicht so sehr wegen des Verlustes als wegen deines Verrates;
allerdings hatte sie es schon lange kommen gesehen und schon viel deshalb
gelitten. Ich kam gerade wieder einmal zum Schulfenster, um nachzusehen, ob du
doch vielleicht schon vernünftiger geworden seist. Aber du warst nicht dort,
nur Frieda saß in einer Schulbank und weinte. Da ging ich also zu ihr, und wir
einigten uns. Es ist auch schon alles ausgeführt. Ich bin Zimmerkellner im
Herrenhof, wenigstens solange meine Sache im Schloß nicht erledigt ist, und
Frieda ist wieder im Ausschank. Es ist für Frieda besser. Es lag für sie keine
Vernunft darin, deine Frau zu werden. Auch hast du das Opfer, das sie dir
bringen wollte, nicht zu würdigen verstanden. Nun hat aber die Gute noch immer
manchmal Bedenken, ob dir nicht unrecht geschehen ist, ob du vielleicht doch
nicht bei den Barnabasschen warst. Obwohl natürlich gar kein Zweifel darin sein
konnte, wo du warst, bin ich doch noch gegangen, es ein für allemal
festzustellen; denn nach all den Aufregungen verdient es Frieda endlich einmal,
ruhig zu schlafen, ich allerdings auch. So bin ich also gegangen und habe nicht
nur dich gefunden, sondern nebenbei auch noch sehen können, daß dir die Mädchen
wie am Schnürchen folgen. Besonders die Schwarze, eine wahre Wildkatze, hat
sich für dich eingesetzt. Nun, jeder nach seinem Geschmack. Jedenfalls aber war
es nicht nötig, daß du den Umweg über den Nachbargarten gemacht hast, ich kenne
den Weg.«
Nun war es also doch geschehen, was vorauszusehen, aber nicht zu verhindern
gewesen war. Frieda hatte ihn verlassen. Es mußte nichts Endgültiges sein, so
schlimm war es nicht; Frieda war zurückzuerobern, sie war leicht von Fremden zu
beeinflussen, gar von diesen Gehilfen, welche Friedas Stellung für ähnlich der
ihren hielten und nun, da sie gekündigt hatten, auch Frieda dazu veranlaßt
hatten, aber K. mußte nur vor sie treten, an alles erinnern, was für ihn
sprach, und sie war wieder reuevoll die seine, gar wenn er etwa imstande
gewesen wäre, den Besuch bei den Mädchen durch einen Erfolg zu rechtfertigen,
den er ihnen verdankte. Aber trotz diesen Überlegungen, mit welchen er sich
wegen Frieda zu beruhigen suchte, war er nicht beruhigt. Noch vor kurzem hatte
er sich Olga gegenüber Friedas gerühmt und sie seinen einzigen Halt genannt;
nun, dieser Halt war nicht der festeste, nicht der Eingriff eines Mächtigen war
nötig, um K. Friedas zu berauben, es genügte auch dieser nicht sehr
appetitliche Gehilfe, dieses Fleisch, das manchmal den Eindruck machte, als sei
es nicht recht lebendig.
Jeremias hatte sich schon zu entfernen angefangen; K. rief ihn zurück.
»Jeremias«, sagte er, »ich will ganz offen zu dir sein, beantworte mir auch
ehrlich eine Frage. Wir sind ja nicht mehr im Verhältnis des Herrn und des
Dieners, worüber nicht nur du froh bist, sondern auch ich, wir haben also
keinen Grund, einander zu betrügen. Hier vor deinen Augen zerbreche ich die
Rute, die für dich bestimmt gewesen ist, denn nicht aus Angst vor dir habe ich
den Weg durch den Garten gewählt, sondern um dich zu überraschen und die Rute
einigemal an dir abzuziehen. Nun, nimm mir das nicht mehr übel, das ist alles
vorüber; wärest du nicht ein vom Amt mir aufgezwungener Diener, sondern einfach
ein Bekannter gewesen, wir hätten uns gewiß, wenn mich auch dein Aussehen
manchmal ein wenig stört, ausgezeichnet vertragen. Und wir könnten ja auch das,
was wir in dieser Hinsicht versäumt haben, jetzt nachtragen.« - »Glaubst du?«
sagte der Gehilfe und drückte gähnend die müden Augen. »Ich könnte dir ja die
Sache ausführlicher erklären, aber ich habe keine Zeit, ich muß zu Frieda, das
Kindchen wartet auf mich, sie hat den Dienst noch nicht angetreten, der Wirt
hat ihr auf mein Zureden - sie wollte sich, wahrscheinlich, um zu vergessen,
gleich in die Arbeit stürzen - noch eine kleine Erholungszeit gegeben, die
wollen wir doch wenigstens miteinander verbringen. Was deinen Vorschlag
betrifft, so habe ich gewiß keinen Anlaß, dich zu belügen, aber ebensowenig,
dir etwas anzuvertrauen. Bei mir ist es nämlich anders als bei dir. Solange ich
im Dienstverhältnis zu dir stand, warst du mir natürlich eine sehr wichtige
Person, nicht wegen deiner Eigenschaften, sondern wegen des Dienstauftrags, und
ich hätte alles für dich getan, was du wolltest, jetzt aber bist du mir
gleichgültig. Auch das Zerbrechen der Rute rührt mich nicht, es erinnert mich
nur daran, einen wie rohen Herrn ich hatte, mich für dich einzunehmen ist es
nicht geeignet.« - »Du sprichst so mit mir«, sagte K., »wie wenn es ganz gewiß
wäre, daß du von mir niemals mehr etwas zu fürchten haben wirst. So ist es aber
doch eigentlich nicht. Du bist wahrscheinlich doch noch nicht frei von mir, so
schnell finden die Erledigungen hier nicht statt.« - »Manchmal noch schneller«,
warf Jeremias ein. »Manchmal«, sagte K., »nichts deutet aber darauf hin, daß es
diesmal geschehen ist, zumindest hast weder du, noch habe ich eine schriftliche
Erledigung in Händen. Das Verfahren ist also erst im Gang, und ich habe durch
meine Verbindungen noch gar nicht eingegriffen, werde es aber tun. Fällt es
ungünstig für dich aus, so hast du nicht sehr dafür vorgearbeitet, dir deinen
Herrn geneigt zu machen, und es war vielleicht sogar überflüssig, die
Weidenrute zu zerbrechen. Und Frieda hast du zwar fortgeführt, wovon dir ganz
besonders der Kamm geschwollen ist; aber bei allem Respekt vor deiner Person -
den ich habe, auch wenn du für mich keinen mehr hast -, ein paar Worte, von mir
an Frieda gerichtet, genügen, das weiß ich, um die Lügen, mit denen du sie
eingefangen hast, zu zerreißen. Und nur Lügen konnten Frieda mir abwendig
machen.« - »Diese Drohungen schrecken mich nicht«, sagte Jeremias. »Du willst
mich doch gar nicht zum Gehilfen haben, du fürchtest mich doch als Gehilfen, du
fürchtest Gehilfen überhaupt, nur aus Furcht hast du den guten Artur
geschlagen.« - »Vielleicht«, sagte K. »Hat es deshalb weniger weh getan?
Vielleicht werde ich auf diese Weise meine Furcht vor dir noch öfters zeigen
können. Sehe ich, daß dir die Gehilfenschaft wenig Freude macht, macht es
wiederum mir über alle Furcht hinweg den größten Spaß, dich dazu zu zwingen.
Und zwar werde ich es mir diesmal angelegen sein lassen, dich allein, ohne
Artur, zu bekommen; ich werde dir dann mehr Aufmerksamkeit zuwenden können.« -
»Glaubst du«, sagte Jeremias, »daß ich auch nur die geringste Furcht vor dem
allen habe?« - »Ich glaube wohl«, sagte K., »ein wenig Furcht hast du gewiß
und, wenn du klug bist, viel Furcht. Warum wärst du denn sonst nicht schon zu
Frieda gegangen? Sag, hast du sie denn lieb?« - »Lieb?« sagte Jeremias. »Sie
ist ein gutes, kluges Mädchen, eine gewesene Geliebte Klamms, also respektabel
auf jeden Fall. Und wenn sie mich fortwährend bittet, sie von dir zu befreien,
warum sollte ich ihr den Gefallen nicht tun, besonders, da ich damit doch auch
dir kein Leid antue, der du mit den verfluchten Barnabasschen dich getröstet
hast.« »Nun sehe ich deine Angst«, sagte K., »eine ganz jämmerliche Angst, du
versuchst mich durch Lügen einzufangen. Frieda hat nur um eines gebeten: sie
von den wildgewordenen, hündisch lüsternen Gehilfen zu befreien; leider habe
ich nicht Zeit gehabt, ihre Bitte ganz zu erfüllen, und jetzt sind die Folgen
meiner Versäumnis da.«
»Herr Landvermesser, Herr Landvermesser!« rief jemand durch die Gasse. Es war
Barnabas. Atemlos kam er an, vergaß aber nicht, sich vor K. zu verbeugen. »Es
ist mir gelungen«, sagte er. »Was ist gelungen?« fragte K. »Du hast meine Bitte
Klamm vorgebracht?« - »Das ging nicht«, sagte Barnabas. »Ich habe mich sehr
bemüht, aber es war unmöglich, ich habe mich vorgedrängt, stand den ganzen Tag
über, ohne dazu aufgefordert zu sein, so nahe am Pult, daß mich einmal ein
Schreiber, dem ich im Licht war, sogar wegschob, meldete mich, was verboten
ist, mit erhobener Hand, wenn Klamm aufsah, blieb am längsten in der Kanzlei,
war schon nur allein mit den Dienern dort, hatte noch einmal die Freude, Klamm
zurückkommen zu sehen, aber es war nicht meinetwegen, er wollte nur schnell
noch etwas in einem Buche nachsehen und ging gleich wieder, schließlich kehrte
mich der Diener, da ich mich noch immer nicht rührte, fast mit dem Besen aus
der Tür. Ich gestehe das alles, damit du nicht wieder unzufrieden bist mit
meinen Leistungen.« - »Was hilft mir all dein Fleiß, Barnabas«, sagte K., »wenn
er gar keinen Erfolg hat.« - »Aber ich hatte Erfolg«, sagte Barnabas. »Als ich
aus meiner Kanzlei trat - ich nenne sie meine Kanzlei -, sehe ich, wie aus den
tieferen Korridoren ein Herr langsam herankommt, sonst war schon alles leer; es
war ja schon sehr spät. Ich beschloß, auf ihn zu warten; es war eine gute
Gelegenheit, noch dort zu bleiben, am liebsten wäre ich ja überhaupt dort
geblieben, um dir die schlechte Meldung nicht bringen zu müssen. Aber es lohnte
sich auch sonst, auf den Herrn zu warten, es war Erlanger. Du kennst ihn nicht?
Er ist einer der ersten Sekretäre Klamms. Ein schwacher, kleiner Herr, er hinkt
ein wenig. Er erkannte mich sofort, er ist berühmt wegen seines Gedächtnisses
und seiner Menschenkenntnis, er zieht nur die Augenbrauen zusammen, das genügt
ihm, um jeden zu erkennen, oft auch Leute, die er nie gesehen hat, von denen er
nur gehört oder gelesen hat, mich zum Beispiel dürfte er kaum je gesehen haben.
Aber obwohl er jeden Menschen gleich erkennt, fragt er zuerst, so, wie wenn er
unsicher wäre. ›Bist du nicht Barnabas?‹ sagte er zu mir. Und dann fragte er:
›Du kennst den Landvermesser, nicht?‹ Und dann sagte er: ›Das trifft sich gut;
ich fahre jetzt in den Herrenhof. Der Landvermesser soll mich dort besuchen.
Ich wohne im Zimmer Nummer fünfzehn. Doch müßte er gleich jetzt kommen. Ich
habe nur einige Besprechungen dort und fahre um fünf Uhr früh wieder zurück.
Sag ihm, daß mir viel daran liegt, mit ihm zu sprechen.‹«
Plötzlich setzte sich Jeremias in Lauf. Barnabas, der ihn in seiner Aufregung
bisher kaum beachtet hatte, fragte: »Was will denn Jeremias?« - »Mir bei
Erlanger zuvorkommen«, sagte K., lief schon hinter Jeremias her, fing ihn ein,
hing sich an seinen Arm und sagte: »Ist es die Sehnsucht nach Frieda, die dich
plötzlich ergriffen hat? Ich habe sie nicht minder, und so werden wir in
gleichem Schritte gehen.«
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                       **** Das siebzehnte Kapitel ****
Vor dem dunklen Herrenhof stand eine kleine Gruppe Männer, zwei oder drei
hatten Handlaternen mit, so daß manche Gesichter kenntlich waren. K. fand nur
einen Bekannten, Gerstäcker, den Fuhrmann. Gerstäcker begrüßte ihn mit der
Frage: »Du bist noch immer im Dorf?« - »Ja«, sagte K., »ich bin für die Dauer
gekommen.« - »Mich kümmert es ja nicht«, sagte Gerstäcker, hustete kräftig und
wandte sich anderen zu.
Es stellte sich heraus, daß alle auf Erlanger warteten. Erlanger war schon
angekommen, verhandelte aber, ehe er die Parteien empfing, noch mit Momus. Das
allgemeine Gespräch drehte sich darum, daß man nicht im Hause warten durfte,
sondern hier draußen im Schnee stehen mußte. Es war zwar nicht sehr kalt;
trotzdem war es rücksichtslos, die Parteien vielleicht stundenlang in der Nacht
vor dem Haus zu lassen. Das war freilich nicht die Schuld Erlangers, der
vielmehr sehr entgegenkommend war, davon kaum wußte und sich gewiß sehr
geärgert hätte, wenn es ihm gemeldet worden wäre. Es war die Schuld der
Herrenhofwirtin, die in ihrem schon krankhaften Streben nach Feinheit es nicht
leiden wollte, daß viele Parteien auf einmal in den Herrenhof kamen. »Wenn es
schon sein muß und sie kommen müssen«, pflegte sie zu sagen, »dann, um des
Himmels willen, nur immer einer hinter dem andern. - Und sie hatte es
durchgesetzt, daß die Parteien, die zuerst einfach in einem Korridor, später
auf der Treppe, dann im Flur, zuletzt im Ausschank gewartet hatten, schließlich
auf die Gasse hinausgeschoben worden waren. Und selbst das genügte ihr noch
nicht. Es war ihr unerträglich, im eigenen Hause immerfort »belagert zu
werden«, wie sie sich ausdrückte. Es war ihr unverständlich, wozu es überhaupt
Parteienverkehr gab. »Um vorn die Haustreppe schmutzig zu machen«, hatte ihr
einmal ein Beamter auf ihre Frage, wahrscheinlich im Ärger, gesagt; ihr aber
war das sehr einleuchtend gewesen, und sie pflegte diesen Ausspruch gern zu
zitieren. Sie strebte danach, und dies begegnete sich nun schon mit den
Wünschen der Parteien, daß gegenüber dem Herrenhof ein Gebäude aufgeführt
werde, in welchem die Parteien warten konnten. Am liebsten wäre es ihr gewesen,
wenn auch die Parteienbesprechungen und Verhöre außerhalb des Herrenhofes
stattgefunden hätten, aber dem widersetzten sich die Beamten, und wenn sich die
Beamten ernstlich widersetzten, so drang natürlich die Wirtin nicht durch,
obwohl sie in Nebenfragen kraft ihres unermüdlichen und dabei frauenhaft zarten
Eifers eine Art kleiner Tyrannei ausübte. Die Besprechungen und Verhöre würde
aber die Wirtin voraussichtlich auch weiterhin im Herrenhof dulden müssen, denn
die Herren aus dem Schloß weigerten sich, im Dorfe in Amtsangelegenheiten den
Herrenhof zu verlassen. Sie waren immer in Eile, nur sehr wider Willen waren
sie im Dorfe, über das unbedingt Notwendige ihren Aufenthalt hier auszudehnen
hatten sie nicht die geringste Lust, und es konnte daher nicht von ihnen
verlangt werden, nur mit Rücksicht auf den Hausfrieden im Herrenhof, zeitweilig
mit allen ihren Schriften über die Straße in irgendein anderes Haus zu ziehen
und so Zeit zu verlieren. Am liebsten erledigten ja die Beamten die Amtssachen
im Ausschank oder in ihrem Zimmer, womöglich während des Essens oder vom Bett
aus vor dem Einschlafen oder morgens, wenn sie zu müde waren, aufzustehen, und
sich im Bett noch ein wenig strecken wollten. Dagegen schien die Frage der
Errichtung eines Wartegebäudes einer günstigen Lösung sich zu nähern, freilich
war es eine empfindliche Strafe für die Wirtin - man lachte ein wenig darüber -
, daß gerade die Angelegenheit des Wartegebäudes zahlreiche Besprechungen nötig
machte und die Gänge des Hauses kaum leer wurden.
Über all diese Dinge unterhielt man sich halblaut unter den Wartenden, K. war
es auffallend, daß zwar der Unzufriedenheit genug war, niemand aber etwas
dagegen einzuwenden hatte, daß Erlanger die Parteien mitten in der Nacht
berief. Er fragte danach und erhielt die Auskunft, daß man dafür Erlanger sogar
sehr dankbar sein müsse. Es sei ja ausschließlich sein guter Wille und die hohe
Auffassung, die er von seinem Amte habe, die ihn dazu bewegten, überhaupt ins
Dorf zu kommen; er könnte ja, wenn er wollte - und es würde dies sogar den
Vorschriften vielleicht besser entsprechen -, irgendeinen unteren Sekretär
schicken und von ihm die Protokolle aufnehmen lassen. Aber er weigerte sich
eben meistens, dies zu tun, wolle selbst alles sehen und hören, müsse dann aber
zu diesem Zweck seine Nächte opfern, denn in seinem Amtsplan sei keine Zeit für
Dorfreisen vorgesehen. K. wandte ein, daß doch auch Klamm bei Tag ins Dorf
komme und sogar mehrere Tage hier bleibe; sei denn Erlanger, der doch nur
Sekretär sei, oben unentbehrlicher? Einige lachten gutmütig, andere schwiegen
betreten, diese letzteren bekamen das Übergewicht, und es wurde K. kaum
geantwortet. Nur einer sagte zögernd, natürlich sei Klamm unentbehrlich, im
Schloß wie im Dorf.
Da öffnete sich die Haustür und Momus erschien zwischen zwei lampentragenden
Dienern. »Die ersten, die zum Herrn Sekretär Erlanger vorgelassen werden«,
sagte er, »sind: Gerstäcker und K. Sind die beiden hier?« Sie meldeten sich,
aber noch vor ihnen schlüpfte Jeremias mit einem »Ich bin hier Zimmerkellner«,
von Momus lächelnd mit einem Schlag auf die Schulter begrüßt, ins Haus. Ich
werde auf Jeremias mehr achten müssen, sagte sich K., wobei er sich dessen
bewußt blieb, daß Jeremias wahrscheinlich viel ungefährlicher war als Artur,
der im Schloß gegen ihn arbeitete. Vielleicht war es sogar klüger, sich von
ihnen als Gehilfen quälen zu lassen, als sie so unkontrolliert umherstreichen
und ihre Intrigen, für die sie eine besondere Anlage zu haben schienen, frei
betreiben zu lassen.
Als K. an Momus vorüberkam, tat dieser, als erkenne er erst jetzt in ihm den
Landvermesser. »Ah, der Herr Landvermesser«, sagte er, »der, welcher sich so
ungern verhören läßt, drängt sich zum Verhör. Bei mir wäre es damals einfacher
gewesen. Nun freilich, es ist schwer, die richtigen Verhöre auszuwählen.« Als
K. auf diese Ansprache hin stehenbleiben wollte, sagte Momus: »Gehen Sie, gehen
Sie! Damals hätte ich Ihre Antworten gebraucht, jetzt nicht.« Trotzdem sagte
K., erregt durch des Momus Benehmen: »Ihr denkt nur an Euch. Bloß des Amtes
wegen antworte ich nicht; weder damals noch heute.« Momus sagte: »An wen sollen
wir denn denken? Wer ist denn sonst noch hier? Gehen Sie!« Im Flur empfing sie
ein Diener und führte sie den K. schon bekannten Weg über den Hof, dann durch
das Tor und in den niedrigen, ein wenig sich senkenden Gang. In den oberen
Stockwerken wohnten offenbar nur die höheren Beamten, die Sekretäre dagegen
wohnten an diesem Gang, auch Erlanger, obwohl er einer ihrer obersten war. Der
Diener löschte seine Laterne aus, denn hier war helle elektrische Beleuchtung.
Alles war hier klein, aber zierlich gebaut. Der Raum war möglichst ausgenutzt.
Der Gang genügte knapp, aufrecht in ihm zu gehen. An den Seiten war eine Tür
fast neben der anderen. Die Seitenwände reichten nicht bis zur Decke, dies
wahrscheinlich aus Ventilationsrücksichten, denn die Zimmerchen hatten wohl
hier in dem tiefen, kellerartigen Gang keine Fenster. Der Nachteil dieser nicht
ganz schließenden Wände war die Unruhe im Gang und notwendigerweise auch in den
Zimmern. Viele Zimmer schienen besetzt zu sein, in den meisten war man noch
wach, man hörte Stimmen, Hammerschläge, Gläserklingen. Doch hatte man nicht den
Eindruck besonderer Lustigkeit. Die Stimmen waren gedämpft, man verstand kaum
hier und da ein Wort, es schienen auch nicht Unterhaltungen zu sein,
wahrscheinlich diktierte nur jemand etwas oder las etwas vor, gerade aus den
Zimmern, aus denen der Klang von Gläsern und Tellern kam, hörte man kein Wort,
und die Hammerschläge erinnerten K. daran, was ihm irgendwo erzählt worden war,
daß manche Beamte, um sich von der fortwährenden geistigen Anstrengung zu
erholen, sich zeitweilig mit Tischlerei, Feinmechanik und dergleichen
beschäftigen. Der Gang selbst war leer, nur vor einer Tür saß ein bleicher,
schmaler, großer Herr im Pelz, unter dem die Nachtwäsche hervorsah;
wahrscheinlich war es ihm im Zimmer zu dumpf geworden, so hatte er sich
herausgesetzt und las da eine Zeitung, aber nicht aufmerksam, gähnend ließ er
öfters vom Lesen ab, beugte sich vor und blickte den Gang entlang; vielleicht
erwartete er eine Partei, die er vorgeladen hatte und die zu kommen säumte. Als
sie an ihm vorübergekommen waren, sagte der Diener in bezug auf den Herrn zu
Gerstäcker: »Der Pinzgauer!« Gerstäcker nickte. »Er ist schon lange nicht unten
gewesen«, sagte er. »Schon sehr lange nicht«, bestätigte der Diener.
Schließlich kamen sie vor eine Tür, die nicht anders als die übrigen war und
hinter der doch, wie der Diener mitteilte, Erlanger wohnte. Der Diener ließ
sich von K. auf die Schulter heben und sah oben durch den freien Spalt ins
Zimmer. »Er liegt«, sagte der Diener herabsteigend, »auf dem Bett, allerdings
in Kleidern, aber ich glaube doch, daß er schlummert. Manchmal überfällt ihn so
die Müdigkeit, hier im Dorf, bei der geänderten Lebensweise. Wir werden warten
müssen. Wenn er aufwacht, wird er läuten. Es ist allerdings schon vorgekommen,
daß er seinen ganzen Aufenthalt im Dorf verschlafen hat und nach dem Aufwachen
gleich wieder ins Schloß zurückfahren mußte. Es ist ja freiwillige Arbeit, die
er hier leistet.« - »Wenn er jetzt nur schon lieber bis zu Ende schliefe«,
sagte Gerstäcker, »denn wenn er nach dem Aufwachen noch ein wenig Zeit zur
Arbeit hat, ist er sehr unwillig darüber, daß er geschlafen hat, sucht alles
eilig zu erledigen, und man kann sich kaum aussprechen.« - »Sie kommen wegen
der Vergebung der Fuhren für den Bau?« fragte der Diener. Gerstäcker nickte,
zog den Diener beiseite und redete leise zu ihm; aber der Diener hörte kaum zu,
blickte über Gerstäcker, den er um mehr als Haupteslänge überragte, hinweg und
strich sich ernst und langsam das Haar.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                       **** Das achtzehnte Kapitel ****
Da sah K., wie er ziellos umherblickte, weit in der Ferne an einer Wendung des
Ganges Frieda; sie tat, als erkenne sie ihn nicht, blickte nur starr auf ihn,
in der Hand trug sie eine Tasse mit leerem Geschirr. Er sagte dem Diener, der
aber gar nicht auf ihn achtete - je mehr man zu dem Diener sprach, desto
geistesabwesender schien er zu werden -, er werde gleich zurückkommen, und lief
zu Frieda. Bei ihr angekommen, faßte er sie bei den Schultern, so, als ergreife
er wieder von ihr Besitz, stellte einige belanglose Fragen und suchte dabei
prüfend in ihren Augen. Aber ihre starre Haltung löste sich kaum, zerstreut
versuchte sie einige Umstellungen des Geschirrs auf der Tasse und sagte: »Was
willst du denn von mir? Geh doch zu den - nun, du weißt ja, wie sie heißen. Du
kommst ja gerade von ihnen, ich kann es dir ansehen.« K. lenkte schnell ab; die
Aussprache sollte nicht so plötzlich kommen und bei dem Bösesten, bei dem für
ihn Ungünstigsten anfangen. »Ich dachte, du wärest im Ausschank«, sagte er.
Frieda sah ihn erstaunt an und fuhr ihm dann sanft mit der einen Hand, die sie
frei hatte, über Stirn und Wange. Es war, als habe sie sein Aussehen vergessen
und wollte es sich so wieder ins Bewußtsein zurückrufen, auch ihre Augen hatten
den verschleierten Ausdruck des mühsam Sich-Erinnerns. »Ich bin für den
Ausschank wieder aufgenommen«, sagte sie dann langsam, als sei es unwichtig,
was sie sage, aber unter den Worten führte sie noch ein Gespräch mit K., und
dies sei das wichtigere. »Diese Arbeit taugt nicht für mich, die kann auch eine
jede andere besorgen; jede, die aufbetten und ein freundliches Gesicht machen
kann und die Belästigung durch die Gäste nicht scheut, sondern sie sogar noch
hervorruft, eine jede solche kann Stubenmädchen sein. Aber im Ausschank, da ist
es etwas anderes. Ich bin auch gleich wieder für den Ausschank aufgenommen
worden, obwohl ich ihn damals nicht sehr ehrenvoll verlassen habe; freilich
hatte ich jetzt Protektion. Aber der Wirt war glücklich, daß ich Protektion
hatte und es ihm deshalb leicht möglich war, mich wieder aufzunehmen. Es war
sogar so, daß man mich drängen mußte, den Posten anzunehmen; wenn du bedenkst,
woran mich der Ausschank erinnert, wirst du es begreifen. Schließlich habe ich
den Posten angenommen. Hier bin ich nur aushilfsweise. Pepi hat gebeten, ihr
nicht die Schande anzutun, sofort den Ausschank verlassen zu müssen, wir haben
ihr deshalb, weil sie doch fleißig gewesen ist und alles so besorgt hat, wie es
nur ihre Fähigkeiten erlaubt haben, eine vierundzwanzigstündige Frist gegeben.«
- »Das ist alles sehr gut eingerichtet«, sagte K., »nur hast du einmal
meinetwegen den Ausschank verlassen; und nun, da wir kurz vor der Hochzeit
sind, kehrst du wieder in ihn zurück?« - »Es wird keine Hochzeit geben«, sagte
Frieda. »Weil ich untreu war?« fragte K.; Frieda nickte. »Nun sieh, Frieda«,
sagte K., »über diese angebliche Untreue haben wir schon öfters gesprochen, und
immer hast du schließlich einsehen müssen, daß es ein ungerechter Verdacht war.
Seitdem aber hat sich auf meiner Seite nichts geändert, alles ist unschuldig
geblieben, wie es war und wie es nicht anders werden kann. Also muß sich etwas
auf deiner Seite geändert haben, durch fremde Einflüsterungen oder etwas
anderes. Unrecht tust du mir auf jeden Fall; denn sieh, wie verhält es sich mit
diesen zwei Mädchen? Die eine, die dunkle - ich schäme mich fast, mich so im
einzelnen verteidigen zu müssen, aber du forderst es heraus -, die dunkle also
ist mir wahrscheinlich nicht weniger peinlich als dir; wenn ich mich nur
irgendwie von ihr fernhalten kann, tue ich es, und sie erleichtert das ja auch,
man kann nicht zurückhaltender sein, als sie es ist.« - »Ja«, rief Frieda aus,
die Worte kamen ihr wie gegen ihren Willen hervor, K. war froh, sie so
abgelenkt zu sehen; sie war anders, als sie sein wollte, »die magst du für
zurückhaltend ansehen, die Schamloseste von allen nennst du zurückhaltend, und
du meinst es, so unglaubwürdig es ist, ehrlich, du verstellst dich nicht, das
weiß ich. Die Brückenhofwirtin sagt von dir: ›Leiden kann ich ihn nicht, aber
verlassen kann ich ihn auch nicht, man kann doch auch beim Anblick eines
kleinen Kindes, das noch nicht gut gehen kann und sich weit vorwagt, unmöglich
sich beherrschen; man muß eingreifen.‹« - »Nimm diesmal ihre Lehre an«, sagte
K. lächelnd, »aber jenes Mädchen - ob es zurückhaltend oder schamlos ist,
können wir beiseitelassen -, ich will von ihm nichts wissen.« - »Aber warum
nennst du sie zurückhaltend?« fragte Frieda unnachgiebig. K. hielt diese
Teilnahme für ein ihm günstiges Zeichen. »Hast du es erprobt oder willst du
andere dadurch herabsetzen?« - »Weder das eine noch das andere«, sagte K., »ich
nenne sie so aus Dankbarkeit, weil sie es mir leicht macht, sie zu übersehen,
und weil ich, selbst wenn sie mich nur öfters anspräche, es nicht über mich
bringen könnte, wieder hinzugehen, was doch ein großer Verlust für mich wäre,
denn ich muß hingehen wegen unserer gemeinsamen Zukunft, wie du weißt. Und
deshalb muß ich auch mit dem anderen Mädchen sprechen, das ich zwar wegen
seiner Tüchtigkeit, Umsicht und Selbstlosigkeit schätze, von dem aber doch
niemand behaupten kann, daß es verführerisch ist.« - »Die Knechte sind anderer
Meinung«, sagte Frieda. »In dieser wie auch wohl in vieler anderer Hinsicht«,
sagte K. »Aus den Gelüsten der Knechte willst du auf meine Untreue schließen?«
Frieda schwieg und duldete es, daß K. ihr die Tasse aus der Hand nahm, auf den
Boden stellte, seinen Arm unter den ihren schob und im kleinen Raum langsam mit
ihr hin und her zu gehen begann. »Du weißt nicht, was Treue ist«, sagte sie,
sich ein wenig wehrend gegen seine Nähe. »Wie du dich auch zu den Mädchen
verhalten magst, ist ja nicht das Wichtigste; daß du in diese Familie überhaupt
gehst und zurückkommst, den Geruch ihrer Stube in den Kleidern, ist schon eine
unerträgliche Schande für mich. Und du läufst aus der Schule fort, ohne etwas
zu sagen, und bleibst gar bei ihnen die halbe Nacht. Und läßt, wenn man nach
dir fragt, dich von den Mädchen verleugnen, leidenschaftlich verleugnen,
besonders von der unvergleichlich Zurückhaltenden. Schleichst dich auf einem
geheimen Weg aus dem Haus, vielleicht gar, um den Ruf der Mädchen zu schonen,
den Ruf jener Mädchen! Nein, sprechen wir nicht mehr davon!« - »Von diesem
nicht«, sagte K., »aber von etwas anderem, Frieda. Von diesem ist ja auch
nichts zu sagen. Warum ich hingehen muß, weißt du. Es wird mir nicht leicht,
aber ich überwinde mich. Du solltest es mir nicht schwerer machen, als es ist.
Heute dachte ich, nur für einen Augenblick hinzugehen und nachzufragen, ob
Barnabas, der eine wichtige Botschaft schon längst hätte bringen sollen,
endlich gekommen ist. Er war nicht gekommen, aber er mußte, wie man mir
versicherte und wie es auch glaubwürdig war, sehr bald kommen. Ihn mir in die
Schule nachkommen lassen, wollte ich nicht, um dich durch seine Gegenwart nicht
zu belästigen. Die Stunden vergingen, und er kam leider nicht. Wohl aber kam
ein anderer, der mir verhaßt ist. Von ihm mich ausspionieren zu lassen, hatte
ich keine Lust und ging also durch den Nachbargarten, aber auch vor ihm
verbergen wollte ich mich nicht, sondern ging dann auf der Straße frei auf ihn
zu, mit einer sehr biegsamen Weidenrute, wie ich gestehe. Das ist alles,
darüber ist also weiter nichts zu sagen; wohl aber über etwas anderes. Wie
verhält es sich denn mit den Gehilfen, die zu erwähnen mir fast so widerlich
ist wie dir die Erwähnung jener Familie? Vergleiche dein Verhältnis zu ihnen
damit, wie ich mich zu der Familie verhalte. Ich verstehe deinen Widerwillen
gegenüber der Familie und kann ihn teilen. Nur um der Sache willen gehe ich zu
ihnen, fast scheint es mir manchmal, daß ich ihnen Unrecht tue, sie ausnütze.
Du und die Gehilfen dagegen! Du hast gar nicht in Abrede gestellt, daß sie dich
verfolgen, und hast eingestanden, daß es dich zu ihnen zieht. Ich war dir nicht
böse deshalb, habe eingesehen, daß hier Kräfte im Spiel sind, denen du nicht
gewachsen bist, war schon glücklich darüber, daß du dich wenigstens wehrst,
habe geholfen, dich zu verteidigen, und nur weil ich ein paar Stunden darin
nachgelassen habe im Vertrauen auf deine Treue, allerdings auch in der
Hoffnung, daß das Haus unweigerlich verschlossen ist, die Gehilfen endgültig in
die Flucht geschlagen sind - ich unterschätzte sie noch immer, fürchte ich -
, nur weil ich ein paar Stunden darin nachgelassen habe und jener Jeremias,
genau betrachtet, ein nicht sehr gesunder, ältlicher Bursche, die Keckheit
gehabt hat, ans Fenster zu treten, nur deshalb soll ich dich, Frieda, verlieren
und als Begrüßung zu hören bekommen: ›Es wird keine Hochzeit geben.‹ Wäre ich
es nicht eigentlich, der Vorwürfe machen dürfte, und ich mache sie nicht, mache
sie noch immer nicht.« Und wieder schien es K. gut, Frieda ein wenig
abzulenken, und er bat sie, ihm etwas zu essen zu bringen, weil er schon seit
Mittag nichts gegessen habe. Frieda, offenbar auch durch die Bitte erleichtert,
nickte und lief, etwas zu holen, nicht den Gang weiter, wo K. die Küche
vermutete, sondern seitlich, ein paar Stufen abwärts. Sie brachte bald einen
Teller mit Aufschnitt und eine Flasche Wein, aber es waren wohl nur schon die
Reste einer Mahlzeit: Flüchtig waren die einzelnen Stücke neu ausgebreitet, um
es unkenntlich zu machen, sogar Wurstschalen waren dort vergessen und die
Flasche war zu drei Vierteln geleert. Doch sagte K. nichts darüber und machte
sich mit gutem Appetit ans Essen. »Du warst in der Küche?« fragte er. »Nein, in
meinem Zimmer«, sagte sie, »ich habe hier unten ein Zimmer.« - »Hättest du mich
doch mitgenommen«, sagte K. »Ich werde hinuntergehen, um mich zum Essen ein
wenig zu setzen.« - »Ich werde dir einen Sessel bringen«, sagte Frieda und war
schon auf dem Weg. »Danke«, sagte K. und hielt sie zurück, »ich werde weder
hinuntergehen, noch brauche ich mehr einen Sessel.« Frieda ertrug trotzig
seinen Griff, hatte den Kopf tief geneigt und biß auf die Lippen. »Nun ja, er
ist unten«, sagte sie. »Hast du es anders erwartet? Er liegt in meinem Bett, er
hat sich draußen verkühlt, er fröstelt, er hat kaum gegessen. Im Grunde ist
alles deine Schuld; hättest du die Gehilfen nicht verjagt und wärst jenen
Leuten nicht nachgelaufen, wir könnten jetzt friedlich in der Schule sitzen.
Nur du hast unser Glück zerstört. Glaubst du, daß Jeremias, solange er im
Dienst war, es gewagt hätte, mich zu entführen? Dann verkennst du die hiesige
Ordnung ganz und gar. Er wollte zu mir, er hat sich gequält, er hat auf mich
gelauert, das war aber nur ein Spiel, so wie ein hungriger Hund spielt und es
doch nicht wagt, auf den Tisch zu springen. Und ebenso ich. Es zog mich zu ihm,
er ist mein Spielkamerad aus der Kinderzeit - wir spielten miteinander auf dem
Abhang des Schloßberges, schöne Zeiten, du hast mich niemals nach meiner
Vergangenheit gefragt. - Doch das alles war nicht entscheidend, solange
Jeremias durch den Dienst gehalten war, denn ich kannte ja meine Pflicht als
deine zukünftige Frau. Dann aber vertriebst du die Gehilfen und rühmtest dich
noch dessen, als hättest du damit etwas für mich getan; nun, in einem gewissen
Sinne ist es wahr. Bei Artur gelang deine Absicht, allerdings nur vorläufig, er
ist zart, er hat nicht die keine Schwierigkeit fürchtende Leidenschaft des
Jeremias, auch hast du ihn ja durch den Faustschlag in der Nacht - jener Schlag
war auch gegen unser Glück geführt - nahezu zerstört, er flüchtete ins Schloß,
um zu klagen, und wenn er auch bald wiederkommen wird, immerhin, er ist jetzt
fort. Jeremias aber blieb. Im Dienst fürchtet er ein Augenzucken des Herrn,
außerhalb des Dienstes aber fürchtet er nichts. Er kam und nahm mich; von dir
verlassen, von ihm, dem alten Freund, beherrscht, konnte ich mich nicht halten.
Ich habe das Schultor nicht aufgesperrt, er zerschlug das Fenster und zog mich
hinaus. Wir flohen hierher, der Wirt achtet ihn, auch kann den Gästen nichts
willkommener sein, als einen solchen Zimmerkellner zu haben, so wurden wir
aufgenommen, er wohnt nicht bei mir, sondern wir haben ein gemeinsames Zimmer.
« - »Trotz allem«, sagte K., »bedauere ich es nicht, die Gehilfen aus dem
Dienst getrieben zu haben. War das Verhältnis so, wie du es beschreibst, deine
Treue also nur durch die dienstliche Gebundenheit der Gehilfen bedingt, dann
war es gut, daß alles ein Ende nahm. Das Glück der Ehe inmitten der zwei
Raubtiere, die sich nur unter der Knute duckten, wäre nicht sehr groß gewesen.
Dann bin ich auch jener Familie dankbar, welche unabsichtlich ihr Teil
beigetragen hat, um uns zu trennen.« Sie schwiegen und gingen wieder
nebeneinander auf und ab, ohne daß zu unterscheiden gewesen wäre, wer jetzt
damit begonnen hätte. Frieda, nahe an K., schien ärgerlich, daß er sie nicht
wieder unter den Arm nahm. »Und so wäre alles in Ordnung«, fuhr K. fort, »und
wir könnten Abschied nehmen, du zu deinem Herrn Jeremias gehen, der
wahrscheinlich noch vom Schulgarten her verkühlt ist und den du mit Rücksicht
darauf schon viel zu lange allein gelassen hast, und ich allein in die Schule
oder, da ich ja ohne dich dort nichts zu tun habe, sonst irgendwohin, wo man
mich aufnimmt. Wenn ich nun trotzdem zögere, so deshalb, weil ich aus gutem
Grund noch immer ein wenig daran zweifle, was du mir erzählt hast. Ich habe von
Jeremias den gegenteiligen Eindruck. Solange er im Dienst war, ist er hinter
dir her gewesen, und ich glaube nicht, daß der Dienst ihn auf die Dauer
zurückgehalten hätte, dich einmal ernstlich zu überfallen. Jetzt aber, seit er
den Dienst für aufgehoben ansieht, ist es anders. Verzeih, wenn ich es mir auf
folgende Weise erkläre: Seit du nicht mehr die Braut seines Herrn bist, bist du
keine solche Verlockung mehr für ihn wie früher. Du magst seine Freundin aus
der Kinderzeit sein, doch legt er - ich kenne ihn eigentlich nur aus einem
kurzen Gespräch heute nacht - solchen Gefühlsdingen meiner Meinung nach nicht
viel Wert bei. Ich weiß nicht, warum er dir als ein leidenschaftlicher
Charakter erscheint. Seine Denkweise scheint mir eher besonders kühl. Er hat in
bezug auf mich irgendeinen, mir vielleicht nicht sehr günstigen Auftrag von
Galater bekommen, diesen strengt er sich an auszuführen, mit einer gewissen
Dienstleidenschaft, wie ich zugeben will - sie ist hier nicht allzu selten -
, dazu gehört, daß er unser Verhältnis zerstört; er hat es vielleicht auf
verschiedene Weise versucht, eine davon war die, daß er dich durch sein
lüsternes Schmachten zu verlocken suchte, eine andere - hier hat ihn die Wirtin
unterstützt -, daß er von meiner Untreue fabelte, sein Anschlag ist ihm
gelungen, irgendeine Erinnerung an Klamm, die ihn umgibt, mag mitgeholfen
haben, den Posten hat er zwar verloren, aber vielleicht gerade in dem
Augenblick, in dem er ihn nicht mehr benötigte, jetzt erntet er die Früchte
seiner Arbeit und zieht dich aus dem Schulfenster, damit ist aber seine Arbeit
beendet und, von der Dienstleidenschaft verlassen, wird er müde, er wäre lieber
an Stelle Arturs, der gar nicht klagt, sondern sich Lob und neue Aufträge holt,
aber es muß doch auch jemand zurückbleiben, der die weitere Entwicklung der
Dinge verfolgt. Eine etwas lästige Pflicht ist es ihm, dich zu versorgen. Von
Liebe zu dir ist keine Spur, er hat es mir offen gestanden, als Geliebte Klamms
bist du ihm natürlich respektabel, und in deinem Zimmer sich einzunisten und
sich einmal als kleiner Klamm zu fühlen, tut ihm gewiß sehr wohl, das aber ist
alles, du selbst bedeutest ihm jetzt nichts, nur ein Nachtrag zu seiner
Hauptaufgabe ist es ihm, daß er dich hier untergebracht hat; um dich nicht zu
beunruhigen, ist er auch selbst geblieben, aber nur vorläufig, solange er nicht
neue Nachrichten vom Schloß bekommt und seine Verkühlung von dir nicht
auskuriert ist.« »Wie du ihn verleumdest!« sagte Frieda und schlug ihre kleinen
Fäuste aneinander. »Verleumden?« sagte K. »Nein, ich will ihn nicht verleumden.
Wohl aber tue ich ihm vielleicht Unrecht, das ist freilich möglich. Ganz offen
an der Oberfläche liegt es ja nicht, was ich über ihn gesagt habe; es läßt sich
auch anders deuten. Aber verleumden? Verleumden könnte doch nur den Zweck
haben, damit gegen deine Liebe zu ihm anzukämpfen. Wäre es nötig und wäre
Verleumdung ein geeignetes Mittel, ich würde nicht zögern, ihn zu verleumden.
Niemand könnte mich deshalb verurteilen, er ist durch seine Auftraggeber in
solchem Vorteil mir gegenüber, daß ich, ganz allein auf mich angewiesen, auch
ein wenig verleumden dürfte. Es wäre ein verhältnismäßig unschuldiges und
letzten Endes ja auch ohnmächtiges Verteidigungsmittel. Laß also die Fäuste
ruhen.« Und K. nahm Friedas Hand in die seine; Frieda wollte sie ihm entziehen,
aber lächelnd und nicht mit großer Kraftanstrengung. »Aber ich muß nicht
verleumden«, sagte K., »denn du liebst ihn ja nicht, glaubst es nur und wirst
mir dankbar sein, wenn ich dich von der Täuschung befreie. Sieh, wenn jemand
dich von mir fortbringen wollte, ohne Gewalt, aber mit möglichst sorgfältiger
Berechnung, dann müßte er es durch die beiden Gehilfen tun. Scheinbar gute,
kindliche, lustige, verantwortungslose, von hoch her, vom Schloß hergeblasene
Jungen, ein wenig Kindheitserinnerung auch dabei, das ist doch schon alles sehr
liebenswert, besonders, wenn ich etwa das Gegenteil von alledem bin, dafür
immerfort hinter Geschäften herlaufe, die dir nicht ganz verständlich, die dir
ärgerlich sind, die mich mit Leuten zusammenbringen, die dir hassenswert sind
und etwas davon bei aller meiner Unschuld auch auf mich übertragen. Das Ganze
ist nur eine bösartige, allerdings sehr kluge Ausnützung der Mängel unseres
Verhältnisses. Jedes Verhältnis hat seine Mängel, gar unseres, wir kamen ja
jeder aus einer ganz anderen Welt zusammen, und seit wir einander kennen, nahm
das Leben eines jeden von uns einen ganz neuen Weg, wir fühlen uns noch
unsicher, es ist doch allzu neu. Ich rede nicht von mir, das ist nicht so
wichtig, ich bin ja im Grunde immerfort beschenkt worden, seit du deine Augen
zum erstenmal mir zuwandtest; und an das Beschenktwerden sich gewöhnen, ist
nicht schwer. Du aber, von allem anderen abgesehen, wurdest von Klamm
losgerissen; ich kann nicht ermessen, was das bedeutet, aber eine Ahnung dessen
habe ich doch allmählich schon bekommen, man taumelt, man kann sich nicht
zurechtfinden, und wenn ich auch bereit war, dich immer aufzunehmen, so war ich
doch nicht immer zugegen, und wenn ich zugegen war, hielten dich manchmal deine
Träumereien fest oder noch Lebendigeres, wie etwa die Wirtin; kurz, es gab
Zeiten, wo du von mir wegsahst, dich irgendwohin ins Halbunbestimmte sehntest,
armes Kind, und es mußten nur in solchen Zwischenzeiten in der Richtung deines
Blicks passende Leute aufgestellt werden, und du warst an sie verloren, erlagst
der Täuschung, daß das, was nur Augenblicke waren, Gespenster, alte
Erinnerungen, im Grunde vergangenes und immer mehr vergehendes einstmaliges
Leben, daß dieses noch dein wirkliches jetziges Leben sei. Ein Irrtum, Frieda,
nichts als die letzte, richtig angesehen, verächtliche Schwierigkeit unserer
endlichen Vereinigung. Komme zu dir, fasse dich; wenn du auch dachtest, daß die
Gehilfen von Klamm geschickt sind - es ist gar nicht wahr, sie kommen von
Galater -, und wenn sie dich auch mit Hilfe dieser Täuschung so bezaubern
konnten, daß du selbst in ihrem Schmutz und ihrer Unzucht Spuren von Klamm zu
finden meintest - so, wie jemand in einem Misthaufen einen einst verlorenen
Edelstein zu sehen glaubt, während er ihn in Wirklichkeit dort gar nicht finden
könnte, selbst wenn er dort wirklich wäre -, so sind es doch nur Burschen von
der Art der Knechte im Stall, nur daß sie nicht ihre Gesundheit haben, ein
wenig frische Luft sie krank macht und aufs Bett wirft, das sie sich allerdings
mit knechtischer Pfiffigkeit auszusuchen verstehen.« Frieda hatte ihren Kopf an
K.s Schulter gelehnt, die Arme umeinandergeschlungen, gingen sie schweigend auf
und ab. »Wären wir doch«, sagte Frieda langsam, ruhig, fast behaglich, so, als
wisse sie, daß ihr nur eine ganz kleine Frist der Ruhe an K.s Schulter gewährt
sei, diese aber wolle sie bis zum Letzten genießen, »wären wir doch gleich noch
in jener Nacht ausgewandert, wir könnten irgendwo in Sicherheit sein, immer
beisammen, deine Hand immer nahe genug, sie zu fassen; wie brauche ich deine
Nähe; wie bin ich, seit ich dich kenne, ohne deine Nähe verlassen; deine Nähe
ist, glaube mir, der einzige Traum, den ich träume, keinen anderen.« Da rief es
in dem Seitengang, es war Jeremias, er stand dort auf der untersten Stufe, er
war nur im Hemd, hatte aber ein Umhängetuch Friedas um sich geschlagen. Wie er
dort stand, das Haar zerrauft, den dünnen Bart wie verregnet, die Augen mühsam,
bittend und vorwurfsvoll aufgerissen, die dunklen Wangen gerötet, aber wie aus
allzu lockerem Fleisch bestehend, die nackten Beine zitternd vor Kälte, so daß
die langen Fransen des Tuches mitzitterten, war er wie ein aus dem Spital
entflohener Kranker, demgegenüber man an nichts anderes denken durfte, als ihn
wieder ins Bett zurückzubringen. So faßte es auch Frieda auf, entzog sich K.
und war gleich unten bei ihm. Ihre Nähe, die sorgsame Art, mit der sie das Tuch
fester um ihn zog, die Eile, mit der sie ihn gleich zurück ins Zimmer drängen
wollte, schien ihn schon ein wenig kräftiger zu machen; es war, als erkenne er
K. erst jetzt. »Ah, der Herr Landvermesser«, sagte er, Frieda, die keine
Unterhaltung mehr zulassen wollte, zur Begütigung die Wange streichelnd.
»Verzeihen Sie die Störung. Mir ist aber gar nicht wohl, das entschuldigt doch.
Ich glaube, ich fiebere, ich muß einen Tee haben und schwitzen. Das verdammte
Gitter im Schulgarten, daran werde ich wohl noch zu denken haben, und jetzt,
schon verkühlt, bin ich noch in der Nacht herumgelaufen. Man opfert, ohne es
gleich zu merken, seine Gesundheit für Dinge, die es wahrhaftig nicht wert
sind. Sie aber, Herr Landvermesser, müssen sich durch mich nicht stören lassen,
kommen Sie zu uns ins Zimmer herein, machen Sie einen Krankenbesuch und sagen
Sie dabei Frieda, was noch zu sagen ist. Wenn zwei, die aneinander gewöhnt
sind, auseinandergehen, haben sie natürlich in den letzten Augenblicken so viel
zu sagen, daß das ein dritter, gar wenn er im Bett liegt und auf den
versprochenen Tee wartet, unmöglich begreifen kann. Aber kommen Sie nur herein,
ich werde ganz still sein.« - »Genug, genug«, sagte Frieda und zerrte an seinem
Arm. »Er fiebert und weiß nicht, was er spricht. Du aber, K., geh nicht mit,
ich bitte dich. Es ist mein und des Jeremias Zimmer oder vielmehr nur mein
Zimmer, ich verbiete dir, mit hineinzugehen. Du verfolgst mich, ach K., warum
verfolgst du mich? Niemals, niemals werde ich zu dir zurückkommen, ich
schaudere, wenn ich an eine solche Möglichkeit denke. Geh doch zu deinen
Mädchen; im bloßen Hemd sitzen sie auf der Ofenbank zu deinen Seiten, wie man
mir erzählt hat, und wenn jemand kommt, dich abzuholen, fauchen sie ihn an.
Wohl bist du dort zu Hause, wenn es dich gar so sehr hinzieht. Ich habe dich
immer von dort abgehalten, mit wenig Erfolg, aber immerhin abgehalten, das ist
vorüber, du bist frei. Ein schönes Leben steht dir bevor, wegen der einen wirst
du vielleicht mit den Knechten ein wenig kämpfen müssen, aber was die zweite
betrifft, gibt es niemanden im Himmel und auf Erden, der sie dir mißgönnt. Der
Bund ist von vornherein gesegnet. Sag nichts dagegen, gewiß, du kannst alles
widerlegen, aber zum Schluß ist gar nichts widerlegt. Denk nur, Jeremias, er
hat alles widerlegt!« Sie verständigten sich durch Kopfnicken und Lächeln.
»Aber«, fuhr Frieda fort, »angenommen, er hätte alles widerlegt, was wäre damit
erreicht, was kümmert es mich? Wie es dort bei jenen zugehen mag, ist völlig
ihre und seine Sache, meine nicht. Meine ist es, dich zu pflegen, so lange, bis
du wieder gesund wirst, wie du's einstmals warst, ehe dich K. meinetwegen
quälte.« - »Sie kommen also wirklich nicht mit, Herr Landvermesser?« fragte
Jeremias, wurde aber nun von Frieda, die sich gar nicht mehr nach K. umdrehte,
endgültig fortgezogen. Man sah unten eine kleine Tür, noch niedriger als die
Türen hier im Gange - nicht nur Jeremias, auch Frieda mußte sich beim
Hineingehen bücken -, innen schien es hell und warm zu sein; man hörte noch ein
wenig flüstern, wahrscheinlich liebreiches Überreden um Jeremias ins Bett zu
bringen, dann wurde die Tür geschlossen.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










Erst jetzt merkte K., wie still es auf dem Gang geworden war, nicht nur hier in
diesem Teil des Ganges, wo er mit Frieda gewesen war und der zu den
Wirtschaftsräumen zu gehören schien, sondern auch in dem langen Gang mit den
früher so lebhaften Zimmern. So waren also die Herren doch endlich
eingeschlafen. Auch K. war sehr müde, vielleicht hatte er aus Müdigkeit sich
gegen Jeremias nicht so gewehrt, wie er es hätte tun sollen. Es wäre vielleicht
klüger gewesen, sich nach Jeremias zu richten, der seine Verkühlung sichtlich
übertrieb - seine Jämmerlichkeit stammte nicht von Verkühlung, sondern war ihm
angeboren und durch keinen Gesundheitstee zu vertreiben -, ganz sich nach
Jeremias zu richten, die wirklich große Müdigkeit ebenso zur Schau zu stellen,
hier auf dem Gang niederzusinken, was schon an sich sehr wohl tun müßte, ein
wenig zu schlummern und dann vielleicht auch ein wenig gepflegt zu werden. Nur
wäre es nicht so günstig ausgegangen wie bei Jeremias, der in diesem Wettbewerb
um das Mitleid gewiß, und wahrscheinlich mit Recht, gesiegt hätte und offenbar
auch in jedem anderen Kampf. K. war so müde, daß er daran dachte, ob er nicht
versuchen könnte, in eines dieser Zimmer zu gehen, von denen gewiß manche leer
waren, und sich in einem schönen Bett auszuschlafen. Das hätte seiner Meinung
nach Entschädigung für vieles werden können. Auch einen Schlaftrunk hatte er
bereit. Auf dem Geschirrbrett, das Frieda auf dem Boden liegengelassen hatte,
war eine kleine Karaffe Rum gewesen. K. scheute nicht die Anstrengung des
Rückwegs und trank das Fläschchen leer.
Nun fühlte er sich wenigstens kräftig genug, vor Erlanger zu treten. Er suchte
Erlangers Zimmertür, aber da der Diener und Gerstäcker nicht mehr zu sehen und
alle Türen gleich waren, konnte er sie nicht finden. Doch glaubte er, sich zu
erinnern, an welcher Stelle des Ganges die Tür etwa gewesen war, und beschloß,
eine Tür zu öffnen, die seiner Meinung nach wahrscheinlich die gesuchte war.
Der Versuch konnte nicht allzu gefährlich sein, war es das Zimmer Erlangers, so
würde ihn dieser wohl empfangen, war es das Zimmer eines anderen, so würde es
doch möglich sein, sich zu entschuldigen und wieder zu gehen, und schlief der
Gast, was am wahrscheinlichsten war, würde K.s Besuch gar nicht bemerkt werden;
schlimm konnte es nur werden, wenn das Zimmer leer war, denn dann würde K. kaum
der Versuchung widerstehen können, sich ins Bett zu legen und endlos zu
schlafen. Er sah noch einmal nach rechts und links den Gang entlang, ob nicht
doch jemand käme, der ihm Auskunft geben und das Wagnis unnötig machen könnte,
aber der lange Gang war still und leer. Dann horchte K. an der Tür, auch hier
kein Gast. Er klopfte so leise, daß ein Schlafender dadurch nicht hätte geweckt
werden können, und als auch jetzt nichts erfolgte, öffnete er äußerst
vorsichtig die Tür. Aber nun empfing ihn ein leichter Schrei.
Es war ein kleines Zimmer, von einem breiten Bett mehr als zur Hälfte
ausgefüllt, auf dem Nachttischchen brannte die elektrische Lampe, neben ihr war
eine Reisehandtasche. Im Bett, aber ganz unter der Decke verborgen, bewegte
sich jemand unruhig und flüsterte durch einen Spalt zwischen Decke und Bettuch:
»Wer ist es?« Nun konnte K. nicht ohne weiteres mehr fort, unzufrieden
betrachtete er das üppige, aber leider nicht leere Bett, erinnerte sich dann an
die Frage und nannte seinen Namen. Das schien eine gute Wirkung zu haben, der
Mann im Bett zog ein wenig die Decke vom Gesicht, aber ängstlich bereit, sich
gleich wieder ganz zu bedecken, wenn draußen etwas nicht stimmen sollte. Dann
aber schlug er die Decke ohne Bedenken zurück und setzte sich aufrecht.
Erlanger war es gewiß nicht. Es war ein kleiner, wohl aussehender Herr, dessen
Gesicht dadurch einen gewissen Widerspruch in sich trug, daß die Wangen
kindlich rund, die Augen kindlich fröhlich waren, daß aber die hohe Stirn, die
spitze Nase, der schmale Mund, dessen Lippen kaum zusammenhalten wollten, das
sich fast verflüchtigende Kinn gar nicht kindlich waren, sondern überlegenes
Denken verrieten. Es war wohl die Zufriedenheit damit, die Zufriedenheit mit
sich selbst, die ihm einen starken Rest gesunder Kindlichkeit bewahrt hatte.
»Kennen Sie Friedrich?« fragte er. K. verneinte. »Aber er kennt Sie«, sagte der
Herr lächelnd. K. nickte; an Leuten, die ihn kannten, fehlte es nicht, das war
sogar eines der Haupthindernisse auf seinem Wege. »Ich bin sein Sekretär«,
sagte der Herr, »mein Name ist Bürgel.« »Entschuldigen Sie«, sagte K. und
langte nach der Klinke, »ich habe leider Ihre Tür mit einer anderen
verwechselt. Ich bin nämlich zu Sekretär Erlanger berufen.« - »Wie schade«,
sagte Bürgel. »Nicht daß Sie anderswohin berufen sind, sondern daß Sie die
Türen verwechselt haben. Ich schlafe nämlich, einmal geweckt, ganz gewiß nicht
wieder ein. Nun, das muß Sie aber nicht gar so betrüben, das ist mein
persönliches Unglück. Warum sind auch die Türen hier unversperrbar, nicht? Das
hat freilich seinen Grund. Weil nach einem alten Spruch die Türen der Sekretäre
immer offen sein sollen. Aber so wörtlich müßte auch das allerdings nicht
genommen werden.« Bürgel sah K. fragend und fröhlich an, im Gegensatz zu seiner
Klage schien er recht wohl ausgeruht; so müde, wie K. jetzt, war Bürgel wohl
noch überhaupt nie gewesen. »Wohin wollen Sie denn jetzt gehen?« fragte Bürgel.
»Es ist vier Uhr. Jeden, zu dem Sie gehen wollten, müßten Sie wecken, nicht
jeder ist an Störungen so gewöhnt wie ich, nicht jeder wird es so geduldig
hinnehmen, die Sekretäre sind ein nervöses Volk. Bleiben Sie also ein Weilchen.
Gegen fünf Uhr beginnt man hier aufzustehen, dann werden Sie am besten Ihrer
Vorladung entsprechen können. Lassen Sie, bitte, also endlich die Klinke los
und setzen Sie sich irgendwohin, der Platz ist hier freilich beengt, am besten
wird es sein, wenn Sie sich hier auf den Bettrand setzen. Sie wundern sich, daß
ich weder Sessel noch Tisch hier habe? Nun, ich hatte die Wahl, entweder eine
vollständige Zimmereinrichtung mit einem schmalen Hotelbett zu bekommen oder
dieses große Bett und sonst nichts als den Waschtisch. Ich habe das große Bett
gewählt, in einem Schlafzimmer ist doch wohl das Bett die Hauptsache! Ach, wer
sich ausstrecken und gut schlafen könnte, dieses Bett müßte für einen guten
Schläfer wahrhaft köstlich sein. Aber auch mir, der ich immerfort müde bin,
ohne schlafen zu können, tut es wohl, ich verbringe darin einen großen Teil des
Tages, erledige darin alle Korrespondenzen, führe hier die Parteieinvernahmen
aus. Es geht recht gut. Die Parteien haben allerdings keinen Platz zum Sitzen,
aber das verschmerzen sie, es ist doch auch für sie angenehmer, wenn sie stehen
und der Protokollist sich wohl fühlt, als wenn sie bequem sitzen und dabei
angeschnauzt werden. Dann habe ich nur noch diesen Platz am Bettrand zu
vergeben, aber das ist kein Amtsplatz und nur für nächtliche Unterhaltungen
bestimmt. Aber sie sind so still, Herr Landvermesser?« - »Ich bin sehr müde«,
sagte K., der sich auf die Aufforderung hin sofort, grob, ohne Respekt, aufs
Bett gesetzt und an den Pfosten gelehnt hatte. »Natürlich«, sagte Bürgel
lachend, »hier ist jeder müde. Es ist zum Beispiel keine kleine Arbeit, die ich
gestern und auch heute schon geleistet habe. Es ist ja völlig ausgeschlossen,
daß ich jetzt einschlafe, wenn aber doch dieses Allerunwahrscheinlichste
geschehen und ich noch, solange Sie hier sind, einschlafen sollte, dann, bitte,
halten Sie sich still und machen Sie auch die Tür nicht auf. Aber keine Angst,
ich schlafe gewiß nicht ein und günstigenfalls nur für ein paar Minuten. Es
verhält sich nämlich mit mir so, daß ich, wahrscheinlich weil ich an
Parteienverkehr so sehr gewöhnt bin, immerhin noch am leichtesten einschlafe,
wenn ich Gesellschaft habe.« - »Schlafen Sie nur, bitte, Herr Sekretär«, sagte
K., erfreut von dieser Ankündigung, »ich werde dann, wenn Sie erlauben, auch
ein wenig schlafen.« - »Nein, nein«, lachte Bürgel wieder, »auf die bloße
Einladung hin kann ich leider nicht einschlafen, nur im Laufe des Gespräches
kann sich die Gelegenheit dazu ergeben, am ehesten schläfert mich ein Gespräch
ein. Ja, die Nerven leiden bei unserem Geschäft. Ich, zum Beispiel, bin
Verbindungssekretär. Sie wissen nicht, was das ist? Nun, ich bilde die stärkste
Verbindung« - hierbei rieb er sich eilig in unwillkürlicher Fröhlichkeit die
Hände - »zwischen Friedrich und dem Dorf, ich bilde die Verbindung zwischen
seinen Schloß- und Dorfsekretären, bin meist im Dorf, aber nicht ständig; jeden
Augenblick muß ich darauf gefaßt sein, ins Schloß hinaufzufahren. Sie sehen die
Reisetasche, ein unruhiges Leben, nicht für jeden taugt's. Andererseits ist es
richtig, daß ich diese Art der Arbeit nicht mehr entbehren könnte, alle andere
Arbeit schiene mir schal. Wie verhält es sich denn mit der Landvermesserei?« -
»Ich mache keine solche Arbeit, ich werde nicht als Landvermesser beschäftigt«,
sagte K., er war wenig mit seinen Gedanken bei der Sache, eigentlich brannte er
nur darauf, daß Bürgel einschlafe, aber auch das tat er nur aus einem gewissen
Pflichtgefühl gegen sich selbst, zuinnerst glaubte er zu wissen, daß der
Augenblick von Bürgels Einschlafen noch unabsehbar fern sei. »Das ist
erstaunlich«, sagte Bürgel mit lebhaftem Werfen des Kopfes und zog einen
Notizblock unter der Decke hervor, um sich etwas zu notieren. »Sie sind
Landvermesser und haben keine Landvermesserarbeit.« K. nickte mechanisch, er
hatte oben auf dem Bettpfosten den linken Arm ausgestreckt und den Kopf auf ihn
gelegt, schon verschiedentlich hatte er es sich bequem zu machen versucht,
diese Stellung war aber die bequemste von allen, er konnte nun auch ein wenig
besser darauf achten, was Bürgel sagte. »Ich bin bereit«, fuhr Bürgel fort,
»diese Sache weiter zu verfolgen. Bei uns hier liegen doch die Dinge ganz gewiß
nicht so, daß man eine fachliche Kraft unausgenützt lassen dürfte. Und auch für
Sie muß es doch kränkend sein; leiden Sie denn nicht darunter?« - »Ich leide
darunter«, sagte K. langsam und lächelte für sich, denn gerade jetzt litt er
darunter nicht im geringsten. Auch machte das Anerbieten Bürgels wenig Eindruck
auf ihn. Es war durchaus dilettantisch. Ohne etwas von den Umständen zu wissen,
unter welchen K.s Berufung erfolgt war, von den Schwierigkeiten, welchen sie in
der Gemeinde und im Schloß begegnete, von den Verwicklungen, welche während K.s
hiesigem Aufenthalt sich schon ergeben oder angekündigt hatten, ohne von dem
allen etwas zu wissen, ja sogar ohne zu zeigen, daß ihn, was von einem Sekretär
ohne weiteres hätte angenommen werden sollen, wenigstens eine Ahnung dessen
berühre, erbot er sich, aus dem Handgelenk mit Hilfe seines kleinen
Notizblockes die Sache da oben in Ordnung zu bringen. »Sie scheinen schon
einige Enttäuschungen gehabt zu haben«, sagte Bürgel und bewies damit doch
wieder einige Menschenkenntnis, wie sich K. überhaupt, seit er das Zimmer
betreten hatte, von Zeit zu Zeit aufforderte, Bürgel nicht zu unterschätzen,
aber in seinem Zustand war es schwer, etwas anderes als die eigene Müdigkeit
gerecht zu beurteilen. »Nein«, sagte Bürgel, als antworte er auf einen Gedanken
K.s und wollte ihm rücksichtsvoll die Mühe des Aussprechens ersparen. »Sie
müssen sich nicht durch Enttäuschungen abschrecken lassen. Es scheint hier
manches ja daraufhin eingerichtet, abzuschrecken, und wenn man neu hier
ankommt, scheinen einem die Hindernisse völlig undurchdringlich. Ich will nicht
untersuchen, wie es sich damit eigentlich verhält, vielleicht entspricht der
Schein tatsächlich der Wirklichkeit, in meiner Stellung fehlt mir der richtige
Abstand, um das festzustellen, aber merken Sie auf, es ergeben sich dann doch
wieder manchmal Gelegenheiten, die mit der Gesamtlage fast nicht
übereinstimmen, Gelegenheiten, bei welchen durch ein Wort, durch einen Blick,
durch ein Zeichen des Vertrauens mehr erreicht werden kann als durch
lebenslange, auszehrende Bemühungen. Gewiß, so ist es. Freilich stimmen dann
diese Gelegenheiten doch wieder insofern mit der Gesamtlage überein, als sie
niemals ausgenutzt werden. Aber warum werden sie denn nicht ausgenutzt, frage
ich immer wieder.« K. wußte es nicht; zwar merkte er, daß ihn das, wovon Bürgel
sprach, wahrscheinlich sehr betraf, aber er hatte jetzt eine große Abneigung
gegen alle Dinge, die ihn betrafen, er rückte mit dem Kopf ein wenig beiseite,
als mache er dadurch den Fragen Bürgels den Weg frei und könne von ihnen nicht
mehr berührt werden. »Es ist«, fuhr Bürgel fort, streckte die Arme und gähnte,
was in einem verwirrenden Widerspruch zum Ernst seiner Worte war, »es ist eine
ständige Klage der Sekretäre, daß sie gezwungen sind, die meisten Dorfverhöre
in der Nacht durchzuführen. Warum aber klagen sie darüber? Weil es sie zu sehr
anstrengt? Weil sie die Nacht lieber zum Schlafen verwenden wollen? Nein,
darüber klagen sie gewiß nicht. Es gibt natürlich unter den Sekretären Fleißige
und minder Fleißige, wie überall; aber über allzu große Anstrengung klagt
niemand von ihnen gar öffentlich nicht. Es ist das einfach nicht unsere Art.
Wir kennen in dieser Hinsicht keinen Unterschied zwischen gewöhnlicher Zeit und
Arbeitszeit. Solche Unterscheidungen sind uns fremd. Was also haben aber dann
die Sekretäre gegen die Nachtverhöre? Ist es etwa gar Rücksicht auf die
Parteien? Nein, nein, das ist es auch nicht. Gegen die Parteien sind die
Sekretäre rücksichtslos, allerdings nicht um das geringste rücksichtsloser als
gegen sich selbst, sondern nur genauso rücksichtslos. Eigentlich ist ja diese
Rücksichtslosigkeit nichts als eiserne Befolgung und Durchführung des Dienstes,
die größte Rücksichtnahme, welche sich die Parteien nur wünschen können. Dies
wird auch im Grunde - ein oberflächlicher Beobachter merkt das freilich nicht -
völlig anerkannt; ja, es sind zum Beispiel in diesem Falle gerade die
Nachtverhöre, welche den Parteien willkommen sind, es laufen keine
grundsätzlichen Beschwerden gegen die Nachtverhöre ein. Warum also doch die
Abneigung der Sekretäre?« Auch das wußte K. nicht, er wußte so wenig, er
unterschied nicht einmal, ob Bürgel ernstlich oder nur scheinbar die Antwort
forderte. Wenn du mich in dein Bett legen läßt, dachte er, werde ich dir morgen
mittag oder noch lieber abends alle Fragen beantworten. Aber Bürgel schien auf
ihn nicht zu achten, allzusehr beschäftigte ihn die Frage, die er sich selbst
vorgelegt hatte: »Soviel ich erkenne und soviel ich selbst erfahren habe, haben
die Sekretäre hinsichtlich der Nachtverhöre etwa folgendes Bedenken: Die Nacht
ist deshalb für Verhandlungen mit den Parteien weniger geeignet, weil es nachts
schwer oder geradezu unmöglich ist, den amtlichen Charakter der Verhandlungen
voll zu wahren. Das liegt nicht an Äußerlichkeiten, die Formen können natürlich
in der Nacht nach Belieben ebenso streng beobachtet werden wie bei Tag. Das ist
es also nicht, dagegen leidet die amtliche Beurteilung in der Nacht. Man ist
unwillkürlich geneigt, in der Nacht die Dinge von einem mehr privaten
Gesichtspunkt zu beurteilen, die Vorbringungen der Parteien bekommen mehr
Gewicht, als ihnen zukommt, es mischen sich in die Beurteilung gar nicht
hingehörige Erwägungen der sonstigen Lage der Parteien, ihrer Leiden und
Sorgen, ein; die notwendige Schranke zwischen Parteien und Beamten, mag sie
äußerlich fehlerlos vorhanden sein, lockert sich, und wo sonst, wie es sein
soll, nur Fragen und Antworten hin- und widergingen, scheint sich manchmal ein
sonderbarer, ganz und gar unpassender Austausch der Personen zu vollziehen. So
sagen es wenigstens die Sekretäre, also Leute allerdings, die von Berufs wegen
mit einem ganz außerordentlichen Feingefühl für solche Dinge begabt sind. Aber
selbst sie - dies wurde schon oft in unseren Kreisen besprochen - merken
während der Nachtverhöre von jenen ungünstigen Einwirkungen wenig; im
Gegenteil, sie strengen sich von vornherein an, ihnen entgegenzuarbeiten und
glauben schließlich, ganz besonders gute Leistungen zustande gebracht zu haben.
Liest man aber später die Protokolle nach, staunt man oft über ihre offen
zutage liegenden Schwächen. Und es sind dies Fehler, und zwar immer wieder halb
unberechtigte Gewinne der Parteien, welche wenigstens nach unseren Vorschriften
im gewöhnlichen kurzen Wege nicht mehr gutzumachen sind. Ganz gewiß werden sie
einmal noch von einem Kontrollamt verbessert werden, aber dies wird nur dem
Recht nützen, jener Partei aber nicht mehr schaden können. Sind unter solchen
Umständen die Klagen der Sekretäre nicht sehr berechtigt?« K. hatte schon ein
kleines Weilchen in einem halben Schlummer verbracht, nun war er wieder
aufgestört. Warum dies alles? Warum dies alles? fragte er sich und betrachtete
unter den gesenkten Augenlidern Bürgel nicht wie einen Beamten, der mit ihm
schwierige Fragen besprach, sondern nur wie irgend etwas, das ihn am Schlafen
hinderte und dessen sonstigen Sinn er nicht ausfindig machen konnte. Bürgel
aber, ganz seinem Gedankengang hingegeben, lächelte, als sei es ihm eben
gelungen, K. ein wenig irrezuführen. Doch war er bereit, ihn gleich wieder auf
den richtigen Weg zurückzubringen. »Nun«, sagte er, »ganz berechtigt kann man
diese Klagen ohne weiteres auch wieder nicht nennen. Die Nachtverhöre sind zwar
nirgends geradezu vorgeschrieben, man vergeht sich also gegen keine Vorschrift,
wenn man sie zu vermeiden sucht, aber die Verhältnisse, die Überfülle der
Arbeit, die Beschäftigungsart der Beamten im Schloß, ihre schwere
Abkömmlichkeit, die Vorschrift, daß das Parteienverhör erst nach vollständigem
Abschluß der sonstigen Untersuchung, dann aber sofort zu erfolgen habe, alles
dieses und anderes mehr hat die Nachtverhöre doch zu einer unumgänglichen
Notwendigkeit gemacht. Wenn sie nun aber eine Notwendigkeit geworden sind - so
sage ich -, ist dies doch auch, wenigstens mittelbar, ein Ergebnis der
Vorschriften, und an dem Wesen der Nachtverhöre mäkeln, hieße dann fast - ich
übertreibe natürlich ein wenig, darum, als Übertreibung, darf ich es
aussprechen , hieße dann sogar an den Vorschriften mäkeln.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










Dagegen mag es den Sekretären zugestanden bleiben, daß sie sich innerhalb der
Vorschriften gegen die Nachtverhöre und ihre vielleicht nur scheinbaren
Nachteile zu sichern suchen, so gut es geht. Das tun sie ja auch, und zwar in
größtem Ausmaß. Sie lassen nur Verhandlungsgegenstände zu, von denen in jedem
Sinne möglichst wenig zu befürchten ist, prüfen sich vor den Verhandlungen
genau und sagen, wenn das Ergebnis der Prüfung es verlangt, auch noch im
letzten Augenblick alle Einvernahmen ab, stärken sich, indem sie eine Partei
oft zehnmal berufen, ehe sie sie wirklich vornehmen, lassen sich gern von
Kollegen vertreten, welche für den betreffenden Fall unzuständig sind und ihn
daher mit größerer Leichtigkeit behandeln können, setzen die Verhandlungen
wenigstens auf den Anfang oder das Ende der Nacht an und vermeiden die
mittleren Stunden, solcher Maßnahmen gibt es noch viele, sie lassen sich nicht
leicht beikommen, die Sekretäre, sie sind fast ebenso widerstandsfähig wie
verletzlich.« K. schlief, es war zwar kein eigentlicher Schlaf, er hörte
Bürgels Worte vielleicht besser als während des früheren todmüden Wachens, Wort
für Wort schlug an sein Ohr, aber das lästige Bewußtsein war geschwunden, er
fühlte sich frei, nicht Bürgel hielt ihn mehr, nur er tastete noch manchmal
nach Bürgel hin, er war noch nicht in der Tiefe des Schlafes, aber eingetaucht
in ihn war er. Niemand sollte ihm das mehr rauben. Und es war ihm, als sei ihm
damit ein großer Sieg gelungen, und schon war auch eine Gesellschaft da, dies
zu feiern, und er oder auch jemand anders hob das Champagnerglas zu Ehren
dieses Sieges. Und damit alle wissen sollten, worum es sich handle, wurde der
Kampf und der Sieg noch einmal wiederholt oder vielleicht gar nicht wiederholt,
sondern fand erst jetzt statt und war schon früher gefeiert worden, und es
wurde nicht abgelassen, ihn zu feiern, weil der Ausgang glücklicherweise gewiß
war. Ein Sekretär, nackt, sehr ähnlich der Statue eines griechischen Gottes,
wurde von K. im Kampf bedrängt. Es war sehr komisch, und K. lächelte darüber
sanft im Schlaf, wie der Sekretär aus seiner stolzen Haltung durch K.s Vorstöße
immer aufgeschreckt wurde und etwa den hochgestreckten Arm und die geballte
Faust schnell dazu verwenden mußte, um seine Blößen zu decken, und doch damit
noch immer zu langsam war. Der Kampf dauerte nicht lange; Schritt für Schritt,
und es waren sehr große Schritte, rückte K. vor. War es überhaupt ein Kampf? Es
gab kein ernstliches Hindernis, nur hier und da ein Piepsen des Sekretärs.
Dieser griechische Gott piepste wie ein Mädchen, das gekitzelt wird. Und
schließlich war er fort, K. war allein in einem großen Raum, kampfbereit drehte
er sich um und suchte den Gegner; es war aber niemand mehr da, auch die
Gesellschaft hatte sich verlaufen, nur das Champagnerglas lag zerbrochen auf
der Erde. K. zertrat es völlig. Die Scherben aber stachen, zusammenzuckend
erwachte er doch wieder, ihm war übel wie einem kleinen Kind, wenn es geweckt
wird. Trotzdem streifte ihn beim Anblick der entblößten Brust Bürgels vom Traum
her der Gedanke- Hier hast du ja deinen griechischen Gott! Reiß ihn doch aus
den Federn. »Es gibt aber«, sagte Bürgel, nachdenklich das Gesicht zur
Zimmerdecke erhoben, als suche er in der Erinnerung nach Beispielen, könne aber
keine finden, »es gibt aber dennoch trotz allen Vorsichtsmaßregeln für die
Parteien eine Möglichkeit, diese nächtliche Schwäche der Sekretäre - immer
vorausgesetzt, daß es eine Schwäche ist - für sich auszunutzen. Freilich, eine
sehr seltene oder, besser gesagt, eine fast niemals vorkommende Möglichkeit.
Sie besteht darin, daß die Partei mitten in der Nacht unangemeldet kommt. Sie
wundern sich vielleicht, daß dies, obwohl es so naheliegend scheint, gar so
selten geschehen soll. Nun ja, Sie sind mit unseren Verhältnissen nicht
vertraut. Aber auch Ihnen dürfte doch schon die Lückenlosigkeit der amtlichen
Organisation aufgefallen sein. Aus dieser Lückenlosigkeit aber ergibt sich, daß
jeder, der irgendein Anliegen hat oder aus sonstigen Gründen über etwas verhört
werden muß, sofort, ohne Zögern, meistens sogar noch ehe er selbst sich die
Sache zurechtgelegt hat, ja, noch ehe er selbst von ihr weiß, schon die
Vorladung erhält. Er wird diesmal noch nicht einvernommen, meistens noch nicht
einvernommen, so reif ist die Angelegenheit gewöhnlich noch nicht, aber die
Vorladung hat er, unangemeldet kann er nicht mehr kommen, er kann höchstens zur
Unzeit kommen, nun, dann wird er nur auf das Datum und die Stunde der Vorladung
aufmerksam gemacht, und kommt er dann zu rechter Zeit wieder, wird er in der
Regel weggeschickt, das macht keine Schwierigkeit mehr; die Vorladung in der
Hand der Partei und die Vormerkung in den Akten, das sind für die Sekretäre
zwar nicht immer ausreichende, aber doch starke Abwehrwaffen. Das bezieht sich
allerdings nur auf den für die Sache gerade zuständigen Sekretär; die anderen
überraschend in der Nacht anzugehen, stünde doch noch jedem frei. Doch wird das
kaum jemand tun, es ist fast sinnlos. Zunächst würde man dadurch den
zuständigen Sekretär sehr erbittern, wir Sekretäre sind zwar untereinander
hinsichtlich der Arbeit gewiß nicht eifersüchtig, jeder trägt ja eine allzu
hoch bemessene, wahrhaftig ohne jede Kleinlichkeit aufgeladene Arbeitslast,
aber gegenüber den Parteien dürfen wir Störungen der Zuständigkeit keinesfalls
dulden. Mancher hat schon die Partie verloren, weil er, da er an zuständiger
Stelle nicht vorwärtszukommen glaubte, an unzuständiger durchzuschlüpfen
versuchte. Solche Versuche müssen übrigens auch daran scheitern, daß ein
unzuständiger Sekretär, selbst wenn er nächtlich überrumpelt wird und besten
Willens ist zu helfen, eben infolge seiner Unzuständigkeit kaum mehr eingreifen
kann als irgendein beliebiger Advokat, oder im Grunde viel weniger, denn ihm
fehlt ja - selbst wenn er sonst irgend etwas tun könnte, da er doch die
geheimen Wege des Rechtes besser kennt als alle die advokatischen
Herrschaften -, es fehlt ihm einfach für die Dinge, bei denen er nicht
zuständig ist, jede Zeit, keinen Augenblick kann er dafür aufwenden. Wer würde
also bei diesen Aussichten seine Nächte dafür verwenden, unzuständige Sekretäre
abzugeben, auch sind ja die Parteien voll beschäftigt, wenn sie neben ihrem
sonstigen Berufe den Vorladungen und Winken der zuständigen Stellen entsprechen
wollen, ›voll beschäftigt‹ freilich im Sinne der Parteien, was natürlich noch
bei weitem nicht das gleiche ist, wie ›voll beschäftigt‹ im Sinne der
Sekretäre.« K. nickte lächelnd, er glaubte jetzt, alles genau zu verstehen;
nicht deshalb, weil es ihn bekümmerte, sondern weil er nun überzeugt war, in
den nächsten Augenblicken würde er völlig einschlafen, diesmal ohne Traum und
Störung; zwischen den zuständigen Sekretären auf der einen Seite und den
unzuständigen auf der anderen und angesichts der Masse der voll beschäftigten
Parteien würde er in tiefen Schlaf sinken und auf diese Weise allem entgehen.
An die leise, selbstzufriedene, für das eigene Einschlafen offenbar vergeblich
arbeitende Stimme Bürgels hatte er sich nun so gewöhnt, daß sie seinen Schlaf
mehr befördern als stören würde. Klappere, Mühle, klappere, dachte er, du
klapperst nur für mich. »Wo ist nun also«, sagte Bürgel, mit zwei Fingern an
der Unterlippe spielend, mit geweiteten Augen, gestrecktem Hals, etwa als
nähere er sich nach einer mühseligen Wanderung einem entzückenden
Aussichtspunkt, »wo ist nun also jene erwähnte, seltene, fast niemals
vorkommende Möglichkeit? Das Geheimnis steckt in den Vorschriften über die
Zuständigkeit. Es ist nämlich nicht so und kann bei einer großen lebendigen
Organisation nicht so sein, daß für jede Sache nur ein bestimmter Sekretär
zuständig ist. Es ist nur so, daß einer die Hauptzuständigkeit hat, viele
andere aber auch zu gewissen Teilen eine, wenn auch kleinere Zuständigkeit
haben. Wer könnte allein, und wäre es der größte Arbeiter, alle Beziehungen
auch nur des kleinsten Vorfalles auf seinem Schreibtisch zusammenhalten? Selbst
was ich von der Hauptzuständigkeit gesagt habe, ist zuviel gesagt. Ist nicht in
der kleinsten Zuständigkeit auch schon die ganze? Entscheidet hier nicht die
Leidenschaft, mit welcher die Sache ergriffen wird? Und ist die nicht immer die
gleiche, immer in voller Stärke da? In allem mag es Unterschiede unter den
Sekretären geben, und es gibt solcher Unterschiede unzählige, in der
Leidenschaft aber nicht; keiner von ihnen wird sich zurückhalten können, wenn
an ihn die Aufforderung herantritt, sich mit einem Fall, für den er nur die
geringste Zuständigkeit besitzt, zu beschäftigen. Nach außen allerdings muß
eine geordnete Verhandlungsmöglichkeit geschaffen werden, und so tritt für die
Parteien je ein bestimmter Sekretär in den Vordergrund, an den sie sich amtlich
zu halten haben. Es muß dies aber nicht einmal derjenige sein, der die größte
Zuständigkeit für den Fall besitzt, hier entscheidet die Organisation und ihre
besonderen augenblicklichen Bedürfnisse. Dies ist die Sachlage. Und nun erwägen
Sie, Herr Landvermesser, die Möglichkeit, daß eine Partei durch irgendwelche
Umstände trotz den Ihnen schon beschriebenen, im allgemeinen völlig
ausreichenden Hindernissen dennoch mitten in der Nacht einen Sekretär
überrascht, der eine gewisse Zuständigkeit für den betreffenden Fall besitzt.
An eine solche Möglichkeit haben Sie wohl noch nicht gedacht? Das will ich
Ihnen gern glauben. Es ist ja auch nicht nötig, an sie zu denken, denn sie
kommt ja fast niemals vor. Was für ein sonderbar und ganz bestimmt geformtes,
kleines und geschicktes Körnchen müßte eine solche Partei sein, um durch das
unübertreffliche Sieb durchzugleiten? Sie glauben, es kann gar nicht vorkommen?
Sie haben recht, es kann gar nicht vorkommen. Aber eines Nachts - wer kann für
alles bürgen? - kommt es doch vor. Ich kenne unter meinen Bekannten allerdings
niemanden, dem es schon geschehen wäre, nun beweist das zwar sehr wenig, meine
Bekanntschaft ist im Vergleich zu den hier in Betracht kommenden Zahlen
beschränkt, und außerdem ist es auch gar nicht sicher, daß ein Sekretär, dem
etwas Derartiges geschehen ist, es auch gestehen will, es ist immerhin eine
sehr persönliche und gewissermaßen die amtliche Scham ernst berührende
Angelegenheit. Immerhin beweist aber meine Erfahrung vielleicht, daß es sich um
eine so seltene, eigentlich nur dem Gerücht nach vorhandene, durch gar nichts
anderes bestätigte Sache handelt, daß es also sehr übertrieben ist, sich vor
ihr zu fürchten. Selbst wenn sie wirklich geschehen sollte, kann man sie -
sollte man glauben - förmlich dadurch unschädlich machen, daß man ihr, was sehr
leicht ist, beweist, für sie sei kein Platz auf dieser Welt. Jedenfalls ist es
krankhaft, wenn man sich aus Angst vor ihr unter der Decke versteckt und nicht
wagt hinauszuschauen. Und selbst wenn die vollkommene Unwahrscheinlichkeit
plötzlich hätte Gestalt bekommen sollen, ist dann schon alles verloren? Im
Gegenteil. Daß alles verloren sei, ist noch unwahrscheinlicher als das
Unwahrscheinlichste. Freilich, wenn die Partei im Zimmer ist, ist es schon sehr
schlimm. Es beengt das Herz. - Wie lange wirst du Widerstand leisten können?
fragte man sich. Es wird aber gar kein Widerstand sein, das weiß man. Sie
müssen sich die Lage nur richtig vorstellen. Die niemals gesehene, immer
erwartete, mit wahrem Durst erwartete und immer vernünftigerweise als
unerreichbar angesehene Partei sitzt da. Schon durch ihre stumme Anwesenheit
lädt sie ein, in ihr armes Leben einzudringen, sich darin umzutun wie in
eigenem Besitz und dort unter ihren vergeblichen Forderungen mitzuleiden. Diese
Einladung in der stillen Nacht ist berückend. Man folgt ihr und hat nun
eigentlich aufgehört, Amtsperson zu sein. Es ist eine Lage, in der es schon
bald unmöglich wird, eine Bitte abzuschlagen. Genaugenommen ist man
verzweifelt; noch genauer genommen, ist man sehr glücklich. Verzweifelt, denn
die Wehrlosigkeit, mit der man hier sitzt und auf die Bitte der Partei wartet
und weiß, daß man sie, wenn sie einmal ausgesprochen ist, erfüllen muß, wenn
sie auch, wenigstens soweit man es selbst übersehen kann, die Amtsorganisation
förmlich zerreißt: das ist ja wohl das Ärgste, was einem in der Praxis begegnen
kann. Vor allem - von allem anderen abgesehen -, weil es auch eine über alle
Begriffe gehende Rangerhöhung ist, die man hier für den Augenblick für sich
gewaltsam in Anspruch nimmt. Unserer Stellung nach sind wir ja gar nicht
befugt, Bitten, wie die, um die es sich hier handelt, zu erfüllen, aber durch
die Nähe dieser nächtlichen Partei wachsen uns gewissermaßen auch die
Amtskräfte, wir verpflichten uns zu Dingen, die außerhalb unseres Bereiches
sind; ja, wir werden sie auch ausführen. Die Partei zwingt uns in der Nacht,
wie der Räuber im Wald, Opfer ab, deren wir sonst niemals fähig wären; nun gut,
so ist es jetzt, wenn die Partei noch da ist, uns stärkt und zwingt und
aneifert und alles noch halb besinnungslos im Gange ist; wie wird es aber
nachher sein, wenn es vorüber ist, die Partei, gesättigt und unbekümmert, uns
verläßt und wir dastehen, allein, wehrlos im Angesicht unseres Amtsmißbrauches
- das ist gar nicht auszudenken! Und trotzdem sind wir glücklich. Wie
selbstmörderisch das Glück sein kann! Wir könnten uns ja anstrengen, der Partei
die wahre Lage geheimzuhalten. Sie selbst aus eigenem merkt ja kaum etwas. Sie
ist ja ihrer Meinung nach wahrscheinlich nur aus irgendwelchen gleichgültigen,
zufälligen Gründen - übermüdet, enttäuscht, rücksichtslos und gleichgültig aus
Übermüdung und Enttäuschung - in ein anderes Zimmer gedrungen, als sie wollte,
sie sitzt unwissend da und beschäftigt sich in Gedanken, wenn sie sich
überhaupt beschäftigt, mit ihrem Irrtum oder mit ihrer Müdigkeit. Könnte man
sie nicht dabei verlassen? Man kann es nicht. In der Geschwätzigkeit der
Glücklichen muß man ihr alles erklären. Man muß, ohne sich im geringsten
schonen zu können, ihr ausführlich zeigen, was geschehen ist, und aus welchen
Gründen dies geschehen ist, wie außerordentlich selten und wie einzig groß die
Gelegenheit ist, man muß zeigen, wie die Partei zwar in diese Gelegenheit in
aller Hilflosigkeit, wie sie deren kein anderes Wesen als eben nur eine Partei
fähig sein kann, hineingetappt ist, wie sie aber jetzt, wenn sie will, Herr
Landvermesser, alles beherrschen kann und dafür nichts anderes zu tun hat, als
ihre Bitte irgendwie vorzubringen, für welche die Erfüllung schon bereit ist,
ja, welcher sie sich entgegenstreckt, das alles muß man zeigen; es ist die
schwere Stunde des Beamten. Wenn man aber auch das getan hat, ist, Herr
Landvermesser, das Notwendigste geschehen, man muß sich bescheiden und warten.«
K. schlief, abgeschlossen gegen alles, was geschah. Sein Kopf, der zuerst auf
dem linken Arm oben auf dem Bettpfosten gelegen war, war im Schlaf abgeglitten
und hing nun frei, langsam tiefer sinkend; die Stütze des Armes oben genügte
nicht mehr, unwillkürlich verschaffte K. sich eine neue dadurch, daß er die
rechte Hand gegen die Bettdecke stemmte, wobei er zufällig gerade den unter der
Decke anfragenden Fuß Bürgels ergriff. Bürgel sah hin und überließ ihm den Fuß,
so lästig das sein mochte.
Da klopfte es mit einigen starken Schlägen an die Seitenwand. K. schrak auf und
sah die Wand an. »Ist nicht der Landvermesser dort?« fragte es. »Ja«, sagte
Bürgel, befreite seinen Fuß von K. und streckte sich plötzlich wild und
mutwillig wie ein kleiner Junge. »Dann soll er endlich herüberkommen«, sagte es
wieder; auf Bürgel oder darauf, daß er etwa K. noch benötigen könnte, wurde
keine Rücksicht genommen. »Es ist Erlanger«, sagte Bürgel flüsternd; daß
Erlanger im Nebenzimmer war, schien ihn nicht zu überraschen. »Gehen Sie gleich
zu ihm, er ärgert sich schon, suchen Sie ihn zu besänftigen. Er hat einen guten
Schlaf; wir haben uns aber doch zu laut unterhalten; man kann sich und seine
Stimme nicht beherrschen, wenn man von gewissen Dingen spricht. Nun, gehen Sie
doch, Sie scheinen sich ja aus dem Schlaf gar nicht herausarbeiten zu können.
Gehen Sie, was wollen Sie denn noch hier? Nein, Sie müssen sich wegen Ihrer
Schläfrigkeit nicht entschuldigen, warum denn? Die Leibeskräfte reichen nur bis
zu einer gewissen Grenze; wer kann dafür, daß gerade diese Grenze auch sonst
bedeutungsvoll ist? Nein, dafür kann niemand. So korrigiert sich selbst die
Welt in ihrem Lauf und behält das Gleichgewicht. Das ist ja eine vorzügliche,
immer wieder unvorstellbar vorzügliche Einrichtung, wenn auch in anderer
Hinsicht trostlos. Nun, gehen Sie, ich weiß nicht, warum Sie mich so ansehen.
Wenn Sie noch lange zögern, kommt Erlanger über mich, das möchte ich sehr gern
vermeiden. Gehen Sie doch; wer weiß, was Sie drüben erwartet, hier ist ja alles
voll Gelegenheiten. Nur gibt es freilich Gelegenheiten, die gewissermaßen zu
groß sind, um benützt zu werden, es gibt Dinge, die an nichts anderem als an
sich selbst scheitern. Ja, das ist staunenswert. Übrigens hoffe ich jetzt doch,
ein wenig einschlafen zu können. Freilich ist es schon fünf Uhr, und der Lärm
wird bald beginnen. Wenn wenigstens Sie schon gehen wollten!«
Betäubt von dem plötzlichen Gewecktwerden aus tiefem Schlaf, noch grenzenlos
schlafbedürftig, mit überall infolge der unbequemen Haltung schmerzhaftem
Körper, konnte sich K. lange nicht entschließen aufzustehen, hielt sich die
Stirn und sah hinab auf seinen Schoß. Selbst die fortwährenden Verabschiedungen
Bürgels hätten ihn nicht dazu bewegen können, fortzugehen, nur ein Gefühl der
völligen Nutzlosigkeit jeden weiteren Aufenthaltes in diesem Zimmer brachte ihn
langsam dazu. Unbeschreiblich öde schien ihm dieses Zimmer. Ob es so geworden
oder seit jeher so gewesen war, wußte er nicht. Nicht einmal wieder
einzuschlafen würde ihm hier gelingen. Diese Überzeugung war sogar das
Entscheidende; darüber ein wenig lächelnd, erhob er sich, stützte sich, wo er
nur eine Stütze fand, am Bett, an der Wand, an der Tür, und ging, als hätte er
sich längst von Bürgel verabschiedet, ohne Gruß hinaus.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                       **** Das neunzehnte Kapitel ****
Wahrscheinlich wäre er ebenso gleichgültig an Erlangers Zimmer vorübergegangen,
wenn Erlanger nicht in der offenen Türe gestanden wäre und ihm zugewinkt hätte.
Ein kurzer, einmaliger Wink mit dem Zeigefinger. Erlanger war zum Weggehen
schon völlig bereit, er trug einen schwarzen Pelzmantel mit knappem,
hochgeknöpftem Kragen. Ein Diener reichte ihm gerade die Handschuhe und hielt
noch eine Pelzmütze. »Sie hätten schon längst kommen sollen«, sagte Erlanger.
K. wollte sich entschuldigen. Erlanger zeigte durch ein müdes Schließen der
Augen, daß er darauf verzichte. »Es handelt sich um folgendes«, sagte er. »Im
Ausschank war früher eine gewisse Frieda bedienstet; ich kenne nur ihren Namen,
sie selbst kenne ich nicht, sie bekümmert mich nicht. Diese Frieda hat manchmal
Klamm das Bier serviert. Jetzt scheint dort ein anderes Mädchen zu sein. Nun
ist diese Veränderung natürlich belanglos, wahrscheinlich für jeden, und für
Klamm ganz gewiß. Je größer aber eine Arbeit ist, und Klamms Arbeit ist
freilich die größte, desto weniger Kraft bleibt, sich gegen die Außenwelt zu
wehren, infolgedessen kann dann jede belanglose Veränderung der belanglosesten
Dinge ernstlich stören. Die kleinste Veränderung auf dem Schreibtisch, die
Beseitigung eines dort seit jeher vorhanden gewesenen Schmutzflecks, das alles
kann stören und ebenso ein neues Serviermädchen. Nun stört freilich das alles,
selbst wenn es jeden anderen und bei jeder beliebigen Arbeit störte, Klamm
nicht; davon kann gar keine Rede sein. Trotzdem sind wir verpflichtet, über
Klamms Behagen derart zu wachen, daß wir selbst Störungen, die für ihn keine
sind - und wahrscheinlich gibt es für ihn überhaupt keine -, beseitigen, wenn
sie uns als mögliche Störungen auffallen. Nicht seinetwegen, nicht seiner
Arbeit wegen beseitigen wir diese Störungen, sondern unseretwegen, unseres
Gewissens und unserer Ruhe wegen. Deshalb muß jene Frieda sofort wieder in den
Ausschank zurückkehren, vielleicht wird sie gerade dadurch, daß sie
zurückkehrt, stören; nun, dann werden wir sie wieder wegschicken, vorläufig
aber muß sie zurückkehren. Sie leben mit ihr, wie man mir gesagt hat,
veranlassen Sie daher sofort ihre Rückkehr. Auf persönliche Gefühle kann dabei
keine Rücksicht genommen werden, das ist ja selbstverständlich, daher lasse ich
mich auch nicht in die geringste weitere Erörterung der Sache ein. Ich tue
schon viel mehr, als nötig ist, wenn ich erwähne, daß Ihnen, wenn Sie sich in
dieser Kleinigkeit bewähren, dies in Ihrem Fortkommen gelegentlich nützlich
sein kann. Das ist alles, was ich Ihnen zu sagen habe.« Er nickte K. zum
Abschied zu, setzte sich die von dem Diener gereichte Pelzmütze auf und ging,
vom Diener gefolgt, schnell, aber ein wenig hinkend, den Gang hinab.
Manchmal wurden hier Befehle gegeben, die sehr leicht zu erfüllen waren, aber
diese Leichtigkeit freute K. nicht. Nicht nur, weil der Befehl Frieda betraf,
und zwar als Befehl gemeint war, aber K. wie ein Verlachen klang, sondern vor
allem deshalb, weil aus ihm für K. die Nutzlosigkeit aller seiner Bestrebungen
entgegensah. Über ihn hinweg gingen die Befehle, die ungünstigen und die
günstigen, und auch die günstigen hatten wohl einen letzten ungünstigen Kern,
jedenfalls aber gingen alle über ihn hinweg, und er war viel zu tief gestellt,
um in sie einzugreifen oder gar sie verstummen zu machen und für seine Stimme
Gehör zu bekommen. Wenn dir Erlanger abwinkt, was willst du tun; und wenn er
nicht abwinkte, was könntest du ihm sagen? Zwar blieb sich K. dessen bewußt,
daß seine Müdigkeit ihm heute mehr geschadet hatte als alle Ungunst der
Verhältnisse, aber warum konnte er, der geglaubt hatte, sich auf seinen Körper
verlassen zu können, und der ohne diese Überzeugung sich gar nicht auf den Weg
gemacht hätte, warum konnte er einige schlechte und eine schlaflose Nacht nicht
ertragen, warum wurde er gerade hier so unbeherrschbar müde, wo niemand müde
war, oder wo vielmehr jeder, und immerfort, müde war, ohne daß dies die Arbeit
schädigte; ja, es schien sie vielmehr zu fördern. Daraus war zu schließen, daß
es in ihrer Art eine ganz andere Müdigkeit war als jene K.s. Hier war es wohl
die Müdigkeit inmitten glücklicher Arbeit; etwas, was nach außen hin wie
Müdigkeit aussah und eigentlich unzerstörbare Ruhe, unzerstörbarer Frieden war.
Wenn man mittags ein wenig müde ist, so gehört das zum glücklichen natürlichen
Verlauf des Tages. Die Herren hier haben immerfort Mittag, sagte sich K.
Und es stimmte sehr damit überein, daß es jetzt um fünf Uhr schon überall zu
seiten des Ganges lebendig wurde. Dieses Stimmengewirr in den Zimmern hatte
etwas äußerst Fröhliches. Einmal klang es wie der Jubel von Kindern, die sich
zu einem Ausflug bereitmachen, ein andermal wie der Aufbruch im Hühnerstall,
wie die Freude, in völliger Übereinstimmung mit dem erwachenden Tag zu sein,
irgendwo ahmte sogar ein Herr den Ruf eines Hahnes nach. Der Gang selbst war
zwar noch leer, aber die Türen waren schon in Bewegung, immer wieder wurde eine
ein wenig geöffnet und schnell wieder geschlossen, es schwirrte im Gang von
solchem Türöffnen und -schließen, hie und da sah K. auch schon oben im Spalt
der nicht bis zur Decke reichenden Wände morgendlich zerraufte Köpfe erscheinen
und gleich verschwinden. Aus der Ferne kam langsam ein kleines, von einem
Diener geführtes Wägelchen, welches Akten enthielt. Ein zweiter Diener ging
daneben, hatte ein Verzeichnis in der Hand und verglich danach offenbar die
Nummern der Türen mit jenen der Akten. Vor den meisten der Türen blieb das
Wägelchen stehen, gewöhnlich öffnete sich dann auch die Tür, und die
zugehörigen Akten, manchmal auch nur ein Blättchen - in solchen Fällen entspann
sich ein kleines Gespräch vom Zimmer zum Gang, wahrscheinlich wurden dem Diener
Vorwürfe gemacht -, wurden ins Zimmer hineingereicht. Blieb die Tür
geschlossen, wurden die Akten sorgfältig auf der Türschwelle aufgehäuft. In
solchen Fällen schien es K., als ob die Bewegung der Türen in der Umgebung
nicht nachließe, obwohl auch dort schon die Akten verteilt worden waren,
sondern eher sich verstärke. Vielleicht lugten die anderen begehrlich nach den
auf der Türschwelle unbegreiflicherweise noch unbehoben liegenden Akten, sie
konnten nicht verstehen, wie jemand nur die Tür zu öffnen brauche, um in den
Besitz seiner Akten zu kommen, und es doch nicht tue; vielleicht war es sogar
möglich, daß endgültig unbehobene Akten später unter die anderen Herren
verteilt würden, welche schon jetzt durch häufiges Nachschauen sich überzeugen
wollten, ob die Akten noch immer auf der Schwelle lägen und ob also noch immer
für sie Hoffnung vorhanden sei. Übrigens waren diese liegengebliebenen Akten
meistens besonders große Bündel; und K. nahm an, daß sie aus einer gewissen
Prahlerei oder Bosheit oder auch aus berechtigtem, die Kollegen aufmunterndem
Stolz vorläufig liegengelassen worden waren. In dieser Annahme bestärkte ihn,
daß manchmal, immer wenn er gerade nicht hinsah, der Sack, nachdem er lange
genug zur Schau gestellt gewesen war, plötzlich und eiligst ins Zimmer
hineingezogen wurde und die Tür dann wieder unbeweglich wie früher blieb, auch
die Türen in der Umgebung beruhigten sich dann, enttäuscht oder auch zufrieden
damit, daß dieser Gegenstand fortwährender Reizung endlich beseitigt war, doch
kamen sie dann allmählich wieder in Bewegung.
K. betrachtete das alles nicht nur mit Neugier, sondern auch mit Teilnahme. Er
fühlte sich fast wohl inmitten des Getriebes, sah hierhin und dorthin und
folgte - wenn auch in entsprechender Entfernung - den Dienern, die sich
freilich schon öfters mit strengem Blick, gesenktem Kopf, aufgeworfenen Lippen
nach ihm umgewandt hatten, und sah ihrer Verteilungsarbeit zu. Sie ging, je
weiter sie fortschritt, immer weniger glatt vonstatten, entweder stimmte das
Verzeichnis nicht ganz oder waren die Akten für den Diener nicht immer gut
unterscheidbar oder erhoben die Herren aus anderen Gründen Einwände; jedenfalls
kam es vor, daß manche Verteilungen rückgängig gemacht werden mußten, dann fuhr
das Wägelchen zurück, und es wurde durch den Türspalt wegen der Rückgabe der
Akten verhandelt. Die Verhandlungen machten schon an sich große
Schwierigkeiten, es kam aber häufig genug vor, daß, wenn es sich um die
Rückgabe handelte, gerade Türen, die früher in der lebhaftesten Bewegung
gewesen waren, jetzt unerbittlich geschlossen blieben, wie wenn sie von der
Sache gar nichts mehr wissen wollten. Dann begannen erst die eigentlichen
Schwierigkeiten. Derjenige, welcher Anspruch auf die Akten zu haben glaubte,
war äußerst ungeduldig, machte in seinem Zimmer großen Lärm, klatschte in die
Hände, stampfte mit den Füßen, rief durch den Türspalt immer wieder eine
bestimmte Aktennummer in den Gang hinaus. Dann blieb das Wägelchen oft ganz
verlassen. Der eine Diener war damit beschäftigt, den Ungeduldigen zu
besänftigen, der andere kämpfte vor der geschlossenen Tür um die Rückgabe.
Beide hatten es schwer. Der Ungeduldige wurde durch die Besänftigungsversuche
oft noch ungeduldiger, er konnte die leeren Worte des Dieners gar nicht mehr
anhören, er wollte nicht Trost, er wollte Akten; ein solcher Herr goß einmal
oben durch den Spalt ein ganzes Waschbecken auf den Diener aus. Der andere
Diener, offenbar der im Rang höhere, hatte es aber noch viel schwerer. Ließ
sich der betreffende Herr auf Verhandlungen überhaupt ein, gab es sachliche
Besprechungen, bei welchen sich der Diener auf sein Verzeichnis, der Herr auf
seine Vormerkungen und gerade auf die Akten berief, die er zurückgeben sollte,
die er aber vorläufig fest in der Hand hielt, so daß kaum ein Eckchen von ihnen
für die begehrlichen Augen des Dieners sichtbar blieb. Auch mußte dann der
Diener wegen neuer Beweise zu dem Wägelchen zurücklaufen, das auf dem ein wenig
sich senkenden Gang immer von selbst ein Stück weitergerollt war, oder er mußte
zu dem die Akten beanspruchenden Herrn gehen und dort die Einwände des
bisherigen Besitzers für neue Gegeneinwände austauschen. Solche Verhandlungen
dauerten sehr lange, bisweilen einigte man sich, der Herr gab etwa einen Teil
der Akten heraus oder bekam als Entschädigung andere Akten, da nur eine
Verwechslung vorgelegen hatte; es kam aber auch vor, daß jemand auf alle
verlangten Akten ohne weiteres verzichten mußte, sei es, daß er durch die
Beweise des Dieners in die Enge getrieben war, sei es, daß er des fortwährenden
Handelns müde war, dann aber gab er die Akten nicht dem Diener, sondern warf
sie mit plötzlichem Entschluß weit in den Gang hinaus, daß sich die Bindfäden
lösten und die Blätter flogen und die Diener viel Mühe hatten, alles wieder in
Ordnung zu bringen. Aber alles war noch verhältnismäßig einfacher, als wenn der
Diener auf seine Bitten um Rückgabe überhaupt keine Antwort bekam, dann stand
er vor der verschlossenen Tür, bat, beschwor, zitierte sein Verzeichnis, berief
sich auf seine Vorschriften, alles vergeblich, aus dem Zimmer kam kein Laut
und, ohne Erlaubnis einzutreten, hatte der Diener offenbar kein Recht. Dann
verließ auch diesen vorzüglichen Diener manchmal die Selbstbeherrschung, er
ging zu seinem Wägelchen, setzte sich auf die Akten, wischte sich den Schweiß
von der Stirn und unternahm ein Weilchen lang gar nichts, als hilflos mit den
Füßen zu schlenkern. Das Interesse an der Sache war ringsherum sehr groß,
überall wisperte es, kaum eine Tür war ruhig, und oben an der Wandbrüstung
verfolgten merkwürdigerweise mit Tüchern fast gänzlich vermummte Gesichter, die
überdies kein Weilchen lang ruhig an ihrer Stelle blieben, alle Vorgänge.
Inmitten dieser Unruhe war es K. auffällig, daß Bürgels Tür die ganze Zeit über
geschlossen blieb und daß die Diener diesen Teil des Ganges schon passiert
hatten, Bürgel aber keine Akten zugeteilt worden waren. Vielleicht schlief er
noch, was allerdings in diesem Lärm einen sehr gesunden Schlaf bedeutet hätte,
warum aber hatte er keine Akten bekommen? Nur sehr wenige Zimmer, und überdies
wahrscheinlich unbewohnte, waren in dieser Weise übergangen worden. Dagegen war
in dem Zimmer Erlangers schon ein neuer und besonders unruhiger Gast, Erlanger
mußte von ihm in der Nacht förmlich ausgetrieben worden sein, das paßte wenig
zu Erlangers kühlem, weitläufigem Wesen, aber daß er K. an der Türschwelle
hatte erwarten müssen, deutete doch darauf hin.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










Von allen abseitigen Beobachtungen kehrte dann K. immer bald wieder zu dem
Diener zurück; für diesen Diener traf das wahrlich nicht zu, was man K. sonst
von den Dienern im allgemeinen, von ihrer Untätigkeit, ihrem bequemen Leben,
ihrem Hochmut erzählt hatte, es gab wohl auch Ausnahmen unter den Dienern oder,
was wahrscheinlicher war, verschiedene Gruppen unter ihnen, denn hier waren,
wie K. merkte, viele Abgrenzungen, von denen er bisher kaum eine Andeutung zu
sehen bekommen hatte. Besonders die Unnachgiebigkeit dieses Dieners gefiel ihm
sehr. Im Kampf mit diesen kleinen, hartnäckigen Zimmern - K. schien es oft ein
Kampf mit den Zimmern, da er die Bewohner kaum zu sehen bekam - ließ der Diener
nicht nach. Er ermattete zwar - wer wäre nicht ermattet? -, aber bald hatte er
sich wieder erholt, glitt vom Wägelchen herunter und ging aufrecht mit
zusammengebissenen Zähnen wieder gegen die zu erobernde Tür los. Und es
geschah, daß er zweimal und dreimal zurückgeschlagen wurde, auf sehr einfache
Weise allerdings, nur durch das verteufelte Schweigen, und dennoch gar nicht
besiegt war. Da er sah, daß er durch offenen Angriff nichts erreichen konnte,
versuchte er es auf andere Weise, zum Beispiel, soweit es K. richtig verstand,
durch List. Er ließ dann scheinbar von der Tür ab, ließ sie gewissermaßen ihre
Schweigsamkeit erschöpfen, wandte sich anderen Türen zu, nach einer Weile
kehrte er wieder zurück, rief den anderen Diener, alles auffallend und laut,
und begann auf der Schwelle der verschlossenen Tür Akten aufzuhäufen, so, als
habe er seine Meinung geändert, und dem Herrn sei rechtmäßigerweise nichts
wegzunehmen, sondern vielmehr zuzuteilen. Dann ging er weiter, behielt aber die
Tür immer im Auge, und wenn dann der Herr, wie es gewöhnlich geschah, bald
vorsichtig die Tür öffnete, um die Akten zu sich hineinzuziehen, war der Diener
mit ein paar Sprüngen dort, schob den Fuß zwischen Tür und Pfosten und zwang so
den Herrn, wenigstens von Angesicht zu Angesicht mit ihm zu verhandeln, was
dann gewöhnlich doch zu einem halbwegs befriedigenden Ergebnis führte. Und
gelang es nicht so oder schien ihm bei einer Tür dies nicht die richtige Art,
versuchte er es anders. Er verlegte sich dann zum Beispiel auf den Herrn,
welcher die Akten beanspruchte. Dann schob er den anderen, immer nur mechanisch
arbeitenden Diener, eine recht wertlose Hilfskraft, beiseite und begann selbst
auf den Herrn einzureden, flüsternd, heimlich, den Kopf tief ins Zimmer
steckend, wahrscheinlich machte er ihm Versprechungen und sicherte ihm auch für
die nächste Verteilung eine entsprechende Bestrafung des anderen Herrn zu,
wenigstens zeigte er öfters nach der Tür des Gegners und lachte, soweit es
seine Müdigkeit erlaubte. Dann aber gab es Fälle, ein oder zwei, wo er freilich
alle Versuche aufgab, aber auch hier glaubte K., daß es nur ein scheinbares
Aufgeben oder zumindest ein Aufgeben aus berechtigten Gründen sei, denn ruhig
ging er weiter, duldete, ohne sich umzusehen, den Lärm des benachteiligten
Herrn, nur ein zeitweises, länger dauerndes Schließen der Augen zeigte, daß er
unter dem Lärm litt. Doch beruhigte sich dann auch allmählich der Herr, wie
ununterbrochenes Kinderweinen allmählich in immer vereinzelteres Schluchzen
übergeht, war es auch mit seinem Geschrei; aber auch, nachdem es schon ganz
still geworden war, gab es doch wieder noch manchmal einen vereinzelten Schrei
oder ein flüchtiges Öffnen und Zuschlagen jener Tür. Jedenfalls zeigte es sich,
daß auch hier der Diener wahrscheinlich völlig richtig vorgegangen war. Nur ein
Herr blieb schließlich, der sich nicht beruhigen wollte, lange schwieg er, aber
nur, um sich zu erholen, dann fuhr er wieder los, nicht schwächer als früher.
Es war nicht ganz klar, warum er so schrie und klagte, vielleicht war es gar
nicht wegen der Aktenverteilung. Inzwischen hatte der Diener seine Arbeit
beendigt; nur ein einziger Akt, eigentlich nur ein Papierchen, ein Zettel von
einem Notizblock, war durch Verschulden der Hilfskraft im Wägelchen
zurückgeblieben, und nun wußte man nicht, wem ihn zuzuteilen. Das könnte recht
gut mein Akt sein, ging es K. durch den Kopf. Der Gemeindevorsteher hatte ja
immer von diesem allerkleinsten Fall gesprochen. Und K. suchte, so willkürlich
und lächerlich er selbst im Grunde seine Annahme fand, sich dem Diener, der den
Zettel nachdenklich durchsah, zu nähern; das war nicht ganz leicht, denn der
Diener vergalt K.s Zuneigung schlecht, auch inmitten der härtesten Arbeit hatte
er immer noch Zeit gebunden, um böse oder ungeduldig mit nervösem Kopfrücken
nach K. hinzusehen. Erst jetzt, nach beendigter Verteilung, schien er K. ein
wenig vergessen zu haben, wie er auch sonst gleichgültiger geworden war, seine
große Erschöpfung machte das begreiflich, auch mit dem Zettel gab er sich nicht
viel Mühe, er las ihn vielleicht gar nicht durch, er tat nur so, und obwohl er
hier auf dem Gang wahrscheinlich jedem Zimmerherrn mit der Zuteilung des
Zettels eine Freude gemacht hätte, entschloß er sich anders, er war des
Verteilens schon satt, mit dem Zeigefinger an den Lippen, gab er seinem
Begleiter ein Zeichen zu schweigen, zerriß - K. war noch lange nicht bei ihm -
den Zettel in kleine Stücke und steckte sie in die Tasche. Es war wohl die
erste Unregelmäßigkeit, die K. hier im Bürobetriebe gesehen hatte, allerdings
war es möglich, daß er auch sie unrichtig verstand. Und selbst wenn es eine
Unregelmäßigkeit war, war sie zu verzeihen; bei den Verhältnissen, die hier
herrschten, konnte der Diener nicht fehlerlos arbeiten, einmal mußte der
angesammelte Ärger, die angesammelte Unruhe ausbrechen, und äußerte sie sich
nur im Zerreißen eines kleinen Zettels, war es noch unschuldig genug. Noch
immer gellte ja die Stimme des durch nichts zu beruhigenden Herrn durch den
Gang, und die Kollegen, die in anderer Hinsicht sich nicht sehr
freundschaftlich zueinander verhielten, schienen hinsichtlich des Lärms völlig
einer Meinung zu sein; es war allmählich, als habe der Herr die Aufgabe
übernommen, Lärm für alle zu machen, die ihn nur durch Zurufe und Kopfnicken
aufmunterten, bei der Sache zu bleiben. Aber nun kümmerte sich der Diener gar
nicht mehr darum, er war mit seiner Arbeit fertig, zeigte auf den Handgriff des
Wägelchens, daß ihn der andere Diener fasse, und so zogen sie wieder weg, wie
sie gekommen waren, nur zufriedener und so schnell, daß das Wägelchen vor ihnen
hüpfte. Nur einmal zuckten sie noch zusammen und blickten zurück, als der
immerfort schreiende Herr, vor dessen Tür sich K. jetzt herumtrieb, weil er
gern verstanden hätte, was der Herr eigentlich wollte, mit dem Schreien
offenbar nicht mehr das Auskommen fand, wahrscheinlich den Knopf einer
elektrischen Glocke entdeckt hatte und, wohl entzückt darüber, so entlastet zu
sein, statt des Schreiens jetzt ununterbrochen zu läuten anfing. Daraufhin
begann ein großes Gemurmel in den anderen Zimmern, es schien Zustimmung zu
bedeuten, der Herr schien etwas zu tun, was alle gern schon längst getan hätten
und nur aus unbekanntem Grunde hatten unterlassen müssen. War es vielleicht die
Bedienung, vielleicht Frieda, die der Herr herbeiläuten wollte? Da mochte er
lange läuten. Frieda war ja damit beschäftigt, Jeremias in nasse Tücher zu
wickeln, und selbst, wenn er schon gesund sein sollte, hatte sie keine Zeit,
denn dann lag sie in seinen Armen. Aber das Läuten hatte doch sofort eine
Wirkung. Schon eilte aus der Ferne der Herrenhofwirt selbst herbei, schwarz
gekleidet und zugeknöpft wie immer; aber es war, als vergesse er seine Würde,
so lief er; die Arme hatte er halb ausgebreitet, so, als sei er wegen eines
großen Unglücks gerufen und komme, um es zu fassen und an seiner Brust gleich
zu ersticken, und unter jeder kleinen Unregelmäßigkeit des Läutens schien er
kurz hochzuspringen und sich noch mehr zu beeilen. Ein großes Stück hinter ihm
erschien nun auch noch seine Frau, auch sie lief mit ausgebreiteten Armen, aber
ihre Schritte waren kurz und geziert, und K. dachte, sie werde zu spät kommen,
der Wirt werde inzwischen alles Nötige getan haben. Und um dem Wirt für seinen
Lauf Platz zu machen, stellte sich K. eng an die Wand. Aber der Wirt blieb
gerade bei K. stehen, als sei dieser sein Ziel, und gleich war auch die Wirtin
da, und beide überhäuften ihn mit Vorwürfen, die er in der Eile und
Überraschung nicht verstand, besonders, da sich auch die Glocke des Herrn
einmischte und sogar andere Glocken zu arbeiten begannen, jetzt nicht mehr aus
Not, sondern nur zum Spiel und im Überfluß der Freude. K. war, weil ihm viel
daran lag, seine Schuld genau zu verstehen, sehr damit einverstanden, daß ihn
der Wirt unter den Arm nahm und mit ihm aus diesem Lärm fortging, der sich
immerfort noch steigerte, denn hinter ihnen - K. drehte sich gar nicht um, weil
der Wirt und noch mehr, von der anderen Seite her, die Wirtin auf ihn
einredeten - öffneten sich nun die Türen ganz, der Gang belebte sich, ein
Verkehr schien sich dort zu entwickeln, wie in einem lebhaften, engen Gäßchen,
die Türen vor ihnen warteten offenbar ungeduldig darauf, daß K. endlich vorüber
komme, damit sie die Herren entlassen könnten, und in das alles hinein
läuteten, immer wieder angeschlagen, die Glocken, wie um einen Sieg zu feiern.
Nun endlich - sie waren schon wieder in dem stillen, weißen Hof, wo einige
Schlitten warteten - erfuhr K. allmählich, worum es sich handelte. Weder der
Wirt noch die Wirtin konnten begreifen, daß K. etwas Derartiges zu tun hatte
wagen können. »Aber was hatte er denn getan?« Immer wieder fragte es K., konnte
es aber lange nicht erfragen, weil die Schuld den beiden allzu
selbstverständlich war und sie daher an seinen guten Glauben nicht im
entferntesten dachten. Nur sehr langsam erkannte K. alles. Er war zu Unrecht in
dem Gang gewesen, ihm war im allgemeinen höchstens, und dies nur gnadenweise
und gegen jeden Widerruf, der Ausschank zugänglich. War er von einem Herrn
vorgeladen, mußte er natürlich am Ort der Vorladung erscheinen, sich aber immer
dessen bewußt bleiben - er hatte doch wohl wenigstens den üblichen
Menschenverstand? -, daß er irgendwo war, wo er eigentlich nicht hingehörte,
wohin ihn nur ein Herr, höchst widerwillig, nur, weil es eine amtliche
Angelegenheit verlangte und entschuldigte, gerufen hatte. Er hatte daher
schnell zu erscheinen, sich dem Verhör zu unterziehen, dann aber womöglich noch
schneller zu verschwinden. Hatte er denn dort auf dem Gang gar nicht das Gefühl
der schweren Ungehörigkeit gehabt? Aber wenn er es gehabt hätte, wie hätte er
sich dort herumtreiben können wie ein Tier auf der Weide? Sei er nicht zu einem
Nachtverhör vorgeladen gewesen, und wisse er nicht, warum die Nachtverhöre
eingeführt sind? Die Nachtverhöre - und hier bekam K. eine neue Erklärung ihres
Sinnes - hätten doch nur den Zweck, Parteien, deren Anblick den Herren bei Tag
unerträglich wäre, abzuhören, schnell, in der Nacht, bei künstlichem Licht, mit
der Möglichkeit, gleich nach dem Verhör alle Häßlichkeit im Schlaf zu
vergessen. Das Benehmen K.s aber habe aller Vorsichtsmaßregeln gespottet.
Selbst Gespenster verschwinden gegen Morgen, aber K. sei dort geblieben, die
Hände in den Taschen, so, als erwarte er, daß, da er sich nicht entfernte, der
ganze Gang mit allen Zimmern und Herren sich entfernen werde. Und dies wäre
auch - dessen könne er auch sicher sein - ganz gewiß geschehen, wenn es nur
irgendwie möglich wäre, denn das Zartgefühl der Herren sei grenzenlos. Keiner
werde K. etwa forttreiben oder auch nur das allerdings Selbstverständliche
sagen, daß er endlich fortgehen solle; keiner werde das tun, obwohl sie während
K.s Anwesenheit vor Aufregung wahrscheinlich zittern und der Morgen, ihre
liebste Zeit, ihnen vergällt wird. Statt gegen K. vorzugehen, ziehen sie es
vor, zu leiden, wobei allerdings wohl die Hoffnung mitspielt, daß K. doch
endlich das in die Augen Schlagende auch werde allmählich erkennen müssen und,
entsprechend dem Leid der Herren, selbst auch darunter bis zur Unerträglichkeit
werde leiden müssen, so entsetzlich unpassend, allen sichtbar, hier auf dem
Gang am Morgen zu stehen. Vergebliche Hoffnung. Sie wissen nicht oder wollen es
in ihrer Freundlichkeit und Herablassung nicht wissen, daß es auch
unempfindliche, harte, durch keine Ehrfurcht zu erweichende Herzen gibt. Sucht
nicht selbst die Nachtmotte, das arme Tier, wenn der Tag kommt, einen stillen
Winkel auf, macht sich platt, möchte am liebsten verschwinden und ist
unglücklich darüber, daß sie es nicht kann? K. dagegen stellt sich dorthin, wo
er am sichtbarsten ist, und könnte er dadurch das Heraufkommen des Tages
verhindern, würde er es tun. Er kann es nicht verhindern, aber verzögern,
erschweren kann er es leider. Hat er nicht die Verteilung der Akten mit
angesehen? Etwas, was niemand mit ansehen dürfe, außer die nächsten
Beteiligten. Etwas, was weder Wirt noch Wirtin in ihrem eigenen Hause haben
sehen dürfen. Wovon sie nur andeutungsweise haben erzählen hören, wie zum
Beispiel heute von den Dienern. Habe er denn nicht bemerkt, unter welchen
Schwierigkeiten die Aktenverteilung vor sich gegangen sei, etwas an sich
Unbegreifliches, da doch jeder der Herren nur der Sache dient, niemals an
seinen Einzelvorteil denkt und daher mit allen Kräften darauf hinarbeiten
müßte, daß die Aktenverteilung, diese wichtige, grundlegende Arbeit, schnell
und leicht und fehlerlos erfolge? Und sei denn K. wirklich auch nicht von der
Ferne die Ahnung aufgetaucht, daß die Hauptursache aller Schwierigkeiten die
sei, daß die Verteilung bei fast geschlossenen Türen durchgeführt werden müsse,
ohne die Möglichkeit unmittelbaren Verkehrs zwischen den Herren, die sich
miteinander natürlich im Nu verständigen könnten, während die Vermittlung durch
die Diener fast stundenlang dauern müsse, niemals klaglos geschehen kann, eine
dauernde Qual für Herren und Diener ist und wahrscheinlich noch bei der
späteren Arbeit schädliche Folgen haben wird. Und warum konnten die Herren
nicht miteinander verkehren? Ja, verstehe es denn K. noch immer nicht? Etwas
Ähnliches sei der Wirtin - und der Wirt bestätigte es auch für seine Person -
noch nicht vorgekommen, und sie hätten doch schon mit mancherlei
widerspenstigen Leuten zu tun gehabt. Dinge, die man sonst nicht auszusprechen
wage, müsse man ihm offen sagen, denn sonst verstehe er das Allernotwendigste
nicht. Nun also, da es gesagt werden müsse: Seinetwegen, nur und ausschließlich
seinetwegen, haben die Herren aus ihren Zimmern nicht hervorkommen können, da
sie am Morgen, kurz nach dem Schlaf, zu schamhaft, zu verletzlich sind, um sich
fremden Blicken aussetzen zu können; sie fühlen sich förmlich, mögen sie auch
noch so vollständig angezogen sein, zu sehr entblößt, um sich zu zeigen. Es ist
ja schwer zu sagen, weshalb sie sich schämen, vielleicht schämen sie sich,
diese ewigen Arbeiter, nur deshalb, weil sie geschlafen haben. Aber vielleicht
noch mehr, als sich zu zeigen, schämen sie sich, fremde Leute zu sehen; was sie
glücklich mit Hilfe der Nachtverhöre überwunden haben, den Anblick der ihnen so
schwer erträglichen Parteien, wollen sie nicht jetzt am Morgen plötzlich
unvermittelt in aller Naturwahrheit von neuem auf sich eindringen lassen. Dem
sind sie eben nicht gewachsen. Was für ein Mensch muß das sein, der das nicht
respektiert! Nun, es muß ein Mensch wie K. sein. Einer, der sich über alles,
über das Gesetz sowie über die allergewöhnlichste menschliche Rücksichtnahme,
mit dieser stumpfen Gleichgültigkeit und Verschlafenheit hinwegsetzt, dem
nichts daran liegt, daß er die Aktenverteilung fast unmöglich macht und den Ruf
des Hauses schädigt, und der das noch nie Geschehene zustande bringt, daß sich
die zur Verzweiflung gebrachten Herren selbst zu wehren anfangen, nach einer
für gewöhnliche Menschen unausdenkbaren Selbstüberwindung zur Glocke greifen
und Hilfe herbeirufen, um den auf andere Weise nicht zu erschütternden K. zu
vertreiben! Sie, die Herren, rufen um Hilfe! Wären denn nicht längst Wirt und
Wirtin und ihr ganzes Personal herbeigelaufen, wenn sie es nur gewagt hätten,
ungerufen, am Morgen, vor den Herren zu erscheinen, sei es auch nur, um Hilfe
zu bringen und dann gleich zu verschwinden. Zitternd vor Empörung über K.,
trostlos wegen ihrer Ohnmacht, hätten sie hier am Beginn des Ganges gewartet,
und das eigentlich nie erwartete Läuten sei für sie eine Erlösung gewesen. Nun,
das Schlimmste sei vorüber! Könnten sie doch nur einen Blick hineintun in das
fröhliche Treiben der endlich von K. befreiten Herren! Für K. sei es freilich
nicht vorüber; er werde sich für das, was er hier angerichtet habe, gewiß zu
verantworten haben.
Sie waren inzwischen bis in den Ausschank gekommen; warum der Wirt trotz all
seinem Zorn K. doch noch hierher geführt hatte, war nicht ganz klar, vielleicht
hatte er doch erkannt, daß K.s Müdigkeit es ihm zunächst unmöglich machte, das
Haus zu verlassen. Ohne eine Aufforderung, sich zu setzen, abzuwarten, sank K.
gleich auf einem der Fässer förmlich zusammen. Dort im Finstern war ihm wohl.
In dem großen Raum brannte jetzt nur eine schwache elektrische Lampe über den
Bierhähnen. Auch draußen war noch tiefe Finsternis, es schien Schneetreiben zu
sein. War man hier in der Wärme, mußte man dankbar sein und Vorsorge treffen,
daß man nicht vertrieben werde. Der Wirt und die Wirtin standen noch immer vor
ihm, als bedeute er immerhin noch eine gewisse Gefahr, als sei es bei seiner
völligen Unzuverlässigkeit gar nicht ausgeschlossen, daß er sich plötzlich
aufmache und versuche, wieder in den Gang einzudringen. Auch waren sie selbst
müde von dem nächtlichen Schrecken und dem vorzeitigen Aufstehen, besonders die
Wirtin, die ein seidenartig knisterndes, breitröckiges, braunes, ein wenig
unordentlich geknöpftes und gebundenes Kleid anhatte - wo hatte sie es in der
Eile hervorgeholt? -, den Kopf wie geknickt an die Schulter ihres Mannes
gelehnt hielt, mit einem feinen Tüchelchen die Augen betupfte und dazwischen
kindlich böse Blicke auf K. richtete. Um das Ehepaar zu beruhigen, sagte K.,
daß alles, was sie ihm jetzt erzählt hätten, ihm völlig neu sei, daß er aber
trotz der Unkenntnis dessen doch nicht so lange im Gang geblieben wäre, wo er
wirklich nichts zu tun hatte und gewiß niemanden hätte quälen wollen, sondern
das alles nur aus übergroßer Müdigkeit geschehen sei. Er danke ihnen dafür, daß
sie der peinlichen Szene ein Ende gemacht hätten, sollte er zur Verantwortung
gezogen werden, werde ihm das sehr willkommen sein, denn nur so könne er eine
allgemeine Mißdeutung seines Benehmens verhindern. Nur die Müdigkeit und nichts
anderes sei daran schuld gewesen. Diese Müdigkeit aber stamme daher, daß er die
Anstrengung der Verhöre noch nicht gewöhnt sei. Er sei ja noch nicht lange
hier. Werde er darin einige Erfahrung haben, werde etwas Ähnliches nicht wieder
vorkommen können. Vielleicht nehme er die Verhöre zu ernst, aber das sei doch
wohl an sich kein Nachteil. Er habe zwei Verhöre, kurz nacheinander,
durchzumachen gehabt, eines bei Bürgel und das zweite bei Erlanger, besonders
das erste habe ihn sehr erschöpft, das zweite allerdings habe nicht lange
gedauert. Erlanger habe ihn nur um eine Gefälligkeit gebeten, aber beide
zusammen seien mehr, als er auf einmal ertragen könne, vielleicht wäre etwas
Derartiges auch für einen anderen, etwa den Herrn Wirt, zuviel. Aus dem zweiten
Verhör sei er eigentlich nur schon fortgetaumelt. Es sei fast eine Art
Trunkenheit gewesen; er habe ja die zwei Herren zum erstenmal gesehen und
gehört und ihnen doch auch antworten müssen. Alles sei, soviel er wisse, recht
gut ausgefallen, dann aber sei jenes Unglück geschehen, das man ihm aber nach
dem Vorhergegangenen wohl kaum zur Schuld anrechnen könne. Leider hätten nur
Erlanger und Bürgel seinen Zustand erkannt, und sicher hätten sie sich seiner
angenommen und alles weitere verhütet, aber Erlanger habe nach dem Verhör
gleich weggehen müssen, offenbar um ins Schloß zu fahren, und Bürgel sei,
wahrscheinlich von jenem Verhör ermüdet - wie hätte es also K. ungeschwächt
überdauern sollen? -, eingeschlafen und habe sogar die ganze Aktenverteilung
verschlafen. Hätte K. eine ähnliche Möglichkeit gehabt, er hätte sie mit
Freuden benutzt und gern auf alle verbotenen Einblicke verzichtet, dies um so
leichter, als er ja in Wirklichkeit gar nichts zu sehen imstande gewesen sei
und deshalb auch die empfindlichsten Herren sich ungescheut vor ihm hätten
zeigen können.
Die Erwähnung der beiden Verhöre - gar jenes mit Erlanger und der Respekt, mit
welchem K. von den Herren sprach, stimmten ihm den Wirt günstig. Er schien
schon K.s Bitte, ein Brett auf die Fässer legen und dort wenigstens bis zur
Morgendämmerung schlafen zu dürfen, erfüllen zu wollen, die Wirtin war aber
deutlich dagegen, an ihrem Kleid, dessen Unordnung ihr erst jetzt zu Bewußtsein
gekommen war, hier und dort nutzlos rückend, schüttelte sie immer wieder den
Kopf; ein offenbar alter Streit, die Reinlichkeit des Hauses betreffend, war
wieder daran, auszubrechen. Für K. in seiner Müdigkeit nahm das Gespräch des
Ehepaares übergroße Bedeutung an. Von hier weggetrieben zu werden schien ihm
ein alles bisher Erlebte übersteigendes Unglück zu sein. Das durfte nicht
geschehen, selbst wenn Wirt und Wirtin sich gegen ihn einigen sollten. Lauernd
sah er, zusammengekrümmt auf dem Faß, die beiden an, bis die Wirtin in ihrer
ungewöhnlichen Empfindlichkeit, die K. längst aufgefallen war, plötzlich
beiseite trat und - wahrscheinlich hatte sie mit dem Wirt schon von anderen
Dingen gesprochen - ausrief: »Wie er mich ansieht! Schick ihn doch endlich
fort!« K. aber, die Gelegenheit ergreifend, und nun völlig, fast bis zur
Gleichgültigkeit davon überzeugt, daß er bleiben werde, sagte: »Ich sehe dich
nicht an, nur dein Kleid.«
»Warum mein Kleid?« fragte die Wirtin erregt. K. zuckte die Achseln.
»Komm!« sagte die Wirtin zum Wirt. »Er ist ja betrunken, der Lümmel. Laß ihn
hier seinen Rausch ausschlafen!« Und sie befahl noch Pepi, die auf ihren Ruf
hin aus dem Dunkel auftauchte, zerrauft, müde, einen Besen lässig in der Hand,
K. irgendein Kissen hinzuwerfen.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










                       **** Das zwanzigste Kapitel ****
Als K. erwachte, glaubte er zuerst, kaum geschlafen zu haben; das Zimmer war
unverändert leer und warm, alle Wände in Finsternis, die eine Glühlampe über
den Bierhähnen erloschen, auch vor den Fenstern Nacht. Aber als er sich
streckte, das Kissen herunterfiel und Bett und Fässer knarrten, kam gleich
Pepi, und nun erfuhr er, daß es schon Abend war und er weit über zwölf Stunden
geschlafen hatte. Die Wirtin hatte einige Male während des Tages nach ihm
gefragt, auch Gerstäcker, der am Morgen, als K. mit der Wirtin gesprochen
hatte, hier im Dunkel beim Bier gewartet, aber dann K. nicht mehr zu stören
gewagt hatte, war inzwischen einmal hier gewesen, um nach K. zu sehen, und
schließlich war angeblich auch Frieda gekommen und war einen Augenblick bei K.
gestanden, doch war sie kaum K.s wegen gekommen, sondern weil sie verschiedenes
hier vorzubereiten hatte, denn am Abend sollte sie ja wieder ihren alten Dienst
antreten. »Sie mag dich wohl nicht mehr?« fragte Pepi, während sie Kaffee und
Kuchen brachte. Aber sie fragte es nicht mehr boshaft nach ihrer früheren Art,
sondern traurig, als habe sie inzwischen die Bosheit der Welt kennengelernt,
gegenüber der alle eigene Bosheit versagt und sinnlos wird; wie zu einem
Leidensgenossen sprach sie zu K., und als er den Kaffee kostete und sie zu
sehen glaubte, daß er ihn nicht genug süß finde, lief sie und brachte ihm die
volle Zuckerdose. Ihre Traurigkeit hatte sie freilich nicht gehindert, sich
heute vielleicht noch mehr zu schmücken als das letztemal; an Maschen und an
Bändern, die durch das Haar geflochten waren, hatte sie eine Fülle, die Stirn
entlang und an den Schläfen waren die Haare sorgfältig gebrannt, und um den
Hals hatte sie ein Kettchen, das in den tiefen Ausschnitt der Bluse hinabhing.
Als K. in der Zufriedenheit, endlich einmal ausgeschlafen zu sein und einen
guten Kaffee trinken zu dürfen, heimlich nach einer Masche langte und sie zu
öffnen versuchte, sagte Pepi müde: »Laß mich doch«, und setzte sich neben ihn
auf ein Faß. Und K. mußte sie gar nicht nach ihrem Leid fragen, sie begann
selbst gleich zu erzählen, den Blick starr in K.s Kaffeetopf gerichtet, als
brauche sie eine Ablenkung, selbst während sie erzählte, als könne sie, selbst
wenn sie sich mit ihrem Leid beschäftigte, sich ihm nicht ganz hingeben, denn
das ginge über ihre Kräfte. Zunächst erfuhr K., daß eigentlich er an Pepis
Unglück schuld sei, daß sie es ihm aber nicht nachtrage. Und sie nickte eifrig
während der Erzählung, um keinen Widerspruch K.s aufkommen zu lassen. Zuerst
habe er Frieda aus dem Ausschank fortgenommen und dadurch Pepis Aufstieg
ermöglicht. Es ist sonst nichts anderes ausdenkbar, was Frieda hätte bewegen
können, ihren Posten aufzugeben, sie saß dort im Ausschank wie die Spinne im
Netz, hatte überall ihre Fäden, die nur sie kannte; sie gegen ihren Willen
auszuheben, wäre ganz unmöglich gewesen, nur Liebe zu einem Niedrigen, also
etwas, was sich mit ihrer Stellung nicht vertrug, konnte sie von ihrem Platze
treiben. Und Pepi? Hatte sie denn jemals daran gedacht, die Stelle für sich zu
gewinnen? Sie war Zimmermädchen, hatte eine unbedeutende, wenig aussichtsreiche
Stelle, Träume von großer Zukunft hatte sie wie jedes Mädchen, Träume kann man
sich nicht verbieten, aber ernstlich dachte sie nicht an ein Weiterkommen, sie
hatte sich mit dem Erreichten abgefunden. Und nun verschwand Frieda plötzlich
aus dem Ausschank, es war so plötzlich gekommen, daß der Wirt nicht gleich
einen passenden Ersatz zur Hand hatte, er suchte und sein Blick fiel auf Pepi,
die sich freilich entsprechend vorgedrängt hatte. In jener Zeit liebte sie K.,
wie sie noch nie jemanden geliebt hatte; sie war monatelang unten in ihrer
winzigen, dunklen Kammer gesessen und war vorbereitet, dort Jahre und,
ungünstigenfalls, ihr ganzes Leben unbeachtet zu verbringen, und nun war
plötzlich K. erschienen, ein Held, ein Mädchenbefreier, und hatte ihr den Weg
nach oben frei gemacht. Er wußte allerdings nichts von ihr, hatte es nicht
ihretwegen getan, aber das verschlug ihrer Dankbarkeit nichts, in der Nacht,
die ihrer Anstellung vorherging - die Anstellung war noch unsicher, aber doch
schon sehr wahrscheinlich -, verbrachte sie Stunden damit, mit ihm zu sprechen,
ihm ihren Dank ins Ohr zu flüstern. Und es erhöhte noch seine Tat in ihren
Augen, daß es gerade Frieda war, deren Last er auf sich genommen hatte; etwas
unbegreiflich Selbstloses lag darin, daß er, um Pepi hervorzuholen, Frieda zu
seiner Geliebten machte, Frieda, ein unhübsches, ältliches, mageres Mädchen mit
kurzem, schütterem Haar, überdies ein hinterhältiges Mädchen, das immer
irgendwelche Geheimnisse hat, was ja wohl mit ihrem Aussehen zusammenhängt; ist
am Gesicht und Körper die Jämmerlichkeit zweifellos, muß sie doch wenigstens
andere Geheimnisse haben, die niemand nachprüfen kann, etwa ihr angebliches
Verhältnis zu Klamm. Und selbst solche Gedanken waren Pepi damals gekommen: Ist
es möglich, daß K. wirklich Frieda liebt, täuscht er sich nicht oder täuscht er
vielleicht gar nur Frieda, und wird vielleicht das einzige Ergebnis alles
dessen doch nur Pepis Aufstieg sein, und wird dann K. den Irrtum merken oder
ihn nicht mehr verbergen wollen und nicht mehr Frieda, sondern nur Pepi sehen,
was gar keine irrsinnige Einbildung Pepis sein mußte, denn mit Frieda konnte
sie es als Mädchen gegen Mädchen sehr wohl aufnehmen, was niemand leugnen wird,
und es war doch auch vor allem Friedas Stellung gewesen und der Glanz, den
Frieda ihr zu geben verstanden hatte, von welchem K. im Augenblick geblendet
worden war. Und da hatte nun Pepi davon geträumt, K. werde, wenn sie die
Stellung habe, bittend zu ihr kommen, und sie werde nun die Wahl haben,
entweder K. zu erhören und die Stelle zu verlieren oder ihn abzuweisen und
weiter zu steigen. Und sie hatte sich zurechtgelegt, sie werde auf alles
verzichten und sich zu ihm hinabwenden und ihn wahre Liebe lehren, die er bei
Frieda nie erfahren könnte und die unabhängig ist von allen Ehrenstellungen der
Welt. Aber dann ist es anders gekommen. Und was war daran schuld? K. vor allem
und dann freilich Friedas Durchtriebenheit. K. vor allem; denn was will er, was
ist er für ein sonderbarer Mensch? Wonach strebt er, was sind das für wichtige
Dinge, die ihn beschäftigen und die ihn das Allernächste, das Allerbeste, das
Allerschönste vergessen lassen? Pepi ist das Opfer, und alles ist dumm, und
alles ist verloren; und wer die Kraft hätte, den ganzen Herrenhof anzuzünden
und zu verbrennen, aber vollständig, daß keine Spur zurückbleibt, verbrennen
wie ein Papier im Ofen, der wäre heute Pepis Auserwählter. Ja, Pepi kam also in
den Ausschank, heute vor vier Tagen, kurz vor dem Mittagessen. Es ist keine
leichte Arbeit hier, es ist fast eine menschenmordende Arbeit, aber was zu
erreichen ist, ist auch nicht klein. Pepi hatte auch früher nicht in den Tag
hineingelebt, und wenn sie auch niemals in kühnsten Gedanken diese Stelle für
sich in Anspruch genommen hätte, so hatte sie doch reichlich Beobachtungen
gemacht, wußte, was es mit dieser Stelle auf sich hatte, unvorbereitet hatte
sie die Stelle nicht übernommen. Unvorbereitet kann man sie gar nicht
übernehmen, sonst verliert man sie in den ersten Stunden. Gar wenn man sich
nach Art der Zimmermädchen hier aufführen wollte! Als Zimmermädchen kommt man
sich ja mit der Zeit ganz verloren und vergessen vor; es ist eine Arbeit wie in
einem Bergwerk, wenigstens im Gang der Sekretäre ist es so, tagelang sieht man
dort bis auf wenige Tagesparteien, die hin und her huschen und nicht
aufzuschauen wagen, keinen Menschen außer den zwei, drei anderen Zimmermädchen,
und die sind ähnlich verbittert. Des Morgens darf man überhaupt nicht aus dem
Zimmer, da wollen die Sekretäre allein unter sich sein, das Essen bringen ihnen
die Knechte aus der Küche, damit haben die Zimmermädchen gewöhnlich nichts zu
tun, auch während der Essenszeit darf man sich nicht auf dem Gang zeigen. Nur
während die Herren arbeiten, dürfen die Zimmermädchen aufräumen, aber natürlich
nicht in den bewohnten, nur in den gerade leeren Zimmern, und die Arbeit muß
ganz leise geschehen, damit die Arbeit der Herren nicht gestört wird. Aber wie
ist es möglich, leise aufzuräumen, wenn die Herren mehrere Tage lang in den
Zimmern wohnen, überdies auch die Knechte, dieses schmutzige Pack, drin
herumhantieren, und das Zimmer, wenn es endlich dem Zimmermädchen freigegeben
ist, in einem solchen Zustand ist, daß nicht einmal eine Sintflut es
reinwaschen könnte. Wahrhaftig, es sind hohe Herren, aber man muß kräftig
seinen Ekel überwinden, um nach ihnen aufräumen zu können. Die Zimmermädchen
haben ja nicht übermäßig viel Arbeit, aber kernige. Und niemals ein gutes Wort,
immer nur Vorwürfe, besonders dieser quälendste und häufigste: daß beim
Aufräumen Akten verlorengegangen sind. In Wirklichkeit geht nichts verloren,
jedes Papierchen liefert man beim Wirt ab, aber Akten gehen freilich doch
verloren, nur eben nicht durch die Mädchen. Und dann kommen Kommissionen, und
die Mädchen müssen ihr Zimmer verlassen, und die Kommission durchwühlt die
Betten, die Mädchen haben ja kein Eigentum, ihre wenigen Sachen haben in einem
Rückenkorb Platz, aber die Kommission sucht doch stundenlang. Natürlich findet
sie nichts, wie sollten dort Akten hinkommen? Was machen sich die Mädchen aus
Akten? Aber das Ergebnis sind doch wieder nur durch den Wirt vermittelte
Schimpfworte und Drohungen seitens der enttäuschten Kommission. Und niemals
Ruhe, nicht bei Tag, nicht bei Nacht, Lärm die halbe Nacht und Lärm vom
frühesten Morgen. Wenn man dort wenigstens nicht wohnen müßte, aber das muß
man, denn in den Zwischenzeiten je nach Bestellung Kleinigkeiten aus der Küche
zu bringen, ist doch Sache der Zimmermädchen, besonders in der Nacht. Immer
plötzlich der Faustschlag gegen die Tür der Zimmermädchen, das Diktieren der
Bestellung, das Hinunterlaufen in die Küche, das Aufrütteln der schlafenden
Küchenjungen, das Hinausstellen der Tasse mit den bestellten Dingen vor die Tür
der Zimmermädchen, woher es die Knechte holen, wie traurig ist das alles. Aber
es ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist vielmehr, wenn keine Bestellung
kommt, wenn es nämlich in tiefer Nacht, wo alles schon schlafen sollte und auch
die meisten endlich wirklich schlafen, manchmal vor der Tür der Zimmermädchen
herumzuschleichen anfängt. Dann steigen die Mädchen aus ihren Betten - die
Betten sind übereinander, es ist ja dort überall sehr wenig Raum, das ganze
Zimmer der Mädchen ist eigentlich nichts anderes als ein großer Schrank mit
drei Fächern -, horchen an der Tür, knien nieder, umarmen einander in Angst.
Und immerfort hört man den Schleicher vor der Tür. Alle wären schon glücklich,
wenn er endlich hereinkäme, aber es geschieht nichts, niemand kommt herein. Und
dabei muß man sich sagen, daß hier nicht unbedingt eine Gefahr drohen muß,
vielleicht ist es nur jemand, der vor der Tür auf und ab geht, überlegt, ob er
eine Bestellung machen soll, und sich dann doch nicht dazu entschließen kann.
Vielleicht ist es nur das, vielleicht aber ist es etwas ganz anderes.
Eigentlich kennt man ja die Herren gar nicht, man hat sie ja kaum gesehen.
Jedenfalls vergehen die Mädchen drinnen vor Angst und, wenn es draußen endlich
still ist, lehnen sie an der Wand und haben nicht genug Kraft, wieder in ihre
Betten zu steigen. Dieses Leben wartet wieder auf Pepi, noch heute abend soll
sie wieder ihren Platz im Mädchenzimmer beziehen. Und warum? Wegen K. und
Frieda. Wieder zurück in dieses Leben, dem sie kaum entflohen ist, dem sie zwar
mit K.s Hilfe, aber doch auch mit größter eigener Anstrengung entflohen ist.
Denn in jenem Dienst dort vernachlässigen sich die Mädchen, auch die sonst
sorgsamsten. Für wen sollen sie sich schmücken? Niemand sieht sie, bestenfalls
das Personal in der Küche; welcher das genügt, die mag sich schmücken. Sonst
aber immerfort in ihrem Zimmerchen oder in den Zimmern der Herren, welche in
reinen Kleidern auch nur zu betreten Leichtsinn und Verschwendung ist. Und
immer in dem künstlichen Licht und in der dumpfen Luft - es wird immerfort
geheizt - und eigentlich immer müde. Den einen freien Nachmittag in der Woche
verbringt man am besten, indem man ihn in irgendeinem Verschlag in der Küche
ruhig und angstlos verschläft. Wozu sich also schmücken? Ja, man zieht sich
kaum an. Und nun wurde Pepi plötzlich in den Ausschank versetzt, wo,
vorausgesetzt daß man sich dort behaupten wollte, gerade das Gegenteil nötig
war, wo man immer unter den Augen der Leute war, und darunter sehr verwöhnter
und aufmerksamer Herren, und so man daher immer möglichst fein und angenehm
aussehen mußte. Nun, das war eine Wendung. Und Pepi darf von sich sagen, daß
sie nichts versäumt hat. Wie es sich später gestalten würde, das machte Pepi
nicht besorgt. Daß sie die Fähigkeiten hatte, welche für diese Stelle nötig
waren, das wußte sie, dessen war sie ganz gewiß, diese Überzeugung hat sie auch
noch jetzt, und niemand kann sie ihr nehmen, auch heute, am Tage ihrer
Niederlage nicht. Nur, wie sie sich in der allerersten Zeit bewähren würde, das
war schwierig, weil sie doch ein armes Zimmermädchen war, ohne Kleider und
Schmuck, und weil die Herren nicht die Geduld haben zu warten, wie man sich
entwickelt, sondern gleich ohne Übergang ein Ausschankmädchen haben wollen, wie
es sich gebührt, sonst wenden sie sich ab. Man sollte denken, ihre Ansprüche
wären gar nicht groß, da doch Frieda sie befriedigen konnte. Das ist aber nicht
richtig. Pepi hat oft darüber nachgedacht, ist ja auch öfter mit Frieda
zusammengekommen und hat eine Zeitlang mit ihr geschlafen. Es ist nicht leicht,
Frieda auf die Spur zu kommen, und wer nicht sehr acht gibt - und welche Herren
geben denn sehr acht? -, ist von ihr gleich irregeführt. Niemand weiß genauer
als Frieda selbst, wie kläglich sie aussieht, wenn man sie zum Beispiel zum
erstenmal ihre Haare auflösen sieht, schlägt man vor Mitleid die Hände
zusammen, ein solches Mädchen dürfte, wenn es rechtlich zuginge, nicht einmal
Zimmermädchen sein; sie weiß es auch, und manche Nacht hat sie darüber geweint,
sich an Pepi gedrückt und Pepis Haare um den eigenen Kopf gelegt. Aber wenn sie
im Dienst ist, sind alle Zweifel verschwunden, sie hält sich für die
Allerschönste, und jedem weiß sie es auf die richtige Weise einzuflößen. Sie
kennt die Leute, und das ist ihre eigentliche Kunst. Und lügt schnell und
betrügt, damit die Leute nicht Zeit haben, sie genauer anzusehen. Natürlich
genügt das nicht auf die Dauer, die Leute haben doch Augen, und die würden
schließlich recht behalten. Aber in dem Augenblick, wo sie eine solche Gefahr
merkt, hat sie schon ein anderes Mittel bereit, in der letzten Zeit zum
Beispiel ihr Verhältnis mit Klamm! Ihr Verhältnis mit Klamm! Glaubst du nicht
daran, kannst du es ja nachprüfen; geh zu Klamm und frag ihn. Wie schlau, wie
schlau. Und wenn du etwa nicht wagen solltest, wegen einer solchen Anfrage zu
Klamm zu gehen und vielleicht mit unendlich wichtigeren Anfragen nicht
vorgelassen werden solltest und Klamm dir sogar völlig verschlossen ist - nur
dir und deinesgleichen, denn Frieda zum Beispiel hüpft zu ihm hinein, wann sie
will -, wenn das so ist, so kannst du die Sache trotzdem nachprüfen, du
brauchst nur zu warten! Klamm wird doch ein derartig falsches Gerücht nicht
lange dulden können, er ist doch gewiß wild dahinter her, was man von ihm im
Ausschank und in den Gastzimmern erzählt, das alles hat für ihn die größte
Wichtigkeit, und ist es falsch, wird er es gleich richtigstellen.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










Aber er stellt es nicht richtig; nun, dann ist nichts richtigzustellen und es
ist die lautere Wahrheit. Was man sieht, ist zwar nur, daß Frieda das Bier in
Klamms Zimmer trägt und mit der Bezahlung wieder herauskommt; aber das, was man
nicht sieht, erzählt Frieda, und man muß es ihr glauben. Und sie erzählt es gar
nicht, sie wird doch nicht solche Geheimnisse ausplaudern; nein, um sie herum
plaudern sich die Geheimnisse von selbst aus, und, da sie nun einmal
ausgeplaudert sind, scheut sie sich allerdings nicht mehr, auch selbst von
ihnen zu reden, aber bescheiden, ohne irgend etwas zu behaupten, sie beruft
sich nur auf das ohnehin allgemein Bekannte. Nicht auf alles, davon zum
Beispiel, daß Klamm, seit sie im Ausschank ist, weniger Bier trinkt als früher,
nicht viel weniger Bier, aber doch deutlich weniger, davon spricht sie nicht,
es kann ja auch verschiedene Gründe haben, es ist eben eine Zeit gekommen, in
der das Bier Klamm weniger schmeckt, oder er vergißt gar über Frieda das
Biertrinken. Jedenfalls also ist, wie erstaunlich das auch sein mag, Frieda
Klamms Geliebte. Was aber Klamm genügt, wie sollten das nicht auch die anderen
bewundern; und so ist Frieda, ehe man sich dessen versieht, eine große
Schönheit geworden, ein Mädchen, genau so beschaffen, wie es der Ausschank
braucht; ja, fast zu schön, zu mächtig, schon genügt ihr der Ausschank kaum.
Und tatsächlich - es erscheint den Leuten merkwürdig, daß sie noch immer im
Ausschank ist; ein Ausschankmädchen zu sein ist viel, von da aus erscheint die
Verbindung mit Klamm sehr glaubwürdig, wenn aber einmal das Ausschankmädchen
Klamms Geliebte ist, warum läßt er sie, und gar so lange, im Ausschank? Warum
führt er sie nicht höher? Man kann tausendmal den Leuten sagen, daß hier kein
Widerspruch besteht, daß Klamm bestimmte Gründe hat, so zu handeln, oder daß
plötzlich einmal, vielleicht schon in allernächster Zeit, Friedas Erhöhung
kommen wird, das alles macht nicht viel Wirkung; die Leute haben bestimmte
Vorstellungen und lassen sich durch alle Kunst auf die Dauer von ihnen nicht
ablenken. Es hat ja niemand mehr daran gezweifelt, daß Frieda Klamms Geliebte
ist, selbst die, welche es offenbar besser wußten, waren schon zu müde, um zu
zweifeln. Sei in Teufels Namen Klamms Geliebte, dachten sie, aber wenn du es
schon bist, dann wollen wir es auch an deinem Aufstieg merken. Aber man merkte
nichts, und Frieda blieb im Ausschank wie bisher und war im geheimen noch sehr
froh, daß es so blieb. Aber bei den Leuten verlor sie an Ansehen, das konnte
ihr natürlich nicht unbemerkt bleiben, sie merkt ja gewöhnlich Dinge, noch ehe
sie vorhanden sind. Ein wirklich schönes, liebenswürdiges Mädchen muß, wenn es
sich einmal im Ausschank eingelebt hat, keine Künste aufwenden; solange es
schön ist, wird es, wenn nicht ein besonderer, unglücklicher Zufall eintritt,
Ausschankmädchen sein. Ein Mädchen wie Frieda aber muß immerfort um ihre Stelle
besorgt sein, natürlich zeigt sie es verständigerweise nicht, eher pflegt sie
zu klagen und die Stelle zu verwünschen. Aber im geheimen beobachtet sie die
Stimmung fortwährend. Und so sah sie, wie die Leute gleichgültig wurden, das
Auftreten Friedas war nichts mehr, was auch nur lohnte, die Augen zu heben,
nicht einmal die Knechte kümmerten sich mehr um sie, die hielten sich
verständigerweise an Olga und dergleichen Mädchen, auch am Benehmen des Wirts
merkte sie, daß sie immer weniger unentbehrlich war, immer neue Geschichten von
Klamm konnte man auch nicht erfinden, alles hat Grenzen, und so entschloß sich
die gute Frieda zu etwas Neuem. Wer nur imstande gewesen wäre, es gleich zu
durchschauen! Pepi hat es geahnt, aber durchschaut hat sie es leider nicht.
Frieda entschloß sich, Skandal zu machen, sie, die Geliebte Klamms, wirft sich
irgendeinem Beliebigen, womöglich dem Allergeringsten, hin. Das wird Aufsehen
machen, davon wird man lange reden und endlich, endlich wird man sich wieder
daran erinnern, was es bedeutet, Klamms Geliebte zu sein, diese Ehre im Rausche
einer neuen Liebe zu verwerfen. Schwer war es nur, den geeigneten Mann zu
finden, mit dem das kluge Spiel zu spielen war. Ein Bekannter Friedas durfte es
nicht sein, nicht einmal einer von den Knechten, er hätte sie wahrscheinlich
mit großen Augen angesehen und wäre weitergegangen, vor allem hätte er nicht
genug Ernst bewahrt, und es wäre mit aller Redefertigkeit unmöglich gewesen, zu
verbreiten, daß Frieda von ihm überfallen worden sei, sich seiner nicht habe
erwehren können und in einer besinnungslosen Stunde ihm erlegen sei. Und wenn
es auch ein Allergeringster sein sollte, so mußte es doch einer sein, von dem
glaubhaft gemacht werden konnte, daß er trotz seiner stumpfen, unfeinen Art
sich doch nach niemandem anderen als gerade nach Frieda sehnte und kein höheres
Verlangen hatte, als - du lieber Himmel! - Frieda zu heiraten. Aber wenn es
auch ein gemeiner Mann sein sollte, womöglich noch niedriger als ein Knecht,
viel niedriger als ein Knecht, so doch einer, wegen dessen einen nicht jedes
Mädchen verlacht, an dem vielleicht auch ein anderes urteilsfähiges Mädchen
einmal etwas Anziehendes finden könnte. Wo findet man aber einen solchen Mann?
Ein anderes Mädchen hätte ihn wahrscheinlich ein Leben lang vergeblich gesucht.
Friedas Glück führt ihr den Landvermesser in den Ausschank, vielleicht gerade
an dem Abend, an dem ihr der Plan zum erstenmal in den Sinn kommt. Der
Landvermesser! Ja, woran denkt denn K.? Was hat er für besondere Dinge im Kopf?
Wird er etwas Besonderes erreichen? Eine gute Anstellung, eine Auszeichnung?
Will er etwas Derartiges? Nun, dann hätte er es von allem Anfang an anders
anstellen müssen. Er ist doch gar nichts, es ist ein Jammer, seine Lage
anzusehen. Er ist Landvermesser, das ist vielleicht etwas, er hat also etwas
gelernt, aber wenn man nichts damit anzufangen weiß, ist es doch auch wieder
nichts. Und dabei stellt er Ansprüche, ohne den geringsten Rückhalt zu haben,
stellt er Ansprüche, nicht geradezu, aber man merkt, daß er irgendwelche
Ansprüche macht, das ist doch aufreizend. Ob er denn wisse, daß sich sogar ein
Zimmermädchen etwas vergibt, wenn sie länger mit ihm spricht. Und mit allen
diesen besonderen Ansprüchen plumpst er gleich am ersten Abend in die gröbste
Falle. Schämt er sich denn nicht? Was hat ihn denn an Frieda so bestochen?
Jetzt könnte er es doch gestehen. Hat sie ihm denn wirklich gefallen können,
dieses magere, gelbliche Ding? Ach nein, er hat sie ja gar nicht angesehen, sie
hat ihm nur gesagt, daß sie Klamms Geliebte sei, bei ihm schlug das noch als
Neuigkeit ein, und da war er verloren! Sie aber mußte nun ausziehen, jetzt war
natürlich kein Platz mehr für sie im Herrenhof. Pepi hat sie noch am Morgen vor
dem Auszug gesehen, das Personal war zusammengelaufen, neugierig auf den
Anblick war doch jeder. Und so groß war noch ihre Macht, daß man sie bedauerte;
alle, auch ihre Feinde, bedauerten sie; so richtig erwies sich schon am Anfang
ihre Rechnung; an einen solchen Mann sich weggeworfen zu haben, schien allen
unbegreiflich und ein Schicksalsschlag, die kleinen Küchenmädchen die natürlich
jedes Ausschankmädchen bewundern, waren untröstlich. Selbst Pepi war davon
berührt, nicht einmal sie konnte sich ganz wehren, wenn auch ihre
Aufmerksamkeit eigentlich etwas anderem galt. Ihr fiel auf, wie wenig traurig
Frieda eigentlich war. Es war doch im Grunde ein entsetzliches Unglück, das sie
betroffen hatte, sie tat ja auch so, als wenn sie sehr unglücklich wäre, aber
es war nicht genug, dieses Spiel konnte Pepi nicht täuschen. Was hielt sie also
aufrecht? Etwa das Glück der neuen Liebe? Nun, diese Erwägung schied aus. Was
war es aber sonst? Was gab ihr die Kraft, sogar gegen Pepi, die damals schon
als ihre Nachfolgerin galt, kühl freundlich zu sein wie immer? Pepi hatte
damals nicht genug Zeit, darüber nachzudenken, sie hatte zuviel zu tun mit den
Vorbereitungen für die neue Stelle. Sie sollte sie wahrscheinlich in ein paar
Stunden antreten und hatte noch keine schöne Frisur, kein elegantes Kleid,
keine feine Wäsche, keine brauchbaren Schuhe. Das alles mußte in ein paar
Stunden beschafft werden; konnte man sich nicht richtig ausstatten, dann war es
besser, auf die Stelle überhaupt zu verzichten, denn dann verlor man sie schon
in der ersten halben Stunde ganz gewiß. Nun, es gelang zum Teil. Fürs Frisieren
hat sie eine besondere Anlage, einmal hat die Wirtin sogar sie kommen lassen,
ihr die Frisur zu machen, es ist das eine besondere Leichtigkeit der Hand, die
ihr gegeben ist, freilich fügt sich auch ihr reiches Haar gleich, wie man nur
will. Auch für das Kleid war Hilfe da. Ihre beiden Kolleginnen hielten treu zu
ihr, es ist auch eine gewisse Ehre für sie, wenn ein Mädchen gerade aus ihrer
Gruppe Ausschankmädchen wird, und dann hätte ihnen ja Pepi später, wenn sie zur
Macht gekommen wäre, manche Vorteile verschaffen können. Eines der Mädchen
hatte seit langem einen teueren Stoff liegen, es war ihr Schatz, öfters hatte
sie ihn von den anderen bewundern lassen, träumte wohl davon, ihn einmal für
sich großartig zu verwenden und - das war sehr schön von ihr gehandelt - jetzt,
da ihn Pepi brauchte, opferte sie ihn. Und beide halfen ihr bereitwilligst beim
Nähen, hätten sie es für sich genäht, sie hätten nicht eifriger sein können.
Das war sogar eine sehr fröhliche, beglückende Arbeit. Sie saßen, jede auf
ihrem Bett, eine über der anderen, nähten und sangen und reichten einander die
fertigen Teile und das Zubehör hinauf und hinab. Wenn Pepi daran denkt, fällt
es ihr immer schwerer aufs Herz, daß alles vergeblich war und daß sie mit
leeren Händen wieder zu ihren Freundinnen kommt! Was für ein Unglück und wie
leichtsinnig verschuldet, vor allem von K.! Wie sich damals alle freuten über
das Kleid, es schien die Bürgschaft des Gelingens, und wenn sich nachträglich
noch ein Platz für ein Bändchen fand, verschwand der letzte Zweifel. Und ist es
nicht wirklich schön, das Kleid? Es ist jetzt schon verdrückt und ein wenig
fleckig, Pepi hatte eben kein zweites Kleid, hatte Tag und Nacht dieses tragen
müssen, aber noch immer sieht man, wie schön es ist, nicht einmal die
verfluchte Barnabassche brächte ein besseres zustande. Und daß man es nach
Belieben zuziehen und wieder lockern kann, oben und unten, daß es also zwar nur
ein Kleid ist, aber so veränderlich - das ist ein besonderer Vorzug und war
eigentlich ihre Erfindung. Es ist freilich auch nicht schwer, für sie zu nähen,
Pepi rühmt sich dessen nicht; jungen, gesunden Mädchen paßt ja alles. Viel
schwerer war es, Wäsche und Stiefel zu beschaffen, und hier beginnt eigentlich
der Mißerfolg. Auch hier halfen die Freundinnen aus, so gut sie konnten, aber
sie konnten nicht viel. Es war doch nur grobe Wäsche, die sie zusammenbrachte
und zusammenflickte, und statt gestöckelter Stiefelchen mußte es bei
Hausschuhen bleiben, die man lieber versteckt als zeigt. Man tröstete Pepi:
Frieda war doch auch nicht sehr schön angezogen, und manchmal zog sie so
schlampig herum, daß die Gäste sich lieber von den Kellerburschen servieren
ließen als von ihr. So war es tatsächlich, aber Frieda durfte das tun, sie war
schon in Gunst und Ansehen; wenn eine Dame einmal beschmutzt und nachlässig
angezogen sich zeigt, so ist das um so lockender, aber bei einem Neuling wie
Pepi? Und außerdem konnte sich Frieda gar nicht gut anziehen, sie ist ja von
allem Geschmack verlassen; hat jemand schon eine gelbliche Haut, so muß er sie
freilich behalten, aber er muß nicht, wie Frieda, noch eine tief
ausgeschnittene, cremefarbene Bluse dazu anziehen, so daß einem vor lauter Gelb
die Augen übergingen. Und selbst wenn das nicht gewesen wäre, sie war ja zu
geizig, um sich gut anzuziehen; alles, was sie verdiente, hielt sie zusammen,
niemand wußte, wofür. Sie brauchte im Dienst kein Geld, sie kam mit Lügen und
Kniffen aus, dieses Beispiel wollte und konnte Pepi nicht nachahmen, und darum
war es berechtigt, daß sie sich so schmückte, um sich ganz zur Geltung zu
bringen, gar am Beginn. Hätte sie es nur mit stärkeren Mitteln tun können, sie
wäre trotz aller Schlauheit Friedas, trotz aller Torheit K.s Siegerin
geblieben. Es fing ja auch sehr gut an. Die wenigen Handgriffe und Kenntnisse,
die nötig waren, hatte sie schon vorher in Erfahrung gebracht. Kaum war sie im
Ausschank, war sie dort schon eingelebt. Niemand vermißte bei der Arbeit
Frieda. Erst am zweiten Tag erkundigten sich manche Gäste, wo denn eigentlich
Frieda sei. Es geschah kein Fehler, der Wirt war zufrieden, den ersten Tag war
er in seiner Angst immerfort im Ausschank gewesen, später kam er nur noch hie
und da, schließlich überließ er, da die Kasse stimmte - die Eingänge waren
durchschnittlich sogar etwas größer als zu Friedas Zeit - Pepi schon alles. Sie
führte Neuerungen ein. Frieda hatte, nicht aus Fleiß, sondern aus Geiz, aus
Herrschsucht, aus Angst, jemanden etwas von ihren Rechten abzutreten, auch die
Knechte, zum Teil wenigstens, besonders wenn jemand zusah, beaufsichtigt, Pepi
dagegen wies diese Arbeit völlig den Kellerburschen zu, die dafür ja auch viel
besser taugen. Dadurch erübrigte sie mehr Zeit für die Herrenzimmer, die Gäste
wurden schnell bedient; trotzdem konnte sie mit jedem noch ein paar Worte
sprechen, nicht wie Frieda, die sich angeblich gänzlich für Klamm aufbewahrte
und jedes Wort, jede Annäherung eines anderen als eine Kränkung Klamms ansah.
Das war freilich auch klug, denn wenn sie einmal jemanden an sich heranließ,
war es eine unerhörte Gunst. Pepi aber haßt solche Künste, auch sind sie am
Anfang nicht brauchbar. Pepi war zu jedem freundlich, und jeder vergalt es ihr
mit Freundlichkeit. Alle waren sichtlich froh über die Änderung; wenn sich die
abgearbeiteten Herren endlich ein Weilchen zum Bier setzen dürfen, kann man sie
durch ein Wort, durch einen Blick, durch ein Zucken der Achseln förmlich
verwandeln. So eifrig fuhren alle Hände durch Pepis Locken, daß sie wohl
zehnmal im Tag ihre Frisur erneuern mußte, der Verführung dieser Locken und
Maschen widersteht keiner, nicht einmal der sonst so gedankenlose K. So
verflogen aufregende, arbeitsvolle, aber erfolgreiche Tage. Wären sie nicht so
schnell verflogen, wären ihrer doch ein wenig mehr gewesen! Vier Tage sind zu
wenig, wenn man sich auch bis zur Erschöpfung anstrengt, vielleicht hätte schon
der fünfte Tag genügt, aber vier Tage waren zu wenig. Pepi hatte zwar schon in
vier Tagen Gönner und Freunde erworben, hätte sie allen Blicken trauen dürfen,
schwamm sie ja, wenn sie mit den Bierkrügen daherkam, in einem Meer von
Freundschaft, ein Schreiber namens Bartmeier ist vernarrt in sie, hat ihr
dieses Kettchen und Anhängsel verehrt und in das Anhängsel sein Bild gegeben,
was allerdings eine Keckheit war; dieses und anderes war geschehen, aber es
waren doch nur vier Tage, in vier Tagen kann, wenn Pepi sich dafür einsetzt,
Frieda fast, aber doch nicht ganz vergessen werden; und sie wäre doch vergessen
worden, vielleicht noch früher, hätte sie nicht vorsorglich durch ihren großen
Skandal sich im Mund der Leute erhalten, sie war den Leuten dadurch neu
geworden, nur aus Neugierde hätten sie sie gerne wiedergesehen; was ihnen öde
bis zum Überdruß geworden war, hatte durch des sonst gänzlich gleichgültigen
K.s Verdienst wieder einen Reiz für sie, Pepi hätten sie dafür freilich nicht
hingegeben, solange sie dastand und durch ihre Gegenwart wirkte, aber es sind
meist ältere Herren, schwerfällig in ihren Gewohnheiten, ehe sie sich an ein
neues Ausschankmädchen gewöhnen, dauert es, und sei der Tausch noch so
vorteilhaft, doch ein paar Tage, gegen den eigenen Willen der Herren dauert es
ein paar Tage, vielleicht nur fünf Tage, aber vier Tage reichen nicht aus, Pepi
galt trotz allem nur immer noch als die Provisorische. Und dann das vielleicht
größte Unglück: In diesen vier Tagen kam Klamm, obwohl er während der ersten
beiden Tage im Dorfe war, in das Gastzimmer nicht herunter. Wäre er gekommen,
das wäre Pepis entscheidendste Erprobung gewesen, eine Erprobung übrigens, die
sie am wenigsten fürchtete, auf die sie sich eher freute. Sie wäre - an solche
Dinge rührt man freilich am besten gar nicht mit Worten - Klamms Geliebte nicht
geworden und hätte sich auch nicht zu einer solchen hinaufgelogen, aber sie
hätte zumindest so nett wie Frieda das Bierglas auf den Tisch zu stellen
gewußt, ohne Friedas Aufdringlichkeiten hübsch gegrüßt und hübsch sich
empfohlen, und wenn Klamm überhaupt in den Augen eines Mädchens etwas sucht, er
hätte es in Pepis Augen bis zur völligen Sättigung gefunden. Aber warum kam er
nicht? Aus Zufall? Pepi hatte das damals auch geglaubt. Die beiden Tage lang
erwartete sie ihn jeden Augenblick, auch in der Nacht wartete sie. Jetzt wird
Klamm kommen, dachte sie immerfort und lief hin und her ohne anderen Grund als
die Unruhe der Erwartung und das Verlangen, ihn als erste sofort bei seinem
Eintritt zu sehen. Diese fortwährende Enttäuschung ermüdete sie sehr;
vielleicht leistete sie deshalb nicht so viel, als hätte sie leisten können.
Sie schlich, wenn sie ein wenig Zeit hatte, hinauf in den Korridor, den zu
betreten dem Personal streng verboten ist, dort drückte sie sich in eine Nische
und wartete. Wenn doch jetzt Klamm käme, dachte sie, wenn ich doch den Herrn
aus seinem Zimmer nehmen und auf meinen Armen in das Gastzimmer hinuntertragen
könnte. Unter dieser Last würde ich nicht zusammensinken, und wäre sie noch so
groß. Aber er kam nicht. In diesem Korridor oben ist es so still, daß man es
sich gar nicht vorstellen kann, wenn man nicht dort gewesen ist. Es ist so
still, daß man es dort gar nicht lange aushalten kann, die Stille treibt einen
fort. Aber immer wieder; zehnmal vertrieben, zehnmal wieder stieg Pepi hinauf
Es war ja sinnlos. Wenn Klamm kommen wollte, würde er kommen, wenn er aber
nicht kommen wollte, würde ihn Pepi nicht herauslocken, auch wenn sie in der
Nische vor Herzklopfen halb erstickte. Es war sinnlos, aber wenn er nicht kam,
war ja fast alles sinnlos. Und er kam nicht. Heute weiß Pepi, warum Klamm nicht
kam. Frieda hätte eine herrliche Unterhaltung gehabt, wenn sie oben im Korridor
Pepi in der Nische, beide Hände am Herzen, hätte sehen können. Klamm kam nicht
herunter, weil Frieda es nicht zuließ. Nicht durch ihre Bitten hat sie das
bewirkt, ihre Bitten dringen nicht zu Klamm. Aber sie hat, diese Spinne,
Verbindungen, von denen niemand etwas weiß. Wenn Pepi einem Gast etwas sagt,
sagt sie es offen, auch der Nebentisch kann es hören. Frieda hat nichts zu
sagen, sie stellt das Bier auf den Tisch und geht; nur ihr seidener Unterrock,
das einzige, wofür sie Geld ausgibt, rauscht. Wenn sie aber einmal etwas sagt,
dann nicht offen, dann flüstert sie es dem Gast zu, bückt sich hinab, daß man
am Nachbartisch die Ohren spitzt. Was sie sagt, ist ja wahrscheinlich
belanglos, aber doch nicht immer, Verbindungen hat sie, stützt die einen durch
die anderen, und mißlingen die meisten - wer würde sich dauernd um Frieda
kümmern? -, hält hie und da doch eine fest. Diese Verbindungen begann sie jetzt
auszunützen. K. gab ihr die Möglichkeit dazu, statt bei ihr zu sitzen und sie
zu bewachen, hält er sich kaum zu Hause auf, wandert herum, hat Besprechungen
hier und dort, für alles hat er Aufmerksamkeit, nur nicht für Frieda, und um
ihr schließlich noch mehr Freiheit zu geben, übersiedelt er aus dem Brückenhof
in die leere Schule. Das alles ist ja ein schöner Anfang der Flitterwochen.
Nun, Pepi ist gewiß die letzte, die K. Vorwürfe deshalb machen wird, daß er es
nicht bei Frieda ausgehalten hat; man kann es bei ihr nicht aushalten. Aber
warum hat er sie dann nicht ganz verlassen, warum ist er immer wieder zu ihr
zurückgekehrt, warum hat er durch seine Wanderungen den Anschein erweckt, daß
er für sie kämpft? Es sah ja aus, als habe er erst durch die Berührung mit
Frieda seine tatsächliche Nichtigkeit entdeckt, wolle sich Friedas würdig
machen, wolle sich irgendwie hinaufhaspeln, verzichte deshalb vorläufig auf das
Beisammensein, um sich später ungestört für die Entbehrungen entschädigen zu
dürfen. Inzwischen verliert Frieda nicht die Zeit, sie sitzt in der Schule,
wohin sie ja K. wahrscheinlich gelenkt hat, und beobachtet den Herrenhof und
beobachtet K. Boten hat sie ausgezeichnete zur Hand: K.s Gehilfen, die ihr -
man begreift es nicht, selbst wenn man K. kennt, begreift man's nicht - K.
gänzlich überläßt. Sie schickt sie zu ihren alten Freunden, bringt sich in
Erinnerung, klagt darüber, daß sie von einem Mann wie K. gefangengehalten ist,
hetzt, gegen Pepi, verkündet ihre baldige Ankunft, bittet um Hilfe, beschwört,
Klamm nichts zu verraten, tut so, als müsse Klamm geschont werden und dürfe
daher auf keinen Fall in den Ausschank hinuntergelassen werden. Was sie dem
einen gegenüber als Schonung Klamms ausgibt, nützt sie dem Wirt gegenüber als
ihren Erfolg aus, macht darauf aufmerksam, daß Klamm nicht mehr kommt. Wie
könnte er denn kommen, wenn unten nur eine Pepi bedient? Zwar hat der Wirt
keine Schuld, diese Pepi war immerhin noch der beste Ersatz, der zu finden war,
nur genügt er nicht, nicht einmal für ein paar Tage. Von dieser ganzen
Tätigkeit Friedas weiß K. nichts; wenn er nicht herumwandert, liegt er
ahnungslos zu ihren Füßen, während sie die Stunden zählt, die sie noch vom
Ausschank trennen. Aber nicht nur diesen Botendienst leisten die Gehilfen, sie
dienen auch dazu, K. eifersüchtig zu machen, ihn warmzuhalten! Seit ihrer
Kindheit kennt Frieda die Gehilfen, Geheimnisse haben sie gewiß keine mehr
voreinander, aber K. zu Ehren fangen sie an, sich nacheinander zu sehnen, und
es entsteht für K. die Gefahr, daß es eine große Liebe wird. Und K. tut Frieda
alles zu Gefallen, auch das Widersprechendste, er läßt sich von den Gehilfen
eifersüchtig machen, duldet aber doch, daß alle drei beisammen bleiben, während
er allein auf seine Wanderungen geht. Es ist fast, als sei er Friedas dritter
Gehilfe. Da entscheidet sich Frieda endlich auf Grund ihrer Beobachtungen zum
großen Schlag: Sie beschließt zurückzukehren. Und es ist wirklich höchste Zeit,
es ist bewunderungswürdig, wie Frieda, die Schlaue, dieses erkennt und
ausnützt; diese Kraft der Beobachtung und des Entschlusses sind Friedas
unnachahmbare Kunst; wenn Pepi sie hätte, wie anders würde ihr Leben verlaufen.
Wäre Frieda noch ein, zwei Tage länger in der Schule geblieben, ist Pepi nicht
mehr zu vertreiben, ist endgültig Ausschankmädchen, von allen geliebt und
gehalten, hat genug Geld verdient, um die notdürftige Ausstattung blendend zu
ergänzen, noch ein, zwei Tage, und Klamm ist durch keine Ränke mehr vom
Gastzimmer abzuhalten, kommt, trinkt, fühlt sich behaglich und ist, wenn er
Friedas Abwesenheit überhaupt bemerkt, mit der Veränderung hoch zufrieden, noch
ein, zwei Tage, und Frieda mit ihrem Skandal, mit ihren Verbindungen, mit den
Gehilfen, mit allem, ist ganz und gar vergessen, niemals kommt sie mehr hervor.
Dann könnte sie sich vielleicht desto fester an K. halten und könnte,
vorausgesetzt, daß sie dessen fähig ist, ihn wirklich liebenlernen? Nein, auch
das nicht. Denn mehr als einen Tag braucht auch K. nicht mehr, um ihrer
überdrüssig zu werden, um zu erkennen, wie schmählich sie ihn täuscht, mit
allem, mit ihrer angeblichen Schönheit, ihrer angeblichen Treue und am meisten
mit der angeblichen Liebe Klamms; nur einen Tag noch, nicht mehr, braucht er,
um sie mit der ganzen schmutzigen Gehilfenwirtschaft aus dem Hause zu jagen;
man denke, nicht einmal K. braucht mehr. Und da, zwischen diesen beiden
Gefahren, da sich förmlich schon das Grab über ihr zu schließen anfängt - K. in
seiner Einfalt hält ihr noch den letzten, schmalen Weg frei -, da brennt sie
durch - das hat kaum jemand mehr erwartet, es geht gegen die Natur -, plötzlich
ist sie es, die K., den noch immer sie liebenden, immer sie verfolgenden,
fortjagt und unter dem nachhelfenden Druck der Freunde und Gehilfen dem Wirt
als Retterin erscheint, durch ihren Skandal viel lockender als früher,
erwiesenermaßen begehrt von den Niedrigsten wie von den Höchsten, dem Niedrigen
aber nur für einen Augenblick verfallend, bald ihn fortstoßend, wie es sich
gehört, und ihm und allen wieder unerreichbar wie früher; nur daß man früher
das alles schon mit Recht bezweifelte, jetzt aber wieder überzeugt worden ist.
So kommt sie zurück, der Wirt, mit einem Seitenblick auf Pepi, zögert - soll er
sie opfern, die sich so bewährt hat? -, aber bald ist er überredet, zuviel
spricht für Frieda und vor allem, sie wird ja Klamm für die Gastzimmer
zurückgewinnen. Dabei halten wir jetzt, abends. Pepi wird nicht warten, bis
Frieda kommt und aus der Übernahme der Stelle einen Triumph macht. Die Kasse
hat sie der Wirtin schon übergeben, sie kann gehen. Das Bettfach unten in dem
Mädchenzimmer ist für sie bereit, sie wird hinkommen, von den weinenden
Freundinnen begrüßt, wird sich das Kleid vom Leib, die Bänder aus den Haaren
reißen und alles in einen Winkel stopfen, wo es gut verborgen ist und nicht
unnötig an Zeiten erinnert, die vergessen bleiben sollen. Dann wird sie den
großen Eimer und den Besen nehmen, die Zähne zusammenbeißen und an die Arbeit
gehen. Vorläufig aber mußte sie noch alles K. erzählen, damit er, der ohne
Hilfe auch jetzt dies noch nicht erkannt hätte, einmal deutlich sieht, wie
häßlich er an Pepi gehandelt und wie unglücklich er sie gemacht habe. Freilich,
auch er ist dabei nur mißbraucht worden.
===============================================================================
                        [Vorige_Seite] [Nächste_Seite]










Pepi hatte geendet. Sie wischte sich aufatmend ein paar Tränen von den Augen
und Wangen und sah dann K. kopfnickend an, so, als wolle sie sagen, im Grunde
handle es sich gar nicht um ihr Unglück, sie werde es tragen und brauche hierzu
weder Hilfe noch Trost irgend jemandes und K.s am wenigsten, sie kenne trotz
ihrer Jugend das Leben, und ihr Unglück sei nur eine Bestätigung ihrer
Kenntnisse, aber um K. handle es sich, ihm habe sie ein Bild vorhalten wollen,
noch nach dem Zusammenbrechen aller ihrer Hoffnungen habe sie das zu tun für
nötig gehalten. »Was für eine wilde Phantasie du hast, Pepi«, sagte K. »Es ist
ja gar nicht wahr, daß du erst jetzt alle diese Dinge entdeckt hast; das ist ja
nichts anderes als Träume aus euerem dunklen, engen Mädchenzimmer unten, die
dort an ihrem Platz sind, hier aber, im freien Ausschank, sich sonderbar
ausnehmen. Mit solchen Gedanken konntest du dich hier nicht behaupten, das ist
ja selbstverständlich. Schon dein Kleid und deine Frisur, deren du dich so
rühmst, sind nur Ausgeburten jenes Dunkels und jener Betten in euerem Zimmer,
dort sind sie gewiß sehr schön, hier aber lacht jeder im geheimen oder offen
darüber. Und was erzählst du sonst? Ich sei also mißbraucht und betrogen
worden? Nein, liebe Pepi, ich bin so wenig mißbraucht und betrogen worden wie
du. Es ist richtig, Frieda hat mich gegenwärtig verlassen oder ist, wie du es
ausdrückst, mit einem Gehilfen durchgebrannt, einen Schimmer der Wahrheit
siehst du, und es ist auch wirklich sehr unwahrscheinlich, daß sie noch meine
Frau werden wird, aber es ist ganz und gar unwahr, daß ich ihrer überdrüssig
geworden wäre oder sie gar am nächsten Tag schon verjagt hätte oder daß sie
mich betrogen hätte, wie sonst vielleicht eine Frau einen Mann betrügt. Ihr
Zimmermädchen seid gewohnt, durch das Schlüsselloch zu spionieren, und davon
behaltet ihr die Denkweise, von einer Kleinigkeit, die ihr wirklich seht,
ebenso großartig wie falsch auf das Ganze zu schließen. Die Folge dessen ist,
daß ich zum Beispiel in diesem Fall viel weniger weiß als du. Ich kann bei
weitem nicht so genau wie du erklären, warum Frieda mich verlassen hat. Die
wahrscheinlichste Erklärung scheint mir die auch von dir gestreifte, aber nicht
ausgenützte, daß ich sie vernachlässigt habe. Das ist leider wahr, ich habe sie
vernachlässigt, aber das hatte besondere Gründe, die nicht hierher gehören; ich
wäre glücklich, wenn sie zu mir zurückkäme, aber ich würde gleich wieder
anfangen, sie zu vernachlässigen. Es ist so. Da sie bei mir war, bin ich
immerfort auf den von dir verlachten Wanderungen gewesen; jetzt, da sie weg
ist, bin ich fast beschäftigungslos, bin müde, habe Verlangen nach immer
vollständigerer Beschäftigungslosigkeit. Hast du keinen Rat für mich, Pepi?« -
»Doch«, sagte Pepi, plötzlich lebhaft werdend und K. bei den Schultern fassend,
»wir sind beide die Betrogenen, bleiben wir beisammen. Komm mit hinunter zu den
Mädchen!« - »Solange du über Betrogenwerden klagst«, sagte K., »kann ich mich
nicht mit dir verständigen. Du willst immerfort betrogen worden sein, weil dir
das schmeichelt und weil es dich rührt. Die Wahrheit aber ist, daß du für diese
Stellung nicht geeignet bist. Wie klar muß diese Nichteignung sein, wenn sogar
ich, der deiner Meinung nach Unwissendste, das einsehe. Du bist ein gutes
Mädchen, Pepi; aber es ist nicht ganz leicht, das zu erkennen, ich zum Beispiel
habe dich zuerst für grausam und hochmütig gehalten, das bist du aber nicht, es
ist nur die Stelle, welche dich verwirrt, weil du für sie nicht geeignet bist.
Ich will nicht sagen, daß die Stelle für dich zu hoch ist; es ist ja keine
außerordentliche Stelle, vielleicht ist sie, wenn man genau hinsieht, etwas
ehrenvoller als deine frühere Stelle, im ganzen aber ist der Unterschied nicht
groß, beide sind eher zum Verwechseln einander ähnlich; ja, man könnte fast
behaupten, daß Zimmermädchensein dem Ausschank vorzuziehen wäre, denn dort ist
man immer unter Sekretären, hier dagegen muß man, wenn man auch in den
Gastzimmern die Vorgesetzten der Sekretäre bedienen darf, doch auch mit ganz
niedrigem Volk sich abgeben, zum Beispiel mit mir; ich darf ja von Rechts wegen
gar nicht anderswo mich aufhalten als eben hier im Ausschank, und die
Möglichkeit, mit mir zu verkehren, sollte so über alle Maßen ehrenvoll sein?
Nun, dir scheint es so, und vielleicht hast du auch Gründe dafür. Aber eben
deshalb bist du ungeeignet. Es ist eine Stelle wie eine andere, für dich aber
ist sie das Himmelreich, infolgedessen faßt du alles mit übertriebenem Eifer
an, schmückst dich, wie deiner Meinung nach die Engel geschmückt sind - sie
sind aber in Wirklichkeit anders -, zitterst für die Stelle, fühlst dich
immerfort verfolgt, suchst alle, die deiner Meinung nach dich stützen könnten,
durch übergroße Freundlichkeiten zu gewinnen, störst sie aber dadurch und stößt
sie ab, denn sie wollen im Wirtshaus Frieden und nicht zu ihren Sorgen noch die
Sorgen der Ausschankmädchen. Es ist nur möglich, daß nach Friedas Abgang
niemand von den hohen Gästen das Ereignis eigentlich gemerkt hat, heute aber
wissen sie davon und sehnen sich wirklich nach Frieda, denn Frieda hat alles
doch wohl ganz anders geführt. Wie sie auch sonst sein mag und wie sie auch
ihre Stelle zu schätzen wußte, im Dienst war sie vielerfahren, kühl und
beherrscht, du hebst es ja selbst hervor, ohne allerdings von der Lehre zu
profitieren. Hast du einmal ihren Blick beachtet? Das war schon gar nicht mehr
der Blick eines Ausschankmädchens, das war schon fast der Blick einer Wirtin.
Alles sah sie und dabei auch jeden einzelnen, und der Blick, der für den
einzelnen übrigblieb, war noch stark genug, um ihn zu unterwerfen. Was lag
daran, daß sie vielleicht ein wenig mager, ein wenig ältlich war, daß man sich
reineres Haar vorstellen konnte, das sind Kleinigkeiten, verglichen mit dem,
was sie wirklich hatte, und derjenige, welchen diese Mängel gestört hatten,
hätte damit nur gezeigt, daß ihm der Sinn für Größeres fehlte. Klamm kann man
dies gewiß nicht vorwerfen, und es ist nur der falsche Gesichtswinkel eines
jungen, unerfahrenen Mädchens, der dich an Klamms Liebe zu Frieda nicht glauben
läßt. Klamm scheint dir - und dies mit Recht - unerreichbar, und deshalb
glaubst du, auch Frieda hätte an Klamm nicht herankommen können. Du irrst. Ich
würde darin allein Friedas Wort vertrauen, selbst wenn ich nicht untrügliche
Beweise dafür hätte. So unglaublich es dir vorkommt und so wenig du es mit
deinen Vorstellungen von Welt und Beamtentum und Vornehmheit und Wirkung der
Frauenschönheit vereinen kannst, es ist doch wahr, so wie wir hier
nebeneinander sitzen und ich deine Hand zwischen die meinen nehme, so saßen
wohl, als sei es die selbstverständlichste Sache von der Welt, auch Klamm und
Frieda nebeneinander, und er kam freiwillig herunter, ja eilte sogar herab,
niemand lauerte ihm im Korridor auf und vernachlässigte die übliche Arbeit,
Klamm mußte sich selbst bemühen herabzukommen, und die Fehler in Friedas
Kleidung, vor denen du dich entsetzt hättest, störten ihn gar nicht. Du willst
ihr nicht glauben! Und weißt nicht, wie du dich damit bloßstellst, wie du
gerade damit deine Unerfahrenheit zeigst! Selbst jemand, der gar nichts von dem
Verhältnis zu Klamm wüßte, müßte an ihrem Wesen erkennen, daß es jemand geformt
hat, der mehr war als du und ich und alles Volk im Dorfe, und daß ihre
Unterhaltungen über die Scherze hinausgingen, wie sie zwischen Gästen und
Kellnerinnen üblich sind und das Ziel deines Lebens scheinen. Aber ich tue dir
Unrecht. Du erkennst ja selbst sehr gut Friedas Vorzüge, merkst ihre
Beobachtungsgabe, ihre Entschlußkraft, ihren Einfluß auf Menschen, nur deutest
du freilich alles falsch, glaubst, daß sie alles eigensüchtig nur zu ihrem
Vorteil und zum Bösen verwende oder gar als Waffe gegen dich. Nein, Pepi,
selbst wenn sie solche Pfeile hätte, auf so kleine Entfernung könnte sie sie
nicht abschießen. Und eigensüchtig? Eher könnte man sagen, daß sie unter
Aufopferung dessen, was sie hatte, und dessen, was sie erwarten durfte, uns
beiden die Gelegenheit gegeben hat, uns auf höherem Posten zu bewähren, daß wir
beide sie aber enttäuscht haben und sie geradezu zwingen, wieder hierher
zurückzukehren. Ich weiß nicht, ob es so ist, auch ist mir meine Schuld gar
nicht klar, nur wenn ich mich mit dir vergleiche, taucht mir etwas Derartiges
auf, so, als ob wir uns beide zu sehr, zu lärmend, zu kindisch, zu unerfahren
bemüht hätten, um etwas, das zum Beispiel mit Friedas Ruhe, mit Friedas
Sachlichkeit leicht und unmerklich zu gewinnen ist, durch Weinen, durch
Kratzen, durch Zerren zu bekommen - so, wie ein Kind am Tischtuch zerrt, aber
nichts gewinnt, sondern nur die ganze Pracht hinunterwirft und sie sich für
immer unerreichbar macht -; ich weiß nicht, ob es so ist, aber daß es eher so
ist, als wie du es erzählst, das weiß ich.« - »Nun ja«, sagte Pepi, »du bist
verliebt in Frieda, weil sie dir weggelaufen ist; es ist nicht schwer, in sie
verliebt zu sein, wenn sie weg ist. Aber mag es sein, wie du willst, und magst
du in allem recht haben, auch darin, daß du mich lächerlich machst, was willst
du jetzt tun? Frieda hat dich verlassen, weder nach meiner Erklärung noch nach
deiner hast du Hoffnung, daß sie zu dir zurückkommt, und selbst wenn sie kommen
sollte, irgendwo mußt du die Zwischenzeit verbringen, es ist kalt, und du hast
weder Arbeit noch Bett, komm zu uns, meine Freundinnen werden dir gefallen, wir
werden es dir behaglich machen, du wirst uns bei der Arbeit helfen, die
wirklich für Mädchen allein zu schwer ist, wir Mädchen werden nicht auf uns
angewiesen sein und in der Nacht nicht mehr Angst leiden. Komm zu uns! Auch
meine Freundinnen kennen Frieda, wir werden dir von ihr Geschichten erzählen,
bis du dessen überdrüssig geworden bist. Komm doch! Auch Bilder von Frieda
haben wir und werden sie dir zeigen. Damals war Frieda noch bescheidener als
heute, du wirst sie kaum wiedererkennen, höchstens an ihren Augen, die schon
damals gelauert haben. Nun, wirst du also kommen?« - »Ist es denn erlaubt?
Gestern gab es doch noch den großen Skandal, weil ich auf euerem Gang ertappt
worden bin.« - »Weil du ertappt wurdest, aber wenn du bei uns bist, wirst du
nicht ertappt werden. Niemand wird von dir wissen, nur wir drei. Ah, es wird
lustig sein. Schon kommt mir das Leben dort viel erträglicher vor als vor einem
Weilchen noch. Vielleicht verliere ich jetzt gar nicht so viel dadurch, daß ich
von hier fort muß. Du, wir haben uns auch zu dritt nicht gelangweilt, man muß
sich das bittere Leben versüßen, es wird uns ja schon in der Jugend bitter
gemacht, nun, wir drei halten zusammen, wir leben so hübsch, als es dort
möglich ist, besonders Henriette wird dir gefallen, aber auch Emilie, ich habe
ihnen schon von dir erzählt, man hört dort solche Geschichten ungläubig an, als
könne außerhalb des Zimmers eigentlich nichts geschehen, warm und eng ist es
dort, und wir drücken uns noch enger aneinander; nein, obwohl wir aufeinander
angewiesen sind, sind wir eigentlich einander nicht überdrüssig geworden; im
Gegenteil, wenn ich an die Freundinnen denke, ist es mir fast recht, daß ich
wieder zurückkomme; warum soll ich es weiterbringen als sie? Das war es ja
eben, was uns zusammenhielt, daß uns allen dreien die Zukunft in gleicher Weise
versperrt war, und nun bin ich doch durchgebrochen und war von ihnen
abgetrennt. Freilich, ich habe sie nicht vergessen, und es war meine nächste
Sorge, wie ich etwas für sie tun könnte; meine eigene Stellung war noch
unsicher - wie unsicher sie war, wußte ich gar nicht -, und schon sprach ich
mit dem Wirt über Henriette und Emilie. Hinsichtlich Henriettes war der Wirt
nicht ganz unnachgiebig, für Emilie, die viel älter als wir ist, sie ist etwa
in Friedas Alter, gab er mir allerdings keine Hoffnung. Aber denk nur, sie
wollen ja gar nicht fort, sie wissen, daß es ein elendes Leben ist, das sie
dort führen, aber sie haben sich schon gefügt, die guten Seelen, ich glaube,
ihre Tränen beim Abschied galten am meisten der Trauer darüber, daß ich das
gemeinsame Zimmer verlassen müßte, in die Kälte hinausging - uns scheint dort
alles kalt, was außerhalb des Zimmers ist - und in den großen, fremden Räumen
mit großen, fremden Menschen mich herumschlagen müsse, zu keinem anderen Zweck,
als um das Leben zu fristen, was mir doch auch in der gemeinsamen Wirtschaft
bisher gelungen war. Sie werden wahrscheinlich gar nicht staunen, wenn ich
jetzt zurückkomme, und nur um mir nachzugeben, werden sie ein wenig weinen und
mein Schicksal beklagen. Aber dann werden sie dich sehen und merken, daß es
doch gut gewesen ist, daß ich fort war. Daß wir jetzt einen Mann als Helfer und
Schutz haben, wird sie glücklich machen, und geradezu entzückt werden sie
darüber sein, daß alles ein Geheimnis bleiben muß und daß wir durch dieses
Geheimnis noch enger verbunden werden als bisher. Komm, o bitte, komm zu uns!
Es entsteht ja keine Verpflichtung für dich, du wirst nicht an unser Zimmer für
immer gebunden sein, so wie wir. Wenn es dann Frühjahr wird und du anderswo ein
Unterkommen findest und es dir bei uns nicht mehr gefällt, kannst du ja gehen;
nur allerdings das Geheimnis mußt du auch dann wahren und nicht etwa uns
verraten, denn das wäre dann unsere letzte Stunde im Herrenhof, und auch sonst
mußt du natürlich, wenn du bei uns bist, vorsichtig sein, dich nirgends zeigen,
wo wir es nicht für ungefährlich ansehen, und überhaupt unseren Ratschlägen
folgen; das ist das einzige, was dich bindet, und daran muß dir ja auch ebenso
gelegen sein wie uns, sonst bist du aber völlig frei, die Arbeit, die wir dir
zuteilen werden, wird nicht schwer sein, davor fürchte dich nicht. Kommst du
also?« - »Wie lange haben wir noch bis zum Frühjahr?« fragte K. »Bis zum
Frühjahr?« wiederholte Pepi. »Der Winter ist bei uns lang, ein sehr langer
Winter und einförmig. Darüber aber klagen wir unten nicht, gegen den Winter
sind wir gesichert. Nun, einmal kommt auch das Frühjahr und der Sommer, und es
hat wohl auch seine Zeit; aber in der Erinnerung, jetzt, scheint Frühjahr und
Sommer so kurz, als wären es nicht viel mehr als zwei Tage, und selbst an
diesen Tagen, auch durch den allerschönsten Tag, fällt dann noch manchmal
Schnee.«
Da öffnete sich die Tür. Pepi zuckte zusammen, sie hatte sich in Gedanken zu
sehr aus dem Ausschank entfernt, aber es war nicht Frieda, es war die Wirtin.
Sie tat erstaunt, K. noch hier zu finden. K. entschuldigte sich damit, daß er
auf die Wirtin gewartet habe, gleichzeitig dankte er dafür, daß es ihm erlaubt
worden war, hier zu übernachten. Die Wirtin verstand nicht, warum K. auf sie
gewartet habe. K. sagte, er hatte den Eindruck gehabt, daß die Wirtin noch mit
ihm sprechen wolle, er bitte um Entschuldigung, wenn das ein Irrtum gewesen
sei, übrigens müsse er nun allerdings gehen, allzulange habe er die Schule, wo
er Diener sei, sich selbst überlassen, an allem sei die gestrige Vorladung
schuld, er habe noch zu wenig Erfahrung in diesen Dingen, es werde gewiß nicht
wieder geschehen, daß er der Frau Wirtin solche Unannehmlichkeiten mache wie
gestern. Und er verbeugte sich, um zu gehen. Die Wirtin sah ihn an, mit einem
Blick, als träume sie. Durch den Blick wurde K. auch länger festgehalten, als
er wollte. Nun lächelte sie auch noch ein wenig, und erst durch K.s erstauntes
Gesicht wurde sie gewissermaßen geweckt; es war, als hätte sie eine Antwort auf
ihr Lächeln erwartet und erst jetzt, da sie ausblieb, erwachte sie. »Du hattest
gestern, glaube ich, die Keckheit, etwas über mein Kleid zu sagen.« K. konnte
sich nicht erinnern. »Du kannst dich nicht erinnern? Zur Keckheit gehört dann
hinterher die Feigheit.« K. entschuldigte sich mit seiner gestrigen Müdigkeit,
es sei gut möglich, daß er gestern etwas geschwätzt habe, jedenfalls könne er
sich nicht mehr erinnern. Was hätte er auch über der Frau Wirtin Kleider haben
sagen können? Daß sie so schön seien, wie er noch nie welche gesehen habe.
Zumindest habe er noch keine Wirtin in solchen Kleidern bei der Arbeit gesehen.
»Laß diese Bemerkungen!« sagte die Wirtin schnell. »Ich will von dir kein Wort
mehr über die Kleider hören. Du hast dich nicht um meine Kleider zu kümmern.
Das verbiete ich dir ein für allemal.« K. verbeugte sich nochmals und ging zur
Tür. »Was soll denn das heißen«, rief die Wirtin hinter ihm her, »daß du in
solchen Kleidern noch keine Wirtin bei der Arbeit gesehen hast? Was sollen
solche sinnlosen Bemerkungen? Das ist doch völlig sinnlos. Was willst du damit
sagen?« K. wandte sich um und bat die Wirtin, sich nicht aufzuregen. Natürlich
sei die Bemerkung sinnlos. Er verstehe doch auch gar nichts von Kleidern. In
seiner Lage erscheine ihm schon jedes ungeflickte und reine Kleid kostbar. Er
sei nur erstaunt gewesen, die Frau Wirtin dort, im Gang, in der Nacht, unter
allen den kaum angezogenen Männern in einem so schönen Abendkleid erscheinen zu
sehen, nichts weiter. »Nun also«, sagte die Wirtin, »endlich scheinst du dich
doch an deine gestrige Bemerkung zu erinnern. Und vervollständigst sie durch
weiteren Unsinn. Daß du nichts von Kleidern verstehst, ist richtig. Dann aber
unterlasse auch - darum will ich dich ernstlich gebeten haben -, darüber
abzuurteilen, was kostbare Kleider sind oder unpassende Abendkleider und
dergleichen... Überhaupt« - hierbei war es, als überliefe sie ein Kälteschauer
- »sollst du dir nichts an meinen Kleidern zu schaffen machen, hörst du?« Und
als K. sich schweigend wieder umwenden wollte, fragte sie: »Woher hast du denn
dein Wissen von den Kleidern?« K. zuckte die Achseln, er habe kein Wissen. »Du
hast keines«, sagte die Wirtin. »Du sollst dir aber auch keines anmaßen. Komm
hinüber in das Kontor, ich werde dir etwas zeigen, dann wirst du deine
Keckheiten hoffentlich für immer unterlassen.« Sie ging voraus durch die Tür;
Pepi sprang zu K., unter dem Vorwand, von K. die Zahlung zu bekommen,
verständigten sie sich schnell, es war sehr leicht, da K. den Hof kannte,
dessen Tor in die Seitenstraße führte, neben dem Tor war ein kleines Pförtchen,
hinter dem wollte Pepi in einer Stunde etwa stehen und es auf dreimaliges
Klopfen öffnen.
Das Privatkontor lag gegenüber dem Ausschank, nur der Flur war zu durchqueren,
die Wirtin stand schon im beleuchteten Kontor und sah ungeduldig K. entgegen.
Es gab aber noch eine Störung. Gerstäcker hatte im Flur gewartet und wollte mit
K. sprechen. Es war nicht leicht, ihn abzuschütteln, auch die Wirtin half mit
und verwies Gerstäcker seine Zudringlichkeit. »Wohin denn? Wohin denn?« hörte
man Gerstäcker noch rufen, als die Tür schon geschlossen war, und die Worte
vermischten sich häßlich mit Seufzern und Husten.
Es war ein kleines, überheiztes Zimmer. An den Schmalwänden standen ein
Stehpult und eine eiserne Kasse, an den Längswänden ein Kasten und eine
Ottomane. Am meisten Raum nahm der Kasten in Anspruch; nicht nur, daß er die
ganze Längswand ausfüllte, auch durch seine Tiefe engte er das Zimmer sehr ein,
drei Schiebetüren waren nötig, ihn völlig zu öffnen. Die Wirtin zeigte auf die
Ottomane, daß sich K. setzen möge, sie selbst setzte sich auf den Drehsessel
beim Pult. »Hast du nicht einmal Schneiderei gelernt?« fragte die Wirtin. -
»Nein, niemals«, sagte K. - »Was bist du denn eigentlich?« - »Landvermesser.« -
»Was ist denn das?« K. erklärte es, die Erklärung machte sie gähnen. »Du sagst
nicht die Wahrheit. Warum sagst du denn nicht die Wahrheit?« - »Auch du sagst
sie nicht.« - »Ich? Du beginnst wohl wieder mit deinen Keckheiten? Und wenn ich
sie nicht sagte - habe ich mich denn vor dir zu verantworten? Und worin sage
ich denn nicht die Wahrheit?« - »Du bist nicht nur Wirtin, wie du vorgibst.« -
»Sieh mal! Du bist voll Entdeckungen! Was bin ich denn noch? Deine Keckheiten
nehmen nun aber schon wahrhaftig überhand.« - »Ich weiß nicht, was du sonst
bist. Ich sehe nur, daß du eine Wirtin bist und außerdem Kleider trägst, die
nicht für eine Wirtin passen und wie sie auch sonst meines Wissens niemand hier
im Dorfe trägt.« - »Nun also kommen wir zu dem Eigentlichen. Du kannst es ja
nicht verschweigen, vielleicht bist du gar nicht keck, du bist nur wie ein
Kind, das irgendeine Dummheit weiß und durch nichts dazu gebracht werden
könnte, sie zu verschweigen. Rede also! Was ist das Besondere dieser Kleider?«
- »Du wirst böse sein, wenn ich es sage.« - »Nein, ich werde darüber lachen, es
wird ja ein kindliches Geschwätz sein. Wie sind also die Kleider?« - »Du willst
es wissen. Nun, sie sind aus gutem Material, recht kostbar, aber sie sind
veraltet, überladen, oft überarbeitet, abgenützt und passen weder für deine
Jahre noch deine Gestalt, noch deine Stellung. Sie sind mir aufgefallen, gleich
als ich dich das erstemal sah, es war vor einer Woche etwa, hier, im Flur.« -
»Da haben wir es also! Sie sind veraltet, überladen und was denn noch? Und
woher willst du das alles wissen?« - »Das sehe ich, dazu braucht man keine
Belehrung.«
»Das siehst du ohne weiteres. Du mußt nirgends nachfragen und weißt gleich, was
die Mode verlangt. Da wirst du mir ja unentbehrlich werden, denn für schöne
Kleider habe ich allerdings eine Schwäche. Und was wirst du dazu sagen, daß
dieser Schrank voll von Kleidern ist?« Sie stieß die Schiebetüren beiseite, man
sah ein Kleid gedrängt am andern, dicht in der ganzen Breite des Schrankes, es
waren meist dunkle, graue, braune, schwarze Kleider, alle sorgfältig aufgehängt
und ausgebreitet. »Das sind meine Kleider, alle veraltet, überladen, wie du
meinst. Es sind aber nur die Kleider, für die ich oben in meinem Zimmer keinen
Platz habe, dort habe ich noch zwei Schränke voll, zwei Schränke, jeder fast so
groß wie dieser. Staunst du?«
»Nein, ich habe Ähnliches erwartet; ich sagte ja, daß du nicht nur Wirtin bist,
du zielst auf etwas anderes ab.«
»Ich ziele nur darauf ab, mich schön zu kleiden, und du bist entweder ein Narr
oder ein Kind oder ein sehr böser, gefährlicher Mensch. Geh, nun geh schon!«
K. war schon im Flur, und Gerstäcker hielt ihn wieder am Ärmel fest, als die
Wirtin ihm nachrief: »Ich bekomme morgen ein neues Kleid, vielleicht lasse ich
dich holen.«
===============================================================================
                                [Vorige_Seite]
