Universität Bielefeld
50 Jahre
Fakultät für Mathematik
Chronik

Documenta Mathematica

Die "Documenta Mathematica" wurden 1996 als Journal der Deutschen Mathematiker-Vereinigung gegründet. Prof. Dr. Ulf Rehmann schreibt zu Hintergrund und Entstehungsprozess:

Documenta Mathematica

Gründung und Etablierung eines von der wissenschaftlichen Community getragenen, frei zugänglichen Journals

Seit etwa der Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts litt die Literaturversorgung der wissenschaftlichen Bibliotheken weltweit an den Auswirkungen der sogenannten „Preisspirale“: Verlage wissenschaftlicher Zeitschriften erhöhten die Preise, was bei den Hauptabnehmern, den wissenschaftlichen Bibliotheken, zu Abbestellungen führte, wodurch wiederum der Umsatz der Verlage gemindert wurde, was natürlich zu weiteren Preiserhöhungen führte.

Diese Entwicklung war insbesondere für die MINT-Fächer gravierend, so dass es für die Wissenschaftler dieser Fächer in den 90er Jahren mit dem Aufkommen des World Wide Web interessant wurde, an Selbstverlag zu denken.

Insbesondere verfügten ja die Mathematiker schon seit den 80ern über das Computersatz-System TeX, das die oft komplizierte mathematische Formelsprache perfekt abbildet, was schon damals dazu führte, dass mathematische Arbeiten von den Autoren selbst drucktechnisch perfekt vorbereitet an die Verlage gegeben wurden.

Als langjähriger „Bibliotheksbeauftragter“ der Fakultät war ich mit den finanziellen Kalamitäten der Literatur-Preisspirale wohlvertraut.

Bei der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV) gab es damals Überlegungen, ob man nicht auch eine durch Wissenschaftler selbst betriebene, also von kommerziellen Verlagen unabhängige Zeitschrift betreiben könnte, um die Auswirkungen der Preisspirale abzumildern,

Ich wurde dazu um meine Meinung befragt und habe dann als Antwort Ende 1994 eine Variante eines Preprint-Servers als Zeitschrift zunächst versuchsweise ans Netz gestellt. (Den Preprint-Server hatte ich als Kommunikationsmedium für ein von mir eingeworbenes mehrjähriges EU-Netzwerk entwickelt.)

Der Vorschlag fand bei der DMV gewissen Anklang und ich wurde gebeten, diesen Ansatz weiter auszubauen.

Es muss allerdings hier erwähnt werden, dass es auch deutliche Bedenken wegen der zu erwartenden Kosten gab, zumal u.a. damals die Internetnutzung nicht frei war, sondern beträchtliche Nutzungsgebühren erforderte, die zunächst proportional zum Volumen der Datentransporte waren und erheblich über den heutigen Kosten lagen.

Während eines etwa einjährigen Probebetriebs im Jahr 1995 mit einer Reihe mathematischer Preprints verschiedener Provenienz wurde parallel in Kooperation mit der DMV ein Konzept für eine nicht spezialisierte Zeitschrift für allgemeine Mathematik entwickelt, das schließlich so aussah:

Natürlich sollen die Artikel anonym referiert werden.

Es soll drei vom Präsidium der DMV jeweils für vier Jahre bestellte geschäftsführende Herausgeber geben, die ihrerseits eigenverantwortlich weitere Herausgeber kooptieren. Die Herausgeber betreuen die eingereichten Arbeiten, lassen sie referieren und/oder lehnen sie bei Nichteignung ab.

Andernfalls schlagen sie die Arbeit auf Referatgrundlage den Geschäftsführern zur Publikation vor, die drei Geschäftsführer entscheiden sodann einstimmig über die Publikation, d.h., die Arbeit ist zur Publikation akzeptiert, wenn auch – neben dem betreuenden Herausgeber – jeder der Geschäftsführer dies befürwortet.

Das Verfahren hat den Vorteil, dass minder geeignete Artikel den geringeren administrativen Aufwand erfordern, und das nur zweifelsfreie Artikel publiziert werden.

Die ersten geschäftsführenden Herausgeber waren Alfred Karl Louis aus Saarbrücken, Peter Schneider aus Münster und ich, wobei mir auch der technische Betrieb oblag.

Mit diesem Konzept und unter dem Namen Documenta Mathematica (von Peter Schneider vorgeschlagen) wurde 1996 der Betrieb mit einem internationalen Herausgebergremium von 17 Kollegen aufgenommen, und in der Walpurgisnacht 1996 ging die Erstausgabe online, die – wie alle späteren Documenta-Publikationen – frei im Internet zugänglich ist.

Auch eine gedruckte Ausgabe wurde (und wird) produziert, die zu geringen Kosten (für Druck und Versand) jeweils am Jahreswechsel zum Abschluss eines Jahrgangs bezogen werden kann.

Die technische Basis ist eine von mir auf Linux-Grundlage erstellte Software, die das Web-Publizieren einzelner Artikel praktisch auf Knopfdruck ermöglicht und dabei auch gleich die Druckvorlage für den Gesamtband erstellt, die dann am Jahreswechsel für Druck und Versand direkt an eine Druckerei gegeben wird.

Zur Vorbereitung der Artikel hatte ich „Style files“ entwickelt, die es ermöglichten, die Arbeiten je nach Wahl in Plain-TeX, AMS-TeX oder LaTeX einzureichen, und die dennoch im gleichen typografischen Format und im gleichen Band erschienen – damit war Documenta Mathematica wohl weltweit einmalig.

(Ab Jahrgang 24 wird nur noch das LaTeX-Format angenommen, da die anderen Varianten praktisch nicht mehr vorkommen.)

Die „Style files“ sind im Vergleich zu denen anderer mathematischer Zeitschriften extrem kurz und lassen den Autoren viele Freiheiten (das LaTeX-Style File hat weniger als 200 Zeilen).

Der Erfolg der Zeitschrift war gut, wir erhielten viele qualitätvolle Einreichungen, und da die Produktionsmethoden damals neu waren und großes Interesse an Alternativen zum herkömmlichen Verlagsmodell bestand, erhielt ich viele Einladungen aus dem In- und Ausland, um diese Methoden vorzustellen1.

Auf einer dieser Veranstaltungen in München trat im Anschluss an meinen Vortrag Martin Grötschel aus Berlin an mich heran mit der Frage, ob ich mir vorstellen könne, für den in Berlin vom 18. bis 27. August 1998 geplanten Internationalen Kongress der Mathematiker (ICM 98) die Proceedings und Abstracts mit den Documenta-Methoden zu produzieren.

Ich sagte zu, mir das konzeptuell zu überlegen, es wurde als weiterer Herausgeber auch noch Gerd Fischer aus Düsseldorf gewonnen, und am 10.3.97 trafen wir drei uns in Bielefeld, um die Einzelheiten der Produktion zu besprechen.

Gerd Fischer wurde verantwortlich für den Teil der Proceedings mit den Grußworten, der „List of Donors“ etc, bis hin zu den Laudationes, der Teil mit den wissenschaftlichen Artikeln („Invited One Hour and 45 Min. Addresses“, Author Indices), die Formatierung der Gesamtbände sowie die Herstellung der Abstracts wurden meine Aufgabe.

Als Deadlines wurden für die Proceedings angesetzt der 15.7.1998 für die elektronische Abgabe, der 15.10.1998 für die druckfertige Version, ähnlich etwas früher für die Abstracts.

Für die Herausgebertätigkeiten und die elektronische Bereitstellung (Bielefeld, Düsseldorf) wurden 50.000 DM vorgesehen.

Es war damals noch nicht ganz einfach, eine Druckerei zu finden, die ein solches Buch-Produktionsprojekt durchführen konnte. Natürlich wünschten wir für die Bücher preiswerte, aber gute Qualität (z.B. Fadenheftung) und pünktliche Lieferung.

Mit einem Drucker in Rosenheim (nahe München) konnte ich aber nach einiger Suche geeignete Termine verhandeln, und da die ca. 200 Kongress-Vortragenden und damit Autoren der wissenschaftlichen Beiträge außerordentlich kooperativ waren und ihre Arbeiten rechtzeitig einreichten, konnte schließlich die finale Deadline „übererfüllt“ werden: Alle wissenschaftlichen Arbeiten lagen korrekturgelesen und endgültig formatiert zu Kongressbeginn am 18.8.1998 auf dem Webserver von Documenta Mathematica, und die gedruckten und fadengehefteten Versionen der Bände II und III des dreibändigen Kongressberichtes waren ebenfalls bereits zum Kongressbeginn nach Berlin geliefert, so dass sie den Teilnehmern dort ausgehändigt werden konnten, was eine erhebliche Kostenersparnis wegen wegfallender Portokosten bedeutete.

Von den bereitgestellten 50.000 DM habe ich für eine Fahrt zur Druckerei in Rosenheim etc. ca. 500 DM verbraucht, Gerd Fischer benötigte eine niedrige Summe für die Herstellung von Fotos, der Rest ging zurück an die ICM98-Kasse und wurde später für die Mitfinanzierung des Gauß-Preises verwendet. (Wissenschaftliche oder studentische Hilfskräfte etc. wurden zur Produktion der Proceedings/Abstracts nicht eingesetzt – die Produktionsmittel waren ja automatisiert!)

Der Band I der Proceedings, der u.a. die Eröffnungsreden und Grußadressen enthielt (die demgemäß erst zum Kongress selbst vorlagen), wurde dann im Oktober produziert und versandt.

Geschwindigkeit und Qualität der Produktion wurden sehr positiv aufgenommen:

Der amtierende IMU-Präsident David Mumford würdigte in seiner Ansprache zur „Closing Ceremony“ des Kongresses die allgemeine Kongress-Organisation und hob besonders hervor:

... their ability to produce 2/3'rds of the Proceedings before the Congress and 1/3 immediately after (held back only by those like me who didn't write their speeches beforehand) is a remarkable demonstration of the potential to publish a major book at minimal cost with no commercial assistance

(Cf. ICM Proceedings Berlin, 1998, vol I, p. 53, [1].)

Ein sehr bekannter französischer Mathematiker schrieb mir u.a.:

I admire your amazing quickness in publishing these volumes! It usually took about two years; you do it in two months...
... Congratulations for the very good printing! And I appreciate the detailed Table of Contents: it was sorely missing in previous ICM's volumes.

Und ein in der Community damals wohlbekannter Vertreter des Springer-Verlages gratulierte mir während des Kongresses mit dem Kommentar, er habe sich die Bände sehr genau angesehen, insbesondere Inhaltsverzeichnis und Register, und keine Fehler entdecken können.

Diese Publikation machte Documenta Mathematica gut bekannt, und im Gefolge erhielten wir etliche Übernahme-Angebote von kommerziellen und von Universitätsverlagen im In- und Ausland, die wir alle ablehnten, weil wir mit Documenta Mathematica von kommerziellen Verlagen unabhängig bleiben wollten.

Natürlich gab es viele weitere Einladungen zu Tagungen und Workshops zum Thema „Elektronisches Publizieren“ – was heute selbstverständlich ist, war in jenen Jahren weitgehend „Zukunftsmusik“:

Ein solcher Workshop anno 1999 in Berkeley hieß denn auch „The future of mathematical communication“ [2].

Die Verweise auf die Tagung [2] und den Vortrag [3] mögen einen Eindruck geben von der damaligen öffentlichen Diskussion der Thematik „Elektronisches wissenschaftliches Publizieren“.

Bibliographie

[1] Proceedings of the International Congress of Mathematicians. Berlin, August 18–27, 1998. Doc. Math. 1998, Vol. I, pp. 1–662, Vol. II, pp. 1–881, Vol. III, pp. 1–825. [Link]

[2] „The Future of Mathematical Communication“ MSRI Berkeley, Dec. 1999. [Link]

[3] High Energy Physics Libraries Webzine Issue 8 / October 2003, CERN [Link]

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1 Mir waren damals als ebenfalls elektronisch produzierte Zeitschriften nur das „New York Journal of Mathematics“ und „The Electronic Journal of Combinatorics“ bekannt, beide 1994 in USA gegründet und mit ähnlichem Konzept.