Universität Bielefeld
50 Jahre
Fakultät für Mathematik
Chronik

Berufsverbote

(Quelle: Ministerialblatt für das Land NRW)

Der "Gemeinsame Runderlass der Ministerpräsidenten und aller Landesminister zur Beschäftigung von rechts- und linksradikalen Personen im öffentlichen Dienst" vom 18. Februar 1972 (bekannt als "Radikalenerlass") legte fest, dass Personen, bei denen Zweifel an ihrer Verfassungstreue bestanden, nicht in den öffentlichen Dienst übernommen werden oder dort verbleiben durften. Da einige der Betroffenen ihren erlernten Beruf nur im öffentlichen Dienst (z.B. an Schulen oder Hochschulen, bei der Bahn oder der Post) ausüben konnten, führte der Ausschluss dort faktisch zu einem Berufsverbot. Genauere Informationen, insbesondere zu Hintergrund und Auswirkungen des Erlasses, finden sich z.B. auf der Seite "Radikalenerlass" der Wikipedia und im Artikel "Der 'Radikalen-Erlass' von 1972" der Deutsche Welle.

Der von 1971 bis 1974 an der Fakultät für Mathematik tätige Prof. Dr. Klaus Krickeberg schildert seine Erinnerungen zu unter anderem diesem Thema:

"In der Korrespondenz über eine Dokumentation zum bevorstehenden Jubiläum der Universität Bielefeld ist mein Name aufgetaucht, und ich will daher die Dinge so darstellen, wie sie in meinem Gedächtnis aussehen. Dokumente darüber habe ich nicht.

Ich hatte in Heidelberg eine sehr gute Stelle. Die angewandte Mathematik war stark, hatte genügend Stellen auf allen Niveaus und ein eigenes Gebäude, das zugleich die Bibliothek für die gesamte Mathematik beherbergte. Auch die Beziehungen zwischen Reiner und Angewandter Mathematik waren gut, z. B. war das Mathematische Kolloquium beiden Teilen gemeinsam.

Dann fragte mich Hirzebruch, ob ich nach Bielefeld kommen würde. Er präsentierte mir das Konzept einer Reformuniversität und der 'Mathematik in den Einzelwissenschaften', das mich sehr reizte (und es immer noch tut). Ich hielt es für selbstverständlich, dass dann auch die Mittel dafür bereit gestellt würden, und das war naiv; ich verließ mich auf mündliche Abmachungen. Die 'reinen' Mathematiker, mit Ausnahme von Andreas Dress und Waldhausen, blockierten jeden Versuch einer Erweiterung der angewandten Mathematik über meinen Lehrstuhl hinaus. Zuerst müsse die Reine Mathematik in der üblichen Form völlig ausgebaut sein, bevor man an einen Ausbau der Angewandten, z. B. durch eine weitere Professur, denke könne. Außerdem nahm ich ja auch an der mathematischen Grundausbildung teil. Es war klar, dass damit jede tiefere Arbeit an mathematischen Problemen einer Einzelwissenschaft auf lange Sicht unmöglich war.

Ich habe daher meine Entlassung beantragt, die vom Ministerium genehmigt wurde. Einige Zeit nach der Genehmigung gab es einen Aufruf, vom sogenannten Berufsverbot betroffenen Leuten durch Vermittlung von Nachhilfestunden und dergleichen zu helfen. Ich unterschrieb ihn, dann rief mich der 'Spiegel' an, ob das stimme, ich bestätigte es, es erschien im 'Spiegel', und daraufhin kam eine Anfrage im Landtag, was die Regierung dazu sage. Antwort von Johannes Rau: 'Ich habe ihn bereits entlassen'. Das stimmte zwar, aber im Grunde war es doch gelogen, denn in dem Zusammenhang mussten die Abgeordneten und die Öffentlichkeit glauben, dass die Entlassung wegen meiner Unterschrift unter den Aufruf erfolgt war. Eine Bielefelder Zeitung schrieb sogar, mir wäre wohl der Boden in Bielefeld zu heiß geworden. Grotemeyer hat dann auf meine Bitte hin an Rau geschrieben, um das richtig zu stellen, aber eine öffentliche Richtigstellung ist nie erfolgt.

Meine lieben Kollegen der reinen Mathematik haben mich übrigens nie gefragt, warum ich weggehen wolle, und auch keinen Versuch gemacht, mich zu halten. Nur der ASTA hat sich dafür interessiert, und ich habe es ihm in einer eigens anberaumten Veranstaltung erklärt. Ich hatte ja viele gute Diplomanden und ein paar Doktoranden gehabt, und die Studenten hatten meine Vorlesungen gut benotet.

In Paris habe ich dann zum großen Teil verwirklichen können, was ich neben anderem gern in Bielefeld getan hätte, nämlich Mathematik in den Gesundheitswissenschaften, insbesondere im Öffentlichen Gesundheitswesen (Public Health). Das Buch über das allgemeine Thema 'Mathematik in den Einzelwissenschaften', das in Bielefeld erschien, war vor allem das Werk von Bernhelm.

Auf dem Kongress (Session) des Internationalen Statistischen Instituts in Berlin im Jahre 2003 habe ich Rau, damals Bundespräsident, wieder getroffen. Ich hätte ihn ansprechen und an sein Verhalten im Jahre 1974 erinnern können, aber dann habe ich mir gesagt: 'Er ist alt, offensichtlich müde und vermutlich auch krank, lassen wir die alten Geschichten ruhen.'

Seit etwa 20 Jahren arbeite ich nun wieder in Bielefeld, nämlich ehrenamtlich an der sogenannten 'Fakultät für Gesundheitswissenschaften' (eine falsche Bezeichnung; kurioserweise heißt es in englischsprachigen Texten richtig 'Faculty of Public Health'). Es gibt wieder viele Kämpfe, aber sie sind nicht so hoffnungslos wie im Jahre 1974."

Der von 1971 bis 1977 an der Fakultät für Mathematik als Geschäftsführer des interdisziplinären „Universitätsschwerpunktes (USP) Mathematisierung” tätige Dr. Bernhelm Booß-Bavnbek (jetzt Emeritus der dänischen Universität Roskilde) schreibt zum Thema „Berufsverbote“:

Anders als in Bielefeld, in Nordrhein-Westfalen und in Deutschland insgesamt, wo das Interesse an einer Aufarbeitung der damaligen hysterischen politischen Hexenjagd gering zu sein scheint, ist in anderen Ländern das deutsche Wort „Berufsverbot“ zur Metapher für politische Verfolgung und Überwachung von Gesinnung am Arbeitsplatz geworden, auch in den modernen Formen von Rechtlosigkeit z.B. bei losen Arbeitsverträgen und Voreingenommenheit gegenüber Migranten.

Für eine neue Generation von Studenten, Hochschullehrern und ausländischen Forschungsgästen (deshalb die Wahl des Englischen) der Bielefelder Fakultät für Mathematik schildere ich im Folgenden, welche Erfahrungen ich in Bielefeld gemacht habe. Als Mathematiker suche ich nach einer Erklärung für die absurde Härte, mit der die westdeutsche Staatsmacht damals in Bielefeld, unberührt von Einsprüchen der Fakultät und der Universität, gegen mich und eine Handvoll von anderen Mathematikerinnen, Mathematiklehrerinnen, Mathematikhistorikerinnen und Mathematik-Erziehungswissenschaftlerinnen vorging, die es z.B. öffentlich gewagt hatten, auf positive Seiten im Bildungssystem der DDR oder in der Kommunalpolitik von westdeutschen Kommunisten aufmerksam zu machen oder sonstwie mit systemkritischen Bemerkungen aufgefallen waren.

Im Rückblick finde ich nicht die "Schicksale" der Betroffenen so bewegend, sondern, auch wieder als Mathematiker, eher den Konflikt zwischen gesellschaftlichen und formalen Aspekten interessant und die Unverfrorenheit, mit der man damals von Seiten der Bundes- und Landesregierung ‐ und Teilen der Öffentlichkeit ‐ meinte, auf die Einhaltung von zivilisatorischen Formalia gegenüber jeweiligen Minderheiten (und damit gegen alle) verzichten zu können.

B. Booß-Bavnbek, Kopenhagen im Sommer 2019

Die angekündigte detailliertere Betrachtung der Berufsverbote in ihrem politischen Kontext an der Fakultät für Mathematik in Bielefeld liefert Booß-Bavnbek im folgenden englischsprachigen Beitrag:

The Formal and the Societal

Explaining the negative climate around some mathematicians, mathematics teachers, historians of mathematics and researchers of mathematics education in Bielefeld in the 1970s

I am a mathematician, born in Germany and graduated from Bonn University. I have worked in Denmark for 40 years. I shall explain features of system control and political suppression that I experienced as a young scientist of Bielefeld University before I left the Faculty of Mathematics back in the 1970s after being subjected to the “Berufsverbot”.

...

[Der vollständige Beitrag findet sich in der pdf-Datei Bernhelm Booss - Bielefeld in the 1970s.pdf.]